Mittwoch, 28. Dezember 2016

Katrin Korth und Stadt Reutlingen trennen sich...

... im gegenseitigen Einvernehmen, heißt es heute im Schwäbischen Tagblatt. Dr. Korth war stellvertretende Leiterin des Tiefbauamtes der Stadt Reutlingen. Gegen eine Abmahnung, die sie für eine Facebook-Äußerung über dienstliche Abläufe erhalten hatte, hatte sich Korth gerichtlich gewehrt, ohne dass es dort zu einer Schlichtung haben kommen können. Ohne eine Einigung wäre das vor Gericht öffentlich auszutragene Verfahren im neuen Jahr neu aufgelegt worden.

Die Stadt, die Kritik und die Courage

Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
Als "Abmahnung" hatte jüngst der Bezirksbürgermeister von Betzingen, Thomas Keck, in öffentlicher Sitzung ein Schreiben durch Oberbürgermeisterin Barbara Bosch bezeichnet, in dem ihm mehr oder minder vorgeworfen wurde, in seiner Funktion als Bezirksbürgermeister nicht die Interessen der Stadt beim Thema Flächennutzungsplan in angemessener Form gewahrt zu haben. Thomas Keck hat diesen Vorfall öffentlich gemacht, nachdem das Schreiben der Oberbürgermeisterin auch den Fraktionsvorsitzenden der im Stadtrat vertretenen Parteien zugesandt worden war. Ihm war wohl auch vorgeworfen worden, dass er - als Bezirksbürgermeister - über die Presse seine von der offiziellen Seite abweichende Position über die Entwicklung eines neuen Flächennutzungsplan kundgetan habe.
Was soll man da denken? Auffällig ist es, dass in beiden Fällen die Abmahnung offenbar nicht auf inhaltlichen  Auseinandersetzungen basiert, sondern auf Verstößen gegen eher formale Regularien. Kritik an sich ist ja noch keine Verletzung der Treuepflicht, sondern eher deren Unterlassung sollte Grund für eine Abmahung sein. Dass das Gegenteil der Fall ist, also das Äußern von Kritik, macht uns Bürger umso hellhöriger.
Zur Kritik im Amt gehört Zivilcourage, die eigentlich eher unsere (als Bürger empfundene und zu äußernde) Anerkennung verdient. Da wird eine Abmahnung fast schon zu einer Adelung und ein Beleg dafür, wie notwendig Kritik ist. In beiden Fällen - sowohl bei Korth als auch Keck - hätte eine einzige selbstkritische Frage verhindern können, dass sich nun die Oberbürgermeisterin und ihr Topmanagement einer Diskussion ausliefern, die der Würde ihrer Ämter nicht mehr gerecht wird. Denn nun brodelt es vollends an den Stammtischen. 
Die wichtigste Frage, die sich die direkt gewählte OB und ihre indirekt gewählten Führungskräfte hätten stellen müssen und Ausruck äußerster Professionalität gewesen wäre, lautet: "Was haben wir, die oberste Führung, falsch gemacht, dass dies passieren konnte?" Die Beantwortung dieser Frage, die eigentlich zum Repertoire eines guten Managements gehört, hätte sehr schnell zu einer wirklich souveränen Vorgehensweise in beiden - aus Sicht der Verwaltung - missliebigen Fällen geführt. Niemand anders als Immanuel Kant hat unsere aufgeklärte Zeit als das "Zeitalter der Kritik" bezeichnet. Kritik ist unser Schicksal. Punkt. Sie ist meisdtens nicht angenehm, hilft auch nicht immer unbedingt weiter, schießt oft übers Ziel hinaus, kommt nicht immer auf geraden Wegen, ist aber tausendfach wertvoller als Schweigen. (Gerade wir Deutschen sollte dies wissen.)
Offensichtlich fehlt in der von Gutachtern ansonsten doch erschöpfend gepflegten Reutlinger Verwaltungsszene ein Berater, der das Topmanagement unserer Stadt vor sich selbst schützt.Solch ein Berater braucht aber genau das, womit sich diese Menschen an der Spitze irgendwie schwertun: Zivilcourage. Dabei steht doch die Oberbürgermeisterin mit ihrem Auskreisungsantrag selbst dafür - einmal selbstbewusst gegen den Stachel zu löcken.

Bildertanz-Quelle:(RV)

Reutlingen - so wie wir es nicht mehr kennen!!! Vor 100 Jahren und mehr

Bildertanz-Quelle: Sammlung Brigitte Gekeler

Montag, 26. Dezember 2016

Friede auf Erden - Aber vor 100 Jahren tobte der erste Weltkrieg - Postkarten aus den Alben von Immanuel Lude

 Zwischen Verharmlosung, Verherrlichung, Verulkung, Kitsch und Geschmacklosigkeit changieren die Postkarten, mit denen vor 100 Jahren die deutschen Soldaten ihre Angehörigen daheim grüßten. Eine kleine Sammlung dazu fanden wir in den Alben von Immanuel Lude, der im Reutlingen der 20er Jahre aufwuchs und ein Freund des Bildertanzes ist. Wir haben von ihm Dias und Filme. Negative und Postkarten. Sie sind Beleg für eine Zeit, die schon deutlich anders war als die unsrige. Die Kriegspostkarten erinnern und daran, dass wir froh sein dürfen - trotz der Terrorakte, die uns vor Weihnachten ereilten - in Frieden und Freiheit leben zu dürfen. Um uns daran zu erinnen, dass es auch ganz andere Zeiten gab, der Weltkrieg (1914-1918), der als "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts in die Geschichte einging, haben wir diese Karten heute mal in unser Bildertanz-Album aufgenommen. Erschütternd zu sehen, dass man Postkarten von kriegszerstörten Kirchen des "Erbfeindes" Frankreich versandte. (Raimund Vollmer)





















Bildertanz-Quelle:Sammlung Immanuel Lude

Am Tübinger Tor



Bildertanz-Quelle: Sammlung Familie Lengwin

Samstag, 24. Dezember 2016

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Unvorstellbar: So sah es noch 1869 am Eisturm aus...

Bildertanz-Quelle:Sammlung Klaus Bernhardt
Die Stadt Reutlingen schreibt dazu: "In der Jos-Weiß-Straße befindet sich noch ein Stück der ehemaligen Stadtmauer mit einem runden Zwingerturm. Es handelt sich um den Eisturm. Als Teil der äußeren Stadtbefestigung waren die Zwingertürme die eigentlichen Wehrtürme der Befestigungsanlage. Erkennbar sind die Schießscharten an der Turmfassade. Diese Zwingertürme waren durch einen unterirdischen Gang miteinander verbunden, um den Wachhabenden ein schnelles Wechseln von Turm zu Turm zu ermöglichen. An die Zwingermauer schloss sich nach außen der mit Wasser gefüllte Stadtgraben an, der nach dem Ende der Reichsstadtzeit und dem Abbruch der Stadtmauern aufgefüllt wurde. Zu dieser Zeit verlor auch der Eisturm seinen militärischen Zweck und er wurde von 1877 bis 1906 als städtischer Eiskeller genutzt."

... und so 2015...
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer
Um 1911
 Um 2014
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Sonntag, 18. Dezember 2016

Das Beispiel Altenburg - Die Degradierung der "Stadtbezirke"



Unzeitgemäße Betrachtungen zu einer Sitzung unseres Großstadtrates

Von Raimund Vollmer*, der hier immer noch Partei ist

 Der Altenburger Bezirksgemeinderat auf der Suche nach Alternativen für den Flächennutzungsplan. Hier geht's ums Detail...

Der Ort der Entscheidungen: Der Reutlinger Ratsaal  - Hier geht's ums Große und Ganze...

Da saßen wir nun wieder auf der Zuschauerbank eines Ratssaals. Diesmal war alles größer, imposanter als in Kirchentellinsfurt, wo im Oktober die gewählten Vertreter zusammengekommen waren, um letztlich über unser kleines Dorf zu richten, über Altenburg. Es ist ein Ort mit 1870 Einwohnern. Ein Dorf, das nicht zu K'furt gehört, nicht einmal zum Kreis Tübingen. Es ist auch eigentlich gar kein Dorf, sondern der Stadtbezirk einer großen Stadt.
So ist es jedenfalls seit dem 1. Januar 1972, also seit bald einem halben Jahrhundert.
Damals kam nach einer denkbar knappen Entscheidung und nach einer heißen Diskussion, nicht ganz freiwillig, aber doch selbstbestimmt, Altenburg nach Reutlingen. Das war nichts Besonderes, denn so ging es in jener Zeit vielen umliegenden Gemeinden. Bund und Land hatten gemeinsam mit den Gemeinden die kommunale Gebiets- und Verwaltungsreform ausgerufen, die mit sanfter Gewalt die Dorfzwerge zu Zusammenschlüssen aufforderte oder aber dazu drängelte, ihre Selbständigkeit gleich in eine große Stadt aufgehen zu lassen.
So war es auch in Reutlingen, dessen Ortsteil Altenburg ist. Schon damals waren viele Altenburger sehr skeptisch, als ihnen der Erste Bürgermeister der Stadt Reutlingen, Karl Guhl, versprach, dass es neben dem Vertrag, über den die Altenburger abstimmen sollten, auch noch Treu & Glauben gibt. Teilweise soll das Lachen höhnisch gewesen sein, das aus der Bürgerschaft kam. Aber vielleicht tat man ihm ja bitter Unrecht, denn bis heute kam man recht gut miteinander aus. Die Oberbürgermeister wussten, dass sie es möglichst vermeiden sollten, die Wünsche der Bezirksgemeinden zu übergehen.  

Bildtext: Bei der Unterzeichnung des ab 1. Januar 1972 gültigen Eingemeindungsvertrages (von links nach rechts): Karl Guhle, Erster Bürgermeister der Stadt Reutlingen, Oberbürgermeister Oskar Kalbfell und Altenburgs Bürgermeister Gayer)

Vor vierzig Jahren war diese kommunale Neuordnung vollendet worden. Seitdem besteht diese Stadt Reutlingen, die sich seit 1989 sogar numerisch als Großstadt sehen darf, aus sich selbst und zwölf ehemals freien Dörfern. Das Zentrum der Entscheidungen über das Schicksal dieser "Stadtbezirke" ist das weiße Rathaus mitten in der Kernstadt. Hier wacht der Stadtrat über die Geschicke im ganzen Stadtgebiet, also auch über die eines Bezirkes. So hieß es jedenfalls immer wieder an diesem Donnerstag, 15. Dezember 2016.
Es geht um die "ganze Stadt", sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende Helmut Treutlein. Zuvor hatte schon Andreas vom Scheidt, der für die CDU das Wort ergriffen hatte, vom "Interesse der gesamten Stadt" gesprochen. Der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler-Vereinigung, Jürgen U. Fuchs, meinte: "Wir sind nicht nur die Kernstadt und die Addition von zwölf Bezirksgemeinden", nein, das ist mehr als die Summe der Einzelteile, zu denen ja auch Teile wie Orschel-Hagen oder Römerschanze gehören, Stadtteile, die nicht, wie Altenburg, Oferdingen oder Reicheneck einen eigenen Ortschaftsrat (Bezirksgemeinderat) haben.
Immer wieder wurde die "gesamtstädtische Verantwortung" beschworen, die unsere Stadträte innehaben, die man nicht auf "kleinere Einheiten übertragen" könne. Regine Vohrer, die für die FDP das Wort ergriff, warnte gar ausdrücklich vor einer "Kirchturmpolitik", die wohl entstehen könne, wenn das letzte Wort immer die Bezirke hätten. So musste man sie jedenfalls verstehen.
Der Grund, warum sich diese Stadträte in ihrer Bedeutung und Verantwortung für das Ganze so schwer ins Zeug legten, waren vor allem wir, die Altenburger. Denn es ging um die Prüfung von Grundstücken, die möglicherweise als Wohn- oder Gewerbegebiet in einen neuen Flächennutzungsplan aufgenommen werden können. Und da hatte sich die Stadtverwaltung auf Altenburger Gebiet ein Gelände ausgesucht, das sich nach unserer Meinung überhaupt nicht eignete, eigentlich sogar kompletter Unsinn war. Stattdessen hatten wir Alternativen vorgeschlagen - übrigens zum Wohle der ganzen Stadt und auf Kosten unserer Gemarkung.
Allerdings hatten wir mit Blick auf den Eingemeindungsvertrag die ungeheure Vorstellung in die Welt gesetzt, dass die Stadt ohne unsere Einwilligung überhaupt nicht über das von ihr ausgewählte und heftig umstrittene Gelände verfügen könne. Zur Information: Es ging um die drastische Erweiterung des Gewerbegebiets Mahden - in unmittelbarer Nähe der Bundesstraße 27. Um bis zu 40 Hektar sollte es vergrößert werden.
In zwei Dokumenten war 1972 festgehalten worden, dass in bestimmten Fragen der Stadtrat niemals gegen die Vorbehalte der Altenburger entscheiden werde. Das konnte man natürlich als einen Angriff auf die Souveränität des Stadtparlamentes verstehen. Wenige Wochen zuvor hatte uns ja schon der K'furter Bürgermeister zu verstehen gegeben, dass für ihn nur die Stadt Reutlingen der angemessene Gesprächspartner sei. Wir, die Altenburger, die wir die unmittelbaren Nachbarn sind und schon jetzt ein nicht gerade kleines Gewerbegebiet mit den Freunden jenseits der Kreisgrenze teilten, seien es nicht. Nicht dieselbe Augenhöhe!
Wir fühlten uns an den Rand gedrängt - in Kirchentellinsfurt ebenso wie in Reutlingen.
Vor allen Dingen der sogenannte "Sachvortrag" des städtischen Fachmanns und Amtsleiters Stefan Dvorak erstaunte uns. Die Rechtsabteilung der Stadt habe die Verträge untersucht und festgestellt, dass der Eingemeindungsvertrag (in seinem Paragraph 25) bei der Bauleitplanung die Rechte des Stadtrats unberührt ließen. Der Begriff "Bauleitplanung" ist dabei das Schlüsselwort, denn wer sie besitzt, der bestimmt darüber, was mit dem Flächennutzungsplan geschieht. Und diese Bauleitplanung hatte man uns zugeschrieben. Das klingt alles irgendwie kompliziert, ist es auch - und wieder nicht. Denn dahinter steht die Frage nach der Macht.
Haben wir, die Kirchtürmler aus Altenburg, das Sagen oder die Rathäusler aus Reutlingen?
Auf jeden Fall meinte Dvorak, dass eine Absichtserklärung, die dem Eingemeindungsvertrag zugefügt worden war, "rechtlich unverbindlich" sei. Diese Absichtserklärung hatte den Sinn, das, was im Eingemeindungsvertrag stand, zu erläutern. Doch seit diesem Donnerstag, 15. Dezember 2016, wissen wir, dass auch sie null und nichtig sei.
Damit war der Weg frei, sich über unser Recht (oder was wir bis heute dafür hielten) hinwegzusetzen. Denn wir hatten 2015 gegen diese Pläne gestimmt. Einstimmig. Im Bewusstsein, dass die Bauleitplanung bei uns liegt. Ein falsches Bewusstsein.
Kurzum: Wir wussten nun, dass wir nach Ansicht der Stadt fortan keinen Kirchturm mehr haben würden. Der war sowieso die ganze Zeit eine Illusion gewesen - wie wohl dieser ganze Eingemeindungsvertrag, den das ganze Dorf Altenburg vor 45 Jahren mit der ganzen Stadt Reutlingen geschlossen hatte. Aber eines konnten wir gewiss sein. "Wir nehmen die Bedenken sehr ernst", erklärte die Oberbürgermeisterin, die Herrin des ganzen Verfahrens. Das waren aber nicht die rechtlichen Bedenken, die sie meinte, sondern die technischen. Denn die rechtlichen Fragen waren gar kein Thema mehr. Unser Vertrag, in jedem Teilort Reutlingens das Allerheiligste der ganzen Politik der Bezirksgemeinderäte, war nicht sehr viel wert. Es geht schließlich um das große Ganze, nicht um das kleine - und nur für uns - Große.
Voller Stolz berichtete unsere Oberbürgermeisterin, Barbara Bosch, dass Reutlingen in den letzten Jahren bei der Innenentwicklung 60 Hektar erneuert habe. Natürlich für das Große & Ganze. Für Reutlingen.
Wenn wir Sitz und Stimme an diesem Donnerstagabend gehabt hätten, dann hätte wir, die Bürger aus Altenburg, zwar hinzufügen können, dass wir allein am Ende aller jetzigen und künftigen Entwicklung auch 60 Hektar zu verkraften hätten, aber das hätte wohl niemandem imponiert. Denn unser Opfer würde ja nicht das Ganze betreffen, sondern nur einen kleinen Teil, nämlich diesen Bürokratensesselfurz namens Altenburg, dem man dereinst nicht nur in Treu & Glauben, sondern auch mit Brief und Siegel versprochen hatte, dass der Ort vor allem Wohngebiet bleiben würde.
So wurde denn endlich abgestimmt - und da zeichnete sich dann ab, dass wir, die neun Zuschauer aus Altenburg, ebenso viele Stimmen im Stadtparlament auf unserer Seite hatten. Die kamen vor allem von den Grünen, für die Holger Bergmann gesprochen hatte. Sie waren überhaupt nicht damit einverstanden mit dem für einen zukünftigen  Flächennutzungsplan adressierten Flächenverbrauch. "Was brauchen wir?" So fragte Bergmann. Und er gab gleich selbst die Antwort: Von den 100 Hektar, die die Stadt Reutlingen zusammen mit Kirchentellinsfurt ausgewählt hatten, hatten er und seine Mitstreiter 35 Hektar weggestrichen - nicht nur aus Gründen des Naturschutzes, sondern aus rein praktischen und technischen Gründen. Er plädierte für eine "flächensparende Nutzung", also für Betriebe, die mehr böten als nur menschenarme, maschinengesteuerte, flächenverbrauchende  Produktionen, die vor allem ebenerdig angelegt sein müssen. Als einige Altenburger meinten, am Ende des Vortrags den Grünenpolitikers Bergmann mit Applaus danken zu müssen, wurden sie prompt von der Oberbürgermeisterin im Namen der - vor 40 Jahren erlassenen - Gemeindeordnung ermahnt.
Da spielte das Recht plötzlich eine Rolle, aber hinter der Gemeindeordnung steht ja auch ein mächtiges Gesetz, das das Große & Ganze regelt, und nicht ein alter Vertrag, der die Befindlichkeiten eines Dorfzwerges betrifft. So wurde denn dem Altenburger Wunsch, für das Gewerbegebiet Mahden keinen Prüfauftrag zu erteilen, mehrheitlich nicht entsprochen. Schon gar nicht in der Entscheidungsvorlage enthalten waren die Alternativen, die die Altenburger selbst entwickelt hatten. Auf Altenburger Grund. Und für das Große & Ganze. Auch diese Flächen hätten ja nur geprüft werden sollen. Nun sind diese Flächen, wenn man den sonst mit Krokodilstränen vorgebrachten Argumenten der Stadt folgt, für die nächsten dreißig Jahre verloren. Denn so lange hält ein Flächennutzungsplan, wenn nicht gar länger, wenn man den alten Plan als Maßstab nimmt. So war uns gesagt worden. Was wir heute vergeigen, kann erst Mitte des Jahrhunderts wieder korrigiert werden.
Schließlich verließen die neun Altenburger ein wenig ratlos den Ratssaal - wie schon vor zwei Monaten den der Kirchentellinsfurter. Hatten sie sich nicht auch für das Große & Ganze eingebracht? Mit all ihrer Kompetenz aus der Kenntnis der lokalen Gegebenheiten? Schon, aber...
Wenn man indes ganz genau und aufmerksam den Worten der Stadträte gelauscht hatte, dann meinte man zu spüren, dass sie ein schlechtes Gewissen hatten. Wahrscheinlich ahnen sie, dass zum Großen & Ganzen mehr gehört als nur das Große & Ganze. Dazu gehört auch Größe.
Post scriptum: Etwa später war dann noch einmal Altenburg Thema der Ratssitzung. Es ging um den Bebauungsplan für unsere neue Ortsmitte. Er wurde einstimmig angenommen. Irgendwie hatte man den Eindruck, dass die Räte sehr froh waren, sich mal positiv um ein Detail kümmern zu können. (Uns hat's natürlich auch gefreut...)

 * Vollmer ist seit 2009 Mitglied des Bezirksgemeinderates von Altenburg

Bildertanz-Quelle:RV

Freitag, 16. Dezember 2016

Die Gegenrede eines Reutlingers: Das Unbehagen in der Kultur einer Stadt



zu: Reutlingen – die Stadt, die wir vielleicht unterschätzen ….
Per Email erhielten wir diese Antwort auf R. Vollmers "unzeitgemäßen Betrachtungen" am vergangenen Samstag. Der Autor ist der Redaktion bekannt, möchte aber ungenannt bleiben.Wir respektieren dies. Hier hat sich jemand viele Gedanken gemacht, die eigentlich - wie alles, was so im Bildertanz erscheint - zeigen, dass die Menschen bei all ihrer Kritik an der Stadt (oder an uns vom Bildertanz) zugleich eine hohe Identifikation mit der Entwicklung in ihrer Heimat pflegen. Sie lieben ihre Heimat. Vor diesem Hintergrund ist auch dieser Beitrag eines Reutlinger Bürgers zu lesen.
Eine Gegenrede. Vielleicht.

Von Gustav (statt der drei Sternchen, die wir vorher hier hatten. Nun hat der Autor ein Pseudonym)

Reutlingen, die Stadt, die wir vielleicht unterschätzen: Kluges und Überdenkenswertes, wie eigentlich immer in diesem Blog. Dennoch der Versuch einer Gegenrede. Vielleicht auch einer Mitrede.
Der Bildertanz mit seinen alten Bildern singt das Hohelied auf das alte Reutlingen und auf scheinbar vergessene Zeiten. Das untergegangene Reutlingen, welches wir dann durch unsere modernen, wohlstandsverwöhnten Brillen romantisch verklären und dabei großzügig den jeweiligen zeitpolitischen Kontext ausklammern. Beispiel Klein-Venedig. Ja, schade, dass es diese Postkartenidylle nicht mehr gibt. Wobei das Wohnen und Arbeiten in den feuchten, engen und dunklen Häusern bestimmt kein Zuckerschlecken war. Dennoch schade. Würde der Stadt heute gut stehen. Weichen musste das Idyll für die 6 spurige Bundesstraße. Diese autobahnähnliche Straßenschneise war seinerzeit (und ist es auch heute noch) von Vielen gewünscht. Möglich wurde sie, weil das Reutlingen der 1960er und 1970er Jahre dynamisch wuchs und wirtschaftlich stark war. So war es eben schon immer und ist es auch heute: wirtschaftliche Prosperität befördert Bau- und Abrisswut. Vieles, was der Krieg noch verschont hatte, ging im Fortschrittswahn des Aufschwungs unter. Dabei entstand nicht nur Schlechtes. Ein Beispiel dafür ist der „alte“ Listplatz – der gar nicht so alt ist - ein städtebaulich gelungenes Ensemble der frühen 1950er Jahre mit Park, Hotel und Brunnen, dessen Niedergang schon lange vor dem Verschwinden des Brunnens mit dem Abriss des Parkhotels begann. Vielleicht ist der Listplatz für viele Menschen deshalb so bedeutsam, weil er vom Aufschwung, von der einstigen wirtschaftlichen Stärke der Stadt und den eigenen Wünschen und Sehnsüchten der Nachkriegszeit zeugt. Vergessen wird darüber der eigentliche historische Platz aus dem 19. Jahrhundert - auch dieser in einer Zeit des Aufbruchs entstanden. Alt ist wohl nicht gleich alt.
Es reicht nicht, mit feuchten Augen in alten Bildern zu schwelgen, auch wenn das über den Unbill unserer unübersichtlichen Jetztzeit hinwegtrösten kann. Doch glücklicherweise gibt es neben den Bildern auch immer wieder Texte - eine intellektuelle Bereicherung und kritischer Korrektiv der Stadtentwicklung.
Diesmal unter anderem über die städtischen und „sonstwoher“ Experten und ihre Herkunft. Die Feststellung, dass alle Bürgermeister nicht aus Reutlingen stammen, wirft nun aber genau die Frage auf, wann und wie man überhaupt Reutlinger wird: durch die Wahl des Wohnortes, die Geburt in Reutlingen, durch ein Leben in zweiter, besser dritter Generation oder noch sicherer, mit einem Stammbaum, der bis in die reichsstädtische Zeit zurückgeht? Oder bekommt man die Stadtrechte mit einer Art Ritterschlag verliehen, dann, wenn man ausreichend geleistet hat für das Wohl derselben?
Die Frage, ob sich Qualität daran messen lässt, ob jemand aus Reutlingen stammt, ist naheliegend und dennoch abwegig, vor allem wenn man berücksichtigt, dass das Kommen und Gehen schon immer der städtischen Lebenswirklichkeit entsprach, in Reutlingen zum Beispiel im 19. Jahrhundert mit Jahren der Stagnation und des Wegzug - und nach 1945 mit einen gewaltigen Zuzug aus dem Osten. Sind also all die Orschel-Hagener Neubürger der 1950er Jahre keine Reutlinger? Gustav Werner und Eduard Lucas waren keine gebürtigen Reutlinger und haben doch Reutlingen maßgeblich geprägt. Waren sie keine Reutlinger? Und umgekehrt, wäre Friedrich List, Reutlingens berühmter Sohn, der geworden, der er war, wenn er wie geplant seine Ausbildung zum Weißgerber bei seinem Vater abgeschlossen hätte und in Reutlingen geblieben wäre? Wäre Claus Peter Lumpp der Sternekoch geworden, wenn er nicht nach Baiersbronn gegangen und in Reutlingen geblieben wäre?
Möglicherweise ist die Frage der Herkunft zweitrangig. Vielmehr sollte es darum gehen, einen Ort für sich zu finden, an dem man gern lebt, mit dem man sich identifiziert, für dessen Entwicklung man sich einsetzt. So ein Ort kann Reutlingen sein – auch für die städtischen Experten und auch all die Experten von sonstwo. Voraussetzung ist, dass es ihnen auch wirklich um Reutlingen geht, dass sie nicht abgehoben in ihren Türmen sitzen, sondern mit den Bürgern diskutieren und ihnen zuhören, dass sie die Geschichte Reutlingens nicht nur routiniert auswendig aufsagen können, sondern sich mit ihr auseinandersetzen. Zum Beispiel mit Klein-Venedig und was wir aus seinem Abriss heute und für die Zukunft Reutlingens lernen können. Heute, wo der Stadt, wenn man den Worten der Oberbürgermeisterin in der Haushaltsrede gelauscht hat, wieder eine dynamische Entwicklung bevorsteht. Hoffentlich ohne weitere Abrisse!
Tatsächlich kann einem das, was da in der Haushaltsrede gesagt und geschrieben wurde, starkes Unbehagen bereiten. Da ist von Form die Rede und wenig von Inhalt. Da werden „strategische Gesamtziele“ ausgerufen, die mit Strategie wenig zu tun haben, egal wie oft man das Wort Strategie auch dahersagt. Kinderbetreuung, Wohnraumschaffung, Erhalt bestehender Infrastruktur und Unterbringung, Betreuung und Integration von Flüchtlingen sind entweder selbstverständliche Aufgaben und wurden lange vernachlässigt oder sind gesellschaftlich notwendig. Es sind Aufgaben, die rein gar nichts über die Qualität und das Lebensgefühl von Reutlingen aussagen. Auch das neue Stadtbuskonzept ist keine Strategie, sondern längst überfällig. Es kommt auf das Wie an. Die Idee der Großstadt allein trägt, wie auch der Bildertanz richtigerweise feststellt, nicht.
Deshalb muss jetzt eine Marke her - und aufgepasst: „Marke ist dabei weitaus mehr als ein Leitbild oder ein Logo und gründet auf den vorhandenen Stärken einer Stadt.“- schreibt und spricht die Oberbürgermeisterin. Und weil eine Marke vermeintlich so viel mehr ist als ein Logo oder ein Leitbild, wird der „Markenbildungsprozess“ (was für ein Wortungetüm) durch das Stadtmarketing durchgeführt. Das Ergebnis lässt sich schon jetzt erahnen: „Reutlingen, die sympathische Großstadt mit Herz und Kultur“. Natürlich sollen auch die Bürger beteiligt werden, „zielgerichtet“ wohlgemerkt, damit sie nicht kreuz und quer einfach frei ihre Gedanken spielen lassen. Dabei entsteht Marke von innen nach außen, manchmal von unten nach oben, bestenfalls gemeinsam, auf keinen Fall von oben nach unten verordnet. Und Marke braucht mehr als schöne Worte. Das kann man ganz gut an der Nachbarstadt Tübingen erkennen. Die Stadtentwicklung verfolgt dort seit vielen Jahren klare Ziele und definiert Inhalte. So wurde die Marke Tübingen geschärft, ganz ohne Markenbildungsprozess. Und schließlich es gibt mit Boris Palmer einen Markenbotschafter, der die Inhalte streitbar und fröhlich in die Welt trägt, auf das jeder und jede Tübingen kennt.
Übrigens gab es in Reutlingen schon mal einen Markenbildungsprozess und sogar eine Art Leitbildentwicklung. Erinnert sich noch jemand an das Forum Reutlingen und sein Bürgerbeteiligungsspiel Reutlingen Quo Vadis ?! Das war 2008 und 2009 und verschwand anschließend in der Versenkung, dabei war seinerzeit sogar so etwas wie eine Aufbruchstimmung in der Stadt zu erspüren. Möglicherweise hat die Oberbürgermeisterin sich daran erinnert. Heute wirft die ganz neu aus der Kiste gezauberte Idee vor allem die Frage auf, warum jetzt und nicht vor 14 Jahren (nach dem Amtsantritt), 10 Jahren (nach dem Wettbewerb Stadthalle und Bruderhausareal), 8 Jahren (Reutlingen Quo Vadis?!) oder nach 6 Jahren (Wiederwahl). Warum jetzt? Und worauf soll die Marke aufbauen – auf welchen Inhalten und Zielen? Was wirklich fehlt in Reutlingen, ist ein Leitbild, welches die Rahmenbedingungen für die Stadtentwicklungspolitik und den Städtebau formuliert. Sonst werden nur weiter planlos Hochhäuser gebaut. Dabei ist dieser Trend, der ja ohnehin noch nie für vorausschauende, kluge Stadtentwicklung stand, schon wieder vorbei, doch in Reutlingen kommt eben manches später (und das ist ein anderes Thema).
Es hilft also nur eins: Mund aufmachen, einmischen, damit es nicht endet wie bei des Kaisers neuen Kleidern.
Bildertanz-Foto: Klaus Bernhardt

Vier Jungs und eine Eisenbahn...

 Einer sitzt zwar noch im Kinderwagen, aber seine drei Brüder waren hellauf begeistert von der Akermannschen Eisenbahn, die in der unteren Wilhelmstraße zu besichtigen ist. Noch eine Woche - dann ist Weihnachten. Heiligabend spielte früher die elektrische Eisenbahn eine wichtige Rolle - heute ist sie fast schon ein Anachronismus.

Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer