Donnerstag, 20. Juli 2017

Schöngeschaut: Tübingen versus Reutlingen (3)

 Tübingen am Holzmarkt: Der Georgsbrunnen in Tübingen ist erst 1976 (wieder) entstanden...
Reutlingen am Marktplatz: Der Maximiliansbrunnen hielt sich tapfer, auch wenn er Anfang des vergangenen Jahrhunderts ein paar Meter nach links  rücken musste. Für die Straßenbahn hat er das natürlich gerne getan...
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer

Mittwoch, 19. Juli 2017

Schöngeschaut: Tübingen versus Reutlingen (2)

Das ist natürlich unschlagbar: die altmittelstädtische Skyline von Tübingen
 Aber der Himmel über Reutlingen inszeniert sich über dem Tübinger Tor auch nicht schlecht (wenn alles andere ausgeblendet wird und man vergisst, dass Reutlingen unbedingt als Großstadt erscheinen will)
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer (RT) / Jürgen Reich (Tü)

Dienstag, 18. Juli 2017

Schöngeschaut: Tübingen versus Reutlingen (1)

 Tübingen ist immer schön...

Reutlingen hat seine eigenen Faszinationen
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Montag, 17. Juli 2017

REUTLINGEN & TÜBINGEN: DER CLICK IN DIE WIKIPEDIA...

... ist irgendwie auch ein Blick in das Selbstverständnis dieser beiden Nachbarstädte. "Reutlingen ist eine Großstadt", sagt gleich zu Anfang das sich selbst schreibende Lexikon des Internets über RT. "Tübingen (...) ist eine Universitätsstadt", sagt das Wissen der Welt und lokalisiert beide Städte "im Zentrum Baden-Württembergs". Reutlingen referenziert hier Tübingen als "Mittelstadt", betont vor allem aber die Entfernungen zu zwei anderen Großstädten - zu Stuttgart und Ulm. Tübingen ficht das alles nicht an, weiß sich aber als Sitz des "gleichnamigen Regierungsbezirks" und hat kein Problem damit, sich gemeinsam mit Reutlingen als eines der "14 Oberzentren des Landes" zu bestimmen.


Schaut man nun auf die Homepage beider Städte, dann kennen sie einander so gut wie gar nicht mehr. "GROSSSTADT REUTLINGEN" heißt es an der Echaz in GROSSBUCHSTABEN. "Tübingen im Porträt" heißt es eher bescheiden an Neckar. Man sieht sich unaufgeregt als "schwäbische Universitätsstadt", die unter ihren 86.500 Einwohner 28.400 Studenten hat. Die Stadt rühmt sich "eines liebevoll restaurierten mittelalterlichen Stadtkerns". Reutlingen weiß sich mit ihren 115.000 Einwohnern "malerisch eingebettet zwischen Achalm und Georgenberg", erinnert sich natürlich auch ihrer Vergangenheit als "Freie Reichsstadt" bis 1802 - einen Status, in dessen Nähe sie mit dem Wörtchen "kreisfrei" irgendwie wieder kommen möchte.
Kommentar:
Was aber Tübingen im Unterschied zu Reutlingen nicht zu besitzen scheint, ist so etwas wie den Bildertanz mit all den Bürgern, die hier vor allem auf Facebook immerzu "meckern", wie unsere Oberbürgermeisterin Barbara Bosch das nennt, was man seit der Aufklärung, seit Immanuel Kant, "Kritik" nennt. Da hat es ihr Tübinger Gegenüber, Oberbürgermeister Boris Palmer, richtig gut.
(Raimund Vollmer)

Bildertanz-Quelle:RV

Samstag, 15. Juli 2017

STADT IM ZEITBRUCH: Die Christuskirche (1936)



Die Nazis über den Bau der Christuskirche: "Lasst sie nur bauen, schließlich brauchen wir auch Turnhallen!" 
Eine Konzertkirche bauten sich vor mehr als 80 Jahren die Reutlinger - mitten in der Nazizeit. Und die Bürger unserer Stadt sahen darin ein Bekenntnis gegen den Nationalsozialismus und dessen kirchenfeindliche Politik. Es ist ein Zeugnis für Unbeugsamkeit, Ehrlichkeit und Anstand. Am 22. Juli 1935 war der Spatenstich, ein gutes Jahr später, zum 1. Advent 1936, wurde die Kirche eröffnet. Die Pläne für die Kirche, die bis zu 1000 Menschen fasst, kamen von Professor Hannes Mayer.

Zum Kirchenbau schreibt die Wikipedia: "Die Christuskirche ist auch als „Konzertkirche“ geplant worden. Der Schwäbische Singkreis unter Kirchenmusikdirektor Hans Grischkat hatte in dieser Kirche seine Heimat. Eckhard und Renate Weyand standen mit dem „Kantatenchor Christuskirche“ in dieser Tradition, die dadurch bis heute lebendig ist.
Große Werke der Kirchenmusik und Kantatengottesdienste haben die Christuskirche als einen der Schwerpunkte für die Kirchenmusik in Reutlingen und Umgebung geprägt.
Zur Tradition der Christuskirche gehören von Anfang an auch die Künstler, die eingeladen waren, die biblische Botschaft der Gemeinde mit Bildern und Plastiken aus Holz und Stein anschaulich zu machen. Dies waren insbesondere Walter Kohler, Rudolf Müller, Helmuth Uhrig, Ulrich Henn, Martin Scheible, Rudolf Yelin, Jakob Wilhelm Fehrle und Hermann Wilhelm Brellochs.
Diese Tradition wurde fortgesetzt: Gudrun Müsse Florin (Altarfenster, 1989; Ambo mit Antependien, 1992). Einfügung (1997) des Kreuzweges der Versöhnung von HAP Grieshaber."
Nachtrag: Ins Gerede kam die Christuskirche im April 2010 dadurch, dass sie den Grauen Wölfen der Türkischen Gemeinschaft für eine Feier die Tore öffnete. Hier soll der sogenannte (ultrarechte)"Wolfsgruß" ausgeübt worden sein, zu dem es auch ein Video gibt. Wer es sich unbedingt antun will, der kann es HIER sehen. Einen Bericht zu der Veranstaltung haben wir HIER.
Das untere Foto haben wir aus dem Album von Friedrich Fingerle, Altenburg.
Veröffentlicht zuletzt am 13. Oktober 2016 /Aktualisierte Version 15. Juli 2017

Freitag, 14. Juli 2017

DER STUTTGARTER STARTUP-GIPFEL UND REUTLINGEN

Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei der Eröffnung des Startup-Gipfels
 
Zwei Licht-Gestalten aus Reutlingen: egg-tech und Luxflux
Wirtschaft sollte uns im Bildertanz ja auch mal irgendwie interessieren - vor allem dann, wenn wir heute lesen durften, dass Bosch in Reutlingen vor massiven Einsparungen steht. Das war abzusehen, nachdem die milliardenschwere Chipfabrik nicht in RT, sondern in Dresden errichtet wird. Deswegen ist es wichtig, mal zu schauen, ob die Zukunft nicht aus den Startups kommen könnte. Warum also nicht gleich mal nach Stuttgart fahren, um dort am Startup-Gipfel teilzunehmen. Zwei Reutlinger Unternehmen haben wir dort entdeckt, die eine installiert Photovoltaik-Anlagen, die andere ist auf dem dem Gebiet der Spektralanalyse. Beide haben ihre Existenz dem Licht zu verdanken. So richtige Startups, wie man sich das aber nicht. Das sind zwei grundsolide Unternehmen, geradezu klassisch schwäbisch.Doch junge Unternehmen waren sie allemal - und eine ziemlich profunde Meinung zur Zukunft haben die Gründer auch. Kluge Köpfe.
Zuerst einmal ganz allgemein: Das Interesse war groß. 2600 Menschen kamen heute auf das Messegelände in Stuttgart, um zu sehen, welche Innovationskraft denn im Ländle herrscht. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) eröffnete den Gipfel mit kernigen Worten, die vor allem dann auf Beifall stießen, wenn sie den baden-württembergischen Patriotismus ansprachen. Wirtschaftsministern Nicole Hoffmeister-Kraut betonte, dass Baden-Württemberg einen Spitzenplatz dort einnimmt, wo sich Start-up-Unternehmen auf dem Gebiet des B2B (Business-to-Business) engagieren. 


Wirtschaftsministern Nicole Hoffmeister-Kraut, Moderatorin  

Damit meint sie Produkte und Dienstleistungen, die in Institutionen (wie Unternehmen, Banken oder Staat) zum Einsatz kommen. Dazu gehört das weite Feld der Industrie 4.0. Was da als Stärke verkauft wurde, Kretschmann stand da keineswegs nach, ist aber eigentlich ein Zeichen der Schwäche. Denn die Großen der Digitalisierungswelle gründen ihre Macht auf den Konsumenten, also auf uns als Privatpersonen, nicht auf Unternehmen. Sie beherrschen die Schnittstelle zu uns, den Verbraucher, der wahrscheinlich größten Macht im 21. Jahrhundert. Und das haben wir in Deutschland insgesamt noch nicht wirklich verstanden.
 Die Besucher lauschen den Worten des Ministerpräsidenten. Einen Durchhänger hatte nur das Hallendach...
 Am Stand der Region Neckar-Alb - und ein kleiner Blick auf LuxFlux.

Doch zurück zu den beiden Reutlinger Unternehmen. Eggtech heißt die Firma, die sich auf dem Gebiet der Photolvoltaik engagiert. Aus den Initialen ihrer Nachnamen haben die drei Gründer ihr Firmennamen kreiert. Benjamin Eichel und Anne Guggemos vertraten ihr kleines Unternehmen auf dem Gemeinschaftsstand "Neckar-Alb". Das Gespräch war so intensiv, dass ich vergaß, die beiden zu fotografieren. (Das können wir aber nachholen, weil ich diese Firma unbedingt mal besuchen möchte - schon wegen der Adresse: Burkhardt+Weber.Straße.) Auf jeden Fall bestätigten die beiden, die Mitte dreißig sind, dass sie sich zu einer Generation gehörig fühlen, die eigentlich keine neuen Träume mehr hat. Sie machen sich nichts vor, hatten auch keine großen Erwartungen an diese Messe. Denn neue Kunden würden sie hier kaum finden, Investoren brauchen sie eigentlich auch nicht. Sie sind zu der Messe als Aussteller gegangen, weil sie sich über den Tellerrand ihres eigenen Unternehmens hinaus für die Zukunft interessieren. Spüren, was kommt. Fühlen, was geht. Sie taten genau das, was Unternehmer immer tun müssen: Augen und Ohren offen halten. 
"Uns geht es zu gut", meint Marc Henzler, der gemeinsam mit Jan Makowski die Firma LuxFlux leitet. Im Januar 2016 haben die beiden ihr "Startup" gegründet. Investoren brauchen auch sie nicht wirklich, Kunden erwarten sie auch nicht auf der Messe. Dieser Startup-Gipfel ist für sie mehr eine Gelegenheit zum Gedankenaustausch. Das nutzen sie denn auch. Da erfährt man viel - zum Beispiel bekommt man hautnah mit, dass Arbeitslosigkeit der häufigste Grund für Unternehmensgründungen sind. Vor dem Hintergrund der Dauerkonjunktur, die wir momentan erleben, sei also momentan keine große Gründerwelle zu erwarten. Dass seine Firma an der Startup-Messe teilnimmt, hat letztlich denselben Grund wie bei eggtech. Es dient letztlich der Überprüfung der eigenen Situation. 
Eigentlich müssten Investoren solchen Firmen die Bude einrennen, aber wahrscheinlich ahnen sie, dass diese jungen Leute ihren ureigenen Weg gehen. Über das Gerede vom Cyber Valley und all dem kalifornischen Schnickschnack können sie nur lächeln. 
Irgendwie hatte ich am Ende des Tages den Eindruck: Würden unsere Politiker ohne große Entourage durch die Hallen gehen, sich einfach mal wie ganz normale Besucher mit den Ausstellern unterhalten, ohne an das Pressefoto zu denken, dann würden sie mehr erfahren als bei allen Podiumsdiskussionen, an denen sie teilnehmen. Einer tat's: Michael Donth, Bundestagsabgeordneter der CDU hier bei uns. Benjamin Eichel berichtete, dass er mit dem Politiker wunderbar hatdiskutieren können. Seine Augen leuchten. So sollte Politik gemacht werden - im persönlichen Gespräch.
Dann würden unsere Volksvertreter feststellen, dass diese jungen Leute an die Politik keine große Erwartungen haben - außer vielleicht eins: klare und für alle gleich gültige Regeln. Das wäre fast zu schön, um wahr zu sein. Wie gesagt: diese Generation hat keine Illusionen. 
Raimund Vollmer
Ihre Werbefilme konnten die Aussteller auf Großbildschirmen präsentieren. 
Ob den Startup-Interessenten die Podiumsdiskussionen weitergeholfen haben?Bi
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer (Text und Fotos)

Montag, 10. Juli 2017

1817 - Als Reutlingen mit dem Abbau seiner Stadtmauer begann












Vor 200 Jahren waren die Bürger der alten, aber seit 1802 nun nicht mehr Freien Reichsstadt Reutlingen ihrer alten Gemäuer überdrüssig. Die Wehranlage mit Stadtgraben und Stadtmauern hatte schon lange ihre Bedeutung verloren. Der Große Brand von 1726 hatte diese einstmals so stolzen Gewerke auch nicht schöner gemacht, aber sie waren noch weithin sichtbar und charaktervoll. Aber die Menschen hatten die Nase voll vom Mittelalter. Und so rückten die Bürger bei Nacht und Nebel der Stadtmauer zu Leibe. Die Steine der Bauten, die man nicht zu brauchen vermeint, werden weggetragen und an anderer Stelle für Neubauten genutzt.  Reutlingen verändert sich radikal. Der Ledergraben wird zugeschüttet, wichtige Wahrzeichen der Stadt, das Alb- und das Untere Tor verschwinden bis 1834.
Nur einige Reste der Zwingermauer sind heute erhalten. Sie war zwischen halbrunden Türmen eingespannt, die durch einen unterirdischen Gang miteinander verbunden waren. Dieser Gang soll unter die Häuser der Mauerstraße geführt und seinen Anfang am Albtorplatz gehabt haben. Dieser Gang, der eine Höhe von 1,60 Meter hatte, wurde unterbrochen durch sogenannte Brunnenstuben. Das Mauerwerk diente also nicht nur militärischen Zwecken, sondern auch der Wasserversorgung. Solche ein Brunnenstube soll es am Gartentor gegeben haben. Was immer noch von diesem Gang erhalten sein mag, für uns Normalsterbliche sind diese Stücke nicht zugänglich. Auf jeden Fall wurde vor 200 Jahren ganz schön Raubbau an den Mauern betrieben.
Jahre später kamen die Reutlinger zur Besinnung - und so wurde zum Beispiel das Tübinger Tor vor dem Abriss gerettet. Dennoch kam es - obwohl bei Strafe verboten - immer wieder zu Diebstählen von Steinen. Die Reutlinger hatten das Recycling entdeckt - und sich um eine Touristenattraktion gebracht, die heute jedem Vergleich mit Tübingen oder vielleicht sogar Rothenburg ob der Tauber standgehalten hätte.
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer

Sonntag, 9. Juli 2017

Ein neuer Verein: Knöpfe für Reutlingen



Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
Zehn Ausrufe-Zeichen und ein großes Frage-Zeichen hinter dem Verein "Köpfe für Reutlingen"

Frage an einen Verein: Und wo bleibt das Leben?

Wann werden die Menschen, die ihre Interessen in dieser Stadt haben, endlich kapieren, dass es nicht um sie geht?
Da haben sich unter dem Vereinsnamen "Köpfe fürReutlingen" 16 mehr oder minder prominente Damen und Herren zusammengefunden, um für etwas zu sein, gegen das noch nie jemand etwas hatte: "Erfolg". Und davon braucht Reutlingen jede Menge "Mehr", meinen die Protagonisten. Genauer gesagt: zehnmal "mehr", verstärkt durch zehnmal mehr Ausrufezeichen. "Mehr Profil! Mehr Identifikation! Mehr Vernetzung! Mehr Engagement! Mehr Vielfalt! Mehr Jugend! Mehr Vitalität! Mehr Innnovation! Mehr Kommunikation! Mehr Dynamik!" Dazu mehr in den zehn Thesen, die sich dieser Club der klugen Köpfe, auf seine Website geschrieben hat. HIER DER LINK.
Es fehlte eigentlich nur ein Ausrufezeichen: Mehr Geld! Das haben sie nicht verlangt.
Wir alle wissen aber, wie das Synonym für Geld lautet: Erfolg. So unscheinbar dieses Wort wirkt, es ist der Superlativ unter den Euphemismen.
Vielleicht deshalb, weil mir alles zu platt daherkam bei dem Versuch, uns, die Bürger als "Köpfe für Reutlingen" zu gewinnen, habe ich mir erlaubt, mal herauszuspüren, für wen oder was wir, die Bürger dieser Stadt, eigentlich benötigt werden, für was und wen wir uns einspannen lassen sollen. 
Denn dass wir eingespannt werden sollen, das spuckt sich aus jeder der zehn Thesen heraus.Wofür brauchen die "Köpfe für Reutlingen" unsere Köpfe?
These 1: Mehr Profil! Schon sind wir mitten im Marketing-Gewäsch. Es geht um "unsere Alleinstellungsmerkmale", die uns helfen sollen, "überregional wahrgenommen zu werden". Mal abgesehen davon, dass unsere "Alleinstellungsmerkmale" nicht wirklich genannt (wahrscheinlich auch gar nicht gekannt) werden, haben wir keinen Mangel an überregionaler Wahrnehmung. Von den 5000 Bürgern, die in den letzten fünf Jahren nach Reutlingen kamen, waren 3.500 Menschen, die als EU-Auslandsbürger (also keine Flüchtlinge) zu uns kamen. Wir werden mehr als nur "überregional" wahrgenommen. Wir sind europaweit attraktiv. Und damit, was den Wohnungsmarkt anbelangt, längst überfordert. Mehr Profil braucht vielleicht der Einzelhandel, aber das ist ein hausgemachtes Problem.
These 2: Mehr Identifikation! "Wir brauchen Bürger, Organisationen und Unternehmen, die sich selbstbewusst zu ihrem Standort bekennen", allerdings nur um "seine Stärken und seine Vielfalt authentisch (zu) verkörpern". Das ist ja schon ein starkes Stück. "Dies ist das Zeitalter der Kritik" hat Deutschlands wichtigster Mann der Aufklärung, der Philosoph Immanuel Kant, einmal gesagt. Das allein macht unser Zeitalter, das seit 250 Jahren von klugen Köpfen wie Kant und Hegel geprägt wird, authentisch. Identifikation ohne Kritik ist nicht zu haben, ist schon gar nicht authentisch.
These 3: Mehr Vernetzung! Hier geht's zur Sache. Hier geht's um "unseren Erfolg" (was immer das konkret ist und wer mit "wir" gemeint ist.) "Intensiven Austausch von Ideen" wünschen sich die "Köpfe für Reutlingen", wünschen sie sich für "unseren Erfolg". Da gehört ein Ausrufezeichen hin, denn es geht - wohlgemerkt! - um "unseren Erfolg", nicht  um unseren gemeinsamen Erfolg. Hier wird der ganze, der schiere Egoismus deutlich. Ideen leben nicht vom intensiven Austausch, im Gegenteil: sie sterben daran, wie jeder weiß, der versucht, seine Ideen auch mal gegen Geld einzutauschen. Ideen sind bei uns Gemeingut, sie haben im "Land der Ideen" nur dann einen Wert, wenn sie aus den USA kommen (weil die Amerikaner wissen, dass man nicht nur in Ideen investieren muss, sondern man muss sie auch bezahlen. Deswegen werden wir auch regelmäßig von ihnen überrannt). Mehr Identifikation! Ehrlich gesagt, das will unter diesen Bedingungen nicht in meinen Kopf hinein.
These 4: Mehr Engagement! "... werden wir erfolgreich sein", heißt es hier so flach, dass wir, die Bürger dieser Stadt, ganz bestimmt nicht hineinpassen, schon gar nicht mit "mehr Engagement". Reutlingen ist eine Stadt, die alles will, aber ganz bestimmt nicht "mehr Engagement", mehr Bürger-Beteiligung. Reutlingen will Versorgung. Reutlingen will Zerstreuung, wie alle Stadtfeste, alle Stadthallenprogramme, alle Verkaufsnächte uns zeigen. In Reutlingen ist ansonsten Ruhe die erste Bürgerpflicht - und die lassen wir uns von keinem nehmen, sonst heißt es: "Kopf ab!" Rollende Köpfe ist bestimmt nicht das, was wir uns unter "Köpfe für Reutlingen" vorstellen sollen. Trotzdem möchte man den Vereinsköpfen hier einen Punkt geben, wenn man nicht den starken Verdacht hätte, dass es in Wirklichkeit nur um mehr Aufmerksamkeit für die eigenen Sachen ginge, um die Themen, in denen "wir erfolgreich sein" werden, nicht um das Engagement an sich.
These 5: Mehr Vielfalt! Auch da möchte man mit seiner eigenen, ganzen Vielfalt sofort dabei sein, wenn man sich nicht schon wieder so völlig einfältig vereinnahmt fühlen würde. "Vielfalt" ist nämlich nicht ein Ziel an sich, sondern "eine hervorragende Voraussetzung, unseren Standort nach vorne zu bringen", heißt es erneut ziemlich platt bei den "Köpfen für Reutlingen". Und dann kommt es noch ganz dicke: "Wir müssen die Vielfalt entschlossen nutzen." Wer ist wir? Und wofür nutzen?
These 6: Mehr Jugend! Damit die Jugend erst gar nicht auf dumme Gedanken kommt, werden für "mehr Jugend" all die Allgemeinplätze wiederholt, die schon für das Mehr der anderen Thesen diente. Mein erster Gedanke war: Ich bin jetzt 65. Es wird Zeit, dass ich verschwinde, damit mehr Jugend in der Stadt ist.
These 7: Mehr Authentizität! Auch hier wiederholen sich die Argumente. Vitalität besteht darin, dass man sich zu seinem Standort bekennt. Trotz These 6 möchte ich mich zu meinem Standort bekennen. Also: Ich bekenne mich. Ob es authentisch ist, entscheiden die "Köpfe für Reutlingen".
These 8: Mehr Innovation! In dieser These wird auch zuvor Gesagtes wiederholt. Sie enthält keine Innovation. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Reutlingen ist in all seinen Institutionen überhaupt nicht in der Lage, eine echte Innovation zu erkennen.
These 9: Mehr Kommunikation! Die Argumente wiederholen sich auch hier, was natürlich ein Hinweis darauf ist, wozu den "Köpfen für Reutlingen" die Kommunikation dient: für Wiederholungen. Denkt daran: Kommunikation ist noch lange nicht Information.
These 10: Mehr Dynamik! Das wünschen wir vor allem den "Köpfen für Reutlingen".

Am 18. Juli 2017 wollen sich die "Köpfe für Reutlingen" zu einem "Zukunftsforum" im Kunstverein Reutlingen treffen. Beginn: 19.30 Uhr. 
Es ist ein "Come-Together", wie es heute mangels deutscher Sprachqualitäten heißt. Wenn dieses Zukunftsforum so ist wie die zehn Thesen, dann wird auch dort ein Begriff fehlen, den wir eigentlich zentral halten für alles, was in Reutlingen geschieht. Es ist das schlichte Wort "Leben". Es fehlt komplett. Und das sagt alles.
Die zehn Thesen sagen nur - und das ist zutiefst erschütternd - wie wir, die Menschen für Reutlingen, zu funktionieren haben. Sie fragen nicht, warum wir hier leben und warum wir unsere (Wahl-)Heimat lieben und zwar ziemlich vorbehaltlos. Die Köpfe für Reutlingen wollen Knöpfe für Reutlingen, auf die sie dann drücken können.
Die einzige Hoffnung, die ich habe, ist, dass ihnen der Schwachsinn, den sie auf ihrer Website veröffentlicht haben, gar nicht bewusst ist, sondern dass sie meinen, es doch gut mit uns zu meinen - und nicht mit sich selbst. 

Samstag, 8. Juli 2017

Kulturnacht: Ein Zeitsprung in die "Adenauer-Zeit"

Heinrich Böll meinte einmal, dass nur eine Epoche tatsächlich nach einem Kanzler benannt worden war: die Adenauer-Zeit. Sicherlich, es gab schon die "Kohl-Ära" oder auch die "Brandt-Ära", aber das war jeweils nur ein Abklatsch im Vergleich zu den 14 Jahren Kanzlerschaft von Konrad Adenauer. Diese Epoche wird auf jeden Fall Thema unseres Beitrags zur Kulturnacht sein. Hier mal ein paar Fotos aus einem Film, mit dem wir die Musik von Jitterbug Bites begleiten werden. 











Bildertanz-Quelle:Im Bild

Donnerstag, 6. Juli 2017

In welcher Stadt wollen wir leben? Eine Erwiderung von Katrin Korth



Dr. Katrin Korth war bis Ende 2016 stellvertretende Leiterin des Tiefbauamtes in Reutlingen. Unsere Stadt liegt ihr immer noch am Herzen, auch wenn sie nicht mehr hier tätig ist. Ein Essay von Raimund Vollmer hier im BILDERTANZ-BLOG hat inklusive der Kommentare auf Facebook "Unbehagen" bei ihr erzeugt. Und so  hat sie sich hingesetzt, um diesem Unbehagen Ausdruck zu geben. Aus diesem Unbehagen wird  - für uns - ein Lesevergnügen. Die Bilder, mit denen wir Korths Beitrag schmücken, sind aus dem Bildertanz-Album von Fritz Haux. Ob Frau Doktor sie auch ausgewählt hätte...  (RV)
____________________________________________________________

Wieder ein klugkritischer Bericht im Bildertanz über das Unbehagen mit moderner Architektur und Stadtplanung, über wahnwitzige Ideen von Architekten, über Tradition und Moderne, das Verhältnis von Architektur und Macht, über die Rückkehr des Hochhauses in die Stadt und die Vielfalt des Lebens. Wunderbar. Nach wie vor ist der Bildertanz in Reutlingen einer der wenigen Orte und damit viel mehr als nur ein soziales Medium, an dem der Diskurs über Stadtentwicklung in Reutlingen versucht wird. Das macht ihn so unersetzbar.
Gleichzeitig erzeugen die Beiträge und Diskussionen mitunter ein Unbehagen bei mir. Viel pauschales „Alles schlecht heute“ und „böse Stadtplaner und Bürgermeister, die alles Schöne abreißen“. Auch im aktuellen Beitrag fand sich dieser Unterton, dass den Bürgerinnen und Bürgern schreckliche moderne Architektur und Stadtplanung übergestülpt würde und sie dem hilflos ausgesetzt wären. 

Wird Architektur und Stadtplanung den Menschen übergestülpt? Charlie Bildertanz richtete den Blick auf die letzten 50 Jahre mit schönen Beispielen und Zitaten wie dem, dass der Krieg eigentlich viel zu wenige Häuser zerstört habe, welches Oskar Kalbfell zugeschrieben wird - und dass ich auch von mehreren anderen, zum Teil namhaften Stadtplanern, Politikern und Bürgermeistern aus dieser Zeit kenne. Dem von (vermeintlich) gesichtsloser Stadtplanung geplagten Reutlinger spricht das aber sicher aus der Seele: seht, bei uns ist es schon immer am Schlimmsten. Ist es nicht, besuchen Sie mal Darmstadt, danach wird Ihnen Reutlingen wie ein Kleinod vorkommen.

Der Blick auf die letzten 50 Jahre reicht für die berechtigte Kritik an der Moderne nicht. Architektur und Stadtplanung der Nachkriegszeit und ebenso die schrecklichen Auswüchse heute sind nicht zu verstehen ohne das 19. Jahrhundert und das gigantische Wachstum der Städte, die Enge und den Schmutz, die furchtbaren sozialen und hygienischen Zustände ohne sauberes Trinkwasser mit verschlammten Straßen und schmutzigen Fabriken, welche Abgase und Abwasser ungereinigt über die Menschen ergossen. Die aktuellen Feinstaubbelastungen sind dagegen ein Fliegenschiss. Architektur und Stadtplanung der Nachkriegszeit sind auch nicht zu verstehen ohne Berücksichtigung der sozialen Bewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, wie Gartenstadt- und Volksparkbewegung und das Neue Bauen, vor allem aber nicht ohne die Charta von Athen aus dem Jahr 1933. In ihr wurde die funktionsräumliche Trennung von Arbeiten, Wohnen, Erholen und Bewegen als städtebauliches Leitbild festgeschrieben, die im Grunde genommen bis heute praktiziert wird. Ziel war die Beseitigung sozialer Missstände, Nebeneffekt war eine gigantische Zerschneidung von Stadträumen mit riesigen Verkehrsmagistralen, weiten Wegstrecken zwischen Arbeit und Wohnen - und infolge dessen immer leistungsfähigere technische Fortbewegungsmittel (S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn). Auch das Auto wäre ohne die funktionsgetrennte Stadt nicht denkbar – enge Altstadtgassen brauchen kein Auto, die funktionsgetrennte Stadt mit ihren weiten Wegen schon. Die funktionsgetrennte Stadt hat den Niedergang der Innenstädte und Städte beschleunigt, die Großsiedlungen mit öden Blocks und Hochhäusern sind sichtbare Zeichen dieser Zeit. Nicht zuletzt deshalb setzte in den späten 1960er Jahren eine breite gesellschaftliche Debatte über den Niedergang der Städte ein (neben Bürgerinitiativen, Architekten, Stadtplaner und selbst der Deutsche Städtetag). In der Folge wurden Landesdankmalschutzgesetze verabschiedet und erste städtebauliche Erneuerungsprogramme zur Vitalisierung der historischen Stadtkerne aufgelegt. Dass sich aktuell in einigen Städten (und auch in Reutlingen) die Wiederkehr des Hochhauses gefeiert wird, ist eine unglückselige Fußnote der jüngeren Geschichte, wider besseren Wissens, was qualitätsvolle Stadtplanung bedeutet. Hochhäuser zu errichten, um die Rückkehr der Menschen in die Stadt und das Wachstum der Städte zu bewältigen, ist das Dümmste, was man tun kann, denn Dichte und Urbanität lässt sich damit nicht erzeugen. Für die Stadt sind Hochhäuser eine Katastrophe, sie sind lebensfeindlich, zumindest wenn man eine lebendige Stadt im Sinne des Leitbildes der europäischen, urbanen Stadt will. Auch fürs Stadtklima sind Hochhäuser schlecht. Und wie man sich als Mensch zwischen den verschatteten Beton- und Glasfassadenschluchten fühlt, kann man in Frankfurt erleben. Nur aus der Entfernung hat das Hochhaus einen gewissen Charme. Doch die Skyline ist eben nur ein Abbild der Stadt und nicht die Stadt selbst.

Der Krieg hat beim Niedergang der Stadt eine eher geringe Rolle gespielt - die Zeit der großen Stadtzerstörung war die Nachkriegszeit. Einen gewichtigen Teil am Niedergang der Stadt hatte und hat die autogerechte Stadt, das lässt sich in Reutlingen bis heute gut ablesen. Sechsspurige und achtspurige Straßen sind kein Lebensraum, sie sind Platzverschwendung. Für diese Straßen wurde viel Stadtraum zerstört und keine noch so gut gelungene moderne Bebauung kann das wieder gut machen. Möglicherweise fragt man sich an dieser Stelle, wie denn die vielen Menschen in die Stadt kommen sollen ohne Auto. Ich kenne nicht wenige Menschen in Reutlingen, deren Arbeitsweg weniger als 5 km lang ist (und bei diesen Wegen ist das Fahrrad eindeutig im Vorteil) und die dennoch jeden Tag das Auto nutzen, manchmal mit der Begründung eines schlechten ÖPNV, oft aber aus reiner Bequemlichkeit. Übrigens (auch das ist eine Fußnote der Geschichte, allerdings mit besserem Ausgang) sollte auch die Tübinger Altstadt nach dem Krieg abgerissen werden, nur Rathaus, Schloss und Kirche sollten stehen bleiben, auf dass die Stadt autogerecht werde. Welch ein Glück, dass dies nicht passiert ist, der erwartete Verkehrskollaps ist auch ausgeblieben, auch wenn das manch einer immer noch anders sieht. Dafür entstand eine Stadt mit hoher Lebensqualität.
Aus dem fachlichen Blickwinkel heraus ist es allerdings problematisch, dass sich Stadtplanung und Architektur mitunter schwer tun mit dem Bestand und viel lieber neu bauen. Das war früher so und ist heute immer noch nicht viel besser. Einer der wenigen, dem beispielsweise in Reutlingen ein guter Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz gelungen ist, war Prof. Engels, der frühere Baubürgermeister. Die funktionsgerechte Stadt war damit für Politiker, die offensichtlich am liebsten Einweihungen feiern, sondern auch für viele Stadtplaner ein Segen, so konnten sie sich im Neubau austoben. Gleichwohl hat die funktionsgetrennte Stadt auch Gutes hervorgebracht , die Wohnqualität ist deutlich gestiegen, es gibt in den Stadtvierteln ausreichend Grün- und Freizeitflächen, Abwasserentsorgung funktioniert, schließlich wurden schmutzige Industrien aus den Innenstädten und Wohnquartieren verbannt.
Nun kann man noch beklagen, dass die Stadtplanung in der Vergangenheit und auch der Nachkriegszeit nicht demokratisch sondern von oben verordnet war. Und trotz formeller Beteiligungsinstrumente scheint sie auch heute noch vielfach undemokratisch zu sein. Gleichzeitig ist das mit der Demokratie so eine Sache, denn manches lässt sich nur schwerlich demokratisch entscheiden. Fahre ich mit dem Auto zur Arbeit, wird mein Interesse in gut ausgebauten Straßen und grünen Wellen liegen. Laufe ich zu Fuß oder lebe an einer vielbefahrenen Straße, leide ich wahrscheinlich unter dem Gestank der Abgase und wünsche mir die Autos (vor meiner Haustüre) weg. Betrachte ich mein Ladengeschäft in der Innenstadt, dann möchte ich viele Parkplätze direkt vor der Tür. Betrachte ich die gesamte Altstadt, dann sind Parkplätze für die Erlebbarkeit der Stadt höchst abträglich. Es braucht also eine Abwägung, fachlich und politisch.

Unser Blick auf Architektur und Stadtplanung hat dennoch viel mit unserer persönlichen Wahrnehmung und unserer eigenen Haltung zu tun. Wir haben als Menschen alle – jeder auf seine oder ihre Art (ich nehme mich da nicht aus) – einen Beitrag geleistet, dass die Städte heute sind wie sie sind. Wir wollen das großzügige Einfamilienhaus im ruhigen Ortsteil mit Parkplatz direkt vor dem Haus anstatt beengt in der Innenstadt zu leben. Wir wollen möglichst verkehrsgünstig an den Schnellstraßen leben, doch abgeschieden genug, dass der Verkehrslärm nicht stört. „Alle“ lieben historische Altstädte, und dennoch wollten nicht wenige Besitzer (Alteingesessene übrigens überwiegend)lieber am ruhigen Stadtrand wohnen, haben ihre Immobilien lange Zeit sträflich vernachlässigt und häufig den maximalen Profit bei der Vermietung herausgezogen oder die Gebäude wenig sensibel verändert. Und wer will schon in Häusern mit steilen Treppenstiegen, dunklen Zimmern und Deckenhöhen von unter zwei Metern leben? Wir bestehen auf maximaler Individualität (z.B. freie Fahrt für freie Bürger, kostenlose Parkplätze für alle), auch wenn wir eigentlich wissen sollten, dass dies dann zu Lasten anderer Dinge geht, meistens derjenigen, die keine Lobby haben. Wir wünschen uns individuelle Architektur und wohnen selbst oft freiwillig in gesichtslosen Häusern, quadratisch, praktisch gut. Wir wollen eine durchgrünte, baumbestandene Stadt mit Staudenbeeten und Sommerflor, selbst fällen wir aber die großen Bäume auf unserem Grundstück, denn sie machen Arbeit (alternativ pflanzen wir erst gar keine), wir legen in unseren Vorgärten Schotterflächen an, die mit Beet so rein gar nichts mehr zu tun haben, weil das so praktisch ist und verzichten auf die Geranien auf dem Balkon, denn die machen auch nur Arbeit. Wir stören uns am Verkehrslärm und legen jeden noch so kurzen Weg mit dem Auto zurück.
Wir sind Teil des Systems. Und welche Architektur und Stadtplanung wünschen wir uns nun? Bei dieser Antwort blieb Charlie leider etwas schwammig: die Vielfalt des Lebens, nun ja. Ich nenne es lebenswerte Stadt (nach Jan Gehl, der dazu viel Kluges geschrieben und auch geplant und gebaut hat). Um herauszufinden, was lebenswerte Stadt sein kann, hilft der Blick auf die historische Stadt und gleichzeitig die Beobachtung der Menschen und ihrer Vorlieben und Bedürfnisse. Lebenswerte Stadt inszeniert die Übergänge zwischen Innen und Außen, schafft Nutzungsmischung und individuelle Wohnungsgrundrisse für eine vielfältige Bewohnerschaft. Der Schlüssel ist das Zusammenspiel von aktiver, sozial indizierter Wohnraum- und Freiraumentwicklung. Lebenswerte Stadt redet nicht nur von „Stadt der kurzen Wege“, sondern schafft Quartiere, in denen die Erdgeschosse öffentlich genutzt werden durch Cafés, Restaurants, Läden, Arztpraxen, Büros und Werkstätten. Lebenswerte Stadt braucht Parzellen und eine kleinteilige Architektur, den klaren Nutzen eines Bauvorhabens für das Quartier und nicht die ewig gleichen Gebäude und Gebäudefluchten in weiß/grau/schwarz. Lebenswerte Stadt plant und baut breite Fuß- und Radwege, hat einen guten ÖPNV (auch abends und nachts) der Stadtbaum ist wichtiger als eine überbreite Straßenkreuzung und es gibt Stadtplätze, die nicht nur Steinwüsten sind, sondern zum Aufenthalt einladen. So entsteht Vielfalt - bei den Häusern, im Stadtraum und bei den Menschen. Und so entsteht eine Stadt, in der die Menschen gern und freiwillig draußen sind und sich begegnen, denn das will Stadt letztlich sein: die Möglichkeit der Begegnung. All das fördert wiederum die Sicherheit, denn was nutzt es, dass beispielsweise Reutlingen eine der sichersten Großstädte Deutschlands ist, doch nach 19.00 Uhr die Straßen leer sind, was vor allem Angst erzeugt.  Aber vielleicht sollen ja die Menschen daheim bleiben?
Darüber braucht es eine Diskussion, und dafür braucht es stadtplanerische Instrumente, die es ja alle gibt, die man eben nur anwenden muss. Dann verträgt eine Stadt auch sehr gut Investoren, die meiner Auffassung jede Stadt braucht, die aber klare Vorgaben benötigen über das, was eine Stadt will (Mir hat übrigens mal ein Architekt gesagt, dass man sich in Reutlingen nicht anstrengen müsste, denn die Stadt genehmigt eh alles und dass die Investoren und Architekten ganz gut auch mit mehr Vorgaben leben könnten). Es braucht ein Leitbild für die Stadt, und hierbei geht es nicht um das Positionieren von Häusern im Stadtgrundriss oder die Anzahl der Kindergartenplätze, sondern um die gewünschte Qualität der Stadt- städtebaulich, ökologisch, sozial. Aber, auch das ist eine Bedingung für gute Stadtentwicklung, die lebenswerte Stadt braucht Vorbilder, die genau das vorleben.
In eigener Sache:
 Ich hätte diesen Text anonym schreiben können. Doch ich habe mich entschieden, ihn unter meinem Namen zu veröffentlichen, auch wenn möglicherweise der eine oder die andere empört denken wird: was will die denn noch? war nur kurz da, ist ohnehin keine Reutlingerin und jetzt sowieso nicht mehr da, „rübergemacht nach Tübingen“ und schließlich, was meckert sie jetzt herum, hätte es doch besser machen können. Doch das ist eine eigene und sehr spezielle Geschichte, die hier keine Rolle spielt. In den letzten Jahren habe ich versucht, einiges zu verändern, gemeinsam mit anderen Menschen. Manches ist gelungen, manches nicht. Eigentlich könnte ich Reutlingen vergessen. Doch aus vielerlei Gründen ist Reutlingen exemplarisch. Weil die Stadt überschaubar ist und Schönes und Schreckliches unmittelbar nebeneinander existieren, lässt sich an Entwicklung und aktuellem Zustand der Stadt viel Allgemeines ableiten. Stadtentwicklung und Stadtpolitik sind eben nicht nur schwarz-weiß. Und immer noch mag ich vieles an der Stadt: die Altstadt, die Parks (auch den Bürgerpark, der jetzt seinem Namen gerecht wird), die Feste und Märkte, die eine oder andere Kneipe und einige Menschen. Deshalb schreibe ich über Reutlingen, aber auch über andere Städte, über urbane Freiräume und Stadtentwicklung, hier und in meinem Blog platzmachen.com.


Bildertanz-Quelle:Sammlung Fritz Haux/ RV