Sonntag, 28. Februar 2016

Stadtentwicklung: Ist der Bildertanz stockkonservativ?


Die Stadtentwicklerin Katrin Korth ist wohl nicht ganz so einverstanden mit dem, was Raimund Vollmer jüngst hier im Bildertanz über Reutlingen schrieb. Bevor ihr Kommentar im Folgegeschäft unseres Tagebuches untergeht, stellen wir ihn hier einmal besonders heraus. Und eine Antwort bekommt die in Sachen RT hochengagierte Amtsleiterin natürlich auch.

Lieber Raimund Vollmer, Ihr Post hätte etwas Besonderes werden können. Die Bilder aus den 60ern zeigen uns aus unserem heutigen Blickwinkel heraus bewertet bauliche und auch gesellschaftliche Veränderungen. Auch Kleinvenedig gab es damals noch. Ob die Menschen seinerzeit die Veränderungen wollten? Die baulichen möglicherweise ja. Straßenbahn, vierspurige Karlstrasse und Listplatzbrunnen verhießen Zukunft. Dafür musste einiges weichen - liebgewonnenes, gewohntes und manches, dessen man sich schämte. Ob der Niedergang der Industrie von allen gutgeheißen wurde, darf bezweifelt werden. Schade ist, dass in einer Stadt, in der nahezu jeder/jede Zweite in Industrieunternehmen mit wohlklingenden, aber längst vergangenen Namen beschäftigt war, kaum etwas daran erinnert. Sie wollen das Morgen am Gestern messen. Doch das Morgen ist außerhalb unserer Vorstellungskraft. Geht es also nicht vielmehr um Veränderung gegenüber Bewahren? Veränderung ist unbequem und kann Angst machen. Ihre Bilder bewahren. Und worum geht es bei Stadtentwicklung? Es geht um Gestaltung der Zukunft und Veränderung, das kann Unbehagen bereiten, denn es ist schwer vorstellbar, trotz aller schönen gemalten Renderings. Sie geben der Zukunft keine Vergangenheit, sondern mauern Sie mit den bewahrenden Bildern ein. Das ist für mich das einzig bedauerliche am Bildertanz, den ich sehr mag. Was wäre also notwendig: der Blick auf die Vergangenheit (Bildertanz!!!), der Blick auf die Brüche (denn sie machen das eigentliche Potenzial einer Stadt aus) und eine breit angelegte Diskussion über die Stadtentwicklung der Zukunft und die Rahmenbedingungen dafür. Hochachtungsvoll Dr. Katrin Korth
Die Antwort von Raimund Vollmer


Liebe Frau Doktor, zuerst einmal vielen Dank für Ihren Kommentar, der mich natürlich sofort zwang, noch einmal das zu lesen, was ich geschrieben habe (und gar nicht den Anspruch hatte, "etwas Besonderes werden" zu wollen, sondern eher aus einer Schreiblaune heraus entstanden ist).
Zum zweiten: Nichts würde mich mehr freuen, wenn es tatsächlich in dieser Stadt zu einer - wie Sie schreiben - "breit angelegten Diskussion über die Stadtentwicklung" käme. Und ich weiß, dass wir Reutlinger da bei Ihnen viel Kompetenz aufblitzen sehen würden, die uns den Umgang mit und den Zugang zum wirklich Neuen erschließen würde. Es wäre eine spannende Diskussion, in die sich auch die sogenannten "Entscheider", also der Rat, einbringen müssten. Aber da haben wir Bürger das Gefühl, dass man lieber in seiner Vergleichsreihe bleibt, unter sich und immer in gepflegter Überlegenheit. Das meinte ich übrigens mit Elite, die letzten Endes der Avantgarde keine Chance gibt. Deswegen haben wir in Reutlingen so viele Nach-Bauten von Konzepten, die anderswo schon lange Wirklichkeit sind. Seit mehr als 30 Jahren gibt es in Tübingen das Nonnenhaus mit seinem kleinen "Wohn-Dorf" über dem Einkaufszentrum, das mich sehr stark in seiner Konzeption an den neuen Katharinenhof erinnert. (30 Jahre später!!!). 
Ich fürchte nur, dass die manchmal burschikose, ruppige und auch manipulative Art, mit der Stadtentwicklung in Reutlingen vorwärtsgetrieben wurde, uns zu oft signalisiert hat, dass eine solche Diskussi gar nicht erwünscht ist. Die Folge ist, dass - wie zum Beispiel beim Rathaus - bis heute die Akzeptanz in weiten Teilen der Bürgerschaft fehlt. Ich sage mit Absicht "Bürgerschaft", weil wir allzu oft den Eindruck haben, eigentlich nur als "Einwohner" behandelt zu werden.Dabei gibt es kaum Bürger, die sich noch an die Zeit erinnern, an der ein ganz anderes Rathaus hier stand. Dazu gibt es nur noch Bilder, die aber - im Vergleich zu dem, was heute ist - manchem "Einwohner" den Atem stocken lässt.

Im übrigen reden wir immer nur über Stückwerke wie jetzt über den Katharinenhof, der wenigstens  einen wunderschönen Name bekommt.
Zum dritten: Das muss jede Stadtentwicklung aushalten - die Frage danach, ob das, was kommt, besser ist als das, was war? Dies muss sie sich vor allem dann fragen lassen, wenn sie selbst - und nicht ein Krieg oder eine Feuersbrunst - das zerstört hat, was sie anschließend neu, in anderer Weise und mit anderer Funktion aufbaut oder errichten lässt.
Der Begriff "Schämen", den Sie anführen, hat bestimmt seine Bedeutung. Und ich gestehe, dass vieles, dessen man sich vor seinem Abriss schämte, Jahre später den Charme der Erinnerung gewinnt, der das ehemals Schandmalige überlagert. "Dirty old town" singt Esther Ofarim vor 50 Jahren. Und die Städte von damals, aus dem Nachkriegsdeutschland herausgestampft, fallen einem bei diesem Liebeslied ein. Es ist die Erinnerung an die Liebe, die zwei Menschen an der Fabrikmauer fanden, die das Lied tragen. Und so geht es den Menschen, die unsere Bilder sehen. Wir selbst, die Macher, sind oftmals erstaunt, welche Affekte Bilder auslösen, die eigentlich gar keine besonderen Merkmale auszeichnen.
Es sind Erinnerungen damit verbunden - und die nehmen Menschen ein ganzes Leben lang mit.
Wir geben mit unseren Bildern diesen Erinnerungen eine Zukunft. Deswegen besuchen immer mehr Menschen unsere Seiten hier und auf Facebook.
Vielleicht klingt es für eine Stadtentwicklerin unfair, wenn wir dann die Neubauten und Neugestaltungen an den alten Bildern messen. Und doch gibt es ein Kriterium, das zumindest in Reutlingen der Vergangenheit fast immer den emotionalen Primat über die Zukunft gibt. Die höchsten Zustimmung aus der Nachkriegsgeschichte bekommen die Bilder, die für Urbanität stehen. Da ist Gegenwart und Zukunft nahezu stets der "Looser".
Was wir hier im Vergleich zwischen gestern und morgen anmahnen, ist genau dieser Mangel an Urbanität, der wahrscheinlich zum ersten Mal wirklich nachhaltig aufgehoben wurde in der Zeile am Tübinger Tor. Die gilt weithin als gelungen. Vielleicht auch deshalb, weil hier nicht kaltes Design definiert, was Schönheit ist, sondern lebendige Urbanität.
Ich war dieser Tage in Nürnberg - einer alten Reichsstadt, die der Krieg komplett verwüstet hat, viel stärker jedenfalls als Reutlingen. Hier hat man die Stadtmauern wieder errichtet, ohne die Einfallsstraßen, die die Moderne verlangt, zu vergessen. Hier steht das Moderne neben dem Alten (oder wieder Alten), ohne dass ich - als Besucher dies als Bruch empfand, sondern als Kommunikation miteinander ansah. Es gibt Museen und Kulturtempel, die sowohl im alten wie auch im neuen Stil daherkommen. Es ist ein Wechselspiel, auf das sich Reutlingen nie eingelassen hat - (mit dem gelungen Ansatz am Tübinger Tor und auch am Spendhaus als Ausnahme). Ansonsten herrscht doch recht viel Barbarei (sagen wir es einmal ganz brutal).
Hart traf mich der Vorwurf, dass ich mit den Bildern Vergangenheit einmauere. Quatsch. Nochmals deutlich: Ganz großer Quatsch. Kein Tourist würde heute nach Paris reisen, wenn Le Corbusier seinen Plan Voisin nach 1925 hätte realisieren dürfen (allenfalls um das Fürchten zu lernen). Nach Rom reist keiner wegen der modernen Architektur. Köln lebt von seinen Kirchen.
Aber das ist alles gar nicht mal so relevant, nicht mal als Gegenargument zu dem Vorwurf. Was die Menschen suchen und weshalb sie eine Stadt lieben, sind die Orte der Begegnung. Das ist Urbanität. Und im Abgleichen zwischen gestern, heute, morgen ist dies das allein entscheidende Kriterium. Es prägt die Singularität, den Punkt, an dem die Menschen sagen: "Hier fühle ich mich wohl. Das ist meine Stadt." Stadtentwicklung muss genau diese Plätze schaffen. Dann stehen die Bilder aus hier und heute, aus gestern und morgen überhaupt nicht mehr im Widerspruch.
Wer das beherzigt, wird eine wunderbare Stadtentwicklung herbeiführen. Wer es nicht tut, darf sich nicht wundern, wenn sich die Menschen ihre Plätze dann selbst schaffen - wie zum Beispiel im Internet. Der Bildertanz ist offenbar mehr Zukunft, als Reutlingens Stadtplaner offenbar momentan verkraften. Punkt. (Und alle Fragen offen...)
Ihr Raimund Vollmer


Bildertanz-Quelle:RV

1 Kommentar:

Peter Maichle hat gesagt…

Ich stimme Herr Vollmer zu. Wenn ich am Kali vorbei komme, erinnere ich mich an jeden Film den ich dort angeschaut habe und an viele Details. Vor allem aber denke ich, das es das coolste Kino ist in dem ich je war. Und ich kann es nicht fassen das das ganze bald nicht mehr existieren soll. Dieses vorgehen ist typisch für die Stadt Reutlingen. Ich sehe jetzt schon den ekelerregenden Beton. Nichts wird daran einzigartig sein. Nichts wird daran schön sein. Das Kali ist oder war einzigartig und gibt es so nur in Reutlingen. Das was dort entstehen soll gibt es in jeder mittlgroßen Stadt in Deutschland. Diese Entwicklung ist traurig beschämend für Reutlingen.