Donnerstag, 19. September 2019

Alles wird BUSiness - oder das letzte Gefecht...






 SOFTWARE STATT FAHRPLAN


1953: »Ich allein bin Mensch, und alles Übrige ist göttlich.«
Samuel Beckett (1906-1989), irischer Schriftsteller , in seinem Roman "Der Namenlose"




Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer



Überall in der Welt wird nach einem Vierteljahrhundert des intellektuellen Stillstands über neue Mobilitätskonzepte nachgedacht. Nur Reutlingen geht einen Schritt weiter (Gedankenstrich) zurück. Hier wird ein neues Buskonzept eingeführt, dass  - so wurde im Vorfeld ins Gedankenspiel gebracht - eigentlich schon 1994 hätte umgesetzt werden müssen. Anstatt damals einen neuen Zentralen Omnibus-Bahnhof (ZOB) nebst Rendez-Vous-System einzuführen, hätte man schon damals ein auf die Belange einer Großstadt ausgerichtetes System errichten müssen - so eins, wie wir es jetzt haben.
Was wir nun bekommen haben, das seine systemimmanenten Anfangsschwierigkeiten sicherlich überwinden wird, ist etwas, das sozusagen schon 25 Jahre alt ist. Eine böse Behauptung werden nun die sagen, die es verwirklicht haben und auch die, die Reutlingen stets gerne in die vorderste Linie der Avantgarde stellen möchten. Man ist doch so stolz auf diesen Geniestreich der Fahrplantüftler, die mit ihren Quartierbussen uns auch noch bis in die nächste Nähe gerückt sind.

Saubere Luft dank Wunder-Werbung 
Und ist es nicht toll, dass wir in Zeiten, in denen Reutlingen zu den am meisten mit Umweltschlagzeilen gequälten Städten gehört, Ambitionen zeigen, unseren Individual-Innenstadt-Verkehr aus der City nach und nach zu verbannen. In den siebziger Jahre war es die "Fußgänger-Zone" (was für ein Wort!) Wilhelmstraße, die uns glücklich machte, seit den achtziger Jahren (wenn ich mich recht entsinne), waren es die Parallelstraßen wie Metzger-, Garten-, Kaiser- und Bismarckstraße, die als Querungshilfe durch die Stadt systematisch herabgestuft und entschleunigt wurden - mit dem Ergebnis, dass der überlastete Ledergraben heute uns über kurz oder lang ins Fahrverbot führen wird. Ja, wir sind schon so verzweifelt, dass unser Stadtrat nach dem enttäuschten Wunderglauben an die Fetthenne (die wir hier beim Bildertanz von Anfang an als Scharlatanerie abgetan haben) nun auf ein anderes technologisches Heilmittel setzen, das sich - welch ein zusätzliches Wunder - durch Werbung sogar teilfinanzieren soll. Vielleicht erweist sich dies als ein doppeltes Geschäft mit der Illusion - jener der Werbung und dieser dieser neuartigen, dreckfressenden Litfasssäulen auf dem Mittelstreifen des Ledergrabens. (Siehe GEA von heute)
All dies geschieht mit bester Absicht - nämlich der, uns, die Bürger vom Auto auf den Bus umzuleiten, inzwischen fast schon zu drängen. Der RSV bekam immer mehr Monopolstrecken wie eigene Busspuren oder exklusive Durchfahrtsrechte, wie er diese - über kurz oder lang - für die Gartenstraße erhalten wird. Die Forderungen danach, seien sie nun inszeniert oder natürlichen Ursprungs, werden ja schon laut. 
Schummeln gilt nicht
Das Auto, nicht nur des Schwabens scheinheiligstes Blechle, wurde systematisch diskriminiert - und die Automobilindustrie versuchte zwar dagegen anzuschummeln, aber nun scheint sie mit ihrem Softwarelatein am Ende zu sein.
Und der Klimawandel, den wir längst mit dem Begriff Klimakatastrophe assoziieren, tat ein übriges, um uns in den Zustand eines permanenten schlechten Gewissens zu versetzen. Nicht die Busse sind die Bösen, sondern wir, die nicht darauf umsteigen wollen - und doch spüren, dass wir dies tun müssen, wenn wir die Welt vor uns und unseren SUV-Kumpanen retten wollen.
Wir müssen zugeben, dass sich die Stadt mit ihrer RSV auch maximal bemüht, uns das Leben ohne Auto schmackhaft zu machen. Das Allheilmittel ist der Bus. Das war es 1974, als die Straßenbahn abgeschafft wurde.  Das ist es jetzt, während wir noch auf die Stadtbahn in die Zukunft warten. 
Der Fahrplan als letzter Wille 
So erscheint einem das, was nun über Reutlingen als neuer Fahrplan verhängt wurde, sicherlich als bester Wille, aber leider auch als letzter Wille.
Wirklich? Starker Tobak wird da mancher denken und ist vielleicht schon vorher aus dem Bildertanz-Bus ausgestiegen. 
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Jetzt, wo wir unter uns sind, kann es ja weitergehen. Wir alle wissen, dass die große Zeit des "eigenen" Autos mit uns am Steuer vorbei ist. Wenn also jemand sein Testament machen muss, dann ist es das Privatauto, nicht der Bus oder die Bahn. Jede Fahrt mit unseren von uns gesteuerten Verbrennern ist fast schon eine Museumsfahrt. 
Überall wird mit Selbstfahrern experimentiert. Durch die extensive Durchregulierung unseres Straßennetzes bis in die kleinste Sackgasse hinein ist ein derart dichtes aus Befehl und Gehormsam entstanden, wie es in geradezu alles überlegener Weise nur die Software leisten kann. Unsere Straßenverkehrsordnung allein ist das beste Pflichtenheft, das sich ein Programmierer bei der Software-Erstellung für selbstfahrende Autos nur denken kann. Der einzige Unsicherheitsfaktor ist - das ist tiefster IT-Glaube, glauben Sie mir - der Mensch, der Mensch am Lenkrad, der Mensch am Straßenrand, der Mensch auf dem Fahrrad, der Mensch im Verkehr generell. Wir sind viel zu spontan. Wir sind alles andere als softwaregöttlich. Früher - in anderen Zeiten - nannte man das Freiheit. Aber mit "früher" darf man ja nicht kommen - in diesen Zeiten, in denen man nicht daran erinnert werden möchte, dass man uralte Konzepte realisiert. 
Die Käfighaltung des Menschen
Natürlich könnte man jetzt schreiben (und nichts liegt mir ferner als das), dass die Käfighaltung des Menschen im Bus immer noch die beste ist. Der freilaufende Individualverkehr, so wie wir ihn seit 100 Jahren kennen, ist einfach nicht planbar. Das schafft keine Simulationssoftware, das schafft kein Supercomputer, das schafft noch nicht einmal die Stadt Reutlingen. In unseren individuellen Bewegungswünschen sind wir schlichtweg nicht kakulierbar. Da können wir noch so viel Big Data zusammenscharren. Warum verfolgt die RSV dann dieses neue Buskonzept mit dem Ziel, möglichst alle in den Bus zu verfrachten?  
(Übrigens ist dies die letzte Gelegenheit zum Lese-Ausstieg vor der Endstation auf dieser Linie der Unverschämtheiten.)
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In gewisser Weise erinnert das neue Buskonzept an das Pfeifen im Walde. Betrachten wir das ganze System mal nicht aus dem Blickwinkel von uns als Bürger dieser Stadt, sondern aus der Sicht des Managements bei der RSV. Diese Leute fühlen sich verantwortlich für viele, viele Mitarbeiter, für millionenschwere Investitionen und natürlich auch für ihren eigenen Job.
Bislang waren ihr natürlicher Feind der Individualverkehr, also unser Auto. Eine Niederlage nach der anderen haben sie erlitten. Wir bekamen die Straßen, die Parkplätze und alle Bequemlichkeiten der Mobilität. Sie mussten sich mit ihren Bus-Übergrößen dadurch zwängen, waren an Fahrpläne und Fahrstrecken gebunden, umständliche Bezahlsysteme, Personalpläne, Budgets, Inspektionen, Statistiken - mit alldem, was man Transaktionskosten nennt. Sie hatten nie eine Chance, und stünden nicht die Stadtverwaltung und deren Stadträte hinter ihnen, sie hätten überhaupt keine Chance. So bekam die RSV Privilegien, mitunter sogar schon monopolartig, die ihr gerne zugestanden wurde, weil sie ja auch wichtigen Sozialaufgaben nachkam, was man nicht unterschätzen darf. Der ÖPNV - der Öffentliche Personen-Nah-Verkehr - war, ist und bleibt wichtig. So wichtig, dass er sogar in Reutlingen spätestens seit der Jahrtausendwende Zuwendungen der öffentlichen Hand sicher sein konnte, damit auch unrentable Linien bedient werden. 

 Fahren wie im Internet

Im Augenblick des größten Triumphes, in dem das in der Regel total unterbesetzte Auto, dieser Ein-Personen-Bus, endlich als das größte Übel im Straßenverkehr identifiziert wird, alle Vernunft für den Bus spricht, kommt es zu mehreren Bedrohungen aus völlig unterschiedlichen Ecken.
- Erstens der Elektroantrieb, der das Auto trotz aller jüngster Öko-Gegenrechnungen zu rehabilitieren scheint und eine Wohlstandsindustrie momentan in Angst und Schrecken versetzt.
- Zweitens der Uber-Fall und andere Konzepte vom Teil-Auto bis hin zu Sammeltaxen der verschiedenen Art, der aus dem öffentlichen Nahverkehr einen privaten Nahverkehr macht.
- Drittens das Aufkommen von Ebikes und E-Rollern, die eine Art von Freiheit zurückerobern, die allen höheren Wesen in der Nahrungskette der technischen Mobilität verwehrt ist.
- Viertens sind es die selbstfahrenden Fahrzeuge, die sich in den nächsten zehn Jahren in unser Straßenbild einfügen und zur totalen Konkurrenz  aufrufen werden. Von ihnen geht die größte Umwälzung aus.
Vor allem diese Selbstfahrer werden dafür sorgen, dass unser neues Bus-Business auf jeden Fall keine 25 Jahre (wie das bisherige Rendez-Vous-System) bestehen wird. Vielleicht wird es noch nicht einmal zehn Jahre halten. Es wird nie den Zustand der maximalen Optimierung erreichen.Und wenn doch, dann wird dieser Zustand sich nicht konservieren lassen.
Warum ist das so? Wenn sich Deutschland nicht der weltweiten Lächerlichkeit preisgeben will, wird niemand es wagen, die selbststeuernden Autos zu verbieten. Da sie auch noch softwaregesteuert sind, werden sie die regeltreuesten Fahrer sein, die es je gab. Unsere Hilfssheriffs werden arbeitslos. Natürlich wird es Unfälle geben, aber wahrscheinlich auf Dauer eher weniger, Straßenrennen werden sich diese Selbstfahrer nicht leisten. Wenn doch, dann wurden sie von Menschenhand so programmiert. rinner wDie Schummelsoftware in den Dieseln hat sich auch nicht selbst geschrieben. Dass die Software, die unsere Autos steuern wird, gehackt werden kann, ist eine Gefahr, die natürlich besteht und sie wird auch garantiert ins Gespräch gebracht. Aber die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich hoch, dass wir diese Gefahr ebenso akzeptieren werden wie die, dass unsere Elektrizitätswerke durch Hacker lahmgelegt werden können. (Unsere Atomkraftwerke wurden jahrzehntelang von PC-Technologien gesteuert, die wie keine andere potentiellen Hacker-Angriffen ausgesetzt waren. Das wurde aber nie großartig thematisiert. Mit gutem Grund.)
Ausschlaggebend aber ist, dass diese selbstbestimmten Fahrzeuge alles durcheinander bringen. Sie müssen nicht mehr an einen einzigen Fahrzeughalter gebunden sein. Sie passen wunderbar in Teil-Auto-Konzepte. Sie können sogar - wie unsere Busse - pausenlos im Einsatz sein, miteinander kommunizieren, sich zu Sammeltaxen zusammenschließen, sie werden sogar mit Überlandbussen und Stadtbahnen, mit allem, was der ÖPNV auf seinen Strecken zu bieten hat, verbinden. Die Schnittstelle zu allem ist eine APP auf unseren Smartphones, über die wir unser Fahrziel angeben, alles andere regeln dann die Programme unter sich.Vor Ort und in der Cloud. Es ist das Prinzip, nachdem auch das Internet funktioniert. Jeder Fahrgast nennt seine Adresse, zu der er will, alles andere steuert dann die Software. Ganz grob gesprochen. 

Als der Erfinder dieses Verfahrens vor einem halben Jahrhundert zu der damals größten Telefongesellschaft der Welt, zu AT&T, kam, wurde er kopfschüttelnd abgewiesen. Das hatten sich die Manager dieses Giganten einfach nicht vorstellen können, dass das funktionieren würde. Trotzdem wurde dann vor 50 Jahren, im November 1969, das Internet geboren - und wieder konnte sich keiner vorstellen, dass man nach dieser Methode auch die individuellste Form der elektronischen Kommunikation, das Telefongespräch, führen könnte. Doch genau das ist geschehen, nachdem die Telefongesellschaften in aller Welt Milliarden investiert hatten, um diese Form der Kommunikation zu verhindern.
Die RSV ahnt wahrscheinlich in ihrem tiefsten Inneren, dass sich in den nächsten 25 Jahren mehr verändern wird als in dem vergangenen Vierteljahrhundert. Und man wird den Eindruck nicht los, dass sie mit diesem neuen Konzept noch einmal alles versucht, um das Maximum an ÖPNV herauszuholen, bevor es zusammenschrumpft zu einem Grundgerippe an Fahrplan. Den Rest - und er wird mindestens 75 Prozent des Geschäftes sein - werden andere übernehmen. Die Ubers und CarShares, die Taxis und vor allem die Selbstfahrer. Sie organisieren sich aus dem Augenblick heraus, es ist das Instant-Business, das durch unsere Stadt zuckelt und Busse und Bahn fahrplangemäß soweit nutzt, wie es notwendig ist. Alles andere regeln die Cloud, das Smartphone und die - nennen wir sie albernerweise - Selfie-Cars. 

Das Tesla-Konzept
Übrigens: dieser Tage nahmen die Ingenieure eines großen deutschen Automobilherstellers das Gefährt eines kleinen amerikanischen Elektrofahrzeugherstellers auseinander. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass das, was Tesla kann, sie besser können. Kurz darauf verkündete der Amerikaner, dass seine Produkte künftig nur noch zu leasen seien. Und nach drei Jahren würden sie das Fahrzeug wieder zurücknehmen. Kein Restwertkauf möglich. Warum dies? Die Antwort: die Autos sollen in Selbstfahrer umgewandelt und als "Taxi" eingesetzt werden. Wenn die Daimler-Leute in ihre alten Konzepte hineinschauten würden, dann sähen sie, dass sie eine ähnliche Idee schon vor 30 Jahren hatten: Man sah eine Zeit voraus, in der Mobilität sich nur noch aus der Nutzung, nicht aus Eigentum heraus definierte. 
Der göttliche Fahrplan: Nutzung statt Eigentum
Jetzt rollt dieses Konzept auf uns zu. Daimler und viele andere werden darauf springen. Wenn die RSV sich ihr eigenes BUSiness anschauen würde, dann würde sie feststellen, dass es weder auf Fahrplänen noch auf Bussen basiert, sondern auf Nutzung. Sie muss dieses göttliche Geschäftsmodell eigentlich nur ins 21. Jahrhundert hieben. Sie muss erkennen, dass ihre Aufgabe sozusagen die des Koordinators ist, der alle zusammenbringt, nicht nach Fahrplan, sondern nach Bedarf. Vor allem aber bedarf es dazu eines Abrechnungssystems, das die Einnahmen sichert und verteilt. Auch hier existiert mit der Blockchain längst eine probate Technologie - eine Technologie, die nichts vergisst - schon gar nicht uns, den Fahrgast, den Kunden, den Menschen.
Stattdessen haben wir nun einen Fahrplan in seiner maximalen Ausführung. Was dann kommt, könnte so aussehen: Der Fahrplan (inklusive seiner Umsetzung in Wirklichkeit) wird sehr schnell zu voller Blüte kommen - und dann, wie eine Supernova verglühen. 

Fazit: Bei allem Fortschritt - unsere Stadt hat mal wieder die Zukunft vergessen. Wir sind auf dem Stand von 1994.
Deswegen ist diese kleine Betrachtung ein Brief aus der Zukunft. Legen Sie ihn einfach zu den Akten.
Bildertanz-Quelle:Ella Brodbeck, Erika Armbruster, Zwei-Eichen-Express, Werner Reusch, Richard Wagner

Montag, 16. September 2019

Als noch der Rohrstock in der Schule regierte....

... dann ist das zwar schon ziemlich lange her, aber noch nicht so lange, dass ehemalige Schüler sich nicht mehr daran erinnern. Jedenfalls wurde Ihrem Mister Bildertanz einmal folgende Geschichte erzählt:
Es begann mit einer Hausschlachtung. Ein Lausbub bittet den Metzger ein wenig Blut in eine Wurstpelle zu füllen. Der Metzger willigt ein. Am nächsten Tag verabredet er mit seinem besten Freund, einem "einschlägig" bekannten Lausbub, den Klassenlehrer zu ärgern - und zwar so, dass dieser zum Rohrstock greift und ihm einen Hosenspanner verpasst. Aber vorher soll der Schulkamerad die Wurstpelle an seinem Allerwertesten anbringen.
Der Unterricht beginnt. Wenige Minuten später ist es soweit. Der Lehrer zückt den Stock und setzt seinen Hieb so kräftig, dass dem Jungen das Blut an beiden Beinen heruntertrieft. Der Lehrer ist erschüttert: "Warum sagt mir denn keiner, dass der Bursche ein Geschwür am Hintern hat?" Kreidebleich entlässt der Lehrer den Schüler und bittet dessen Sitznachbarn, also unserer Blut-Spender, ihn nach hause zu begleiten.
Geändert hat es nichts an der Rohrstock-Praxis. Nur später hat der Lehrer dann mal herausbekommen, wie es wirklich gewesen war...
Raimund Vollmer
Bildertanz-Foto: Friedrich Fingerle

Freitag, 13. September 2019

Wilhelmstraße ist überall


Selbst "New Yorker" sieht man in Reutlingen. Und "Final Sale" meint wohl noch unseren guten alten Sommerschlussverkauf



Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer


Da titelt der Reutlinger General-Anzeiger heute in seinem Lokalteil: "Leerstand in der 1a-Lage". Da schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung heute auf Seite 1 ihres Wirtschaftsteils: "Es läuft etwas schief im Südwesten." Denn der Maschinenbau verbuchte im Ländle im Auftragseingang ein Minus von 15 Prozent, nach einem Minus von 14 Prozent im Juni.

Ist unter anderem der Online-Handel eine der Ursachen dafür, dass der Einzelhandel bis in die Wilhelmstraße hinein darbt, so ist es bei den Maschinenbauern (und zunehmend auch bei deren Kunden, den Zulieferern) der Wandel in der Automobilindustrie. Perfektes Marketing, mal dem Einzelhandel unterstellt, perfekte Motoren (mit Laufleistungen über 200.000 Kilometern) haben nicht davor geschützt, dass sich vor unseren Augen ein fundamentaler Wandel vollzieht.

In diesem Zusammenhang fällt dann immer wieder der Begriff "disruptiv", mit dem eine plötzliche Veränderung in der Technostruktur eines Unternehmens oder einer Branche gemeint ist. Der Begriff selbst wird in Kreisen der Leute, die meinen, dass sie ganz besonders auf der Höhe der Zeit befinden, so benutzt, als sei er völlig neu, sei er an sich "disruptiv". Zuerst einmal wurde er von 25 Jahren kreiert. (Der Autor dieser Zeilen hat sogar den Originalartikel).Zum zweiten hatte ihn in der ersten Hälfte des 20 Jahrhundert der Unternehmerforscher Joseph A. Schumpeter mit dem Terminus "kreative Zerstörung" längst vorweggenommen. Zum dritten wurde in den neunziger Jahren bereits in den Medien intensiv der "Online-Handel" besprochen  und das Elektroauto, das nun den Wandel in der Automobilindustrie bewirkt (inklusive aller Firmen, die in irgendeiner Form zuliefern), wurde zur selben Zeit sehr  konkretisiert.

Im Prinzip haben wir ein Vierteljahrhundert Zeit gehabt, unsere Wirtschaft im Großen (Automobilindustrie) und im Kleinen (Einzelhandel) auf diesen Wandel, der jetzt als radikal empfunden wird, vorzubereiten. Dies ist nicht geschehen, jedenfalls nicht aus einer offensiven Pose heraus. Jedes griechische Drama sagt uns. Je mehr man versucht, sein Schicksal aufzuhalten, desto unaufhaltsamer kommt es auf einen zu. Dagegen hilft eine Verdoppelung des Budgets für Stadtmarketing ebenso wenig wie die Entwicklung eines neuen Buskonzeptes oder die Forderung nach mehr Parkplätzen. Das ist nur ein Laborieren an den Symptomen. Auch der Versuch, durch Umweltberechnungen die Belastung des Elektroautos negativ einzuordnen, ändert nichts. Im Prinzip fehlt den Unternehmen der Mut, neue Phantasien zu entwickeln und umzusetzen.

Der radikale Wandel im Finanzwesen, also den Banken, ist übrigens auch schon seit den achtziger Jahren ein Thema, das erst mit der Finanzkrise vor zehn Jahren deutlich wurde. Und auch dort hat man bis heute alles daran gesetzt, diesen Umbruch mehr zu verhindern als ihn zu meistern.

Wenn wir ganz genau in die Szene hineinschauen, sei es in die Ämter, sei es in die Betriebe, dann wird der Grund offenkundig, der dazu führte, dass zum Beispiel Firmen zu Schummelsoftware griffen, um ihr möglicherweise überkommenes Geschäftsmodell zu retten. Die Krise, die auf uns zurollt, hat einen Namen und der lautet "Management". Es ist das mit Abstand größte Problem. Fragen Sie in Ihrem Bekanntenkreis herum, Sie werden letztlich immer wieder auf diese Personengruppe als Ursache der meisten Probleme stoßen.

Nun haben wir hier in Reutlingen ja eine Hochschule, die sich darauf spezialisiert hat, Managementerfahrung zu vermitteln. Und diese Hochschule genießt einen sehr, sehr guten Ruf. National und international. Die Frage ist nur: Bei wem? Die Antwort: Natürlich in Managementkreisen.

Sprechen Sie mit Unternehmern, vor allem mit Gründern, dann werden Sie hören, dass deren Management bestens ausgebildet sei, so gut wie sie es als Selfmademen niemals waren. Deswegen haben sie diese Führungskräfte auch eingestellt, um dann - ziemlich regelmäßig - enttäuscht zu werden. Vielleicht stehen unsere Management-Hochschulen demnächst ebenfalls vor einem Umbruch - einem Umbruch, der besagt, dass es immer weniger darauf ankommt zu steuern und zu kontrollieren, WIE man etwas tut, sondern WAS man tut.

Das Thema "Digitalisierung", über das wir bis zum Erbrechen nur Allgemeinplätze und andere Formen der Bewältigung durch Benennung hören, gehört in die Kategorie der Selbstbetörung und Selbstbeschwörung.

Wer in den siebziger Jahren durch die Betriebe ging, die durch die Elektronisierung (so nannte man damals die Digitalisierung) in einen Transformationsstrudel gerieten, der tatsächlich überraschend und damit disruptiv kam, wird sich erinnern, dass er gemeistert wurde von Mitarbeitern, die nichts anderes als eine Lehre in einem ganz anderen Fach hinter sich hatten, kein Abitur, kein Bachelor, kein Master. Und er wurde grandios gemeistert. Das beste Beispiel dafür haben wir hier vor Ort - der Wandel von Gminder zu Bosch. Überhaupt waren es Firmen im Südwesten wie etwa Kienzle (Fahrtenschreiber in Villingen-Schwenningen), die diesen elementaren Strukturwandel souverän in den Griff bekamen - mit ganz normalen Menschen. Managementprobleme hatten sie keine - vielleicht, weil sie gar kein Management hatten.

Wir stehen momentan vor dem Problem, dass es an allen Fronten brennt. Das meiste davon ist momentan nur ein Schwelbrand, es lodert noch nicht. Aber dazu kann es jederzeit kommen. Wir haben auf allen Ebenen unserer Wirtschaft und des Staates Kontrollinstanzen errichtet, überall, in Staat und Wirtschaft. Instanzen, die in der Lage sind, Probleme klein zu halten, oftmals allein dadurch, dass sie diese zerstückeln und zerhacken (wie Parkplatzprobleme), so dass sie bei uns, den Menschen, keine Alarmstufen auslösen. Und wenn es dann doch lodert, werden sie uns auffordern, die Augen zu schließen und uns erzählen, dass die Rente sicher ist.

Doch das wird diesmal nicht funktionieren. Wen immer man in den letzten drei Jahren befragte, jeden, der seine Umgebung beobachtete, berichtete davon, dass er dem "Frieden" nicht traut. Und dazu brauchte er noch nicht einmal irgendwelche Statistiken, die heute im GEA als Grund dafür aufgeführt wurden, dass Reutlingen in seiner ganzen Attraktivität bundesweit nicht wahrgenommen wird.

Die Wetterstatistik sagt: Es kommen kältere Tage.
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer