Montag, 24. November 2014

Wie die Weingärtner in Reutlingen beschimpft wurden...

... sie galten dereinst als eine weitaus größere Berufsgruppe als die Färber und Gerber, die Reutlingen bis ins 20. Jahrhundert hinein den Stempel aufzudrücken schienen. Die Weingärtner hingegen besaßen nicht wie die Färber und Gerber eigene Viertel, sondern waren überall. Nur im Herbst, wenn die Lesezeit begann, machten die Weingärtner deutlich auf sich aufmerksam. Aber mit Beginn des 1. Weltkrieges verloren sie mehr und mehr an Bedeutung. Ihre Kelter verrotteten oder verschwanden. So musste auch die Armenpflegekelter dem Bau des Hallenbades in der Albstraße (1928 eingeweiht) weichen.

Neun Jahre später, 1937, wurde auch die Spitalkelter in der Burgstraße abgerissen. Hier gab es im ersten Stock das "Stüblein des Kelterschreibers", berichtet uns der große Karl Keim. Im Erdgeschoss gab das "Bohnenbeiß". Keim schreibt dazu: "Das war der Aufenthaltsraum bei ungünstigem Wetter. Dort saßen die Mannen, kauten und verdauten die Bohnenkerne; dort sprachen sie kundig von Wetter und Weinbau, von alter und neuer Zeit, von den Familien, von ihrem 'Stand', von der Stadt und der Welt. Dprt galten sie, allein sie, denen andere solche Unnamen gegeben hatten wie Hauser, Huttenluser, Buttenhiesche, Aidaträger, Schollenpuffer, Bollenhopser, Ruppelhosen, Bergstudenten, Talrappen und wegen ihrer Sutterkrüge und Bohnenkerne weitere, nicht wiederzugebende Namen." (RV)
Hof der Spitalkelter in der Burgstraße (Quelle: Karl Keim)

Bildertanz-Quelle: Sammlung Hermann Rieker (aus Prospekt zum Bau des Hallenbades), Zitate aus "Unsere Heimat", Karl Keim, GEA, Oktober 1981

Kommentare:

Dietmar Kuhl hat gesagt…

Donnerwetter...ein schöner Bericht!!!
Hab gar nicht gewusst, dass auf dem Gelände des Hallenbads eine Kelter stand.
Man lernt nie aus! :-)

Anonym hat gesagt…

Absolutes Neuland für mich. Habe noch nie davon gehört.
Danke Herr Vollmer.