Dienstag, 15. März 2016

Unpolitische Gedanken zur Wahl (in Baden-Württemberg)



Von Raimund Vollmer

Time-Titelbild August 1981

(Bitte sehen Sie es mir nach, dass ich es mir als Journalist nicht verkneifen kann, ebenfalls meinen Senf zur Wahl 2016 in unserem Land dazuzugeben.)


Nachdem nun aus vollen Rohren auf allen öffentlich-rechtlichen Sendern und solchen, die sich daran messen, über die Wahl der Wahl gesprochen wurde, fragt man sich vor dem vor sich hin plapperndem Fernsehschirm: Und jetzt? Was kommt jetzt?
Die Parteien beschäftigen sich wieder mit sich selbst - etwas, das sie schon immer am besten konnten. Die Politiker taktieren und traktieren. Sie nähern sich und distanzieren sich, lecken ihre Wunden oder streuen Salz auf die der anderen. Sie genießen noch einmal das Rampenlicht, bevor sie sich wieder hinter ihren Aktenberge verschanzen. Denn das Büroleben eines Abgeordneten geht weiter. Die Arbeit, so wie sie die Beamten in Stadt und Land dickleibig aufbereitet haben, ruft. Sie ruft vor allem dann, wenn man sie braucht, um sich hinter ihr zu verstecken.
Und die Wähler, also wir, wir sind wieder unter uns. Allein mit unseren Ängsten. Allein mit unseren Forderungen und Wünschen. Allein mit unseren Stammtischen. Allein mit unserer eigenen Meinung und mit unserer Meinung über die Meinung der anderen. Wir wissen es vielleicht nicht besser, aber wir meinen es besser.
So war es immer. Und so wird es auch immer sein. Trotzdem - irgendetwas hat sich fundamental geändert mit dieser Wahl. Uns, den Wählern, ist das sofort aufgefallen, nur den Politikern nicht. Auch den Journalisten nicht, die so gefangen sind von der gemeinsamen Sache, die sie mit den Politikern teilen, dass sie nicht merken, dass dieses Mal etwas ganz, ganz anders läuft, etwas, was den Politikern und den Journalisten völlig fremd ist, sie auch nicht verstehen werden, weil sie dazu uns zuerst einmal zuhören müssten: Wir, die Wähler, haben uns vollkommen von den Politikern entfernt. Wir sind inzwischen ein komplett unbekanntes Wesen. Eigentlich ist dies erstaunlich angesichts der Vielzahl an Meinungsumfragen, mit denen wir ausgeforscht werden. Wir sind doch vollkommen durchleuchtet. Jeder wusste oder ahnte, dass die Grünen siegen werden, dass die AfD einen triumphalen Sie davontragen würde, dass die SPD im Nilsmandsland untergehen würde. Selbst die Wiederauferstehung der FDP kam nicht überraschend. Nein, es kam, wie es kommen musste. Weil alles so klar war, entging und entgeht der Politik und der ihr nachtrottelnden Mediengemeinde das eigentliche Ereignis.
Die Politiker der Ämter und der Würden haben nicht verstanden, dass wir nicht sie gewählt haben, sondern uns selbst. "Wir sind Kretschmann", rufen die einen und meinen über alle bürgerlichen Parteigrenzen hinweg sich selbst in ihrem Anstand, in ihrer Glaubwürdigkeit, in ihrer Authentizität. "Wir sind auch wer", sagen die anderen, die in sich eine Alternative für Deutschland sehen und entsprechend ihr Kreuzchen gemacht haben. Bei dieser Wahl hat sich die Mehrheit selbst gewählt.
"Alle Gewalt geht vom Volke aus", sagen die Verfassungen. Und wem wir diese Gewalt anvertrauen, das bestimmen wir fortan selbst - und nicht irgendwelche Parteiprogramme oder Koalitionsverhandlungen, nicht irgendwelche Meinungsonkels, nicht die Sende-Medien, nicht diese ganzen Künstlichkeiten aus Fakten, die doch nur Akten sind.
Wir wollen das Original. Und die Politiker sitzen dort - und verstehen die Welt nicht mehr, die sie deshalb zu ignorieren suchen.
In Kretschmann - sagen die einen - sehen wir helle Magie, jemand, der bereit ist, bis zur Selbstaufgabe für eine gute Sache, für das Merkelsche Asylrecht zu kämpfen - und damit über die dunkelste Macht, über den Opportunismus und Populismus, siegt. Wir sind Weltbürger sagen die, die mit Kretschmann sich selbst gewählt haben. Sie setzen dort an, wohin sich die Menschen deutscher Sprache bereits mit der Revolution von 1848 hinbewegen wollten, womit sie möglicherweise damals den Nachbarländern weit voraus war.
»Wir lernen leichter durchs Leben wandeln,
lernten wir nur uns selbst behandeln.«
Der Reutlinger6 Abgeordnete Vischer war ein großer Bismarck-Kritiker


Deren Scheitern brachte ein Deutschland hervor, das Grenzen zog und Krieg, also mit fürchterlichsten Konsequenzen. "Eine erfolgreiche Revolution hätte uns Bis­marck erspart und wohl auch den Ersten Weltkrieg",  meinte einmal der große deutsche Historiker Wolfgang Mommsen. Somit wäre auch Hitler vermieden worden. Alles Leid. Alle Vernichtung. Alle Barbarei.
Grenzen zu ziehen scheint nun das zu sein, was sich als zweite Kraft in uns wieder zu regen beginnt. Aber sie äußert sich nicht darin, dass neue Grenzen gezogen werden sollen, sondern dadurch dass die, die bestehen, nicht nur erhalten bleiben, sondern auch gestärkt werden. Die Alternative für Deutschland heißt letzten Endes "keine Veränderung", bedeutet Restrauration bis in alle Ewigkeit. Seltsamerweise wird dabei die deutsche Sprache, die den Weltbürgern vor 200 Jahren als Identifikation genügte, heute benutzt, um diese Grenze zu markieren.
Die Angst vor Veränderung ist das beherrschende Element. Lange bevor man hierzulande von "German Mut" sprach, das einem manchmal wie das Pfeifen im Walde vorkam, hatte das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" eine Titelgeschichte über Deutschland gebracht, die lautete "Moment of Angst". Diese Titelgeschichte erschien 1981, also vor 35 Jahren. Sie drehte sich um den Nato-Doppelbeschluss. Würde eine Aufrüstung die Grenze zum "Reich des Bösen" (Ronald Reagan), zum Ostblock, sichern oder nicht? Irgendwie hat man das Gefühl, dass sich diese Frage momentan wieder stellt - mit irgendwie umgekehrten Vorzeichen. Damals scheiterte der Bundeskanzler - und setzte erst damit seine Überzeugung durch. Diese Fähigkeit zur Selbstaufgabe ist etwas, was wirklich große Politiker auszeichnet. Das ist es wohl auch, was Kretschmanns Wähler in ihm zu sehen glauben - und damit in sich selbst. An den Stammtischen sind sie immer in der Minderheit.
Aber die Angst vor der Veränderung ist das andere Momentum, das uns den Weg in die Zukunft weist. Was die Wähler, die in dem Beharren auf dem, was war, die Alternative für Deutschland sehen, offenbar nicht erkennen, ist: Die Angst vor der Veränderung ist bereits die Veränderung.
Diese Veränderung zeigt uns, dass das sozialdemokratische Jahrhundert in gewisser Weise zu Ende ist. Die soziale Frage, die übrigens in der Paulskirche eine untergeordnete Rolle spielte, ist nicht etwas, was die Kretschmann-Wähler berührt, lässt sogar die Sozialdemokratie verkümmern. Das interessiert die Weltbürger nicht, nachdem sie Ökologie und Ökonomie mehr und mehr in Einklang sehen und beides ihnen ein gutes Leben und sicheres Einkommen verheißt.
Die soziale Frage hat sich in die Alternative für Deutschland verflüchtigt. Damals, im 19. Jahrhundert, taten sich Adel und Bürgertum zusammen, um den Pöbel, den sie in dem Aufkommen des Vierten Standes sahen, abzuwehren. Die Menschen, die den Weg nach der Alternative für Deutschland wählen, machen mehr und mehr den Eindruck, als bildeten sie heute den Vierten Stand. Sie haben Angst, die Verlierer zu sein. So wählten sie sich selbst - und machten sich damit zu Siegern, die die anderen am liebsten ignorieren möchten und reflexartig in ihre alten Machtspielchen verfallen: Wer koaliert mit wem unter welchen Bedingungen und mit welchen Pöstchen.
Bleibt zu hoffen, dass nun Politik und Medien, die sich auf unseren Bildschirmen zu einer alles überlagernden Meinungshoheit vereint zu haben scheinen, nicht in denselben Fehler verfallen wie dereinst Adel und Bürgertum. Sie verschanzten sich.
Keiner hat einen Grund, nun selbstgefällig zu sein.
Bildertanz-Quelle: Bildertanz-Archiv (Time)

Sonntag, 13. März 2016

Wahlergebnis in Reutlingen

Vorläufiges Ergebnis
87 Wahlbezirke

 Hillebrand (CDU) 
 
  22,6 %    -12,3    11.609  
 Poreski (GRÜNE) 
 
  30,7 %    +4,8    15.780  
 Dr. Schmid (SPD) 
 
  14,6 %    -10,7    7.517  
 Steinhilber (FDP) 
 
  8,4 %    +2,6    4.320  
 Tatti (DIE LINKE) 
 
  3,8 %    +0,6    1.968  
 Hirt (AfD) 
 
  15,8 %    +15,8    8.138  
 Sonstige 
 
  4,0 %    -0,8    2.046  

Wahlberechtigte:   76.218
Wahlbeteiligung:   68,2%





Bildertanz-Quelle:

Lederstraße: Das Matthäus-Alber-Haus zwischen 1950er und 2010er




Bildertanz-Quelle:Sammlung Helmut Akermann (historisch) / Raimund Vollmer (aktuell: 2015)

Samstag, 12. März 2016

Wo sind wir auf diesem Bild? Wo ist dieses Überholmanöver?


Einer unserer Freunde hat uns dieses Foto ganz genau erklärt: "Der Fotograf hat in der Alteburgstraße gestanden auf der Höhe der Einmündung zur Pfenningstraße und hat Richtung Tübinger Tor fotografiert. Rechts oben ist der Turm des Tübinger Tors zu erkennen. Am rechten Bildrand wird er vom GWG Gebäude, das heute noch steht,verdeckt. Alle anderen Gebäude gibt es heute nicht mehr. Im Bild direkt links neben dem GWG Gebäude ist wohl die Hahnsche Mühle. Das Ziegelsteingebäude in der Mitte des Bildes steht da, wo heute der Vorplatz der Stadthalle beginnt. Dieses Foto von demselben Standpunkt aus würde heute den Busbahnhof in der Statmitte zeigen.
Bildertanz-Quelle:Richard Wagner (historisch) / Raimund Vollmer (aktuell)

Sozusagen im "Gegenlicht" zur historischen Aufnahme von Richard Wagner aufgenommen: Das untere Bild

Freitag, 11. März 2016

Betzingen 1965: Als der Taunus 17 M ins Schaufenster fuhr...



... da hatten die beiden Fahrzeuginsassen noch einmal richtig Glück gehabt. Auf den Schienen der Straßenbahn in Betzingens Steinachstraße war der Ford ausgeruscht, hatte sich gedreht und war in das Schaufenster der Schuhhauses Nestel hineingeschleudert. Zum Glück hatte die "Badewanne", wie der Ford Taunus im Volksmund genannt wurde, den Tragepfosten des Vordaches nur gestreift und nicht voll gerammt, sonst wäre vielleicht das Dach auf die beiden Insassen auch noch heruntergeknallt. So war nur das Schaufenster beschädigt. Allerdings war der Fahrer eingeklemmt und musste erst herausgeschweißt werden. Auf jeden Fall hatte Vater Nestel, der krank im seinem Bett im ersten Stock lag, den lauten Knall und der Erschütterung im vollen Umfang mitbekommen. "Zeigt sie nicht an", soll er zu seiner Frau gesagt haben. Denn die beiden Verunglückten sollen von einem Fest nach Hause gekommen sein...
Bildertanz-Quelle: Schuhhaus Nestel, Betzingen



Die Fotos zeigen auch sehr schön die damalige Situation in der Steinachstraße: Auf den Fotos oben sieht man z.B. noch die CALTEX Tankstelle, unten das Elektrogeschäft von Karl Wollpert (heute KaWu), dahinter das Haus vom blinden Robert Häußler, danach das Schreibwarengeschäft Kußmaul und die Metzgerei Meyer. Daran anschließend das Lebensmittelgeschäft Hoppenkamps&Knapp.
 



Werner Beutel hat von dieser Caltex Tankstelle in der Steinachstraße noch ein Streichholzheftchen aufbewahrt.


Erstveröffentlichung: .28- Mai 2012
Bildertanz-Quelle: Schuhhaus Nestel

Donnerstag, 10. März 2016

Frühling 1956 (2): Blick auf Unterhausen & Unterhose

Bildertanz-Quelle:Sammlung Helmut Akermann



Frühling 1956 (1): Als Schnee noch einmal ganz dicke kam...

 ... nahm der Fotograf Julius Akermann noch einmal seinen Fotoapparat heraus und hielt für uns die dicke Schneeschicht, die sich überall niedergelegt hatte, fest. "Frühling 1956" heißt die Filmrolle, die uns Helmut Akermann überließ. Und tatsächlich - auf der Rolle befinden sich dann auch die echten Frühjahrsbilder. Natürlich zeigen wir die hier auch - in einem zweiten Teil. Kann jemand erkennen, wo diese Aufnahmen gemacht wurden?


Bildertanz-Quelle:Sammlung Helmut Akermann

Montag, 7. März 2016

Reutlinger Eisenbahn-Impressionen

 Vor uns die Silberburg-Brücke, offiziell Friedrich-List-Brücke

Vor uns der Bahnhof in seiner Gleis-Pracht
  Vor uns die Lok, die wieder fährt: 97 501
Bildertanz-Quelle:Sammlung Peter Finkbeiner

Freitag, 4. März 2016

CHARLEYS WAHL-GLOSSE: Himmel und Hölle

„Charley“, sagt der Vollmer zu mir, “wie hältst Du es eigentlich mit der Wahl?“ Ich tauche aus all den Bilder auf, die ich für die Bilderblogs nach der Wahl zusammenstellen will, und schaue meinen Chef mit großen Augen an. Ich bin erstaunt über seine Frage. „Natürlich gehe ich zur Wahl, obwohl die Gesetze ja längst von Rechtsanwälten gemacht werden und nicht von unseren Abgeordneten.“ Der Chef vom Bildertanz, der wie ich seine Texte auch immer noch selbst schreibt, nickt heftig mit dem Kopf. „So ist das“, meint er, „dann können die Herren hinterher immer noch sagen, dass sie diese juristischen Pamphlete gar nicht verstanden haben.“ Er schüttelt sich vor Ekel. „Das Ganze ist doch ein Witz, oder?“
Mein Meister ist regelrecht frustriert. Ich muss ihn aufheitern. „Apropos Witz“, sage ich zu ihm, „da habe ich etwas für Dich.“ – Für gute Witze ist mein Chef immer zu haben. „Lass hören“, meint er und holt endlich zwei Flaschen aus der Kühlbox, die aussieht wie ein Papierkorb. „Prost!“
„Also“ (mit diesem Füllwort beginnt nun einmal jeder Witz), „Helmut Kohl ist gestorben und kommt vor Petrus. ‚Wohin willst Du denn?’, fragt der Tor-Hüter und schaut mürrisch auf unseren Altkanzler herab .‚in den Himmel oder in die Hölle?’ Kohl ist verblüfft. ‚Wie’, sagt er, ‚habe ich da die Wahl?’ – ‚Natürlich’, antwortet Petrus, ’wir leben hier doch in einem Rechtsstaat. Also, was wählst Du?’ Kohl denkt nach. ‚Kann ich mich nicht, bevor ich mich entscheide, erst einmal umsehen?’ – ‚Himmel und Hölle auf Probe? Gute Idee’, sprach Petrus und öffnete die Himmelspforte, aus der eine Wolke quoll, unseren Helmut einhüllte und in einen riesigen weißen Saal entführte. Von allen Seiten erschallte ein helles Halleluja und Hosianna. Und aus den Schwaden trat ihm ein Spitzbart entgegen, der unentwegt in die Hände klatschte und ‚Freundschaft, Freundschaft’ rief. ‚Ulbricht, Du hier?’, wunderte sich der Dicke. ‚Erich ist auch hier’, antwortete der Generalsekretär. „Ein einziger, immerwährender Parteitag. Und keine Sorge: freier Eintritt für jeden. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.“ Aus der Ecke hört Helmut: ‚Honnianna, Genossen und Genossinnen, der Alt-Ganzler Gohl ist auch da.’ Von überall her schallt ein dreifaches Honnianna. Und Erich zitiert sich - in leichter Abwandlung - selbst: ‚Den Sozialismus in seinem Lauf, halten weder Himmel noch Hölle auf’.
Helmut ist entsetzt und flüchtet zurück zu Petrus. ‚Hat’s Dir nicht gefallen?’, fragt der Heilige Mann scheinheilig. ‚Dass die in den Himmel durften?’, murmelt der Altkanzler vor sich her. ‚Hier hat jeder die freie Wahl’, zuckt Petrus mit den Schultern. Dann öffnet er das Höllentor. Statt eines Feuermeers erblickt Helmut den Eingang zu einem riesigen Biergarten, der umgeben ist von lauter Höhlen, in deren kühlen Tiefen mächtige Weinfässer lagern. Überall sitzen Menschen, die von unzähligen knackigen Teufeln und feurigen Teufelinnen bedient werden. Eine der vollbusigen Teufelsweiber kommt auf ihn zu. „Willkommen bei den wahren Roten“, nimmt sie Helmut entschlossen an die Hand und führt ihn zu einer Gruppe von Menschen. Da empfängt ihn doch tatsächlich sein Erzfeind, der Franz-Josef. ‚Strauß bei den Roten – das muss für ihn die Hölle sein’, denkt der Dicke. Aber der Bayer strahlt über alle Backen und fühlt sich offensichtlich saumagenwohl. „Bei den Roten bestimmen jetzt die Schwarzen“, strahlt ihn Strauß an. „Keine Große Koalition, keine kleine Koalition – wir haben hier die absolute Mehrheit. Und Du, Helmut, bist natürlich unser Kanzler“, meint der, dem es ja schon immer egal gewesen war, wer unter ihm Kanzler war. Die Parteifreunde liegen sich in den Armen – jedenfalls so weit wie das ihre kurzen Arme und ihre dicken Bäuche erlauben.
Doch schon steht Petrus neben Helmut und schiebt ihn zurück zum Tor aller Tore. ‚Nun, da Du Dir selbst hast ein Urteil bilden können, sage mir, was ist Deine Wahl?’ Helmut schaut Petrus skeptisch an. ‚Habe ich wirklich die Wahl?’ – ‚Du hast die Wahl.’ – ‚Also, zu den falschen Roten will ich nicht. Das halte ich nicht aus, den ganzen Tag Honnianna zu rufen.’ Ihn schaudert’s. ‚Da werde ich lieber Kanzler der roten Teufel’ – und denkt dabei durchaus auch an den FC Kaiserslautern, seinem Lieblingsverein. ‚Meine Wahl steht fest’, schaut er dem Petrus voller stiller Vorfreude in die ehrlichen Augen. ‚Ich gehe zum Münchner in die Hölle!’
Kaum hat er dies gesagt, öffnet sich der Höllenschlund und garstige, eklige Biester packen ihn und stoßen ihn in das Feuermeer. Entsetzt blickt sich Helmut um, während er einen Hilfeschrei Richtung Petrus loslässt. Dieser gebietet den Teufeln kurzerhand Einhalt. ‚Was willst Du noch?’, fragt Petrus finster. ‚Aber das ist ja jetzt ganz anders als vorhin’, klagt wehleidig unser aller Helmut. Er fühlt sich offensichtlich fürchterlich verkohlt. ‚Richtig’, antwortet ihm der Heilige Mann. ‚Das war aber auch vor der Wahl...“


Erstveröffentlichung am 25. September 2009

Witz des Tages: Rathaus Reutlingen...


Frage: Warum hat man vom Rathaus Reutlingen aus den schönsten Blick auf den Marktplatz?
Antwort:
Weil es der einzige Platz ist, bei dem man beim Blick auf den Marktplatz das Rathaus nicht sieht...

Bildertanz-Foto: Martin Klaus
Erstveröffentlichung am 26. September 2009

Mittwoch, 2. März 2016

Honauer Steige: BITTE EINSTEIGEN - Eine Fahrt mit der Zahnradbahn


Während alle Welt mehr oder minder ernsthaft über die Stadtbahn diskutiert, haben wir hier etwas ganz Besonderes zu bieten: eine Fahrt mit Schienenbus und Dampflok den Traifelberg hinauf. Bekannt als Honauer Steige und heute nur noch ein Radweg, dürfen Sie bei uns die alte Trasse mit Schienenstrang und Zahnradgleis hinauffahren und wieder hinunter. Freunde des Bildertanzes haben uns dieses Material zur Verfügung gestellt - vor allem der Geschichts- und Heimatverein Lichtenstein. Dessen jüngst verstorbenen Gründungsvorsitzenden, Werner Vöhringer, ist dieser Film vor allem gewidmet.


Bildertanz-Quelle:Geschichts- und Heimatverein Lichtenstein/Bildertanz/Rainer Hipp/ Botho Waldorf / Alfred Betz und viele andere

Dienstag, 1. März 2016

Reutlingen und die Urbanität: Es begann alles mit Mildtätigkeit





Von Raimund Vollmer
Was ist Urbanität? Es ist die wahrscheinlich bessere Frage als die, ob zum Beispiel Reutlingen eine Großstadt ist mit Anspruch auf Ausgliederung. Wenn die geistige Auseinandersetzung um die Entwicklung unserer Stadt ein Zentrum hat, dann ist es genau diese Frage nach der Urbanität. Und hier dominiert eindeutig die soziale Komponente, die ja auch ein Dorf zum Dorf und eine Stadt zur Stadt macht. Damit sind nicht jene Leistungen gemeint, die das Sozialamt und das Arbeitsamt mit seinen Jobcentern erbringen, auch nicht das Jugendamt oder das Kulturamt. Das Soziale hat zuerst einmal überhaupt nichts Amtliches, sondern meint das Zusammenleben allgemein, das in der Stadt etwas anderes ist als auf dem Dorf. In der Stadt haben wir den sich mit der Industriellen Revolution entwickelnden Individualismus oftmals mit Verödung und Vereinsamung bezahlt. Sozial wurde das, was professionell erbracht wurde - von der Kultur bis hin zur Müllabfuhr. Das Dorf hat sich das ursprünglich Soziale, die Mildtätigkeit, das Füreinander viel stärker bewahrt - manchmal bis zur Unterdrückung jeglicher Individualität.
Der Historiker Richard Sennett hat vor 20 Jahren in seinem Buch "Fleisch und Stein" noch einmal nachdrücklich drauf hingewiesen, dass es im Mittelalter die Zuflucht war, die eine christliche Gemeinde den Menschen bot und aus ihr eine Stadt werden ließ. Es war die "Imitatio Christi", die sich an dem Leidensweg Jesu orientierte, die zur Errichtung von Klöstern nebst Gotteshäusern, Gärten und Hospitälern  führten. Wohltätigkeit, die noch nicht gewaltige Stadtmauern verlangte, sondern jedem Menschen zu Teil werden sollte, war es, die erste Zentren schuf. Die Kranken und Armen, die Verfolgten und Verfemten, sie waren die Zielgruppe dieser Gemeinschaften. Aus diesen Anfängen im 13. Jahrhundert entstanden Weltstädte wie Paris, aber auch das Kleinod (und nicht Kleinödnis) Reutlingen. 
Der Spitalhof am Marktplatz (siehe Foto) gibt bis heute ein stilles, aber keineswegs stummes Zeugnis dafür ab. Diese Gemeinden lebten von Gemeinschaftlichkeit, der sich jedoch mit dem Streben nach Autonomie und Reichsstadtherrlichkeit ein konkurrierendes Interesse der Bürger gegenüber stellte. Besitz und dessen Wahrung wurden mehr und mehr zum Lebensimpuls einer Stadt. Das mag man bedauern, aber Besitz und Selbstbestimmung ist nach wie vor ein mächtiges Motiv - und findet sicherlich in der angestrebten Ausgliederung aus der Gemeinschaft des Kreises seinen Ausdruck. Es ist dabei bezeichnend, dass es wiederum ein Hospital, ein Krankenhaus, also das Klinikum am Steinenberg, ist, das einen mächtigen Streitpunkt in der Auseinandersetzung zwischen Stadt und Kreis darstellt. (Wenn ich mich recht entsinne, ist es die mangelnde Möglichkeit der Einflussnahme auf die Entwicklung des Klinikums, die für die Stadt ein Begründung für den Ausgliederungsantrag liefert.) Die Stadt Reutlingen, der in Sachen Mildtätigkeit gleichsam bis in die Flüchtlingsunterbringung hinein Land und Kreis vorgeschaltet sind, ist hier ihrer Autonomie beraubt und damit ihres Ursprungs.  Dass sie da auf Rechte pocht, ist ihr gutes Recht - egal, wie man nun zur Ausgliederung steht.
Aber die Stadt wird sich im Gefolge einer Ausgliederung ihr Selbstverständnis von Grund auf erneuern müssen. Es ist mehr als fraglich, ob sie und vor allem ihre Bürger dazu bereit sind. Denn diese Stadt hat sich nach dem Verlust ihrer Bedeutung als Reichsstadt vor allem durch Wohlstand und nicht durch Wohlfahrt definiert. Dies ist das Ergebnis der Industrialisierung. "Im XVIII. Jahrhundert beginnt, und seit 1815 eilt in gewaltigen Vorwärtsschritten auf die große Crisis zu: die moderne Cultur", erkannte der große Schweizer Historiker Jacob Burckhardt (1818-1897) eine Welt, in der alles auf Erwerb und Verkehr ausgerichtet sei. Im Gefolge der Französischen Revolution, aber auch der Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress und die Gründung des Deutschen Bundes (beides 1815) wurde der Begriff Kultur für ihn zum Synonym für Kommerz. Die "moderne Cultur" hat nur noch wenig mit Feinsinnigkeit zu tun, mit Bildung, mit Erbauung. Jetzt siegt das Profane. Alles werde "zum bloßen business", meint Burckhardt, "wie in America". Die Wirtschaft, also die neue auf Konsum gerichtete millionenfach entfesselte Kultur, übernimmt mehr und mehr den Staat. Und mit dieser Entwicklung rückt das Individuum in den Vordergrund. Der Historiker Wilhelm Mommsen erinnert in seiner Schrift "Größe und Versagen des deutschen Bürgertums", in der er die Revolution von 1848/49 rekapituliert, daran, dass es damals in Deutschland noch so gut wie keinen vierten Stand, also eine Arbeiterklasse, gab. Es war dann der Konflikt zwischen den Besitzenden, an Vermögen und Bildung, und den Besitzlosen, eben den Habenichtsen (zu denen Reutlingen jüngst feinstichelig von einem Ausgliederungsgegengutachter zugeordnet wurde), die letztlich die Revolution scheitern ließ. Die soziale Frage wurde ignoriert. Der Vierte Stand war Pöbel, aber nicht Bürger. Bürgertum und Adel, die doch eigentlich Antipoden darstellten, taten sich zusammen. Das änderte aber nichts daran, dass die Stadt zu einer Massenveranstaltung wurde.
Urbanität ist das einzige, was das Besitzbürgertum mit seinen Villen und imposanten Bauten, mit seinen Bildungstempeln und Museen, zusammenbringt mit den "Habenichtsen", für die die Stadt vor allem eine soziale Einrichtung ist - mit ihren Möglichkeiten der Arbeit und der Zerstreuung, aber auch der Bewegung (Bahn, Bus. Auto), mit seinen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Sporthallen und Stadien, Parks und Einkaufsmeilen. Vielleicht hat Reutlingen von letzterem zu viel, selbst die Stadthalle dient mehr der Zerstreuung als der Bildung. Vielleicht ist dies sogar die Reaktion darauf, dass sie ihres Ursprungs, der klösterlichen Mildtätigkeit, beraubt wurde. Vielleicht ist all das, was uns geboten wird, nur eine Ersatzhandlung für den Verlust der Autonomie. Vielleicht heißt Bildung zu sehr Ausbildung. Vielleicht ist Kultur zu sehr Erwerb - mit dem Ergebnis, dass diejenigen, die tatsächlich kulturell tätig sein wollen, kein Auskommen haben. Vielleicht muss man endlich über die Stadt nicht technisch und planerisch, sondern emotional, künstlerisch und gestalterisch reden - bis in uns selbst hinein. 
Urbanität ist ein Thema, das in uns selbst entwickelt werden muss.
Bildertanz-Quelle: RV