Freitag, 21. Oktober 2016

Reutlingen 2030: Die verschachtelte Stadt



Wird Reutlingen bald nur noch aus Schachteln bestehen? Wie hier an der Oberen Wässere? 


Von Raimund Vollmer*

Warum es in Reutlingen um mehr geht als nur um Stadtplanung und Stadtentwicklung

Es klingt ziemlich weit hergeholt. So war es auch. Im obersten Fach meines Archivs fand ich eine Schachtel mit Zeitungsartikeln eines vor elf Jahren verstorbenen Herrn, eines Jahrhundertmenschen, den ich sehr bewundert habe. Eine Stunde später wusste ich wieder warum. Und ich glaube, dass das, was so etwas wie sein Testament war, uns in unserer Stadt eigentlich sehr interessieren müsste...

Eine Schachtel wird besichtigt

Er war Österreicher, weltberühmt wurde er als Amerikaner. Er gilt als der größte Management-Lehrer des 20. Jahrhunderts. Sein Name: Peter F. Drucker, 1909 geboren, gestorben 2005. Ein Mann, dessen Lebenszeit noch die Kaiserreiche gestreift hatte, der zwei Weltkriege durchlebte, der als junger Mann über den Börsenkrach von 1929 berichtete, der miterleben durfte, wie zwei seiner Arbeitgeber - darunter eine Bank - Bankrott gingen, der wiederholt Adolf Hitler interviewt hatte und der dann in den USA die einzigartige Chance bekam, das über Jahrzehnte hinweg größte Unternehmen der Welt, General Motors, zu durchleuchten.
Er war der Mann, der Management aus unmittelbarer Nähe beobachtet hatte und dieser Species ein Selbstverständnis gab, einen Berufsethos, der sich auf einen einzigen Begriff reduzieren lässt: Bescheidenheit - die völlige Zurücknahme seiner selbst angesichts der immensen Aufgabe, sei es nun in Staat oder Wirtschaft. Und er warnte davor, dass immer dann, wenn die Welt nach Superstars verlangt, der Zeitpunkt gekommen war, in dem sich die Führung in einer ernsten Krise befand.
Warum ein solch langer Einstieg, wenn es doch hier nur um Reutlingen geht? Dazu müssen wir die anderen Schachteln auch noch öffnen.

Braucht Reutlingen einen Superstar?

Unsere Stadt steht nun wirklich nicht im Verdacht, dass ihre Bürger nach einem Superstar verlangen. Sie brauchen ihn auch gar nicht. Die Menschen in Reutlingen pflegen eher zu viel Bescheidenheit als zu wenig. Hier hält man nichts von Großmannssucht.  Hier hat man keine überzogenen Erwartungen an sich selbst und an andere. So sind sie hier. Das wurde in den letzten 70 Jahren durch den Zuzug von Menschen, die nicht des heimischen Dialektes mächtig sind, eher gestärkt als geschwächt. Das liegt an der Luft. Wer hierher kommt, will das Unaufgeregte, die Schönheit der Alb, das gemütliche Beisammensein, kurzum: das Bürgerliche.
Für uns ist Reutlingen allenfalls ein Großstädtle - so belanglos und bedeutungslos wie die anderen Metropölele wie Pforzheim, Heilbronn, Ludwigsburg und Esslingen im Umkreis der Landeshauptstadt Stuttgart.

Wir haben Kretschmann - und der ist in Stuttgart.

Stuttgart ist wie wir. Hier wird geschafft. Ansonsten weiß man auch nicht so genau, was man mit sich anfangen soll. Trotz immenser Wirtschaftskraft reicht's im Fußball momentan nicht einmal zu einem Erstligaverein. Wenigstens ist die Staatsoper nach zehn Jahren wieder zur Oper des Jahres gewählt worden. Mit dem Superprojekt "Stuttgart 21" ist man derweil dort so beschäftigt mit sich selbst und der Finanzierung, dass für jegliche andere Form von Größenbahn weder Zeit noch Plan ist. Stuttgart ist mit Zukunft völlig ausgelastet. Im Unterschied zu Reutlingen, das da noch viel freier ist. 
Wir haben absolut keine Management-Probleme. Wir haben keine Superstars. Wir haben Kretschmann. Der sitzt in Stuttgart. Ob's genügt? Wir wissen es nicht, interessiert uns auch nicht.
Wir haben uns selbst komplett unter Kontrolle. Und Bescheidenheit - die pflegen wir, wenn's sein muss auch mit einem Quantum Überheblichkeit. Wir im Süden. Da singt es sich froh: "Wir haben nicht die längste Theke der Welt, wir haben sie nur hergestellt." Nur, damit das klar ist. (Als jemand, der seine Jugend in der Stadt mit der längsten Theke verbracht hat, also Düsseldorf, ist das natürlich blanker Spott, den er großzügig akzeptiert.)

Lieber eine Stunde näher an Budapest als an Reutlingen

Bleiben wir in Stuttgart, diese sich gerade völlig neu verschaltende Stadt.  "Stuttgart 21" - da haben sich die Landeshauptstädter einmal ganz, ganz weit nach vorne gewagt, prompt sind sie fürchterlich auf die Nase gefallen. Sie haben endlich der Welt laut sagen lassen, was sie meinen könnten, wenn sie etwas wollen dürften. Sie haben einem Konjunktivsatz ein fettes Ausrufezeichen gegeben! Weil sie sich da vielleicht zu weit aus dem Fenster gelehnt haben könnten, haben sie dem Ganzen den notwendigen Nachdruck gegeben, indem sie ihre Idee mit einem gigantischem Protest begleitet haben. Der war dann alles andere als bescheiden. Der war von Weltruf, bestens gemanagt, echte schwäbische Qualitätsarbeit. Das war von solcher Dialektik, das sich noch heute der alte Hegel und der Architekt Paul Bonatz auf dem Wolkensteig 7 jeden Montag mit einem Viertele gegenseitig zuprosten.
Es ist ja auch toll, dass Budapest endlich eine Stunde näher an Stuttgart rückt. Das war schon immer im gesamten Schwabenland der allergrößte Geheimwunsch. Ansonsten halten wir alles andere um uns auf Distanz - bis hin zu massiven Auskreisungswünschen, wie sie die Stadt Reutlingen äußert. (Unter uns: In Wahrheit haben wir Berührungsängste, sonst besäßen wir doch die längste Theke und nicht die Düsseldorfer Altstadt. Und in Reutlingen müsste man nicht immer wieder solch ein Gedöns - das ist rheinisch für unnötigen Aufwand - machen, um die Leute in die heimischen Lokale zu locken.)
So - nun kommt allmählich der alte Herr aus Kalifornien ins Spiel.

Reutlingen, das globale Dorf und die Next Society

Vier Jahre vor seinem Tod machte er sich in einem 20 Druckseiten langen Artikel Gedanken über unsere Gesellschaft, genauer über die "nächste Gesellschaft". Da hatte er das Jahr 2030 und folgende im Visier. Seine Analyse war simpel, wie all seine Gedankengänge waren sie nicht so verschachtelt wie dieser Artikel, der mich immer wieder von einer Denkschachtel in die andere springen lässt.
Jedenfalls hatte er den demographischen Wandel vor Augen vor dem Hintergrund von Management und Stadtentwicklung. Ein Dreisatz.
Wenn wir länger leben, müssen wir auch länger arbeiten. Klar. Das ist ein No-Brainer - vor allem vor dem Hintergrund, dass wir nicht genügend Kinder in die Welt gesetzt haben. Wenn wir länger arbeiten, werden wir dies aber nicht unbedingt jeden Tag zwischen 9 und 17 Uhr tun, sondern individuell abgestimmt. Und wenn wir schon beim Abstimmen sind, dann werden wir, also die Älteren, die übrigens genauso dringend von den Jüngeren gebraucht werden wie umgekehrt, das auch nicht unbedingt in irgendwelchen Bürotürmen oder anderen Großraumschachteln tun. Entweder werden wir zuhause arbeiten, was nicht jedem gefällt, oder in Nachbarschaftsgebäuden - eine Idee, die aus einer anderen Schachtel kommt. 1980 hatte sie der Zukunftsforscher Alvin Toffler formuliert. In diesen leicht und bequem zugänglichen Gebäuden wird nicht nur eine einzige Firma ihren Sitz haben, sondern da werden sich etliche Unternehmen zusammentun, um ihren Leuten - das sind, hoffentlich, nicht nur wir Ältere - Arbeitsplätze einzurichten. Diese Gebäude müssen ja keine hässlichen Schachteln sein, sondern könnten sich wunderbar einpassen in die Umgebungen der Vororte und der Kernstädte. Es wäre eine Verdichtung von Wohnen und Arbeiten, von gegenseitigen Dienstleistungen in einem globalen Dorf.

Stadtplaner - die Manager unseres Alters

Was immer man von dieser Vorstellung denken mag, es ist zumindest mal eine Idee, die unsere Stadtplaner doch mit uns diskutieren müssten. Sie sind die Manager unserer Zukunft, der Zukunft unserer Stadt, unseres Lebensraums. Sie genießen das unglaubliche Privileg, über den unmittelbaren Nutzen, den Profit, hinaus über das - vor allem laut und öffentlich - nachzudenken, was eine Stadt lebenswert macht. Selbst wenn ein Gedanke sich nicht als umsetzbar erweist, wir, die Bürger, nehmen das nicht übel. Was wir übel nehmen, ist, wenn die Zukunft unserer Stadt ohne uns verhandelt wird. Da werden wir richtig sauer, das können wir nicht akzeptieren. Da sind wir sogar zum Protest verpflichtet, weil wir hier leben - und zwar deutlich länger, als dies bei unserer Geburt vorstellbar war (und sich die damaligen Stadtplaner haben vorstellen können).

Alles verschachelt und geschachelt: sogar der Platz

Managen heißt versorgen  - das war gestern.

Nun blicken wir auf unsere Stadt. Und siehe da! Überall entstehen Schachteln, sie wirken wie Gemeinschaftsgebäude. Unser Rathaus - die verschachtelste Schachtel überhaupt - ist ja geradezu der Prototyp. Hier fließen alle Interessen zusammen. Die Stadthalle, Arbeitsplatz für Künstler aller Art und Herkunft, hat nicht minder Wucht. Die Markthalle mit ihren unterschiedlichen Läden. Passt. Überhaupt die gesamte Obere Wässere - ein Schachtelparadies. Passt. Ärztehaus am Albtorplatz. Passt. Der künftige, allerdings vergiebelte Katharinenhof. Passt (fast). Die rundliche Müller-Galerie. Passt (fast). Der gebeulte Kronprinzenbau. Passt (fast). Die Kaiserpassage. Passt (fast). Überall wenn nicht äußerlich, dann aber zumindest innerlich verschachtelte Gebäude!
Ja, man könnte da einiges zusammenrechnen. Nur mit dem demographischen Wandel, der mehr bedeutet als die Versorgung von älteren Bürgern, hat das wenig zu tun. Das gilt auch für all die neuen Schachteln, die erst noch geplant sind und sich sogar hochkantig auftürmen lassen.
Ein 
Es stimmt natürlich: Je besser das Angebot in der Innenstadt ist, desto mehr Menschen, vor allem ältere, wird es ins Zentrum ziehen. Die Betriebe, die kein Publikumsverkehr brauchen, drängt es nach außen, in die Vororte, die jetzt noch von alten Menschen in viel zu großen Häusern besetzt sind. Da zeichnet sich eine gewaltige Umwälzung ab, deren Objekte wir sind, niemand anders, jeder von uns. Das ist nicht weiter schlimm, denkt man. So etwas können unsere Beamte und Profis managen. Dafür haben wir in Staat und Wirtschaft die richtigen Leute. Niemand muss wirklich umdenken. Managen heißt versorgen.
Das Problem ist nur: Dies löst keines unserer Probleme, sondern vergrößert sie nur.

Reutlingen im Algorithmus der Zeit

Das ist der Punkt, wo einer wie Drucker angreift. Was wir brauchen, ist ein neues Verständnis von Management. Ihn interessiert dabei nicht der Managementstil, sondern die Inhalte stehen im Vordergrund. Das Was ist gefragt, weniger das Wie.Und da gehen alle wie die berühmte Katze um den heißen Brei herum.
Was muss ein Unternehmen tun, um ältere Mitarbeiter zu halten oder gar zu gewinnen (nicht, wie noch vor wenigen Jahren, um sie rauszuekeln)? Dazu gehört zuallererst das Eingeständnis, dass man auf diese älteren Mitarbeiter angewiesen ist. Ein noch so eleganter Algorithmus umfasst niemals das komplexe Wissen eines erfahrenen Mitarbeiters, kann ihn aber höchstproduktiv unterstützen. Das gilt für Beamte ebenso wie für Angestellte und Arbeiter, für Akademiker ebenso wie für Handwerker. Sehr zum Nutzen des Unternehmens. Übrigens war es Drucker, der das duale Ausbildungssystem in Deutschland immer wieder gelobt hat. Gerade in den USA, wo die Geschäftsprozesse vor allem auf ungelernte Arbeitskräfte ausgerichtet sind, hat man die Bedeutung bis heute nicht begriffen. Unser strategischer Wettbewerbsvorteil.
Was muss eine Stadt tun, um diesen Unternehmen zu helfen, Arbeitsplätze für Ältere und nicht nur für Jüngere zu schaffen? Es ist mehr verlangt als der Bau von Ärztehäusern, Pflegeheimen und Barrierefreiheiten. Das ist am wenigsten ein Sozialprogramm, das ist vor allem ein Thema der Wirtschaftsförderung, des gemeinsamen Denkens und Lenkens.
Alle Institutionen könnte man jetzt hier durch deklinieren - vor allem diese Organisationen und Agenturen, die für Arbeitende und Arbeit zuständig sind. Vielleicht ist dies sogar ein Thema, das die Älteren selbst in die Hand nehmen sollten. Mit Leidenschaft. Aber ohne Mitleidsschiene. Mit professionellem Engagement. Nicht als Beschäftigungstherapie.
Kurzum: Wir müssen über Arbeit reden. Und das ist keine Schande.

Ob es uns gefällt oder nicht:
Wir, die Alten von heute und von morgen, sind die Zukunft

Eigentlich müsste dies ein leichtes Spiel sein. Denn hier in Reutlingen wird gerne gearbeitet. Es wird gut gearbeitet. Und jeder weiß, was zu tun ist, kennt seine Grenzen, pflegt schon deshalb die Kollegialität. Hier ist sich jeder sein eigener Manager. Superstars braucht man hier nicht. Wahrscheinlicher ist, dass die Manager in Staat und Wirtschaft selbst nach dem Superstar rufen werden, weil sie mitten in der Krise stecken.
Wir, wir allein haben mit dem Geburtenrückgang der letzten 40 Jahre entschieden, dass wir die Zukunft sind, ob uns das nun gefällt oder nicht. Deswegen werden wir - und erst recht die, die heute jung sind - länger arbeiten müssen. Machen wir uns da nichts vor! Auch wenn die kriegsgeschwächten Jahrgänge ein sehr langes Rentnerdasein genießen durften und dürfen, sie sind zumeist sehr früh und unter weitaus widrigeren Umständen ins Berufsleben eingetreten als wir, die Nachkriegsgeneration, die Babyboomer. Viele von ihnen engagier(t)en sich bis ins hohe Alter ehrenamtlich. Wie oft waren sie ganz einfach froh, endlich schaffen zu können - ohne Manager.
Peter F. Drucker war es übrigens, der lange vor allen anderen erkannte, dass das Ehrenamt weltweit der größte Arbeitgeber ist (nicht sein wird). Es ist keine Beschäftigungstherapie. Es ist längst lebensnotwendig.
Unsere Stadt wäre längst tot ohne das Ehrenamt. So verschachtelt sind wir. Und das ist vor allem unser Verdienst, nicht der Manager.

*Zur Person: Raimund Vollmer (64) ist seit 1973 Journalist und lebt seit 1981 als freier Journalist in Reutlingen. Er ist dreifacher Vater und dreifacher Großvater.

Bildertanz-Quelle: RV

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke für diese wahren Worte, Sie haben völlig recht, die neue Architektur ist einfach nur grausam.

Hansjörg Schrade hat gesagt…

Rathaus als Ausdruck der Machtverhältnisse
... dazu habe ich mal einen Blogartikel verfasst:
https://diewaehlersindfrei.wordpress.com/2015/08/20/denkmalschutz-fuer-eine-betonorgie-der-60er-jahre-sozialdemokratische-zukunftsbauten/
Viele Grüße Hansjörg Schrade