Eine unzeitgemäße Betrachung von Raimund Vollmer
Gemütlich? |
Heute schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Thomas
Petersen über "Heimat und Heimatmuseum". Es geht um eine
Meinungsumfrage, die sein Institut für Demoskopie Allensbach justament durchgeführt
hat. Alles dreht sich um den Begriff Heimat. Und da ist man dann schon darüber erstaunt,
dass man nicht erstaunt ist. Denn deutlich mehr als 70 Prozent der Befragten
fühlen sich ihrer Heimat verbunden - über alle Altersklassen hinweg, über alle
Parteigrenzen hinaus.
Befragt danach, wodurch wir - also, die Bürger - unsere
Heimat am stärksten bedroht sehen, haben wir mehrheitlich befunden, dass es die
Schließung alteingesessener Geschäfte sei (78 Prozent). Da fällt uns etwas auf
die Füße. Denn wir sind es ja wohl selbst, die durch unser Kaufverhalten die
Schließung dieser Läden bewirkt haben. Oder waren es doch die Hauseigentümer,
für die es sich mehr lohnte, ihr Geschäft an eine Kette zu vermieten als selbst
weiter zu betreiben? Nein, nein. Wir sind es. Denn mit unserer Kaufkraft haben
wir ja bewiesen, dass sich höhere Mieten jederzeit durchsetzen lassen. Und so
haben wir unsere Stadt an die Ketten gelegt. Selbst schuld. Und jetzt ist es zu
spät.
"Zuwanderung aus dem Ausland" haben wir mit 69
Prozent als zweiten Gefahrenherd für unsere Heimat angesehen - ein äußerst
komplexes Thema, das jeden, der sich ehrlich damit auseinandersetzt, innerlich
zu zerreißen droht. Alles andere als einfach. Und es wird uns wohl noch lange
beschäftigen.
"Schnelle Veränderung" bringt nach Meinung von 67
Prozent der Befragten unsere Heimat in Gefahr. Da wird man dann sehr
nachdenklich. Sind es die baulichen Veränderungen, die zum Beispiel den
Charakter einer Stadt umgestalten, oder sind es die wirtschaftlichen,
technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen, von denen wir uns bedroht
fühlen?
Erbaulich? |
In der Umgebung einer Stadt sind da die baulichen
Veränderungen wohl der größte Faktor in unserer Wahrnehmung. Der "Verlust
von Traditionen" lässt uns zu 62 Prozent nichts Gutes erwarten. Die
"Zurückdrängung der Natur" gilt auch als eine Bedrohungsfaktor (60
Prozent). "Neubauten" allerdings werden nur von 46 Prozent und der
"Rückgang gesprochener Dialekte" nur von 44 Prozent als Bedrohung
angesehen.
Kühl? |
Der Autor kommt schließlich zu folgendem Schluss:
"Heimat ist für viele Menschen nicht nur ein Ort, sondern auch eine Zeit:
es ist nicht einfach ein Ort der Kindheit, sondern dieser Ort, so, wie er in
der Kindheit war. Je mehr er sich verändert, desto ferner wird das
Heimatgefühl."
So kommen wir zu einer ketzerischen Frage, die über alles
Bruddeln und Buddeln hinausgeht: "Ist es die Aufgabe zum Beispiel einer
Stadt, ihrer Räte und ihrer Verwaltung, uns Bürger von diesem Heimatgefühl zu
entfernen?"
Ist die Entwurzelung unser Schicksal?
Geborgen? |
Ich selbst gehöre zu den 16 Prozent, die ihre Kindheit nicht
dort, wo sie jetzt leben, nicht in dieser Region verbracht haben, sondern ganz
woanders (in NRW). Ich bin also zugewandert. Das war 1975 nach Pfullingen und
Stuttgart, nach RT 1981. Und ich habe mich immer gefragt, wo ich denn meine
Heimat sehe, nie eine mich überzeugende Antwort gefunden.
Unter Freunden? |
Kürzlich saß ich mit Freunden zusammen. Und nach einer Weile
fragten sie mich, warum ich - der "Rheingeschmeckte" - so still sei.
Ich habe ihnen keine Antwort gegeben. Sie hätten die Antwort nämlich nicht
verkraftet, ich war ja selbst noch dabei, sie zu verdauen. Mir war plötzlich
klargeworden, dass sie, diese Menschen, meine Heimat waren - egal, woher sie
kamen.
Bildertanz-Fotos:Raimund Vollmer
1 Kommentar:
Heimat ist wo es einem gerade gut gefällt. Einfach egal.
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