Samstag, 23. Juni 2018

ALTENBURG: NECKARGASSE JETZT GESPERRT.

Altenburg am Neckar: BILDER EINER BAUSTELLE: WOCHE 3 - Neckargasse ist ...:



 Wer meinte, die Großbaustelle in
Altenburg umfahren zu können, indem er sich durch die schmale
Neckargasse mogelt, hat nun ein Problem mit den Verkehrsregeln. Ein
neues Schild verbietet allen Autos und Motorrädern die Durchfahrt. Nur
Anlieger haben hier ein Recht. Die große Frage ist jetzt nur noch, ob
die Fahrzeuge, die hier geparkt wurden, um als Hindernis den
Durchfahrern zu dienen, nicht auch verschwinden müssen. Denn die
Feuerwehr wird so nicht dadurchkommen.
Und da es in der Neckargasse vor einigen Jahren gebrannt hat und schon
damals Probleme gab, wird die Feuerwehr hier möglicherweise die
Situation besonders aufmerksam studieren. So ganz ist das Kapitel also
noch nicht zu Ende. Derweil gibt es die ersten Löcher in der Betondecke
über den Erlebenbach. Dessen Neuverdolung ist ja der Hauptgrund für die
Riesenbaustelle, die den Ort bis Ende 2019 beschäftigen wird. Mit der
Sanierung entsteht aus der Donaustraße eine verkehrsberuhigte und die
Bürger hoffentlich beruhigende Zone. Viele Anwohner litten in den
vergangenen Jahren unter der Verkehrsbelastung auf dieser Straße. Die
Ortsdurchfahrt entstand in der ersten Hälfte der siebziger Jahre und
legte den Ort für etwa drei Jahre lahm. Was damals gut und richtig
schien, hat sich heute zu einer Belastung für den Ort entwickelt. Nicht
nur wurden die Autos immer mehr, sondern auch die Lastwagen immer
schwerer. Aber diese Stiry noch lange nicht zu Ende.

War ja irgendwie auch eine Form von Stadtbahn: der Schienenbus

Bildertanz-Quelle:Max Henker

Donnerstag, 21. Juni 2018

Was verbirgt sich wohl hinter diesem Grüngürtel?


Sie werden es nicht glauben: Aber es ist Reutlingen. Verschwunden in der Versenkung des Echaztales. Kein Wunder, dass der Drang zum Hochhaus immer größer wird...

Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer

Mittwoch, 20. Juni 2018

DER BÜRGERENTSCHEID - MIT DEN FÜSSEN


1997: »Eine Ansammlung von Gebäuden macht noch keine Stadt.«
John Simpson (*1954), britischer Stararchitekt

1992: »Moderne Architektur entfaltet vor allem auf Fotos oder als Modell ihre ästhetische Kraft.«
Nils Aschenbeck (*1963), deutscher Architekturkritiker

Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
Das Parkhotel - wie es wohl einmal aussehen soll. Nicht nur im Computer. Auch die Schnurbäume haben sich erholt...

Ob Reutlingen und die Stadthalle ein weiteres Hotel brauchen oder nicht, ist vor allem eine unternehmerische Frage. Dahinter stehen dann privates Knowhow,  private Gelder und privates Risiko. Das gilt auch dann, wenn dieses private Engagement in ein Grundstück investiert wird, das der Stadt gehört und von ihr an den Unternehmer verpachtet wird. Diese Nutzung zu erlauben oder zu verwehren, ist Aufgabe des Stadtrates. Da ist er gefragt. So weit wäre auch alles okay, wenn wir an das Prozedere bei dem Investitionsvorhaben "Parkhotel" neben der sich in öffentlicher Hand befindlichen Stadthalle in Reutlingen denken. Für solche Entscheidungen haben wir den Stadtrat gewählt und ihn zum Beispiel bei der Planung der Stadthalle auch mit unserer Bürgerentscheidung (wohlgemerkt "BÜRGER"-Entscheidung) schon vor langer Zeit ausdrücklich ermächtigt.

Aber da gibt es noch eine andere Dimension, die weit über die planerischen und unternehmerischen Herausforderungen hinausreicht. Es geht um das Gestalterische. Ist das, was schlussendlich gebaut werden soll, auch das, womit wir, die Bürger, uns identifizieren können?

Das wäre eigentlich etwas, das durchaus eines BÜRGER-Entscheids würdig wäre, gerade wenn dieses Gebäude sehr markant sein will und im öffentlichen Raum eine herausragende, ja identitätsstiftende Bedeutung besitzen soll. Dann übersteigt es den rein unternehmerischen Charakter und den seiner funktionalen Bestimmung. Dann ist es ein Thema, das uns als Bürger unmittelbar angeht. Dies gilt insbesondere in einer Stadt wie Reutlingen, die demnächst gar als Marke glänzen will. Mit großer Bürgerbeteiligung wurden hier die vielfältigsten Themen die Straße rauf und runter gefragt. Aber mitentscheiden sollen diese Bürger möglichst nichts. In Reutlingen herrscht das Top-Down-Prinzip und die, die sich dem unterwerfen, denen geht es ja dann auch gut.

Es ist immer noch unsere Stadt und nicht die Stadt der Investoren, die zumeist gar nicht aus Reutlingen kommen, ja, noch nicht einmal die Architekten sind von hier. 
Bei Gestaltungsfragen duldete man bei der Stadthalle wenigstens eine "Bürgerbefragung", auch wenn sie in einem Akt liebevoll inszeniertem vorauseilendem Gehorsam vom Reutlinger General-Anzeiger durchgeführt wurde - und nicht, wie eigentlich verabredet, von der Stadt selbst. Bei dem der Stadthalle nun assoziierten Hotel, das das Referenzgebäude deutlich überragt und auch überleuchten wird, ist selbst eine Befragung nicht anvisiert. Ein kaltes Projekt. So kalt wie die Architektur.

Der Reutlinger General Anzeiger berichtet nun über die Haltung des Gemeinderates zum Thema Bürgerentscheid "Hotel",  der von der WiR-Fraktion angeregt wurde. Seltsamerweise rückt er dabei allein die Frage, ob Hotel oder nicht, in den Mittelpunkt - und nicht das für uns Bürger weitaus wichtigere Thema nach der baulichen Identifikation. Hier - wie auch bei der Stadthalle - gärt es unter uns Bürgern am meisten, wie jeder weiß, der in den letzten Jahren die verflixten Facebook-Kommentare oder die Leserbriefe im GEA gelesen hat.

Es geht nicht um das "Was", wie GEA und Gemeinderat uns zu vermitteln versuchen, sondern um das "Wie". Das Thema wird von Meinungsführern kurzerhand auf den Anfangspunkt zurückgelegt, nicht auf das Ergebnis. Und das, was da jetzt nach den bei sich selbst abgekupferten Entwürfen des Architekten Max Dudler entstehen soll, ist zumindest umstritten. Es geht an das Grundverständnis einer Stadt, an ihre Identität.

Die Neugestaltung unserer Stadt, wie sie vor allem in der Ära Bosch/Hotz betrieben wird, hat inzwischen eine Dimension angenommen, bei deren Weiterführung wir, die Bürger, schon ein Wörtchen mitzureden hätten. Es geht dabei zentral um die Frage, welches Weltbild hinter dieser Neugestaltung steht.

Der eingangs zitierte britische Stararchitekt John Simpson (Jahrgang 1954) meinte 1997 in der Tageszeitung "Die Welt": "Die moderne Architektur wird nur noch von kommerziellen und bürokratischen Organisationen ausgenutzt, die schnell und billig bauen wollen - ohne auf das Allgemeinwohl zu achten. Dies kann so nicht weitergehen - schon gar nicht in einer Demokratie."

In Reutlingen wird in allen wichtigen, von der Öffentlichkeit besonders beobachteten Gebäuden moderne Architektur gepflegt. Dass billig gebaut wurde, wollen wir nicht unterstellen. Hier arbeiten Schwaben, auch wenn sie das, was sie bauen, oftmals nicht entworfen haben. Die prämierten Entwürfe moderner Architektur kommen gerne woanders her. Das gehört zum Image der Weltläufigkeit, das man sich gerne geben möchte. 
Das Parkhotel: 1954 errichtet, in den achtzigern (?) abgerissen.

Meines Erachtens ist nie darüber entschieden worden, ob das, was man Moderne Architektur nennt, wirklich das ist, was wir aus unserer Stadt gemacht sehen wollen. Niemand weiß, ob dieser Ansatz von der breiten Mehrheit der Bürgerschaft (also zumindest der Menschen, die auch wählen gehen) getragen wird. Dabei ist die Diskussion über die Moderne - seit dem Bau des bis heute umstrittenen Rathauses - mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Es ist schon ein Thema, was uns zutiefst bewegt.

Wir alle wissen, dass nach heutigem Standard das Rathaus abgerissen werden müsste. Asbestverseucht, wahrscheinlich auch billig produziert und allein auf den Zweck gerichtet, müsste es sogar nach dem eigenen Standard der Moderne abgerissen werden. Denn deren legitimer und ehrlich vorgebrachter Anspruch war es ja, nicht mehr für die Ewigkeit zu bauen, sondern für eine gewisse Zeit, für dreißig bis fünfzig Jahre. Es wurde zu einer Zeit gebaut, als in fast allen Großstädten und solchen, die auf dem Weg dahin waren, Sozialdemokraten regierten und das "moderne Deutschland" (Willy Brandt) schaffen wollten. Sie sahen in der Moderne den radikalen Gegensatz zur "Ewigkeitskultur" der Nationalsozialisten. Angesichts unserer Geschichte war das auch durchaus verständlich. Nein, für die Ewigkeit wollte man nicht bauen. Das moderne Deutschland war rational.

Unser altes Parkhotel am Listplatz musste dieser Maßgabe weichen. Es wurde nach einem Vierteljahrhundert abgerissen, weil es nicht mehr den Ansprüchen genügte. Und auch das neue Parkhotel basiert ja auf einem auf 30 Jahre erst einmal begrenzten Pachtvertrag. Einen "Ewigkeitsanspruch" auf noch nicht einmal die maximal möglichen 99 Jahre hat es nicht. Nichtsdestotrotz wird es stilbildend sein, ja, es setzt die "Perlenkette" der Moderne fort, die sich am guten, alten Ledergraben bildet.

Unsere Stadthalle mitsamt dem demnächst an- und aufgepflanzten Hotel könnte man von "weitem wie eine Skulptur genießen", wie es Simpson über die Berliner Philharmonie ausdrückte. Aber die Berliner Philharmonie habe um sich "eine Ödnis kreiert, die die Menschen nicht einlädt", sagt er. 
Stimmt, genau so ist es dem Schreiber dieser Zeilen gegangen, als er jüngst auf dem Weg zur Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin sowohl tagsüber als auch nachts an diesem stummen Gebäude vorbeikam. (Obwohl es bestimmt inzwischen besser ist als 1997.) 
In Reutlingen strengt man sich sehr an, um dieses Gefühl der "Ödnis", das der Bürgerpark im Umfeld von Stadthalle und Hotel immer noch ausstrahlt, zu kompensieren. Aber es sind dann nicht die Gebäude, die die Attraktion ausmachen - eher dieses kleine, harmlose, aber völlig vereinsamte Krankenhäusle. Es macht den Platz ein wenig heimelig. Und der Brunnen gibt dem Platz durchaus Charme. Das gesamte Ensemble aber heilen müssen auf Dauer die schnurgerade aufgestellten Schnurbäume, wenn deren Wipfel sich eines fernen Sommertages zu einem grünen Dach der Überlebensfreude vereinen und Hochhaus und Halle vergessen machen. 
Das Krankenhäusle - für die Ewigkeit gebaut?

"Jede Stadt ist wie ein großes Gebäude, die Zimmer sind Plätze, Straßen, Alleen. Diese Räume gehören allen Einwohnern", sagt der Architekt Simpson. Diese Räume sind voller Leben, wenn sie uns gefallen. Sie sind unser Leben. Und deshalb wollen wir (und das meine ich jetzt ohne Bezug auf eine Fraktion) da auch mitreden. Und wenn man das Quorum nicht erreicht, dann wissen wir auch, dass der überwältigenden Mehrheit dieses Thema egal ist - mit der Folge, dass aus der Marke Reutlingen nie etwas Echtes werden kann.

So aber, wie der Stadtrat sich über alle Fraktionen hinweg gegen den Antragswunsch der WiR-Kollegen aufzustellen scheint, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass wir als Bürger zuerst einmal ziemlich abgekanzelt werden.

Wenn der Reutlinger General-Anzeiger seine Qualitätsjournalisten hinausschickt, damit sie sich bei der Bevölkerung nach Stimmungen und Stimmen umhorchen, dann ist dies zuerst einmal lobenswert. Er scheint auch daran interessiert zu sein, was die Bürger, seine Leser, denken. Aber er fragt nicht nach dem Stil, nicht nach dem "Markencharakter", den dieses Gebäude für Reutlingen haben sollte, sondern er fragt nur nach der Sinnhaftigkeit des Projektes. 

Darum geht es doch gar nicht. Das ist eine, wie eingangs gesagt, zutiefst unternehmerische Entscheidung. Es geht darum, ob dieses Hotel an seinem prominenten Platz in seiner modernen Gestalt zur Geschichte und Zukunft dieser Stadt passt. Das ist die spannendste Frage überhaupt und gilt für alle Stadtplanung. Hier bestand die Chance, dies mit den Menschen zu diskutieren.

Aber diese Frage scheint die Stadt und viele ihrer Räte gar nicht zu interessieren. Vielleicht haben sie aber auch Angst davor. Einen "Schmarrn" nannte jüngst Stadträtin Regine Vohrer in einem FB-Kommentar ein Essay des Autors zum Thema Stadtentwicklung (RTopia). "Schmarrn" meint "ohne künstlerischen Wert".

Gut, diskutieren wir also über "künstlerischen Wert". Vor allem das neue Hotel, auch wenn es vom Stararchitekten Max Dudler kommt, ist ein "Schmarrn". Es ist ein Gebäude, das an Künstlichkeit und Unwirklichkeit - um es provokativ zu formulieren - unsere Stadthalle übertrifft, weder originell ist, sondern einfach nur modern daherkommt. Aber auf der Website des Max Dudler wird es ein Schmuckstück sein, wie all seine Werke. Und hier präsent zu sein, das schafft schon Prestige. 
Geheilte Echaz zwischen Stadthalle und ZOB

Es ist ein Gebäude, das für den Augenblick geschaffen wurde - für den Augenblick, in dem ein Investor bereit ist, Geld zu investieren, für den Augenblick, der sich aus einem irgendwie ermittelten kurzfristigen Bedarf ergibt, für den Augenblick, der alle Geschichte verdrängt. So wird es sich uns nach Fertigstellung präsentieren. Wir werden wenig damit anfangen können. Hoffentlich wird wenigstens der Hotelier damit glücklich, sonst fallen dem Stadtrat die vier Sterne noch auf die Füße.

Zugegeben - im Unterschied zu den Städten des 19.Jahrhunderts und auch noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts ist an dem, was heute in Städten produziert wird, nichts Schaulustiges mehr. Alles ist heute Dienstleistung, selbst das Handwerk. Die Schaufenster haben sich trotz immensen Aufwandes in ein Nirwana der Werbung verwandelt. Aber das ist ein anderes Thema von kaum minderer Bedeutung. 

Seltsamerweise werden die Gebäude, die mit eingebautem Verfallsdatum erdacht werden, so konstruiert, dass sie ihre inneren Funktionen jederzeit ändern können. Heute noch eine Anwaltskanzlei, zieht morgen ein Finanzdienstleister ein. Wenn dann irgendwann der Augenblick kommt, in dem ein Gebäude wie unser Rathaus unpraktisch und sehr teuer in jeder Beziehung wird, dann stellt man es unter Denkmalschutz - und erklärt es zur Geschichte, zu etwas, was es in seinem Gegenentwurf zu den Bauten der Nazis, nie sein wollte: ein Ewigkeitsbau. Man stolpert über den eigenen, vorhersehbaren Widerspruch. Denn in einem Rathaus wird eigentlich immer Geschichte geschrieben. 


"Rechneten unsere Vorväter in Jahrhunderten, so schon die Moderne der zwanziger Jahre nur noch in Jahrzehnten", schrieb vor zehn Jahren der Architekturkritiker Dieter Bartetzko (1949-2015) in der FAZ. Vor allem die Architekur der sechziger und siebziger Jahre mit ihrer "in Beton gegossenen Bauwut" (Bartetzko) sind heute umstrittener denn je. Der "Glanz der modernen Architektur ist vergänglich", hieß es 1992 ebenfalls in der FAZ. "Sobald Umbauten den Rhythmus der Fassade verändern, erscheint ein Meisterwerk des Neuen Bauens wie eine hingestellte Baracke," schreibt ein anderer Architekturkritiker, Nils Aschenbeck (*1963). Dem Rathaus ist dieses Schicksal bis heute erspart geblieben. Im Gegenteil - das Alexandre bringt Leben unter den Ratsaal. 


PS. Es gibt in Reutlingen sehr geglückte Architektur. Da wimmelt es auch im Innern stets von Leuten. Das ist unsere Stadtbibliothek. Sie wird niemals eine Barache sein. Hier wird jeden Tag abgestimmt. Mit den Füßen.


Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer / Hotelentwurf: Max Dudler / Parkhotel am Listplatz: Familie Lengwin

Siehe auch hier: Der Sonntagsstaat für die Sonntagsstadt