Mittwoch, 13. Februar 2019

Altenburg am Neckar: Mein Freund Vittorio






Vittorio ist tot. Ein Musiker mit Leib und vor allem viel, viel Seele. Leidenschaftlich, feinfühlig, romantisch, dickköpfig  - und ein wenig an Ludwig van Beethoven erinnernd. 1946 in Süditalien geboren kam er in den sechziger Jahren nach Deutschland, nach Reutlingen und fand vor 30 Jahren in Altenburg seine zweite Heimat. Denn Italiener blieb er immer. Sein Deutsch war perfekt, absolut, so perfekt, dass man ihn eher für einen Norddeutschen gehalten hätte als für einen Südeuropäer. Seine kompetente Sturheit, die ich als Westfale durchaus zu schätzen wusste, war schön überwältigend. Für seinen Dickkopf litt er gerne, aber das, was ihn an Schicksalsschlägen in den letzten 20 Jahren ereilte, war einfach nur noch ungerecht. Seine eigene Erkrankung, die ihn jetzt in den Tod führte, war vielleicht das, was er noch am ehesten ertragen konnte. Der Tod seiner ältesten Tochter und all die anderen, kleineren und größeren Schicksalsschläge im Kreis seiner Familie, haben seine Tapferkeit bis aufs Äußerste strapaziert. Und dennoch blieb er ganz bei sich selbst, ein Charakterkopf.
Vor 15 Jahren, im Mai 2004, hatte er bei einer Aufführung des Ausländerbeirats im Spitalhof aufgespielt. Er hatte mich gebeten, ihn zu begleiten. Dastat ich natürlich gerne, war mir sogar eine Ehre. Zu diesem Zeitpunkt waren wir beide dabei, in Altenburg den "Bildertanz" vorzubereiten - als multimedialen Dorfabend, wobei wir -bis auf ein Musikstück - ausschließlich seine Kompositionen, seine Arrangements, von ihm selbst gespielt, einsetzten. Unsere Festhalle war proppevoll. Ein großer Triumph für ihn.
Doch zurück zu diesem Maienabend im Jahr 2004. Vittorio spielte - und ich dachte mir so, dass es aus diesem Anlass ein Foto mit unserer fruschgekürten Oberbürgermeisterin, die ja auch anwesend war, geben müsste. Ich habe sie dann gefragt - und sie war dazu gerne bereit. So entstand dieses Foto.
Uns verband eine sehr widersprüchliche Freundschaft. Aber im Grunde unseres Herzens haben wir uns gemocht wie Brüder. Zusammen haben wir vor 20 Jahren etwas ganz Verrücktes versucht: Wir haben zusammen ein Musical geschrieben. Für Schulen. Er hatte versucht, mit das Klavierspielen beizubringen - und ist erfolgreich an meiner Unfähigkeit gescheitert. Aber in dieser Zeit haben wir beide uns viel über Musik unterhalten. Er wollte die echte, die nicht programmierte Musik. Die wahre Liveaufnahme. Und das war dann auch ein Thema im Hintergrund dieses Musicals. Es wurde das am meisten nicht aufgeführte Musical der Welt. Wir haben eigentlich immer nur ein paar Stücke daraus präsentiert, wunderbar gesungen von seiner Tochter Manuela.
Vielleicht hätten wir beide noch einiges in das Musical an Grips und Kreativität investieren müssen, um es in seiner Gänze anbieten zu können. Wir haben es auch schüchtern, wie wir waren, versucht. Aber es gefiel wohl nicht. Reutlingen eben. Oder wir waren nicht gut genug.
Aber wir haben gemeinsam etwas Verrücktes getan. Nun ist Vittorio im Himmel. Und ich weiß genau: das Halleluja ist nun ein Stückchen italienischer geworden.(Raimund Vollmer)
Vittorio - ein Freund für alle Zeiten. 
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Sonntag, 10. Februar 2019

REUTLINGEN BEI NACHT. Eine Geisterstadt?










Natürlich nicht - zumindest in den Abendstunden pulsiert hier das Leben. Autos rauschen vorbei. Die Wilhelmstraße leuchtet vor sich hin. Die Müller-Galerie ist von sich selbst verzaubert. Über den Dächern herrscht Ruh - und der Hochhausheilige Züblin. Reutlingen kann so schön sein. Wie geleckt. Dimitri schafft es einfach, diese seltsame Stimmung, in die sich unser Reutlingen abends eintaucht, wunderbar widerzugeben. Euer Charley
Bildertanz-Quelle: Dimitri Drofitsch
Bildertanz-Quelle:

Montag, 4. Februar 2019

OB-Wahl 2019: Eine andere Form der Bürgernähe


Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer






Zwei Jahrzehnte lang investierte die Stadt Reutlingen vor allem in ihre Kernstadt, dem Teil also, der für Großstadt steht. Mit einer Wahlbeteiligung von 25 Prozent in der Stadtmitte zeigte sich einmal mehr, dass es keine Investition in mehr Bürgernähe war - in mehr Nähe der Bürger zu ihrer Stadt und deren Gemeinwesen.

Immer dann, wenn "panem et circenses" angeboten werden, Brot & Spiele, ist die Stadt voll. Dann strömen die Massen in die Stadt - und sie kommen dann auch von überall her. Mehr innere Verbundenheit, Identität gar, schafft dies nicht. Am Ende sind es nur Fleißkärtchen fürs Stadtmarketing - ein Existenznachweis. Ob es den Einzelhandel rettet, ist fraglich. Mit Sicherheit nicht die eigentümergeführten Geschäfte. Die geben mehr und mehr auf. Ketten übernehmen deren Verkaufsräume. Eine Stadt anonymisiert sich. Von 51.213 wahlberechtigten Einwohnern in der Stadtmitte gingen nur 28,3 Prozent gestern zur OB-Wahl. Ein erbärmliches Ergebnis, wenn man bedenkt, dass hier - in diesem so umworbenen urbanen Umfeld - 60 Prozent der Menschen unserer Stadt leben. Hier leben Menschen, für die so vieles, was sie für ihr tägliches Leben brauchen, eigentlich fußläufig zu erreichen sein müsste. Das ist es aber wohl eher nicht. Vorbei die Zeiten, in denen es in der Wilhelmstraße "Kaiser's Kaffeegeschäft" gab oder man gar beim "Horten" im Untergeschoss noch eine Lebensmittelabteilung hatte. 

Die Zielgruppe, auf die doch vom Markenkern bis hin zum Stadtkreis, von der Stadthalle oder "Tonne" bis hin zu neuen Hochhausgestalten alles ausgerichtet war, wird nicht erreicht. Und wenn einer der Bewerber um das Amt des OBs sagt, dass er möchte, dass die Verwaltung den Bürger als Kunden behandelt, dann hat er das bestimmt gut gemeint, aber auch seine Denke verraten: er sieht den Bürger nicht als Bürger, sondern nur als Käufer, als Empfänger. Und so haben sich die Wähler gestern bei dem ersten Wahlgang zur Kür unseres neuen Oberbürgermeisters verhalten. Sie verstehen sich als Kunden.

Das sollte unserem zukünftigen Oberbürgermeister, den wir nun am 24. Februar ermitteln werden, sehr, sehr zu denken geben. Bleibt der noch unbekannte Neue bei der Linie, die vor allem in der Ära Bosch/Hotz/Hahn eingeschlagen wurde, dann wird Reutlingen für viele Menschen zwar ein Zuhause sein, aber niemals Heimat. Sie werden kommen und bleiben wegen des Jobs, nicht aus Zuneigung und Zuwendung. Bürgernähe entsteht so nicht. Diese zu erzeugen wäre die vornehme Aufgabe auch eines Stadtmarketings - gerade angesichts der Tatsache, dass dessen Budget mächtig aufgewertet wurde. Masse statt Klasse ist hier die Devise. Und auch unsere Stadthalle wirkt mit ihrem Programm nicht wirklich identitätsstiftend.

In den Außenbezirken, den Stadtteilen, in unseren Dörfern, ist dem Schreiber dieser Zeilen keine Aktion erinnerlich, in der das Stadtmarketing seine Energie eingebracht hat. Entweder gab es solche Initiativen gar nicht, oder sie hinterließen keine bleibende Gedächtniswirkung. Auf Dorffesten habe ich jedenfalls noch kein bewusstes Auftreten des Stadtmarketings registriert. In Reutlingen gibt es da nur Stadtfeste, mit denen sich die Vereine aus den Dörfern in ihrem Engagement wiederum mehr und mehr schwertun.

Reutlingen ist nicht die Stadt der Dörfer. Und wir alle vermuten, dass dies auch nie ein Konzept war. Was ist sie dann?

Das fragen sich mit Sicherheit nun jene 40 Prozent der Wahlberechtigten, die hier wohnen und die bislang ein im Vergleich zur Stadtmitte erheblich höheres Wahlengagement gezeigt haben. Je weniger Menschen in einem dieser Dörfer wohnen, je kleiner es ist, desto größer die Wahlbeteiligung. Sehr seltsam, oder?

Je weiter vom Stadtkern entfernt, desto stärker die Bürgernähe - also die Nähe der Bürger zu ihrer Stadt. Umgekehrt wird daraus aber noch lange kein Schuh. Am liebsten möchte man diese "Stadtbezirke" (ein Begriff, der den an Eigenständigkeit erinnernde Begriff "Dorf" meidet) in Quartiere umbenennen und umdeuten - also in Versorgungseinheiten. Die Menschen, die sich hier noch als Bürger fühlen (und auch deshalb zum Wählen gehen), werden in einem schleichenden Prozess zu Kunden degradiert.

Ist die Anonymisierung und Passivierung der Lebensverhältnisse der  große Trend, den auch ein Oberbürgermeister nicht stoppen kann, weil er von allen getragen wird, als unausweichlich gilt angesichts immenser Überbelastungen, dann schauen wir traurigen Zeiten entgegen. Dann haben wir alle resigniert.

Das kann nicht sein. Am 24. Februar zeigen wir uns selbst, wie nah uns diese Stadt ist - und gehen zur Wahl.
Bildertanz-Quelle:Sammlung Bildertanz