Dienstag, 29. Dezember 2015

Erinnerungen an die Büschelesbahn...




 ... deren Geschichte nun auch schon mehr als 100 Jahre zurückliegt. Gewidmet meinem Freund Wolf-Rüdiger Gassmann, der eigentlich alles über die Straßenbahn und die Büschelesbahn weiß und diesen Beitrag sicherlich kritisch begutachten wird. Ich freue mich auf seine Anregungen, zumal ich weiß, dass er da selbst ein größeres Werk in der Pipeline hat. Raimund Vollmer

Am 1. November 1899 hatte die Dampfstraßenbahn ihren Betrieb zwischen Eningen unter Achalm und Reutlingen aufgenommen. Initiatoren waren die Eninger, deren Krämer und Hausierer von der Achalm aus mit Wollwaren und Stoffen überall in Süddeutschland und im anrainenden Ausland unterwegs waren und in der Lokalbahn eine Anbindung an die große weite Welt sahen: Denn die Endstation auf der anderen Seite war der Hauptbahnhof in Reutlingen, der seit 1859 für die Industrialisierung und den neuen Wohlstand der alten Reichsstadt stand. Und um den Anschluss nicht zu verlieren brauchten die Eninger dringend einen Schienenweg. Alle Bemühungen zuvor, neue Eisenbahnlinien - wie eine Echaztalbahn - durch das Dorf am Fuße der Achalm zu leiten, waren gescheitert. Der Umweg über Eningen war den Planern zu weit. Als Ausgleich sollte 1871 eine Pferdebahn zum heutigen Südbahnhof führen. Keine Idee, die den Eningern gefiel. So schlugen sie 1875/76 in einer Denkschrift  vor, eine Verbindung von Reutlingen über Eningen zu errichten - als Teilstück einer strategischen Eisenbahnlinie zwischen Straßburg und Ulm. Aber daraus wird nichts. Selbst die 1887/1888 erneuerten Pläne einer Echaztalbahn hinauf auf die Alb ignorieren den Umweg über Eningen. Die Wünsche der Gemeinde werden 1889 abgelehnt, zumal die anderen Gemeinden sich ebenfalls negativ dazu äußern. Eningen ist isoliert. Die Bürger sind stinksauer. Und als dann die neue Linie 1892 in Betrieb genommen wird, findet auf dem Südbahnhof, der ja zu Eningen gehört, aber 2,5 Kilometer von der Ortsmitte entfernt ist, kein großer Empfang statt. Lediglich der Pfarrer und sieben Herren begrüßen die Ankunft des Sonderzuges.
Aber die Eninger geben nicht auf. Vor 120 Jahren, 1895, entwerfen sie eine neue Denkschrift, in der sie vorschlagen, eine eigene Dampfstraßenbahn nicht nur bis zum Anschluss Südbahnhof zu bauen, sondern gleich bis in die Innenstadt Reutlingens, bis zur Endstation am Listplatz. Denn Eningen war nach der Industrialisierung zu einer Arbeiterwohngemeinde geworden. 500 Arbeiter kamen täglich von Eningen nach Reutlingen - und das waren alles potentielle Fahrgäste. Mit diesem Konzept glaubten die Eninger würden sie Bauunternehmen gewinnen können, die das Projekt realisieren würden. 
So kam es denn auch. Erbauer wird der Ingenieur Hermann Ritter von Schwindt, der bereits mehrere Linien errichtet hat. Zwar zögert die Stadt Reutlingen noch ein wenig herum mit dem Beginn der Bauarbeiten, duldet aber schon einmal 1893 die notwenigen Vermessungsarbeiten. Mit den Bauarbeiten können die Eninger aber erst 1898 beginnen. Ärger gibt es immer wieder beim Grunderwerb. Besonders die Reutlinger Weitgärtner, die an der späteren Haltestelle Spitzwiesen auf Eninger Gemarkung ihr Gütle haben, wollen nicht Grund und Boden so einfach hergeben. Aber auch diese Schwierigkeiten werden gemeistert. Im Februar 1899 können dann die Arbeiter endlich mit der Gleislegung beginnen. Noch im selben Jahr soll schließlich die Linie eröffnet werden.
Doch die Gemeinde Eningen hat dem Ingenieur den Kredit gesperrt, weil dieser noch nicht sämtliche Gleiszugänge der Betriebe hergestellt hat. Am 15. September lässt Schwind die Eröffnungsparty platzen.
Doch schließlich ist es dann am 1. November 1899 soweit. Der Zug mit einer Spurweite von einem Meter tuckert von nun an stündlich zwischen der Stadt und dem Dorf, vom Listplatz durch die Gartenstraße zum Burgplatz, von dort aus durch die Albstraße bis zum Südbahnhof, der bereits auf Eninger Gebiet liegt. Schließlich endet der Zug in Eningen
Der erste Zug geht morgens um 5.35 Uhr in Eningen ab, der letzte abends um 21.35 Uhr. 20 Pfennig kostet die Fahrt über die 4,8 Kilometer lange Strecke, was aber - vor allem als Wochenkarte - den Arbeitern im Verhältnis zu ihren Lohn zu teuer ist. Es kommt schon 1899 zu Protesten. Die Bahn wird so wenig wie möglich genutzt. Bis zu fünf Personenwagen sind erlaubt, doch normalerweise genügen zwei bis drei Wagen. Später, ab 1908, dürfen sogar neun Wagen angehängt werden - mit dem Ergebnis, dass bei der Aufwärtsfahrt in Richtung Eningen zwei Lokomotiven vorgespannt werden.
Das Bähnle transportiert nicht nur Menschen, sondern ab 1900 auch Material. Sogar die Post nimmt die Dienste des neuen Verkehrsmittels in Anspruch. Weil über das Bähnle die Öfen der Reutlinger Hausfrauen mit Reisigbüschel aus Eningen versorgt werden, bekommt das Gefährt den Spitznamen "Büschelesbahn". Doch das "Bähnle" erleidet das Schicksal aller "öffentlichen" Verkehrsmittel. Es kommt aus den roten Zahlen nicht heraus, obwohl es Pläne gab, das Netz der dampfbetriebenen Bahn auszuweiten. Als jedoch die Idee einer Elektrischen Straßenbahn aufkommen, ist das Schicksal des Büschelesbähnle besiegelt.


Bildertanz-Quelle:Aus dem legendären Straßenbahnbuch von Wolf-Rüdiger Gassmann

1 Kommentar:

Wolf Gassmann hat gesagt…

Lieber Raimund hast du toll gemacht, tolle Zusammenfassung der Lokalbahn Reutlingen-Eningen mit diesen Fotos. wolf-Rüdiger Gassmann