Donnerstag, 29. November 2018

Freitag, 16. November 2018

OB-Wahl: Der falsche Wahlkampf


Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

Wie dicht und eng und wie hoch und wo wollen wir wohnen?
 
Hätte er jetzt nicht doch durchhalten müssen, dieser Philipp, der uns, vor allem den Alten unter uns, zeigen sollte, was Digitalisierung bedeutet, in welchen Höhen sich die Stadtentwicklung aufmacht, wie er mit der Stadt-Partei Deutschlands, der SPD, im Rücken die Zukunft gestaltet? Irgendwie ist es schade, dass er sich nun seiner Kandidatur nicht stellt. Dann hätten wir nämlich erfahren können, wie sich die junge Generation die Zukunft vorstellt. Dass es ein Jung gegen Alt werden würde, hatte die Findungskommission, dieses Häuflein um (Helmut) Treutlein irgendwie auf der Wahlkampfagenda. Und die Reutlinger hätten schon gerne erfahren, was die jungen Leute unter neuen Ideen verstehen.
Nun wird es wohl vor allem eine Entscheidung zwischen Kandidaten werden, die in der zweiten Hälfte ihres Lebens stehen. So war es eigentlich immer. Reutlingen hatte zudem nach dem Krieg noch nie einen dreisilbigen Oberbürgermeister. Riethmüller geht einfach nicht. Nun steht der Einsilber gegen den Zweisilber: (Thomas) Keck versus (Christian) Schneider. Was sonst noch kommt, wissen wir nicht, aber bei den Grünen wird entweder die Silbe "Berg" vorne stehen oder hinten: (Holger) Bergmann oder (Cindy) Holmberg. Er, ein Fünfziger, sie, eine Vierzigerin. Aber auch beide kommen über zwei Silben nicht hinaus.
Vielleicht erscheint ja noch ein Weißer Ritter, der uns aus dem Patt in der Stadt befreit. Aber damit rechnen sollten wir nicht. Wir werden uns entscheiden müssen zwischen Kandidaten, die sich an der Frage werden messen lassen, wie sie aus der der zweiten Hälfte ihres Lebens heraus die Zukunft dieser Stadt sehen - hoffentlich jenseits aller Plattitüden, die momentan noch herumgeistern, aber nicht unbedingt begeistern.
Da wird zum Beispiel immer wieder erzählt, dass Reutlingen um 1000 Einwohner pro Jahr wachse. Das stimmt definitiv nicht. Es sind im Mittel eher 500 Einwohner. Was ist denn nun realistisch für die kommenden acht Jahre?  In Bezug auf Wohnungsnot, Kaufkraft, Arbeitsplätze, Kitas, Kindis, Schulen etc.? Wo sollen denn die neuen Wohnungen entstehen - im Zentrum oder in der Peripherie? Mit welchen Wohnungsgrößen wird denn gerechnet? In den letzten Jahren hat sich die Wohngröße gemessen an den Neubaugenehmigungen halbiert. Ist das ein nachhaltiger Trend? Was haben wir daraus zu lernen? Ist die Nachverdichtung in der Kernstadt und deren nähere Umgebung das Ziel oder sind es gar die Grüngürtel der Stadtbezirke, die dereinst selbständige Dörfer waren?
Ist der Bau einer Stadtbahn, wie sie momentan angedacht wird, wirklich noch zeitgemäß? Unterschätzen wir da nicht den technologischen Wandel, der durch Elektromobilität und Selbstfahrer uns in eine ganz andere Richtung lenkt? Investieren wir nicht in eine über kurz oder lang veraltete Infrastruktur? Sind solche Ideen unrealistisch oder fehlt uns und unseren Kandidaten ganz einfach die Phantasie?
Was ist, wenn die sogenannte Digitalisierung (die weitaus mehr ist als nur ein schnelles Netz) unsere Lebensräume weiter virtualisiert? Wir sehen überall - in den Netzen - die Selbstinszenierung des Individuums, während die Vereine das persönliche Engagement für die Gemeinschaft vermissen. Ist die Steigerung des Egos unsere Zukunft? Brauchen wir nicht dringend eine gesellschaftspolitische Diskussion, die über das rein Funktionale einer Stadt, der Versorgung, hinausgeht, die das Gemeinschaftliche, das Bürgerliche, wieder in den Mittelpunkt rückt?
Die Stadt und ihre Verwaltung nicht nur als einen reinen Reparaturbetrieb zu betrachten, sondern ihre Kompetenz zu erkunden, auch einmal "out of the box" zu denken, wäre ein Ansatz, der uns Bürger schon interessieren sollte - vor allem die junge Generation erwartet hier Antworten, muss sie sogar selbst liefern. Insofern war der Gedanke, eine jungen Mann als Kandidaten aufzustellen, gar nicht so falsch. Wichtiger, viel, viel wichtiger ist es aber, dass sich diese Generation nun als Wähler in diesen Wahlkampf um den Posten des Oberbürgermeisters einbringt und auch tatsächlich wählen geht.
Die SPD wollte da ein Signal setzen. Vielleicht war die OB-Wahl das falsche Terrain. Die Kommunalwahl, die ja auch im kommenden Jahr stattfindet, ist da ein weitaus lohnenderes Terrain.

Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer

Dienstag, 13. November 2018

Thomas Keck und die Bürgerstadt


Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

Nur vor der Geschichte geht Thomas Keck in die Knie
Er ist verbrannt, bevor er sich überhaupt präsentiert hat. Und er kann jetzt gar nicht mehr anders, als den Kampf gegen seinen parteiinternen Freund anzutreten. Philipp Riethmüller, 36 Jahre jung und damit fast 20 Jahre jünger als sein Gegner Thomas Keck (55). Beide gehören zur SPD, der Partei, die sich nicht nur überall schwertut, sondern es sich auch noch obendrein schwermacht.

Mit der Unterstützung der parteilosen Barbara Bosch als Kandidatin und späteren Oberbürgermeisterin erlebte sie ihre letzten großen Triumphe in Reutlingen. Acht Sitze hatte die SPD bei der letzten Kommunalwahl 2014 ergattert, in der davor waren es neun Sitze, so auch 2004, 1999 und 1994. Prozentual lavierte diese große alte Partei immer zwischen 20 und 21 Prozent. Sehr stabil, wohl auch aufgrund der sehr treuen Wähler in dem ohnehin eher sozialdemokratisch grundgestimmten Reutlingen, auch wenn die CDU in den letzten Jahrzehnten stets die meisten Wähler auf sich zog. So der erste Schein.

Dennoch hat es zwischen 1984 und 2014, der letzten Kommunalwahl, einen dramatischen Wandel gegeben, auf den beide Parteien nun eine Antwort suchen. Beide Parteien waren einstmals die Schwergewichte. Beide haben aber seit den achtziger Jahren massiv an Zustimmung verloren:

- Die CDU fast zwölf Prozentpunkte, sie hatte 1984 40,3 Prozent der Wähler hinter sich.

- Die SPD gab acht Prozentpunkte im Vergleich zu 1984 ab. Da hatte sie 28,1 Prozent der Stimmen.

Seit der letzten Kommunalwahl stellen diese beiden Volksparteien zusammen nicht einmal mehr die Hälfte aller Mandate. Und 2014 gab es noch nicht die AfD, die mit Sicherheit beim derzeitigen, gefühlten Stand der Wählermeinung allen Parteien den ein oder anderen Sitz wegnehmen wird.

Im Vorlauf der nächsten Kommunalwahlen im Mai 2019 sucht Reutlingen in direkter Wahl einen neuen Oberbürgermeister. Die CDU schickte - vorausahnend, dass Weihnachtszeit, Winter und Fasching das Zeitfenster sehr klein halten würden - als erste Partei einen Kandidaten ins Rennen: Dr. Christian Schneider, irgendwie ein Merz-Typ, der versuchen wird, alle Themen auf Bierdeckelformat zu reduzieren. Ein reinrassiger CDU-Mann, der möglicherweise zu sehr die wirtschaftspolitischen Themen adressiert und sie in vielleicht etwas angestaubten Kategorien einordnet.

Die SPD wollte nun - mit ein paar Wochen Rückstand - ihren Kandidaten präsentieren, eben diesen jungen Philipp Riethmüller, Assistent der mächtigen Baubürgermeisterin Ulrike Hotz. Es gibt nicht wenige Stimmen, die sagen, dass Frau Hotz seitdem sehr viel moderater in ihrem Führungsstil geworden sei. Vor allem aber wird die SPD in ihm die neue Generation, die, die seit "1984" herangewachsen ist, gesehen haben. Er sei jemand, der für die Digitalisierung stünde, der aktuellen Chiffre für alles Moderne, wozu auch die unter Barbara Bosch und Ulrike Hotz sehr bewusst angegangene Stadtentwicklung gehört.

Weitere Kandidaten werden nun in den nächsten Tagen folgen - und wir werden sehen, wohin sich die Wählermeinung wendet. Jeder hat so seinen Liebling - irgendwie wäre es schon ein offenes Rennen geworden.  

Jetzt platzt Thomas Keck mit seiner Nachricht dazwischen, dass er sich ebenfalls für das Amt des Oberbürgermeisters interessiert. Er besitzt das, was vielleicht sonst keiner der anderen Kandidaten in diesem hohen Maße aufweisen kann: Er hat die Sympathie der Menschen - in allen Schichten, in allen Bezirken, auf allen Ebenen der Politik. Diese Sympathie kann man nicht wegdigitalisieren, auch nicht weg argumentieren. Das ist ein emotionaler Faktor, nach dem die Bürger meiner Meinung nach (es gibt dafür keine Statistik) regelrecht gieren.

Für viele Wähler waren die letzten Jahre eine Zeit schleichender Entfremdung zwischen dem, was die Zentralstadt tat, und dem, wonach sich die Bürger sehnten. Natürlich ist dies nur ein persönlicher Eindruck, aber in den bald 15 Jahren "Bildertanz" hat sich dieser Eindruck immer wieder bestätigt.

Keck will nun ein Mitgliedervotum. Er will, dass die Basis entscheidet. So ist ja auch seine Politik als Stadtrat und als Bezirksbürgermeister: nah an den Menschen, souverän gegenüber den Institutionen.

Wenn in den vergangenen Wochen immer wieder in kleinen Zirkeln der Name Keck als möglicher OB-Kandidat fiel, gab es einige, die sagten: Stimmt alles, er wäre ein OB zum Anpacken, aber kann er auch zupacken? Kann er eine große Verwaltung managen? Diese Frage richtet sich indes an alle Kandidaten, egal, wer da noch kommen mag.

Eigentlich ist diese Frage nicht ganz fair. Denn sie wird in hohem Maße dadurch beantwortet, wer dem zukünftigen OB als Dezernent beigeordnet ist. Da muss der Oberbürgermeister der kommenden Wahl mit den Persönlichkeiten zusammenarbeiten, die während der Bosch-Ära nicht vom Wähler, sondern vom Stadtrat zur Seite gestellt wurden. Werden sie bleiben? Werden ihre Verträge erneuert? Wie werden sie mit ihrem künftigen "Boss" umgehen? Wer kann am besten eine solche "Elefantenrunde" managen? Wie setzt sich der Stadtrat im kommenden Jahr zusammen? Mit wie viel Opposition hat der Chef zu rechnen? Wie wird sich überhaupt die politische Kultur in unserer Stadt weiterentwickeln?

Es sind - nach meiner Auffassung - weniger technische, auch nicht verwaltungstechnische Fragen, die die nächste Wahlperiode bestimmen werden. Alle Themen, die jetzt schon auf dem Tisch sind, werden uns auch in den kommenden Jahren beschäftigen, sogar sehr intensiv. Doch auf dem Weg zu Lösungen wird entscheidend sein, wie sie herbeigeführt werden. Nicht nur in der vermeintlich sachlichen Art, wie sie Experten meinen uns vorzugeben, sondern auch in der emotionalen Befindlichkeit von uns, den Regierten. Wir brauchen keine Expertenstadt, wir brauchen eine Bürgerstadt.

Vielleicht haben wir zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte die Chance, dies aus unserem Reutlingen zu machen: eine Bürgerstadt. Wer in Betzingen lebt, weiß, dass Keck zumindest dies schon einmal für dieses einstige Industriedorf geschafft hat. Er hat dieses Zugehörigkeitsgefühl, diesen stillen Stolz auf alles, wie es ist und wird, nicht erzeugt, das müssen wir schon selbst tun, aber er hat es intensiv unterstützt. Nicht umsonst bewundern ihn deswegen die anderen Bezirksbürgermeister. Er hat den strategischen Wettbewerbsvorteil, dass er seine Fähigkeit als Integrator vor Ort bereits bewiesen hat. Das soll nicht heißen, dass die anderen das nicht auch können. Aber diese Integrationsaufgabe ist unser Thema, nicht die Digitalisierung. Und Wohnungspolitik, dem brennendsten Problem unserer Zeit (momentan!), sollten wir jemanden, der sich von Berufswegen damit beschäftigt, auch zutrauen.

Die SPD ist sehr gut damit beraten, ganz schnell ein Mitgliedervotum herbeizuführen. In acht Jahren ist ein Philipp Riethmüller in dem Alter, um dieses mehr auf Weisheit als auf Wissen basierende Amt wunderbar zu erfüllen. Ich bin mir sicher, ein Thomas Keck als OB (was ja noch lange nicht entschieden ist) würde alles tun, um einen möglichen Nachfolger bestens auf das wirklich schwierige Amt vorzubereiten.

Natürlich ist all dies nur meine ganz persönliche Meinung - als Bürger dieser bei aller Kritik faszinierenden Stadt auf ihrem Weg ins und durchs 21. Jahrhundert. 

Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Freitag, 9. November 2018

Ein unfairer Stadtvergleich


Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

Der Karlsplatz - irgendwie bürgerlich behäbig, idyllisch - vor mehr als 100 Jahren

Die Stadt ist mit 81.000 Einwohnern schon ein Stück kleiner als Reutlingen. Mit 2801  Einwohnern pro Quadratkilometer ist sie mehr als doppelt so hoch "verdichtet". Bei uns leben 1330 Einwohner auf einem Quadratkilometer. Ansonsten liegt diese Stadt auch am Rande eines Gebirges, das in seiner aufscheinenden Silhouette an den Scheibengipfel und die Achalm erinnert. Jedenfalls mit ein wenig Phantasie. Insgesamt liegt diese Stadt 100 mehr höher als unser Reutlingen. 
Luzern 2018: Ein wenig Scheibengipfel, ein wenig Achalm - mit ein wenig Phantasie

Die Stadt, mit der wir hier RT vergleichen, ist Luzern, etwa auch gleich alt wie Reutlingen. Aus geschäftlichem Anlass war ich diese Woche dort, hatte abends Zeit, mir die Altstadt anzusehen und war schwer beeindruckt, weniger von den unglaublich vielen kleinen, eigentümergeführten Luxusläden, sondern von der inneren Urbanität, die diese Stadt ausstrahlte. Lange her, dass ich so viele O-Busse sah. Überall Fahrräder, überall Hochschul-Jugend, überall Tourismus - vor allem aus dem asiatischen Raum. Ich ahnte, dass es unfair wäre, Reutlingen mit dieser Hauptstadt des Kantons Luzern zu vergleichen. 
Eine Gasse in Luzern

Denn Luzern hat das große Glück, vom 2. Weltkrieg verschont geblieben zu sein. Natürlich ist diese Schweizer Gemeinde touristisch verwöhnt durch den Vierwaldstättersee und die Nähe zu den Alpen. Natürlich ist und wirkt Luzern sehr, sehr viel reicher als unsere alte Reichsstadt, die - um weltweit touristisch auf sich aufmerksam zu machen - dazu neigt, auf mehr oder minder versteckte Weise eine Anleihe bei ihrer Nachbargemeinde Lichtenstein zu nehmen.
Reutlingen - Friedhof : Unter den Linden

Der Vergleich ist auch deshalb unfair, weil das Wachstum dieser Stadt nicht auf Eingemeindungen beruht. Im Gegenteil: Luzern musste erleben, wie es zwischen 1975 und 2000 ein Drittel seiner Bevölkerung durch Wegzug in die Vororte verlor. Diesen Verlust konnte die Stadt kaum durch Eingemeindungen ausgleichen. Versuche, andere Orte zu gewinnen, scheiterten am Veto der Bürger. Es gab dort keine zwanghafte Kommunal -und Gebietsreform wie bei uns bundesweit in den siebziger Jahren. Dennoch kam 2010 der Ort Littau dazu auf der Basis einer denkbar knappen Bürgerentscheidung. Flächenmäßig ist Luzern mit seinen 29 Quadratkilometern ein gutes Drittel von Reutlingen (87 Quadratkilometer).
Reutlingen: Alles verschwunden: nur die Straße "Unter den Linden" blieb, die Brücke und die Bahngleise


Seit der Jahrtausendwende wächst Luzern wieder, weil die Menschen zurückdrängen in die Kernstadt. Die Folge ist eine starke Gentrifizierung. Wer bei der Wikipedia nachschaut, erfährt auch die Gründe: "Beweggründe sind das größere Angebote an Kinderhorten, das Nachtleben, die Nähe zur Uni und der sehr gute Öffentliche Verkehr (= Verzicht auf ein Auto). Studenten wohnen oft in WG's (=geringer Mietanteil), junge Paare sind oft Doppelverdiener und bei den jungen Familien, die in die Stadt ziehen, handelt es meist um Haushalte mit hohem Einkommen. Dagegen ziehen Einzelverdiener mit kleinem Verdienst, Rentner mit geringer Rente und Familien mit geringem Einkommen ins Umland, wo Miete und Krankenkasse günstiger sind."

Da gewinnt man den Eindruck, dass in Luzern die Entwicklung vorweggenommen wurde, vor der Reutlingen steht - und die unsere Stadt mit ihrer Politik der letzten zehn Jahre auch eingeleitet hat. Inwieweit diese Entwicklung politisch gewollt ist, inwieweit sie durch die individuellen Entscheidungen der Menschen herbeigeführt wird, ist sicherlich nicht so einfach nachzuvollziehen. 
Reutlingen: Klein-Venedig, heute vielleicht Teil einer Gentrifizierung?

Wenn am Ende eine vergleichbare Urbanität herauskäme wie in Luzern, dann wäre dies mit Sicherheit zum Wohle der Stadt. Ob man dies durch den Bau von Hochhäusern erreicht oder durch andere Formen der Verdichtung, die man in Luzern beim Gang durch die Straßen durchaus erahnen kann, gehört zu den Themen, die wir - als Bürger dieser Stadt - intensiv diskutieren möchten.

Reutlingen war einmal, gemessen an den alten Fotos, durchaus eine Stadt mit einem gewissen mondänen Anstrich. Und ich hätte mir vorstellen können, dass von dieser bürgerlichen Form der Urbanität noch sehr viel mehr erhalten wäre, wenn es nicht den 2. Weltkrieg gegeben hätte. 
Luzern - vom Krieg verschont, immer wieder verschönt

So aber erlebte unsere Stadt einen gewaltigen Bruch mit seiner Geschichte.  Oberbügermeister Oskar Kalbfell, dessen 40. Todestag wir im kommenden Jahr begehen, folgte mit seiner ganzen Stadtentwicklung nach dem Krieg mehr den nüchternen, klaren Konzepten, die durch das Bauhaus inspiriert waren. Davon hat sich unsere Stadt bis heute nicht wirklich getrennt. 
Hochhäuser findet man im Zentrum von Luzern kaum - oder sind eher unauffällig

Eine Diskussion wäre es allemal wert - und auch die Frage an die nachfolgende Generation: Welche Art von Stadt wollt Ihr eigentlich sein? Diese Frage sollte nicht von den Profis allein entschieden werden, sondern so wie es immer war: von den Bürgern. Die schönsten Rathäuser stehen zum Beispiel in den Städten, in denen die Bürger ihren Stolz auf ihre Heimat zeigen konnten - und nicht eine Verwaltung den Stolz auf sich selbst. 
Die Wilhelmstraße 1926 - der sichtbar gewordene Bürgerstolz

In diesem Zusammenhang kommt immer wieder das Argument, dass wir, die Laien, gefühlsmäßig über etwas entscheiden, ohne dass wir die Wirtschaftlichkeit und Machbarkeit beurteilen können. Unter diesen Aspekten wurde uns vor bald 50 Jahren die kommunale Gebiets- und Verwaltungsreform verkauft. Wir haben uns dann auch letzten Endes überzeugen lassen - vor allem, wenn hinter den Argumenten auch noch Belohnungen des Staates standen. 
Der Listplatz in den 20er Jahren - Unser Fritz stand endlich im Zentrum,heute eher am Rande

Bei meinem Besuch in der Schweiz kam ich - durch Zufall - mit einem Herrn zusammen, der in einer kleinen Gemeinde das dortige Parlament leitet, in der Form eines Aufsichtsrates. Seine Ortschaft liegt in der Nähe von Bern. Und dann sagte er, mehr beiläufig als bewusst: "Studien haben bei uns ergeben, dass die kommunalen Zusammenschlüsse wirtschaftlich überhaupt nichts gebracht haben." 
Reutlingen vor mehr als 100 Jahren: Das Nikolaihaus und zwei Stockwerke Schaufenster

Wo Reutlingen heute wohl stünde, wenn es nicht in den siebziger Jahren Ortschaften wie Altenburg, Bronnweiler, Oferdingen, Gönningen, Degerschlacht, Rommelsbach etc. eingemeindet hätte?

Dass dies eine rein rhetorische Frage bleibt, dafür hat die Politik gesorgt, indem sie in den siebziger Jahren die Reform knüppelhart bundesweit durchführte. Vergleichsmöglichkeiten haben wir dadurch nicht bekommen - wie in der Schweiz, in der das immer wieder ein regional aufflackerndes Thema ist. Da kann man dann tatsächlich das Vorher/Nachher miteinander vergleichen. Aber diese Art der Fairness ist uns leider nicht vergönnt. Deswegen wird uns auch die Gründung eines eigenen Stadtkreises verwehrt werden. Man könnte ja dann Reutlingen mit Reutlingen vergleichen.
 

Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer/Fritz Haux (Sammlung)

Samstag, 3. November 2018

Der Schulstreik - Erinnerungen an "1968"



 Von Raimund Vollmer

Ich war damals Schüler. 16 Jahre alt, ging in Düsseldorf zur Schule. Die Landeshauptstadt von NRW war keine Hochburg der Studentendemonstrationen, aber über das Fernsehen kamen sie damals überallhin. Da war es egal, ob man in Düsseldorf oder in Reutlingen wohnte. Ich erinnere mich, dass ich mit meinem Vater über die Forderungen der Studenten diskutierte. Er war treues CDU-Mitglied, konservativ durch und durch, und ich hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass er volles Verständnis für den Protest der Studenten hatte. Die Szene werde ich mein Lebtag nicht vergessen, wie ich im Türrahmen zum Wohnzimmer stand und mein Vater auf dem Sofa saß, um mir seine Ansicht zu schildern. Er, der uns strikt verboten hatte, "Scheiße" zu sagen, ein Ausdruck, der damals aufkam und der ihm dann nicht viel später selbst fluchend entfuhr.
Was haben wir damals alles diskutiert! Mit den Eltern, mit den Lehrern, mit den Pfarrern und Religionslehrern - vor allem aber natürlich untereinander. Wenn Rudi Dutschke mit schneidender Stimme im Fernsehen auftrat, habe ich ihm zwar zugehört, aber verstanden haben ich ihn nicht. Ich wusste nur, dass er etwas Wichtiges sagte - und ihm ein gewisser Franz-Josef Strauß antwortete. Das waren die beiden Pole, zwischen denen sich in der (guten) alten Bundesrepublik alles Ideologische abspielte. Ideologie war überhaupt wichtig, auch "die Gesellschaft". Und unsere Hohepriester waren die Soziologen, die alles wissenschaftlich erklärten,  verklärten und wohl auch verkehrten, was damals irgendwie nach Protest roch. Achja, "der Verfassungsschutz" spielte auch immer irgendwie eine Rolle. Er stand für die Angst des Staates vor uns, die außer Diskutieren und Phrasendreschen sowie Haarewachsenlassen gar nichts tat.
Einmal habe ich auf Drängen eines Freundes an einer Demo teilgenommen. Ich glaube, es ging um Nix - "In der Rüstung sindse fix, für die Bildung tunse nix". Als wir über die "Kö" marschierten, habe ich mich verabschiedet. Ich kam mir blöd vor. Das war zu einem Zeitpunkt, als die Zahl 1968 nicht mehr für ein Kalenderjahr stand, sondern für eine Aufbruchstimmung, von der ich genau so erfasst war wie die meisten meiner Freunde. Der Geist von "1968" hat uns, die Babyboomer, irgendwie alle erfasst. Und ohne ihn wäre das, was ich zu erzählen habe, nie geschehen.
Bein einem Schulstreik mitzumachen, das hat mir zum Beispiel sehr gefallen und mich viel gelehrt - über sogenannte Autoritäten. Und das kam so: 
Wir hatten einen Mathelehrer, der nach einem Autounfall irgendwie nicht mehr ganz richtig tickte. Ich sag das so, wie wir es damals empfunden haben. Wir hatten schon Mitleid mit ihm, aber wir drifteten auch Richtung Abitur. Und sein Unterricht wurde unerträglich. Wir haben dann einen Studenten angeheuert, auch bezahlt, der uns Matheunterricht nach Schulschluss gab. War doch eigentlich eine gute Sache, oder?
Ich war auf einem reinen Jungengymnasium, das heute nicht mehr existiert, sondern eine Gesamtschule wurde, die den Namen des Düsseldorfer Dichters Heinrich Heine trägt. Ob dieser unruhige Geist mit diesem alles vereinenden Schulkonzept einverstanden gewesen wäre, weiß ich nicht, glaube ich aber nicht, wir, die pubertierenden "Jung-68er" waren es bestimmt nicht. Wir wollten eine Oberstufenreform, dafür kämpften wir, wir wollten mehr Auswahl in den Hauptfächern und dabei neue Angebote. Und wir wollten die Schülerselbstverwaltung mit Raucherzimmer, die ganz schnell in Schülermitverwaltung umgewandelt wurde und das Rauchen auf eine Ecke auf dem Schulhof verbannt wurde.
Jedenfalls ließen wir uns von den Lehrern nicht mehr gerne irgendetwas vorschreiben, ohne dass wir nicht vorher dazu in irgendeiner Form gefragt wurden. Dass wir schulische Leistung erbringen mussten, habe wir schon eingesehen, aber uns - wie alle Schüler vor und nach uns - gefragt, ob das, was wir lernten, wirklich wichtig fürs Leben war. (War es natürlich doch, aber das erkennt man erst sehr viel später.)
Völlig überkreuz mit der Schulleitung und dessen Kollegium kamen wir, als man uns den Klassenlehrerin wegnehmen wollte, weil wir mit dem Mathelehrer nicht mehr klarkamen. Es war ohnehin schon sensationell, dass wir als reine Jungenklasse eine Klassenlehrerin hatten, die sich - selbst noch sehr jung -unglaublich tapfer ihrer Aufgabe stellte. Manchmal glaube ich, dass die wirklich guten Lehrer nie mitbekommen, wie sehr wir, die Schüler, sie schätzen. Man spürt einfach, dass sie es ehrlich mit uns meinen. Mehr Pädagogik braucht man eigentlich nicht. Und wenn das Thema nicht so heiß wäre, würde ich sagen, dass die viele Reformpädagogik, die dann in den siebziger Jahren über die Schulen hinweg donnerte, eigentlich nur dazu diente, die anderen Lehrern zu unterstützen. Aber das ist natürlich eine sehr gewagte Theorie, die - sollte sie angefeindet werden - natürlich komplett missverstanden wurde. Das ist die Natur der Schule, hier gibt es immer Missverständnisse.
Und ein Missverständnis war es, dass man uns die Klassenlehrerin wegnahm, weil wir mit dem Mathelehrer (der von uns übrigens nie gemobbt wurde) nicht klarkamen. Nach dem pädagogischen Übermotto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, war aber der studentische Nachhilfeunterricht, der ja mehr ein Ersatzunterricht war, ein Angriff auf das "Lehrmonopol" des Staates. (Das gibt's natürlich nur unterschwellig.) So meinte man, dass unsere Klassenlehrerin uns nicht im Griff hatte. Sie müsse weg.
Da wurden wir aber richtig sauer. Kurzerhand trommelten wir die gesamte Schülerschaft nach der vierten Stunde in die Aula zusammen (wie wir das geschafft haben, ist mir bis heute ein Rätsel) und spielten Rudi Dutschke. Die Bild-Zeitung kam, die Rheinische Post, die Westdeutsche Zeitung.  Sogar die in Düsseldorf erscheinende "Deutsche Volkszeitung", ein prominentes kommunistisches Blatt, kam, um zu erfahren, was uns plagte.
Im Allerheiligsten, dem Lehrerzimmer, das zu betreten uns bei Todesstrafe verboten war, soll es mucksmäuschenstill gewesen sein. Das war Revolution. Die Klasse 11b - sollte exkommuniziert werden. Man drohte mit Schulverweis. Ja, man beschloss ihn.
So wurden wir wenige Tage später aufgefordert, uns dem höchsten Gericht, dem Lehrerkollegium zu stellen. Was wurden wir niedergemacht! Die ganze Autorität, die eine Schule formal besaß, wurde gegen uns aufgefahren. So ging das eine ewige Stunde lang. Bis schließlich unser Deutschlehrer, den wir sehr schätzten, auch wenn gesagt wurde, dass er Parteimitglied gewesen sei, seine Stimme erhob und seine Kollegen fragte: "Wenn wir diese Jungen wirklich von der Schule verweisen, dann blamieren wir uns in der Öffentlichkeit bis auf die Knochen. Wollen Sie das?" Plötzlich war Ruhe im Karton. An den PR-Effekt hatte keiner seiner Kollegen gedacht. Unsere Klassenlehrerin, die übrigens Jahre später völlig frustriert für immer den Schuldienst quittierte, hatte sich mächtig für uns eingesetzt. Immer sachlich. Nur als einer der älteren Kollegen sie gönnerisch "Uschi" nannte, was ihr Vorname war, wurde sie richtig stinkig. Sie habe nichts dagegen, wenn wir, die Schüler, ihren Vornamen als Spitznamen nehmen würde, aber für die Kollegen sein sie immer noch mit dem Nachnamen anzusprechen oder zu benennen. Die Frau war einfach super.
Das Ergebnis war übrigens, dass man uns den Mathelehrer wegnahm, der Direktor der Schule selbst den Unterricht übernahm und uns ein neuer Klassenlehrer präsentiert wurde, dem eine weitere Karriere versprochen worden war, wenn es ihm gelingen würde, uns in den Griff zu bekommen.
Ich gebe zu: er hat uns geschafft. Ob mit fairen Mitteln oder nicht, möchte ich nicht beurteilen (obwohl es mich schon juckt). Auf jeden Fall hat er uns ein halbes Jahr vor dem Abi verlassen. Seine Karriere forderte dies.
Bildertanz-Quelle: