Montag, 12. Februar 2018

Reutlingen - eine Stadt im Widerspruch (2)



Kapitel 2: Eine Stadt ohne Bürger

Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer 
Es kommt immer auf die Perspektive an: Im November entstand dieses Bild vom Marktplatz
- kaum zu glauben: im November

Kaum wechselt man den Standort, sieht derselbe Platz ganz anders aus - und das zu einer weitaus wärmeren Jahreszeit, wie das Grün der Bäume belegt.




»Die Bürger - das sind die anderen.«

Jules Renard (1864-1910), französischer Schriftsteller



Wem gehört eigentlich unsere Stadt? Ist Reutlingen nicht einer solchen Fülle von Widersprüchen und Strömungen ausgesetzt, dass diese Stadt uns jede Chance der Identifikation mit ihr nimmt?

Wer dabei denkt, dass es nur um den Konflikt zwischen Alt und Neu geht, der irrt.   Dies ist eine Auseinandersetzung, die nur verdeckt, worum es in Wirklichkeit geht. Es geht allein um uns. Es geht um eine Stadt, in der wir leben - oder um eine Stadt, die ganz einfach nur funktioniert, egal, ob mit uns oder ohne uns. Letzteres wäre - zu Ende gedacht - eine Stadt, die auch von Robotern bevölkert sein könnte. Schön müsste Reubotlingen dann aber nicht sein, nur nützlich. Jedenfalls würde dies gelten, solange diese Roboter kein eigenes Bewusstsein haben. Eine Frage übrigens, die bei dem Thema "Künstliche Intelligenz (KI)" stets ausgeklammert wird. Denn sie wäre geschäftsschädigend für alle, die KI verkaufen wollen. Denn diese Bewusstseinsmaschinen wird es vorläufig nicht geben - trotz aller Algorithmen und Selbstlerneffekte. Selbst der Mann, der sich in den sechziger Jahren für das Jahr 2001 den ersten Computer mit eigenem Bewusstsein ausgedacht hatte, der Brite Arthur C. Clarke, meinte am Ende, dass es auf unabsehbar lange Zeit eine solche Maschine nicht geben wird.

Ein solches maschinelles Bewusstsein, vor allem, wenn es auch noch mit Emotionen unterfüttert wäre, würde allerdings alles ändern. Dann stünden die Roboter vor derselben Frage wie wir: "In welcher Stadt möchten wir leben?" Ob sie darauf eine Antwort finden würden, ist indes zu bezweifeln. Ihre Vorstellung würde immer gerade auf dem basieren, was sie gerade tun und denken. Und weil das so vielfältig ist, gäbe es den permanenten Widerstreit der Interessen. So wie heute - in diesem, unserem Reutlingen. 
Straßen zerreißen Städte.

Dieser Widerspruch ist nichts Neues. Er lag zum Beispiel 1975 in der Überschrift eines langen Artikels in der FAZ: "Städte für Menschen - Planung für Verkehrsteilnehmer". So titelte die Zeitung, in der sich der Verkehrs- und Stadtplaner Kurt Leibbrand (1914-1985) zu einem klassischen Zwiespalt äußerte, in dem sich sein Berufsstand spätestens seit Beginn der Industriellen Revolution befindet. Einerseits Städte zu bauen und vor allem zu erhalten, in denen Menschen sich wohlfühlen, andererseits Verkehrssysteme zu planen, die genau dieses Wohlgefühl wieder wegnehmen, in dem sie den Menschen nur noch als "Verkehrsteilnehmer" sehen und diese Stadt, die sie prinzipiell erhalten wollen, zerreißen. So entsteht das Gegenteil dessen, was man im Grunde genommen wollte. Stuttgart leidet bis heute darunter. 
Stuttgart - wie es sich die Zukunft realisiert: am Pariser Platz

Die Versuche, die Sünden der Nachkriegszeit zu beheben, mögen vielleicht Architekten und Stadtplanern gefallen, aber nicht Menschen, die da leben wollen. Stuttgart wird eine Stadt für Nomaden, für Menschen, die wegen der Jobs kommen - und die gibt's reichlich. Sie verdecken das eigentliche Problem dieser Stadt. Sie liefert kaum Identifikation. Sie ist nicht Heimat. Stuttgart avanciert zum Silicon Valley - eine einzige Erfolgsstory, aber ohne jeglichen Charme.

Unter allen Lebenswelten, die der Mensch sich geschaffen hat, ist die Stadt die künstlichste und am höchsten verdichtete. Sie schreit geradezu nach Planung, in der versucht wird, allen Ansprüchen gerecht zu werden - eine Unmöglichkeit, bei der sich die Architekten und Stadtplaner gegenseitig im Wege stehen. Und wenn man genau hinschaut, sieht man überall den "Konflikt zweier Modernen", um eine Redewendung des Soziologen Ulrich Beck von 1978 zu benutzen.


Funktion geändert - Haus erhalten: Vom Feuerwehrmagazin zum Friseursalon

Die Stadt, in die mit der Industrialisierung vor 200 Jahren alles drängte, versuchte zugleich die modernen Technologien, denen sie ihren Aufstieg zur Massenstadt zu verdanken hat, zu nutzen, um die Menschen wieder aufs Land zu bringen. Die Produktion ward der eine Teil der Moderne, die "Wegeverteilungskämpfe" (Beck) der andere. Das eine verlangte Verdichtung und Konzentration, das andere Ausweitung, ja, weltweite Ausdehnung. Und die einstige Industriestadt Reutlingen, die sich in den siebziger Jahren durch Eingemeindung das zurückzuholen versuchte, was sie durch die Stadtflucht verloren hatte, steht nun vor der Frage, ob sie dem Stuttgarter Modell in die Anonymität von Stil und Leben folgen soll oder sich selbst zum Vorbild wird? 


1762: »Alle sozialen Einrichtungen,
die den Menschen in Widerspruch mit sich selbst setzen,
taugen nichts.«


Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), französischer Philosoph

 

"Die Abwanderung aus den Innenstädten ist durch die neuzeitlichen Verkehrssysteme ausgelöst worden. Im Zeitalter der Eisenbahnen zogen innerhalb von sechzig Jahren 100.000 Londoner aus der City in die Vororte, im Zeitalter des Autos zogen innerhalb von elf Jahren 100.000 Düsseldorfer in die Nachbargemeinden", schrieb 1975 Leibbrand. Je moderner und individueller die Verkehrssysteme werden, desto attraktiver wird das Land - eine bis dahin sehr richtige Schlussfolgerung. Doch zur selben Zeit nahm eine Entwicklung ihren Anfang, die die Verhältnisse umzudrehen scheint: das Internet. Im Silicon Valley im November 1969 geboren, kann es unter den Bedingungen einer Stadt am stärksten und schnellsten seine Effizienz und Effektivität zeigen. Jetzt geht der Trend zurück zur Stadt. Und Reutlingen will davon auch profitieren. Ihr gutes Recht. Als Legitimation dient ihr nicht die Entscheidung ihrer bestehenden Bürgerschaft, sondern die Abstimmung mit dem Möbelwagen. Menschen, die noch gar nicht hier sind, entscheiden aber auch paradoxerweise bereits vorab, wie diese Stadt aussieht. Neue Quartiere entstehen, Wohnhochhäuser, alles gerastert und gepflastert, alles ähnlich, alles clean, alles cool - alles protzpostmodern. Alles sehr diszipliniert, alles austauschbar. Wie ihre Bewohner, die kommen, um auch wieder zu gehen, wenn es der Job verlangt.  
Alles Design - könnte überall sein

Warum beharren die Gestalter unserer Städte so sehr auf  dieser formalen Strenge, die irgendwie das Merkmal der modernen Architektur seit Le Corbusier (1887-1965) zu sein scheint? Warum sind die Architekten so streng zu uns, den Bürgern? Sind wir in ihren Augen überhaupt Bürger? Oder doch nur "Einwohner"?

Denn im Unterschied zum Bürger ist der Einwohner lediglich jemand, der in einer Gemeinde eine Wohnung hat, in der er auch dauerhaft lebt, also gemeldet ist. Der Bürger hingegen ist zwar auch Einwohner, aber er nimmt seine Ehrenrechte wie die des aktiven und passiven Wahlrechts wahr - und als richtiger Bürger kann man sich fühlen, wenn man neben dem Recht zu wählen noch sein Stimmrecht wahrnimmt: die Teilnahme an Bürgerentscheiden, die so heißen und nicht Einwohnerentscheide.

Reutlingen war als alte Reichstadt auch immer eine Bürgerstadt. Und sie hat bis heute viele Bürgermeister - in jedem der zwölf Stadtbezirke und vier in der Verantwortung für die Gesamtstadt. Die Bezirksbürgermeister werden nach Berliner Vorbild so benannt, haben aber rechtlich lediglich den Stand eines Ortsvorstehers. Das heißt: der Ort, dem sie vorstehen, ist unselbständig und gehört wie in unserem Fall zu Reutlingen.

Da wir nur in ehemals selbständigen Gemeinden solche Bezirksbürgermeister haben, wird diese Bezeichnung vor allem mit Respekt vor dem früheren Status dieser Bezirke verwendet. Alles andere wie die Gartenstadt Orschel-Hagen oder der Ortsteil Römerschanze sind Quartiere, ein Begriff, den man nun über alles legen möchte. Klammheimlich. Subkutan. Zum Beispiel werden demnächst Quartierbusse die früher selbständigen Dörfer untereinander verbinden. Die ehemaligen Rathäuser der eingemeindeten Dörfer heißen schon seit längerer Zeit Bezirksämter. Irgendwann werden wir sie wie in der Schweiz Quartieramt nennen. Und die Bezirksbürgermeister sind dann die Quartiermeister, Stabsoffiziere, die nicht mehr gewählt, sondern ernannt werden. Vom General, dem Oberbürgermeister.

Schon heute ist die Position des Bezirksbürgermeisters irgendwie unecht. Gewählt wird er nicht direkt, sondern vom Ortschaftsrat, dessen Mitglied er zumeist selbst ist. Als Mitglied ist er direkt gewählt, als Bezirksbürgermeister nicht. Aber der Ortschaftsrat kann ihn eigentlich auch nicht bindend wählen, sondern nur mit Mehrheitsbeschluss vorschlagen. Ob er es wird, hängt vom Stadtrat ab. Vereidigt wird der Bezirksbürgermeister auf das Wohl der Gesamtstadt, und im Tagesgeschäft ist er in Reutlingen als Ehrenbeamter auch Stellvertreter der Oberbürgermeisterin und ihrer drei Beigeordneten. Kurzum: Er changiert also zwischen allen Welten, ohne wirklich zu wissen, zu welcher er gehört. Was ihn schützt, ist, dass er nicht in einer anonymen Welt agiert, sondern in der einer kleinen Kommune, in der meistens jeder jeden zweiten oder dritten kennt. 
Alles entstanden in der Amtszeit unserer Oberbürgermeisterin Barbara Bosch
- und im Hintergrund baut sich bereits die Tonne auf, unser neuestes Theater.

Es gibt eigentlich nur eine Position, die in Ansehen und Macht besonders hervorgehoben ist, und das ist das Amt des Oberbürgermeisters. In Reutlingen wird dieses durchaus präsidiale Amt seit 2004 von Barbara Bosch ausgeübt. Sie ist die einzige Amtsträgerin in der Verwaltung, die direkt gewählt wurde - und, wie es aussieht, sich im kommenden Jahr zum dritten Mal der Wahl stellt.

Noch nennen sich in Reutlingen alle diese Amtsträger Bürgermeister. Denn sie  wurden ja - ob direkt oder indirekt - von Bürgern gewählt, von Menschen, die ihr aktives und passives Wahlrecht ausgeübt haben und deshalb nicht nur Einwohner dieser Stadt sind, sondern Bürger. Ohne unsere Zustimmung oder die der von uns gewählten Vertreter kann keiner Bürgermeister werden. Auf uns, die Bürger, müssen sich all die berufen, die im Rahmen der Gesetze über uns entscheiden. Jede Herrschaft braucht die Zustimmung durch die Beherrschten. Das hält jede Stadt lebendig. Wie lebendig ist dabei aber auch eine Frage der Wahlbeteiligung: Anders formuliert: Wie viele der Einwohner verstehen sich auch als Bürger? 
Gmindersdorf - kein Quartier, aber ohne Bürgermeister

Was aber geschieht mit denen, die nicht zur Wahl gehen? Sind die Bürgermeister auch diesen gegenüber verantwortlich? Natürlich, lautet da die spontane Antwort. Sind die Bürgermeister also in Wirklichkeit Einwohnermeister, Herrscher ohne Zustimmung? Sind wir schon auf dem Weg zum Quartiermeister? Eigentlich eine Frage, die man vernachlässigen könnte, wenn nicht die, die nur Einwohner sind und sich nicht über die Wahrnehmung ihrer Ehrenrechte als Bürger qualifizieren, längst die Mehrheit stellen würden. Zumindest gilt das für Reutlingen.

Reutlingen - eine Stadt der Nichtwähler. Kein gutes Image. Kein gutes Markenzeichen. Aber leider ist es so.

Als Frau Bosch 2011 wiedergewählt wurde, gingen 23,8 Prozent der wahlberechtigten Einwohner zur Wahl, knapp 86 Prozent von ihnen gaben ihr ihre Stimme. Eine solche Wahlbeteiligung ehrt weder unsere OB noch uns, die Einwohner dieser Stadt. Im Grunde genommen ist es eine Blamage. In Tübingen gingen 2014 rund 55 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl, 61 Prozent wählten Boris Palmer, der mit Beatrice Soltys eine kompetente Konkurrentin hatte. Selbst wenn man Reutlingen mit der Weltkleinstadt Metzingen vergleicht, bleibt das Ergebnis beschämend. Ihren Ulrich Fiedler wählten 93,6 Prozent der Bürger zum OB - und das bei einer Wahlbeteiligung von 37 Prozent, also deutlich mehr als in Reutlingen. Blamabel auch in Richtung Stuttgart. Dort gingen 2012 bei der letzten OB-Wahl 47,2 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl. Fritz Kuhn bekam 52,9 Prozent der Stimmen. Mal gespannt, wie die Werte 2020 in der Landeshauptstadt aussehen werden...

Doch zurück in die Stadt der Nichtwähler, nach Reutlingen, mit der sich - politisch gesehen - nur eine Minderheit identifiziert. 
Dieser Platz verkauft sich eindeutig unter Wert, oder?
Der Einwohnerpark, euphemistisch Bürgerpark genannt

Unser Stadt verkauft sich unter Wert. So heißt es bei denen, die kürzlich unter der Federführung unserer Oberbürgermeisterin einen Markenbildungsprozess angestoßen haben. Reutlingen verkauft sich vor allem schlecht gegenüber sich selbst. Aber der Markenbildungsprozess soll ja vor allem Reutlingen nach außen verkaufen - als sei Reutlingen ein Produkt, ein Objekt. Doch mit diesen Einwohnern, die mehrheitlich keine Bürger sein wollen, ist offensichtlich kein Staat, geschweige denn eine Stadt zu machen. 
Die Altstadt von Lyon: Sollte in den sechziger Jahren komplett abgerissen werden -
heute eine Touristenattraktion und der Stolz der Bürger.
Deshalb müsste eigentlich die professionelle Frage lauten: Was machen wir falsch? Wir - die Bürger. Und sie, die Einwohner. Die Zahl der Einwohner wächst, die Zahl der Bürger aber schrumpft. .

Auch bei den Kommunalwahlen, die ebenfalls 2019 stattfinden werden, waren in den letzten Jahren die Bürger in der Minderheit - sogar deutlich unterhalb des Landesdurchschnitts. Während 2014 rund 49 Prozent der Wahlberechtigten im Land ihr Ehrenrecht wahrnahmen, waren es in Reutlingen nur 39 Prozent - ein Ergebnis, das uns traurig stimmen sollte. Zehn Jahre zuvor waren es wenigstens noch 42 Prozent gewesen.

Eigentlich aber sollten es - wie bei einer Bundestagswahl - mindestens 75 Prozent sein. Das wäre die Richtschnur. Denn der Staat, die Bundesrepublik Deutschland, ist uns mit Sicherheit nicht so nah wie der Ort, die Stadt, in der wir leben. Es sei denn, wir sehen in Reutlingen nur eine Bleibe mit vorübergehender Bedeutung.

Dann wird Reutlingen in den nächsten Jahren vollends eine Stadt ohne Bürger.

Wenn der Markenbildungsprozess einen Sinn haben soll, dann vor allem nach innen. Alles andere ist Augenwischerei.

Kurzum: Der größte Widerspruch in dieser Stadt sind wir selbst.

Teil 1 unserer Serie "Stadt im Widerspruch" finden Sie HIER
Aus Einwohner müssen Bürger werden - und aus Plätzen Lebensräume

Kommentare:

Reutlinger hat gesagt…

Ihr habt auf jeden Fall Recht- die Funktionalität, welche heute eine sehr hohe Rolle spielt, lässt den Charme verschwinden. Doch es gibt auch schlechte Gegenbeispiele moderner Architektur- z.B. die grässlich aussehende (neue) Bibliothek in Freiburg, welche nach dem Bau abgeändert werden musste, da die Glaskanten die Autofahrer blendeten. Aber das fängt ja schon im Privatbereich an. Geht doch mal in ein Neubaugebiet von einem Vorort- dort sehen alle Häuser gleich langweilig aus.

Anonym hat gesagt…

vielleicht kommen die vielen Einwohner u.a. auch daher, dass sie keine Bürger in Stuttgart mehr sein können, weil es unbezahlbar geworden ist... und für viele Bürger ist auch Reutlingen zu teuer geworden und sie verlieren vielleicht auch daher das Interesse sich zu engagieren bzw. Haben auch gar keine Zeit mehr, weil sie arbeiten müssen, um es auch leisten zu können...

Ketzerisch gesagt...

Julia