Montag, 26. Oktober 2020

Nach 42 Jahren: Wo ein Wille ist, da ist kein Steg

Nun ist er für immer und ewig verschwunden: Der Steg über den Ledergraben. Ob es je einen Ersatz für ihn geben wird? Eher besiegen wir Corona...
























Bildertanz-Quelle: Dimitri Drofitsch
 


 

Bildertanz-Quelle:

Dienstag, 15. September 2020

DIE SCHÖNE STADT

Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

DA STAUNT MAN NICHT SCHLECHT. 15 Jahre lang dominierte in Reutlingen das Gerade über das Gebogene, das Eckige über das Runde. Das prominenteste Beispiel dafür war die Stadthalle des Max Dudler, der beim Wettbewerb um den besten Entwurf 2008 als 2. Sieger hervorging. Alle, die nach ihm noch mit Preisen beglückt wurden, hatten auch in der Zielgerade die klare Linie. Einen ersten Preis hatte niemand erworben – verdient hätte ihn das Büro des Reutlinger Architekten Wolfgang Riehle. Er hatte eine runde Sache aus der Stadthalle gemacht. Doch das Modell überforderte offensichtlich das Preisgericht – und so ließ es den Platz 1 unbesetzt.

Würde das Preiskomitee sich heute umschauen, dann würde es feststellen, dass die spektakulärsten Konzertsäle der Welt eher den Bögen und Rundungen, auf keinen Fall den klaren Linien, zuneigen.


http://blog.cochlear.com/die-7-spektakulaersten-konzerthaeuser/

Nur Reutlingen mit seinem Hang zu einer altmodisch strengen Moderne wollte einen strukturell angedeuteten Säulentempel. Den bekam die Stadt – und es ist eben nur zweite Wahl, weil die erste Wahl vielleicht doch etwas hätte werden können, was sich gerne an der Weltklasse gemessen hätte.

Nun scheint Reutlingen die sechziger Jahre hinter sich zu lassen, überlässt für dynamische 100 Millionen Euro (mehr als das Doppelte der ausgewiesenen Baukosten für die Stadthalle) das Rathaus von 1966 bereits dem Denkmalschutz und wendet sich endlich der Zukunft zu - sofern sie dafür noch Geld hat. (Wer übrigens dieses Projekt kritisiert, muss damit rechnen, dass er unter das Urteil unseres OBs fällt, der "viel Unsinn" in der Kritik wittert.) Das mit dem Riesenrad war ja schon eine runde Sache, die einem beim Aufstieg über die Dächer der Stadt zeigt, dass wir eine eher giebelige, niedrig bebaute City haben. Ja, diese Stadt kann sich sogar hinter ihren, der Alb vorgelagerten Hügeln verstecken. Noch nicht einmal das Stuttgarter Tor ragt da weit genug heraus. Es bekommt nur beim Blick von der Achalm, dem Georgenberg oder der Pfullinger Unterhose seine Aufmerksamkeit.

Was aus dem Blue Village wird, dem letzten Opus der Geradlinigkeit, wissen wir nicht. Die Herzen höher schlagen lässt es uns nicht, um mal von aller Bruddelei frei diese Buddelei zu würdigen.

Nun war heute in unser alle GEA zu lesen, dass Reutlingen nun „auf dem Weg zu schönen Stadt“ sei, heißt es dort in einer Dachzeile zu einem Projekt, das unter der Headline steht: „Damit Heimatgefühl aufkommt“.




Wir vom Bildertanz können da nur staunen, staunen, staunen. Seit mehr als zehn Jahren mahnen wir genau dies an, wurden dafür beschimpft, bekämpft, belächelt, verhöhnt. Und nun erfahren wir, dass es da einen „Gestaltungsrat“

gibt, dessen Existenz sogar vom Land unterstützt wird und der Bauherren ratend zur Seite steht. Dabei ist auch der Stadtplaner Stefan Dvorak, der gemeinsam mit zwei freiberuflichen Architekten in einem Sanierungsobjekt in der Bismarckstraße dem Bauherrn empfahl, das Gebäude mit runden „Speisebalkonen“ zu versehen, deren Herstellung zwar aufwendig sei, dafür aber die Wertigkeit des Gebäudes erhöhe.
Die Story steht auf der ersten Seite des Lokalteils der Zeitung, die in den vergangenen Jahren ihre Aufmerksamkeit eher den geraden Architekturstrichen gewidmet hat. Und plötzlich taucht da sogar dieser Begriff vom Weg zur „schönen Stadt“ auf, als wäre das, was vorher war vielleicht doch nicht der direkte Weg gewesen. Aber noch etwas anderes lesen wir aus dem Kaffeesatz dieser Story. Da bemüht sich ein Stadtplaner den Bogen zu einer anderen Stadt zu bekommen, zu einer Stadt, die wieder zu sich selbst zurückfindet. Und da Dvorak Ambitionen haben soll, Baubürgermeister von Reutlingen zu werden, hat der Artikel natürlich auch einen gewissen Wahlwerbewert.

Der Schreiber dieser Zeilen hat – bei aller Kritik an den Bauten der Vergangenheit – diesen Mann immer sehr geschätzt und es ihm auch gesagt. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass er weitaus mehr draufhat.

Vor Jahren hatten wir vereinbart, mal gemeinsam durch Reutlingen zu gehen und seine Meinung über diese Stadt mit der Kamera aufzunehmen. Er stimmte dieser Anfrage damals zu. Es wird Zeit, dass wir das mal anpacken – diesen Weg zur „schönen Stadt“.