Freitag, 2. September 2016

Die Macht und die Herrlichkeit in Reutlingen




Ganz beschaulich - weil im Stil der guten alten Zeit...

"Warum eigentlich sind unsere alten Städte in Europa schöner als alles, was Planer und Architekten je in den vergangenen Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg an Neuem entwickelt haben?" So fragte am Donnerstag suggestiv in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler. Wir in Reutlingen und ganz besonders auf unseren Bildertanz-Seiten (Blog & Facebook) fragen uns das schon sehr lange und immer wieder mit Bezug auf aktuelle Entscheidungen. Wir ahnen auch, woran es liegt. Nicht an uns, den Menschen, sondern an den Architekten, die zu lange auf die kalten und glatten Ansprüche einer strengen Schule fixiert waren, deren Regeln sie zu entsprechen versuchten - auch mit Blick auf das Ansehen innerhalb der eigenen Vergleichsreihen. Kollegen bauten für Kollegen, nicht für uns, die in diesen und zwischen diesen Gebäuden leben müssen. 
Ist unsere Stadt noch unsere Stadt?
Gerade jetzt wurde wieder der Bau von Gebäuden genehmigt, deren Art der Frankfurter Stararchitekt in seinem Beitrag verurteilt. Das sogenannte "Stuttgarter Tor", ein Euphemismus par excellence, wird uns - um mit Mäckler zu sprechen - "angesichts der abstoßenden Kälte und Langeweile" frösteln lassen. Ähnlich wird es uns mit dem GWG-Komplex gehen oder dem Bau des Hotels an der Stadthalle. Mäckler ist ein kluger Mensch, er weiß, dass wir, die wir die alten Städte schöner finden, von den Leuten, die diese Öde planen und entscheiden, gerne als "Ewiggestrige" abgekanzelt werden. Aber anscheinend scheint sich - bis auf das institutionelle Reutlingen, das schon immer gerne dem Trend von gestern nachgelaufen ist - in der Zunft eine Art Rückbesinnung durchzusetzen. Man schaut den alten Meistern ab, wie sie das Entstehen einer Stadt vor 100 und mehr Jahren mitgestaltet haben.  Mäckler merkt vor allem an, dass eine Stadt, die sich aus vermeintlich elitären Solitären zusammengeschustert hat, auf die öffentlichen Räume und Plätze konzentrieren solle, um sich wieder jene Urbanität zu geben, die sie einst besaß. Wer denkt da nicht an unser Reutlingen? Wem fällt da nicht die Personalie von dieser Woche ein, in der über die Auseinandersetzung zwischen der Stadt und ihrer Angestellten (keine Beamtin!) Dr. Katrin Korth im GEA zu lesen war. Denn gerade die stellvertretende Leiterin des städtischen Amts für Tiefbau, Grünflächen und Umwelt engagierte sich mit Leidenschaft (und nicht mit der Kälte von Planern, denen eigentlich egal ist, was sie planen) für eine bürgerzentrierte Gestaltung öffentlicher Räume. Der Begriff "Bürgernähe" ist nämlich in der Tat viel zu schwach. Von wo aus wollen sich denn die Planer uns nähern? Von ihrem irgendwo im Abstrakten konstruierten Idealbild, das mit absoluter Macht durchgesetzt werden will? Nein, wir stehen im Mittelpunkt. Es ist unsere Stadt.
Es ist vierzig Jahre her, dass Ralf Dahrendorf in einem Beitrag davon sprach, dass wir auf ein System zusteuern, in dem Exekutive und Experten alles bestimmen werden, in der die natürlichen Autoritäten der Bürger und ihrer gewählten Vertreter mehr und mehr an die Seite gedrängt werden. Wie oft hätte man sich in den letzten Jahren gewünscht, dass unsere Stadträte und Stadträtinnen dagegen ihr Veto energisch eingelegt hätten, deutlich ein "So nicht" in den Ratsaal ausgerufen hätten. Stattdessen haben sie sogar einem Zuschütten des Listbrunnens zugestimmt, den viele als einen Verrat am Bürger empfunden. Übrigens wurde aus diesem Beschluss des Gemeinderates (was ich hier mal aus dem Stegreif unterstelle) dann ein Auftrag, der bei Korth landete, die ihn bestimmt nicht gerne ausgeführt hat. Sonst wäre er sofort umgesetzt worden. Wenn unseren Stadtbediensteten etwas gefällt, dann können sie nämlich da blitzschnell sein - wie etwa beim Abriss der Listhalle.
Wahrscheinlich werden wir - so der Tenor des Artikels im GEA - Dr. Korth als Mitarbeiterin unserer Stadt verlieren. Es wäre ein Triumph für die Stadtmacht, eine Niederlage für uns Bürger. Und wir müssen befürchten, dass wir den  Weg der Entfremdung zwischen Stadt und Bürger  weitergehen werden.
Es ist so schade. Ehrlich gesagt, es frustriert immer mehr Menschen, die sich für diese Stadt engagieren wollen. Da wird auf Dauer ein Investitions-Klima erzeugt, in dem es von morgens früh bis abends spät nur noch um sofortigen Nutzen und schnelle Profite gehen wird. So zitieren wir am Ende noch einmal den Architekten Mäckler, der sich über etwas so Profanes wie den "Straßenraum" mit seinen Fassaden äußert: "Architektonisch kam der Außenfassade, auch als Straßenfassade bezeichnet, zu allen Zeiten eine besondere Bedeutung zu, weil sie das Haus für seinen Besitzer in den öffentlichen Raum hinein repräsentierte. Dies hat sich erst mit der Moderne und der Idee des Hauses als solitärem Kunstwerk geändert."
Ich finde, dass die Moderne ziemlich altmodisch daherkommt. Um es mit Oscar Wilde zusagen: "Nichts ist so gefährlich wie das Allzumodernsein, man gerät so leicht aus der Mode."
So addieren sich in unserer Stadt auch weiterhin die Solitäre zu einem Durcheinander der Stile, die sich gegenseitig nichts und uns Bürgern erst recht nichts zu sagen haben.
Schön, dass es wenigstens die Zeile am Tübinger Tor gibt. Und schön, dass die neue Skateanlage - ein öffentlicher Raum - so viel Anklang findet, aber bestimmt nicht deshalb, weil Solitäre wie die Stadthalle oder das "Krankenhäusle" in der Umgebung stehen. Da ist der ZOB mit seiner Funktion für die Jugendlichen viel, viel wichtiger. So weit sind wir inzwischen.

Raimund Vollmer


 Ganz dicht - in der Metzgerstraße...

 Ganz weit - der Listplatz, aber ohne Brunnen
Ganz gemütlich - an der Marienkirche
 Ganz in Ordnung - jedenfalls auf diesem Foto: der Bahnhof
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer

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