Dienstag, 31. Januar 2017

Reutlingen. Die Stadt: Auf dem Weg in die Spaltung



Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

Wenn das unsere Stadträte läsen, was heute in der FAZ steht, dann würden sie vielleicht über manche Entscheidung in den letzten Jahren noch einmal nachdenken und vielleicht sogar über sich selbst den Kopf schütteln. Aber selbst wenn sie es lesen würden, würden sie hoffen, dass es sonst keiner liest. Denn irgendwie müsste es sie peinlich berühren. Mit Blick auf das, was kommt und für das sie im Ansehen der Bürger stehen...
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die mit ihrem Wirtschaftsteil fest auf dem Boden der Marktwirtschaft steht, veröffentlicht heute in ihrem nicht  minder charakterfesten Feuilleton eine ziemlich scharf formulierte Kritik an der Stadtplanung - und nimmt als Beispiel die Stadt Frankfurt, die sich völlig dem Diktat des Marktes hingegeben hat. Aber es hätte auch fast jede andere Stadt sein können. Denn an Frankfurt zeigt sich, "wie das Zivilisationsmodell Stadt versenkt wird", heißt es im Vorspann des Artikels von Niklas Maak.sein (Im Internet ist der Artikel nur kostenpflichtig zu lesen.)

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Das Beispiel: Frankfurt. Die Unstadt
 Frankfurt - vom Zug aus gesehen. Die Kühl-Türme des Geldes im Hintergrund. (Diese Stadt wäre wohl mal eine Fotoreise wert...)
 Hoch hinaus...
 Alles nur Fassade, die aussehen wie "überdimensionierte Abluftgitter" (Maak)
Auch Rundungen durchbrechen die Eintönigkeit kaum...
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Der Autor, der Kunstgeschichte und Architektur studiert hat, meint mit Blick auf Frankfurt (und man denkt zugleich an das Reutlingen der Zukunft): "Das, was die alte europäische Stadt ausmacht, kann sich so gut wie keine der Bevölkerungsgruppen, die das Leben in ihr einst prägte, mehr leisten."
Noch scheint es in Reutlingen nicht so weit zu sein. Wer sich aber bei jungen Leuten umhört, die eine Familie gründen wollen, die vielleicht sogar die Stadtnähe suchen, wird feststellen, dass inzwischen die Mietpreise inklusive der Nebenkosten nur noch durch Doppelverdienen zu bezahlen sind - und das Urlaubsbudget Richtung Tagesausflüge schrumpfen lässt.
Aber im Unterschied zu anderen Städten (wie zum Beispiel Stuttgart) geht's uns ja noch gut, möchte man sagen. Deshalb vergleicht sich Reutlingen gerne mit jemandem, der wie Frankfurt an der Spitze der Wohnpreise liegt. Aber es muss nicht einmal Frankfurt sein: Im Vergleich zu dem nahen Stuttgart ist Reutlingen in der Tat konkurrenzlos billig. Und so drängen die verdrängten Hauptstädter zu uns und machen damit - nolens, volens - den Einheimischen hier Konkurrenz beim Marktwettbewerb um Wohnraum. Reutlingen wird zu einem Vorort Stuttgart, was sich auch darin zeigt, dass man bei uns mehr wohnt als arbeitet.
Natürlich wissen das unsere Stadträte auch. Dazu müssen sie nicht die FAZ lesen. In dem Artikel wird indes noch etwas ganz anderes kritisiert: der erneuerte Trend zu Wohngebieten, die als "Schlafstädte, ach was, Schlafställe für den bürgerlichen Mittelstand" dienen. "Ein Drittel aller Neubauten in Frankfurt waren Hochhäuser", offenbart uns der Autor. In Reutlingen gelten Hochhäuser ebenfalls als Allheilmittel. Und es sind damit keine Bürogebäude gemeint, sondern Wohnkomplexe, die da errichtet werden wollen. Die Investoren seien zur Schaffung sozialverträglicher Wohnungen verpflichtet worden, werden wir beruhigt. Aber die Flächen werden eben an Investoren vergeben - und nicht, wie Maak einen "alten Slogan der Stadtsoziologie" zitiert, "in Bürgerhand". Was langfristig aus diesen Wohnungen wird, wer weiß? Vielleicht geben die Investoren dann die Wohnungen "in Bürgerhand", natürlich als teure Eigentumswohnungen. Sie werden so etwas schon im Hinterkopf haben, wenn sie sich auf solche Vereinbarungen einlassen. (Oder was ist in der Vergangenheit mit den Sozialwohnungen der Nachkriegszeit passiert?)
Die Städte sind zum Wohnen da, die Vororte zum Arbeiten. Das ist die komplette Umkehrung des Trends der Nachkriegszeit. Und so ist die Zeit abzusehen, in der die Gewerbeflächen rund um Stuttgart zusammenwachsen mit denen der umliegenden Städte. Jeden Morgen nicht in die Stadt, sondern aus der Stadt - das ist die langfristige Perspektive. Das lässt sich einfach planen, das macht auch das Investieren so leicht. Teures Wohnen, billiges Arbeiten - was die Fläche anbelangt. Es ist also hochgradig lukrativ, in die Stadt zu investieren. Und da dürfen die Stadträte nicht mit anderen Plänen stören.
"Die Kommunen können Neubau- und Verdichtungsareale seit kurzem als 'urbane Gebiete' ausweisen und so Wohnen und Gewerbe viel intensiver zusammenbringen", schreibt Maak. Seltsamerweise hatte zum Beispiel der Bezirksgemeinderat des Reutlinger Vororts Altenburg genau dies bei der Schaffung von Gewerbefläche vorgeschlagen. Aber das Konzept wurde nicht einmal gedanklich übernommen, die dafür von den Dorfräten aufgezeigte, alternative Fläche nicht einmal in den Prüfungsauftrag an die Ersteller des Flächennutzungsplan eingebracht, sondern man hielt stur daran fest, die Monostruktur der bestehenden Gewerbefläche ganz einfach zu verdoppeln. Im Sinne der Gesamtstadt, mit der sich die Stadträte gegenüber den Dorfräten mit ihren Partikularinteressen differenzieren.
Aber umgekehrt wird ein Schuh daraus. Denn dieses "Gesamtinteresse" dient vor allem der Zweiteilung von "Stadt = Wohnung"  und "Land = Arbeit". Die Landgemeinde Altenburg liegt im nördlichsten Zipfel zum Arbeits-Großraum Stuttgart, verkehrstechnisch am engsten damit verbunden. Das muss man nutzen, sagen die Entscheider - im Sinne der Wohnstadt, die im Kopf der Stadträte am Ende doch nur aus der Kernstadt besteht. Denn da wird künftig vor allem gewohnt. (Keine Frage. Aber von wem? Von denen, die das bezahlen können. Der Rest kann sehen, wo er bleibt)
Das klingt polemisch, ist aber eigentlich anders gemeint, nämlich als eine Mahnung an die Stadträte, sich ihrer eigenen, ihrer ureigenen Macht bewusst zu sein, der Macht, die ihnen der Souverän, der Wähler, verliehen hat. Sonst ergeht es ihnen, wie einem Bürger, der mir kürlich gestand, dass er bei der letzten Kommunalwahl niemanden gewählt hat, der bereits im Stadtrat ist. Er rollte die Liste der Vorschläge von hinten auf. Eine Alternative, die keine Petry-Partei braucht.
Dabei wäre es doch ganz einfach für das Establishment, wieder zu punkten: "Die Lokalpolitik ist im Jahr 2017 viel weniger, als es oft behauptet wird, das Opfer eines Marktes, der alles diktiert. Sie kann viel besser als früher eine Idee dessen vorgeben, was Stadt ist. und Regeln, nach denen gebaut wird", schreibt ihnen Maak ins Stammbuch. Denn die Stadträte haben ein Argument auf ihrer Seite, das jeden Investor weich werden lässt. Es gibt so viel Geld zu verdienen mit dem "Wohnen in der Stadt", dass sie gar nicht anders können. Noch mehr Geld aber - möchte man hinzufügen - können die Menschen verdienen mit dem "Arbeiten in der Stadt". Die Arbeit ist jedoch dabei vor allem in der "Bürgerhand".


Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer (Text und Fotos)

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