Freitag, 1. Juli 2016

Der Traum von der Tram



Von Raimund Vollmer
Bildtext: Vor vier Jahren, am 5. Juli 2012, sorgte der Bildertanz dafür, dass die Reutlinger Straßenbahn für ein paar Wochen ihren Weg zurück in die Innenstadt fand. Ein Hauch von Großstadt-Feeling, gepaart mit der Gemütlichkeit einer altertümlichen Tram, durchzog den Weibermarkt. Ähnliche Aktivitäten in der Innenstadt zu entwickeln, kostet heute eine Kraftanstrengung, die - so muss man heute leider sagen - ein Einzelner nicht mehr erbringen kann. Es wirkt alles sehr, sehr halbherzig. Bildertanz-Foto: RV 

(Kommentar) Die andere Großstadt, die keine Stadtbahn habe, sei Pforzheim, heißt es heute im Reutlinger General-Anzeiger, der sich mit der Zukunft dieses öffentlichen Verkehrsmittels in unserer Stadt beschäftigt. Wie Reutlingen hatte auch Pforzheim mal eine Straßenbahn. Bis 1964. Damals war Pforzheim noch keine Großstadt, wenn man die Einwohnerzahl von 100.000 als Richtschnur nimmt. Erst 1975 - und damit mehr als zehn Jahre vor Reutlingen - nahm diese Stadt die Marke. Durch Eingemeindungen im Rahmen der kommunalen Gebiets- und Verwaltungsreform, also durch künstliches Wachstum. Reutlingen bekam auch erst durch diese Reform den Wachstumsschub, der sie dann einen großen Schritt zur Großstadt weiterbrachte. Seit 1989 darf sie sich mit diesem inoffiziellen Titel schmücken, der mehr mit bürokratischen Estimitäten zu tun hat als mit den Einschätzungen der Bürger.
Beide wurden also numerisch Großstadt ohne Straßenbahn. Das gilt auch für Heilbronn, das wie Reutlingen und Pforzheim mit vergleichbaren Einwohnerzahlen aufwartet (zwischen 110.000 und 120.000 Einwohnern). Heilbronn hatte sich 1955 von seiner Straßenbahn verabschiedet, aber 50 Jahre später zurück gefunden. Nur  nennt man die Straßenbahn heute Stadtbahn. Die alte Reichsstadt Ulm, die von der Einwohnerzahl her in dieselbe Kategorie fällt, hat über bald 120 Jahre hinweg sich ihre Straßenbahn erhalten können, auch wenn sie nur noch aus einer Linie bestand. 
Seltsamerweise verhinderte 1999 ein Referendum, dass Ulm wieder eine zweite Linie bekam. 51 Prozent stimmten sozusagen für den Strexit aller schienengeführten Pläne. 1980 war Ulm Großstadt geworden, von der Gebietsreform der siebziger Jahre hatte die Stadt kaum profitiert. Man möchte sagen: Dahinter stand also vor allem natürliches Wachstum.
Karlsruhe, die Stadt, die erst 1958 eine Straßenbahn bekam und Pionier wurde auf dem Gebiet der Stadtbahnentwicklung, wurde auch Großstadt ohne Straßenbahn - nämlich bereits 1901. Heute hat Karlsruhe 290.000 Einwohner, gehört also schon einer anderen Kategorie an als Reutlingen. Das gilt selbstverständlich auch für das doppelt so große Stuttgart, das bereits 1875 die 100.000er Marke überschritt und seit 1895 eine "Elektrische" besitzt. Gehen wir nochmals ins Badische, nach Freiburg. Seit 1901 haben die Freiburger eine Straßenbahn - und haben sie sich bis heute trotz einiger Stilllegungen erhalten. Freiburg, das bereits in den 30er Jahren Großstadtniveau erreicht hatte, nach dem Krieg sich erst 1947 wieder über die 100.000er Marke schwingen konnte, gehört mit heute 220.000 Einwohner in die Kategorie der Städte, die wussten, dass zu einer echten, einer veritablen Großstadt immer eine "Elektrische" gehört. Das gilt natürlich auch für Mannheim, das seit 1900 über ein elektrifiziertes Straßenbahnnetz verfügt. Großstadt mit heute 300.000 Einwohnern ist Mannheim seit 1896, also bevor diese Metropole ihre Straßenbahn bekam.
Man kann also Großstadt werden, ohne eine Straßenbahn zu haben. Rein rechnerisch kann man sogar auch Großstadt sein, ohne eine Tram zu besitzen. Aber gefühlsmäßig und im Selbstverständnis der Bürger und nicht der Bürokratie ist man erst Großstadt, wenn man eine Tram hat. Reutlingen, das nun weitere fünf Jahre braucht, um seine Pläne so zu schmieden, dass sie allen rechtlichen Erfordernissen genügen, bleibt auch vorerst nur der Traum von der Tram. Und so werden wir noch lange warten müssen, bis wir uns wirklich - wieder - als Großstadt fühlen dürfen.
Bildertanz-Quelle:

Kommentare:

Anonym hat gesagt…


Sehr geehrter Herr Vollmer,

Karlsruhe hat sehr bald erkannt, dass ein innerstädtisches Verkehrsmittel nur dann auch hohe Akzeptanz erhält, wenn das Umland angebunden ist. Karlsruhe hat sehr früh die private Albbahn (geht von Karlsruhe bis Bad Herrenalb) erworben und in das innerstädische Verkehrsnetz integriert. Vorteil war, dass die Strassenbahnen in Karlsruhe nicht Meterspur, sondern Normalspur hatten. Ab Mitte der 80er streckte Karlsruhe die Fühler nicht nur nach Norden und Süden, sondern auch nach Westen in Richtung Kraichgau aus. Nach und nach wurden die Gemeinden und Städte unter Einbeziehung des Schienennetzes der Bundesbahn an das Karlsruher Netz angebunden. So kam dann auch Heilbronn Anschluss mit Linienführung durch die Innenstadt (Kaiserstraße in Heilbronn). Ich habe in dieser Zeit in Karlsruhe gelebt und kann heute nur den Hut vor so viel Pioniergeist ziehen. Der damalige CDU-Oberbürgermeister Sailer hat diese Entwicklung tatkräftig unterstützt. Solch einen Pioniergeist und solche Kreativität hat Reutlingen nie gehabt. Hier wurden die Planungen für den Autoverkehr der 60er Jahre unverdrossen verwirklicht, mit den bekannten negativen Folgen. Leider, ich habe es eigentlich aufgegeben, dass Stadtbahnpläne, mögen sie auch noch so klein, klein sein, jemals verwirklicht werden können. Städtische schienengebundene Verkehrsmittel müssen dort errichtet werden, wo der Bedarf ist, man gehe nur einmal nach Freiburg und natürlich auch nach Karlsruhe. Beide Städte sind immer eine Reise wert.

H.R.

Anonym hat gesagt…


Sehr geehrter Herr Vollmer,

die Stadt Karlsruhe hatte natürlich auch vor 1958 elektrische Staßenbahnen, aber im Gegensatz zu anderen Städten die Straßenbahnen beibehalten und kontinuierlich erneuert (Umstellung auf Normalspur, weitgehend eigene Fahrkörper) und eben nicht auf Busse umgestellt, sondern in Nord- und Südrichtung das Bahnnetz erweiterte. Mit der Übernahme der Albtalbahn und deren Integration in das Straßenbahnnetz nahm Karlsruhe eine wegweisende Weichenstellung vor, indem die Stadt das Umland bis nach Bad Herrenalb einbezog. Mitte der 80er Jahre konnte Karlsruhe dann die Linien in den Kraigau nach Westen erweitern und unter teilweiser Nutzung des Schienennetzes der Bundesbahn gar Heilbronn einbeziehen. Der damalige CDU Oberbürgermeister Seiler hat diese Arrondierung des Straßenbahn-/Stadtbahnnetzes ohne ideologische Scheuklappen tatkräftig unterstützt. Ich habe seinerzeit in Karlsruhe gelebt und ziehe heute noch meinen Hut vor der Kreativität und dem Mut der damals verantwortlichen. Seitdem hat Heilbronn mit der Stadtbahn den öffentlichen Nachverkehr sehr gestärkt. Auch Freiburg hat als Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs das Straßenbahnnetz modernisiert und erweitert. Hier zeigt sich (wie in Karlsruhe) die Linienführung muss innerstädtisch zentral erfolgen, d.h. dort wo der Bürger beispielsweise einkauft muss auch die Linienführung verlaufen. Dagegen hat Reutlingen die Straßenplanung der 50er/60er Jahre ohne Abstriche umgesetzt, mit den bekannten negativen Folgen durch fördern der Individualverkehrs für Umwelt (man denke nur an die Feinstaubbelastung). Ob in Reutlingen die Wende zu einer Stadtbahn gelingt, habe ich angesichts der jahrelangen fruchtlosen Diskussionen beträchtliche Zweifel, zumal die Stadt offensichtlich nicht willens ist, mit dem Umland und der Nachbarstadt Tübingen konkrete Pläne für einen schienengebundenen Nahverkehr zu erarbeiten.

H. R.

Raimund Vollmer hat gesagt…

Auf Facebook schreibt Benjamin Prell: Guter Kommentar. Mein Gefühl sagt auch, dass eine Stadt erst eine Großstadt ist, wenn gewisse Faktoren erfüllt sind. Jeder legt sich diese Faktoren selbst zurecht, aber fast immer ist die Straßenbahn dabei. Auch den Begriff "Großstadt" definiert jeder anders. Für mich persönlich sind das eben die Straßenbahn, einen American Football Club (Ich bin halt ein Freak!) =) , einen TV-Sender und eine ordentliche Skyline, die Außenwirkung hat. .....Eine SKYLINE wird sich gerade zugelegt, Stuttgarter Tor, Hochhaus Eberhardstraße, GWG-Neubau, 7-stöckiges Gebäude als Plan auf dem jetzigen Hauptpostamt-Gelände. Den TV-Sender haben wir schon länger im Süden der Stadt Richtung Eningen. (hierbei muss man dringend anmerken, dass RT eine weiterreichende Funktion in die angrenzenden Bereiche ausübt. Natürlich fallen einem hier sofort Pfullingen und Eningen ein, die im Grunde aus RT einen Großraum oder ein Konglomerat machen, schon alleine dewegen, weil es zusammenhängend ist: Es besteht keine bauliche Lücke zwischen diesen Teilen des Konglomerat. Gäbe es den Georgenberg nicht, wäre dieser Aspekt noch deutlicher. Das sieht man an Dingen, die ohne RT gar nicht existieren würden oder nicht in der Größe. Das Industrie- und Gewerbegebiet zwischen RT und Pfullingen würde nicht, oder sehr viel kleiner sein, wäre kein RT da, und über den TV-Sender in Eningen würden wir nicht reden, wenn die benachbarte 115.000 Einwohenr Stadt nicht wäre. Man kann auch noch anmerken, dass andere Städte vergleichbarer Größe Pfullingen und Eningen schon längst eingemeindet hätten. Aber RT ist da anders. Wir sollten RT also hier entgegenkommen und das Konglomerat einfach mal benennen, und das sind knackige 150.000 Einwohner, die im Großraum RT alle Vorzüge Reutlingens in Anspruch nehmen. Und eine 150.000 Einwohner Ansammlung hat einen Anspruch auf eine straßenbahnähnliche Einrichtung. Als Konglomerat sind wir in RT mindestens in einer ähnlichen Situation wie Pforzheim, Heilbronn, Ulm oder Heidelberg. Ich möchte auch noch darauf aufmerksam machen, dass im Osten der BRD sogar Städte unter 50.000 Einwohner eine Straßenbahn besitzen. Wir sollten es uns also wirklich WERT sein, eine Straßenbahn nicht nur anzustreben, sondern massiv zu realisieren. Nun sind die Pläne weit gediehen und werden schon Diskussionen über die Haltestellen geführt, Storlach, Bösmannsäcker, und das ist schon mal zielführend, was ich begrüße. Ich möchte nochmal betonen, dass ich den Kommentar über die Straßenbahnen in BaWü in vergleichbaren Städten gut finde.