Freitag, 26. Februar 2016

Reutlingen - die Stadt, die Dich trotz allem fasziniert...

Von Raimund Vollmer
Wir leben ja in einer Zeit, in der das Design bestimmt, was Schönheit ist. Wir leben in einer Zeit, in der nur das einen Wert hat, das auch ein Preisschild hat. Wir leben in einer Zeit, in der Prominenz definiert, was Elite ist - und damit jede Avantgarde verdrängt. Nach diesen Kriterien wäre Reutlingen heute eine Stadt ohne Belang, ohne Rang und ohne Drang. Langweilig. Trotzdem sind wir - und die hohe interaktive Aufmerksamkeit, die unser Bildertanz hier und auf Facebook inzwischen genießt - fasziniert von dieser Stadt. Wir geben der Zukunft eine Vergangenheit, die ihr, also der Zukunft und ihren Zünften in Rat und Verwaltung, nicht immer gefällt. Denn wir messen das Morgen an dem Gestern, das nunmal nur aus Erinnerungen und Emotionen besteht. Das Morgen, so wie es sich in der Gegenwart bereits dokumentiert hat, erzeugt da mitunter Grauen. Und doch ist genau diese Spannung zwischen Gestern und Morgen die eigentliche Faszination, die eine Stadt ausübt. Mit Stirnrunzeln betrachten wir die Neubauten, die in den nächsten Monaten und Jahren hier entstehen. Mit jedem Neubau werden Haltepunkte unserer Erinnerung zerstört, und wir brauchen eine Weile, manchmal mehr als eine Generation, um dies zu verkraften. Die Psychologen nennen das in ihrer unnachahmlichen Weise, "kognitive Dissonanz abbauen". Wir arbeiten so lange an unseren Bildern, bis das neue Bild Teil von uns wird, so dass es nicht mehr in Konflikt steht mit der alten Wahrnehmung. In dieser Beziehung ist der Bildertanz absolut konterproduktiv. Wir machen die kognitive Dissonanz wieder gegenwärtig. Und so sind zum Beispiel unsere beiden heutigen, auf den ersten Blick harmlosen Bilder zu betrachten...

Das Rathaus war noch in Bau. Und die Listhalle - nie wirklich schön, hatte aber auch nicht den Anspruch, es zu sein - steht noch lange, lange. War nie ein Spiegelblendwerk, sondern so bieder und bürgerlich wie ihr Nachkriegs-Programm. Jahnhaus und Kepi thronen wie heute still und selbstbewusst im Hintergrund. Die Feuerwache trägt stolz ihr Türmchen in jede Zukunft hinein, wäre vielleicht gerne - nachdem sie zu klein für die Ansprüche einer modernen, feuerkalten Großstadt geworden ist - Industriemagazin geworden. Nun lassen Reutlinger ihre Haare dort. Auf jeden Fall hat sich das gute, alte Spendhaus - ebenfalls in seiner Geschichte multifunktional verwendbar - sein Gegenüber erhalten, auch wenn die Nachbarn am Ledergraben, der ja hartnäckig behauptet, Lederstraße zu heißen, ganz anders aussehen (und übrigens nicht schlecht). So und nun lassen wir Dich und das Bild allein. Stöbere selbst herum. Und wenn Du genug hast, dann schau Dir das Bild darunter an.Da schaust Du - auch so um 1964/65 vom Turm der Marienkirche hinunter in Richtung Oststadt. Dort, wo seit 1978 die Volksbank ihre Zentrale hat, in der Gartenstraße, waren noch Fabrikhallen. Da gab es hier noch den Verlang Ensslin & Laiblin - und sicherlich noch manch anderen Betrieb. Beide Bilder sind von Martin Klaus, der uns diese und andere, heute ungemein wertvolle Bilder vermachte.


Bildertanz-Quelle:Martin Klaus

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hä, Kommentare nur zulässig mit Google Account? Lügenpresse lässt grüßen, was?

Raimund Vollmer hat gesagt…

Nein, jederzeit. Man muss allerdings lesen können. Ganz einfach unter "anonym" kommentieren. So wie Sie es jetzt mit Ihrer Frage getan haben. Was der Begriff "Lügenpresse" in diesem Zusammenhang zu tun hat, ist mir schleierhaft.

Anonym hat gesagt…

Klasse Bilder,
Danke!

Anonym hat gesagt…

Lieber Raimund Vollmer, Ihr Post hätte etwas Besonderes werden können. Die Bilder aus den 60ern zeigen uns aus unserem heutigen Blickwinkel heraus bewertet bauliche und auch gesellschaftliche Veränderungen. Auch Kleinvenedig gab es damals noch. Ob die Menschen seinerzeit die Veränderungen wollten? Die baulichen möglicherweise ja. Straßenbahn, vierspurige Karlstrasse und Listplatzbrunnen verhießen Zukunft. Dafür musste einiges weichen - liebgewonnenes, gewohntes und manches, dessen man sich schämte. Ob der Niedergang der Industrie von allen gutgeheißen wurde, darf bezweifelt werden. Schade ist, dass in einer Stadt, in der nahezu jeder/jede Zweite in Industrieunternehmen mit wohlklingenden, aber längst vergangenen Namen beschäftigt war, kaum etwas daran erinnert. Sie wollen das Morgen am Gestern messen. Doch das Morgen ist außerhalb unserer Vorstellungskraft. Geht es also nicht vielmehr um Veränderung gegenüber Bewahren? Veränderung ist unbequem und kann Angst machen. Ihre Bilder bewahren. Und worum geht es bei Stadtentwicklung? Es geht um Gestaltung der Zukunft und Veränderung, das kann Unbehagen bereiten, denn es ist schwer vorstellbar, trotz aller schönen gemalten Renderings. Sie geben der Zukunft keine Vergangenheit, sondern mauern Sie mit den bewahrenden Bildern ein. Das ist für mich das einzig bedauerliche am Bildertanz, den ich sehr mag. Was wäre also notwendig: der Blick auf die Vergangenheit (Bildertanz!!!), der Blick auf die Brüche (denn sie machen das eigentliche Potenzial einer Stadt aus) und eine breit angelegte Diskussion über die Stadtentwicklung der Zukunft und die Rahmenbedingungen dafür. Hochachtungsvoll Dr. Katrin Korth

Raimund Vollmer hat gesagt…

Ich möchte eins hinzufügen: Wenn ich schreibe, dass wir das Morgen mit den Gestern vergleichen, dann ist dies keine Absicht, die wir als Bildertanz forcieren, sondern eine zutiefst menschliche Reaktion. Und wenn uns dann das enttäuscht, was wir heute sehen, im Vedrgleich zu dem, was gestern war, dann liegt das nicht unbedingt an den Bildern und Erinnerungen, die wir uns vielleicht geschönt imaginieren. Es kann ganz einfach - und sogar objektiv - an dem liegen, was uns als Neuerung hingestellt wurde. Einverstanden?