Donnerstag, 31. Dezember 2015

2005: Als der Bildertanz erstmals auf Tournee ging

... da füllten wir aus dem Stand die Listhalle mit unserer Show. Aber das war noch nicht alles. Denn uns führte die Tournee durch die gesamte Region. Wenn kürzlich ein lieber Leser meinte, es gäbe keine Subkultur in Reutlingen. Der Bildertanz war das einmal und würde es auch gerne wieder sein. Aber dazu fehlt das Feuer auf Seiten von Partnern. Die Volksbank Reutlingen besaß dieses Feuer. Damals. In langfristiger Vorbereitung ihres Jubiläums. Wir haben die Säle gefüllt bei den Mitgliederversammlungen. 2005 hatten wir erstmals unser Konzept vorgestellt und in Multimediapräsentationen die Geschichte unserer Region vorgestellt.

In der Listhalle warteten die Gäste auf den Beginn der Show. 

 Erster Bildertanz war in Pfullingen...


 ... in Gönningen...

 ... in Betzingen...

... in Reutlingen...


 in Pliezhausen...


 in Rommelsbach...



 ... in Engstingen...
in Eningen unter Achalm 
... in Lichtenstein...  

... in Walddorfhäslach
Bildertanz-Quelle:Sammlung Bildertanz

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Das Haus, das 2015 für immer aus unserem Stadtbild verschwand...







Während der Besatzungszeit und bis zum Bau des neuen Rathauses war es der Sitz der Stadtverwaltung - danach der GWG. 

Bildertanz-Quelle:Dimitri Drofitsch (1) / Raimund Vollmer

Dienstag, 29. Dezember 2015

Erinnerungen an die Büschelesbahn...




 ... deren Geschichte nun auch schon mehr als 100 Jahre zurückliegt. Gewidmet meinem Freund Wolf-Rüdiger Gassmann, der eigentlich alles über die Straßenbahn und die Büschelesbahn weiß und diesen Beitrag sicherlich kritisch begutachten wird. Ich freue mich auf seine Anregungen, zumal ich weiß, dass er da selbst ein größeres Werk in der Pipeline hat. Raimund Vollmer

Am 1. November 1899 hatte die Dampfstraßenbahn ihren Betrieb zwischen Eningen unter Achalm und Reutlingen aufgenommen. Initiatoren waren die Eninger, deren Krämer und Hausierer von der Achalm aus mit Wollwaren und Stoffen überall in Süddeutschland und im anrainenden Ausland unterwegs waren und in der Lokalbahn eine Anbindung an die große weite Welt sahen: Denn die Endstation auf der anderen Seite war der Hauptbahnhof in Reutlingen, der seit 1859 für die Industrialisierung und den neuen Wohlstand der alten Reichsstadt stand. Und um den Anschluss nicht zu verlieren brauchten die Eninger dringend einen Schienenweg. Alle Bemühungen zuvor, neue Eisenbahnlinien - wie eine Echaztalbahn - durch das Dorf am Fuße der Achalm zu leiten, waren gescheitert. Der Umweg über Eningen war den Planern zu weit. Als Ausgleich sollte 1871 eine Pferdebahn zum heutigen Südbahnhof führen. Keine Idee, die den Eningern gefiel. So schlugen sie 1875/76 in einer Denkschrift  vor, eine Verbindung von Reutlingen über Eningen zu errichten - als Teilstück einer strategischen Eisenbahnlinie zwischen Straßburg und Ulm. Aber daraus wird nichts. Selbst die 1887/1888 erneuerten Pläne einer Echaztalbahn hinauf auf die Alb ignorieren den Umweg über Eningen. Die Wünsche der Gemeinde werden 1889 abgelehnt, zumal die anderen Gemeinden sich ebenfalls negativ dazu äußern. Eningen ist isoliert. Die Bürger sind stinksauer. Und als dann die neue Linie 1892 in Betrieb genommen wird, findet auf dem Südbahnhof, der ja zu Eningen gehört, aber 2,5 Kilometer von der Ortsmitte entfernt ist, kein großer Empfang statt. Lediglich der Pfarrer und sieben Herren begrüßen die Ankunft des Sonderzuges.
Aber die Eninger geben nicht auf. Vor 120 Jahren, 1895, entwerfen sie eine neue Denkschrift, in der sie vorschlagen, eine eigene Dampfstraßenbahn nicht nur bis zum Anschluss Südbahnhof zu bauen, sondern gleich bis in die Innenstadt Reutlingens, bis zur Endstation am Listplatz. Denn Eningen war nach der Industrialisierung zu einer Arbeiterwohngemeinde geworden. 500 Arbeiter kamen täglich von Eningen nach Reutlingen - und das waren alles potentielle Fahrgäste. Mit diesem Konzept glaubten die Eninger würden sie Bauunternehmen gewinnen können, die das Projekt realisieren würden. 
So kam es denn auch. Erbauer wird der Ingenieur Hermann Ritter von Schwindt, der bereits mehrere Linien errichtet hat. Zwar zögert die Stadt Reutlingen noch ein wenig herum mit dem Beginn der Bauarbeiten, duldet aber schon einmal 1893 die notwenigen Vermessungsarbeiten. Mit den Bauarbeiten können die Eninger aber erst 1898 beginnen. Ärger gibt es immer wieder beim Grunderwerb. Besonders die Reutlinger Weitgärtner, die an der späteren Haltestelle Spitzwiesen auf Eninger Gemarkung ihr Gütle haben, wollen nicht Grund und Boden so einfach hergeben. Aber auch diese Schwierigkeiten werden gemeistert. Im Februar 1899 können dann die Arbeiter endlich mit der Gleislegung beginnen. Noch im selben Jahr soll schließlich die Linie eröffnet werden.
Doch die Gemeinde Eningen hat dem Ingenieur den Kredit gesperrt, weil dieser noch nicht sämtliche Gleiszugänge der Betriebe hergestellt hat. Am 15. September lässt Schwind die Eröffnungsparty platzen.
Doch schließlich ist es dann am 1. November 1899 soweit. Der Zug mit einer Spurweite von einem Meter tuckert von nun an stündlich zwischen der Stadt und dem Dorf, vom Listplatz durch die Gartenstraße zum Burgplatz, von dort aus durch die Albstraße bis zum Südbahnhof, der bereits auf Eninger Gebiet liegt. Schließlich endet der Zug in Eningen
Der erste Zug geht morgens um 5.35 Uhr in Eningen ab, der letzte abends um 21.35 Uhr. 20 Pfennig kostet die Fahrt über die 4,8 Kilometer lange Strecke, was aber - vor allem als Wochenkarte - den Arbeitern im Verhältnis zu ihren Lohn zu teuer ist. Es kommt schon 1899 zu Protesten. Die Bahn wird so wenig wie möglich genutzt. Bis zu fünf Personenwagen sind erlaubt, doch normalerweise genügen zwei bis drei Wagen. Später, ab 1908, dürfen sogar neun Wagen angehängt werden - mit dem Ergebnis, dass bei der Aufwärtsfahrt in Richtung Eningen zwei Lokomotiven vorgespannt werden.
Das Bähnle transportiert nicht nur Menschen, sondern ab 1900 auch Material. Sogar die Post nimmt die Dienste des neuen Verkehrsmittels in Anspruch. Weil über das Bähnle die Öfen der Reutlinger Hausfrauen mit Reisigbüschel aus Eningen versorgt werden, bekommt das Gefährt den Spitznamen "Büschelesbahn". Doch das "Bähnle" erleidet das Schicksal aller "öffentlichen" Verkehrsmittel. Es kommt aus den roten Zahlen nicht heraus, obwohl es Pläne gab, das Netz der dampfbetriebenen Bahn auszuweiten. Als jedoch die Idee einer Elektrischen Straßenbahn aufkommen, ist das Schicksal des Büschelesbähnle besiegelt.


Bildertanz-Quelle:Aus dem legendären Straßenbahnbuch von Wolf-Rüdiger Gassmann

Montag, 28. Dezember 2015

Reutlinger Denkmalpflege - Ein Kommentar eines Ur-Reutlingers...



... der unsere Bildertanz-Seite in der Vergangenheit mit viel historischen Material begleitet und immer wieder zur Feder greift, weil er unglücklich darüber ist, wie in Reutlingen, seiner Heimatstadt, mit dem Erbe umgegangen wird.  Unser Bild zeigt Oskar Kabfell, von 1945 bis 1973 Oberbürgermeister von Reutlingen, am Ort der Entscheidungen: in seinem Büro, das bis 1966 in dem 2015 abgerissenen GWG-Gebäude war. Es diente nach dem Krieg, in dessen letzten Tagen das alte "Neue Rathaus" zerbombt worden war, zwei Jahrzehnte lang als Ersatzrathaus. Das Foto stammt aus der Sammlung des Autors Hermann Rieker.

Gedanken von Hermann Rieker
Ich vergleiche das Reutlinger Stadtbild gerne mit einem Gesicht, die Eindrücke meiner Jugend und auch zur Zeit der Pubertät sind mir durchaus präsent, so wie ich älter wurde, ist natürlich auch das Gesicht der Stadt "gealtert", es hat Falten und Flecken bekommen. In der Jugend waren Abbruch und Neubauten der Zeitgeist. Die Stadtverwaltung unter Kalbfell hat das massiv forciert. Mit der Konsequenz, dass die Besitzer der Altstadthäuser auf Investitionen verzichteten oder gar der Stadt oder GWG zum Kauf anboten, in der Erwartung einer flächendeckenden Sanierung der Objekte durch Abriss und Neubebauung im Stil der Zeit (Flachdach, Beton, autogerechte Straßenführung).
So verschwanden beispielsweise Klein-Venedig und die Alteburginsel sang- und klanglos. Dies setzte sich in den folgenden Jahren fort. Eine klaffende, bis heute nicht verheilte Wunde riss der Bau des Rathauses in die Altstadt. Ein ganzes Viertel wurde abgetragen, der damalige Stadtwerkeflügel zur Lederstraße hat einen nicht wieder gut zu machenden Eingriff in gewachsene Strukturen zu Folge gehabt, der auch heute noch mit Händen zu greifen ist. Sie haben in Ihrem Post vom 17.12. anhand von Bildern gezeigt, welche Verluste man bilanzieren muss: Klein-Venedig im Nachkriegszustand, Spendhausgasse (ein Teil der Altstadt der der Stadtbibliothek und der VHS geopfert wurde, obwohl dieser Teil vom Stadtbrand von 1726 verschont wurde), Karlsplatz mit Samenhaus Sprandel im Nachkriegszustand, Wässere, Lindachgarage (im nachhinein ein tolles Beispiel für einen Zweckbau aus den 20er Jahren), die Brache des Max-Moritz-Geländes an der Stuttgarter Straße und die obere Gartenstraße/Beutterstraße).
Ich komme nochmals auf das Gesicht einer Stadt zurück: Ein Gesicht verändert sich natürlich im Laufe des Lebens, es altert, bekommt Falten und doch hat es über die ganze Lebensspanne Grundlinien, die konstant bleiben. Wie ist es, wenn wir dies auf das Stadtbild von Reutlingen übertragen. Da muss man konstatieren, es hat ganz erheblichen Schaden gelitten, über weite Strecken ist es nicht einmal mehr in Ansätzen wieder zu erkennen, Nun weiß ich auch, dass die Denkmalpflege nur wenigen Gebäuden (es dürfte nicht viel mehr als eine Handvoll sein), absoluten Schutz zuspricht, eine Folge des verheerenden Stadtbrandes und des raschen und mangels Zeit und Ressourcen raschen und billigen Wiederaufbaus. So sind in dieser Zeit praktisch keine Denkmäler entstanden, aber das Ensemble, das dennoch entstand, wurde leider von der Denkmalpflege, die immer auf herausragende Einzeldenkmale sich konzentrierte, eigentlich nie als schutzwürdig angesehen.  So stehen wir dank der Entwicklung der Nachkriegszeit bis heute eigentlich vor einem "Trümmerfeld",
Man nehme nur den Zwiefalter Hof, was für ein sozialer Slum ist daraus geworden. Bei anderen Stellen der "Altstadtsanierung" aus dieser Zeit kann man einen ähnlichen Entwicklungsstand konstatieren.  Was dringend erforderlich ist, wenn dieser Entwicklung bei anderen noch halbwegs intakten Stadtarealen Einhalt geboten werden soll, ist die Errichtung von Schutzzonen (andere nennen das Traditionsinseln) für diese Bereiche. Glücklicherweise hat der Bildertanz bei K 8 die Pläne von Investoren, die mit mehr oder weniger erkennbarer Sympathie der Stadtverantwortlichen gediehen, veröffentlicht und die Meinung der Öffentlichkeit  und die Diskussion darüber führte dazu, dass man von der Totalsanierung Abstand genommen hat, was aber aus dem Kammerlichtspieleareal ein kreativloses Architekturbüro entwickelt will, sollte nicht verwirklicht werden, es gibt bestimmt kreative Architekten, die sensiblere Planungen erstellen können.
Ich plädiere dafür, dass die Stadtverwaltung endlich sich aufrafft und enge Leitlinien für den Erhalt der Altstadt erarbeitet und von Anbeginn der Planung der Konzepte die Öffentlichkeit vollständig und umfassend einbezieht, damit dem Gemauschele und der Politik der vollendeten Tatsachen ein für allemal ein Ende geboten wird. Das ist nicht einfach, aber unumgänglich, damit Planungen im fortlaufend kritisch begleitet werden können. In diesem Zusammenhang seien am Stadtbild interessierte auf den Band der Reutlinger Geschichtsblätter 2004 hingewiesen, ich kann zwar dem Text in vielen Teilen nicht zustimmen, aber das dort enthaltene Bildmaterial lässt einen schmerzhaft erfahren, welche bleibenden Schäden dem Stadtbild ab den 60er Jahren zugefügt wurden, es ist die Aufgabe der jetzt Interessierten darauf hinzu arbeiten, dass diesem Treiben nachhaltig Einhalt geboten wird. Ich erwähne hier zum Abschluss nur noch einmal den Abriss des GWG-Gebäudes, der dem Stadtbild hier nicht wieder gutzumachenden Schaden zugefügt hat.


Bildertanz-Quelle:Sammlung Hermann Rieker

Klavierstunde bei Familie Fallscheer vor mehr als 100 Jahren


Drei Töchter und eine Dynastie: Der Name der Familie Fallscheer ist eng verbunden mit Emil Adolff. Das Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg schreibt über dieses Unternehmen:
"Der 1851 in Backnang geborene Textilingenieur Emil Adolff stellte ab 1874 in Stuttgart Spinnereihülsen und Hartpapierspulen her. 1877 verlegte er den Betrieb nach Reutlingen. Nachdem die Produktion 1890 auf Pappbüchsen ausgedehnt worden war, stieg die Zahl der Beschäftigten rasch über 250 an. 1903 zog sich Emil Adolff krank aus dem Betrieb zurück, sein Neffe Emil Fallscheer übernahm die Firma. Bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte sie sich zu einer der größten ihrer Branche in Deutschland. 1921, ein Jahr vor seinem Tod, veranlasste Emil Fallscheer die Umwandlung in eine Familien-Aktiengesellschaft. In den darauf folgendenJahren expandierte das Unternehmen durch die Übernahme verschiedener Firmen aus dem Spulen- undVerpackungssektor. 1937 erfolgte die Umwandlung in eine Kommanditgesellschaft. 1983 ging die Papier- und
Hülsenfabrik in Liquidation."

Bildertanz-Quelle:Familie Fallscheer/Geschichts- und Heimatverein Lichtenstein

Sonntag, 27. Dezember 2015

Reutlingen und die Frage: Wenn Charles De Gaulle den Krieg gewonnen hätte...




 Deutsche und Franzosen - im Reutlingen der achtziger Jahre eine intensive Freundschaft...
 ... in der man sich gegenseitig bewunderte...
... und ehrte. Deutschland war längst nicht mehr der unverbesserliche Erzfeind, für den uns der General Charles De Gaulle noch 1944 hielt.


Ein kleines Gedankenexperiment von Raimund Vollmer
Dieser Tage fiel mir eine längst vergessene Ausgabe der "Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte" aus dem Jahr 1973 wieder in die Hände. Ich blätterte darin herum und stolperte in einen Beitrag zum Thema "Etappen der Außenpolitik De Gaulles - 1944-1946" hinein.[1] Ohne sonderliche Aufmerksamkeit begann ich zu lesen und merkte gar nicht, wie mich der Autor, der Historiker Walter Lipgens, in seine Geschichte hineinzog. Demzufolge hatte der damalige Chef der provisorischen Regierung in Frankreich, der spätere Präsident Charles De Gaulle, keinen größeren Wunsch, als sein Land zu alter Größe zurückzuführen und den Erzfeind Deutschland ein- für allemal als Ganzes von der poltischen Landkarte verschwinden zu lassen. Das Ruhrgebiet, dessen Kind ich bin, wollte er unter internationale Aufsicht stellen - mit dem Ziel, dass die Erlöse aus dem Verkauf von Kohle und Stahl Frankreich zukommen solle. Der Rhein sollte die Grenze zu einem zerstückelten Land sein, das im Westen so amputiert wäre wie im Osten.
Je mehr mich diese akribisch dokumentierte und recherchierte Geschichte faszinierte, desto mehr fragte ich mich, was wäre gewesen, wenn De Gaulle sich mit all seinen Vorstellungen durchgesetzt hätte. Es gäbe kein Baden-Württemberg, auf jeden Fall kein Baden, das wäre französisch. Es gäbe auch keine Bundesrepublik, vielleicht gäbe es ein eigenes Land namens Württemberg. Möglicherweise wäre Reutlingen als Teil der französischen Besatzungszone sogar auch nicht mehr deutsch, sondern würde zu Frankreich gehören. Erste Sprache hier wäre französisch, nicht schwäbisch. So wäre es vielleicht gekommen, wenn Frankreich den Krieg als gegenüber den Alliierten emanzipierte Siegermacht gewonnen hätte?
Aber es boten sich noch ganz andere Alternativen. Die nichtkommunistische "Resistance" in Frankreich glaubte nicht erst mit dem Einmarsch der Deutschen 1940, dass der Nationalstaat als solcher sich überlebt hatte und zu klein sei, um die wirtschaftlichen Probleme der Zeit lösen zu können. Er konnte ja noch nicht einmal dem einzelnen Bürger Sicherheit bieten. So  träumte der Widerstand von einer internationalen Gemeinschaft - von einem Europa, wie es sich - auch siebzig Jahre nach Kriegsende - zwar schon ziemlich entfaltet hat, aber immer noch im Entstehen ist. Die Außenpolitik De Gaulles, der sich mit seiner provisorischen Regierung innerhalb Frankreichs machtpolitisch durchsetzte, verzögerte diesen "Anpassungsprozess", meint Lipgens. Was aber wäre gewesen, wenn es De Gaulle nicht gegeben hätte? Wäre Frankreich überhaupt Besatzungsmacht geworden?
In Jalta, auf der Krim im Februar 1945, meinte der Kremlführer Josef Stalin gegenüber dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt über die Forderungen der provisorischen französischen Regierung: "De Gaulle scheint die Lage nicht zu erfassen, noch scheint er zu begreifen, dass Frankreichs Beitrag zu den militärischen Operationen sehr gering ist und dass es außerdem im Jahr 1940 überhaupt nicht gekämpft hat." [2]
Nur "aus Freundlichkeit" hatte Stalin in Jalta dem Ansinnen der Briten und Amerikaner zugestimmt, Frankreich eine eigene Besatzungszone zuzuteilen. Andernfalls wäre Reutlingen vermutlich amerikanische Besatzungszone geworden. Manches andere ließe sich dazu spekulieren - als reines Gedankenexperiment. Die USA, die ja immerhin mit fünf Millionen Menschen im 2. Weltkrieg engagiert waren, wollten sich ursprünglich nach zwei Jahren aus Europa wieder zurückziehen. Wären wir dann vollkommen unter den nicht minder starken russischen Einfluss geraten? Hätten die Briten allein dagegenhalten können? Hatte nicht Winston Churchill deshalb in Jalta Frankreich auf den Plan gerufen, weil er ein Gegengewicht zu Russland (und auch zu den USA) haben wollte? Wäre nicht - wie dann nach dem Krieg zu sehen war - Europa am Misstrauen der Länder untereinander endgültig zugrundegegangen, wenn die Amerikaner nicht geblieben wären und 1947 den "Marshall-Plan" ins Leben gerufen hätten?
Natürlich sind solche Fragen müßig und bestimmt auch laienhaft von mir vorgetragen. Und es sind sicherlich Fragen, die einem in der Muße von Feiertagen kommen und keine Antwort finden. Sie sind irgendwie sinnlos - und doch stimmen sie einen nachdenklich, weil man sie irgendwann auf sich selbst bezieht, auf sein eigenes Schicksal: Was wäre aus dir selbst geworden? Würdest du überhaupt hier leben? Vielleicht wären die Menschen, die hier leben, ein ganz anderes Volk, keine neue Heimat für die Vertriebenen, eine ganz andere Mischung an Zugereisten, was wäre mit all den Sitten und Gebräuchen, mit dem Mutscheltag, der Kehrwoche, dem Dialekt? Wie sähe unsere Stadt wohl heute aus? So ein wenig herumspinnen, macht ja auch intellektuellen Spaß. Am Ende wird man jedoch sagen können: Reutlingen hieße immer noch Reutlingen...


[1] Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Heft 1 1973, Walter Lipgens: "Etappen der Außenpolitik De Gaulles"
[2] Der Spiegel, 14. April 1965, Arthur Conte: "Die Teilung der Welt - Jalta 1945"
 

Bildertanz-Quelle: Sammlung Bildertanz

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Gestern gegen heute: Eine Vergleichsreihe - Der Zwiefalter Hof

Erinnerungen an den Zwiefalter Hof: 1974 abgerissen

Immer wieder eine Erinnerung an den Zwiefalter Hof. Dieser Blogeintrag erschien zuletzt am 15. Dezember 2014. 
Damit wir ihn nicht vergessen. 1974 wurde der Zwiefalter Hof abgerissen. 
"Seine Ursprünge gehen wohl zurück in eine Zeit, als Reutlingen noch keine Stadt war. Urkundlich erstmals erwähnt wurde der Zwiefalter Hof erst im Jahr 1277. Das Kloster Zwiefalten hatte den Hof prächtig ausgestaltet. Das Gebäude war so feudal, dass es in einer Beschreibung hieß: "Über des Abts Behausung und Gemach braucht sich kein Graf zu schämen."
Schließlich musste der Zwiefalter Hof 1974 dem Bau eines Parkhauses weichen - trotz starker Proteste aus der Bevölkerung. Nachdem im Frühjahr die Parkhausgesellschaft Zwiefalter Hof GmbH gegründet worden war, begann man im November 1974 mit dem Abriss des Gemäuers.
Im Brand von 1726 war übrigens das Klostergebäude bis auf die Grundmauern vernichtet worden. Der Wandschmuck mit der Sonnenuhr stammt aus dem Jahr 1897 und wurde von dem Kunstsammler Fritz Hummel bemalt."
 Bildertanz-Quelle: Friedrich Dittmar, Helmut Akermann, Raimund Vollmer
Steht heute an der Stelle des alten Zwiefalter Hofes: das Parkhaus


 Bilder von 2015 (RV)

Reicheneck: Modenschau mit Erwin Bleher

 Erwin Bleher in Aktion: Flachs mit dem Publikum? Vor allem kam es ihm darauf an zu erzählen, wie vor 100 Jahren und mehr aus der Pflanze der "Grundstoff" gewonnen wurde, aus dem die Kleider sind.

 Blitzgescheiter, hellwacher Redner.
 Griff in den Kleiderschrank im Heimatmuseum von Reicheneck...
 Alles wird genau erklärt - unverblümt.
 Und immer wieder gibt es Ankedoten zu erzählen
 Das Sonntagskleid
  Das Arbeitskleid
Der Flicken
 Die Kappe für den verheirateten Herrn
 Der Zylinder für den jungen Mann
  Der Schleier für die feine Dame

Aus dem Gedächntnis geschrieben: 28 Jahre lang war Erwin Bleher Bürgermeister von Reicheneck - vor allem in der Zeit, in der Reicheneck eingemeindet wurde. Nach Reutlingen. Er hat all das hautnah miterlebt, was heute noch die Bürger bewegt. Geboren in Gruorn, dem Dorf, das dem Militär weichen musste, weiß er über diese Zeit unglaublich viel und vor allem lebhaft zu erzählen. Doch so richtig in seinem Element ist der 88jährige, wenn er über eine Zeit berichtet, die er gar nicht mehr erlebt hat: über die Zeit Herzog Ulrichs (einem "Tunichtgut"), über das Leben im 19. Jahrhundert. Und dafür haben er und die Gemeinde - inspiriert von dem Erfolg während der Landesgartenschau 1984 - sieben Jahre später, 1991, unter dem Dach des Reichenecker Rathauses ein kleines Heimatmuseum errichtet. Bei einer Geburtstagsveranstaltung am vergangenen Samstag haben wir Erwin Bleher gefilmt. Hier sind ein paar Momentaufnahmen. Die Aufnahmen werden Teil eines Films, den ich gerade für die Gemeinde Reicheneck erstelle und der im März 2016 uraufgeführt wird. Reicheneck wird 700 Jahre alt. Raimund Vollmer
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer