Freitag, 6. Juli 2012

War die Straßenbahn ein Opfer der Ölkrise von 1973?

»Die Ölkrise hatte der
Straßenbahn den Garaus gemacht.«

Originalton von RTF


Das behauptete jedenfalls gestern das RTF in seinem Beitrag über die Wiederauferstehung der Grünen an der Marienkirche. Nein, das war nicht Weltpolitik, das war Kommunalpolitik pur, verbunden mit dem Namen des damaligen Ersten Bürgermeisters der Stadt Reutlingen, Karl Guhl. Er hatte zwischen 1968 und 1974 - so weiß sogar Wikipedia zu berichten - die Stilllegung der Straßenbahn durchgesetzt. Dass die Behauptung von RTF kompletter Blödsinn sein muß, sagt schon der Name "Ölkrise". Eine Stromkrise hätte als Begründung wohl Sinn gemacht. Damals wurde vor allem der Sprit teurer, nicht primär der Strom.
Aber politisch korrekt ist es sicherlich, wenn nun die Schuld den Ölkonzernen und der OPEC in die Schuhe geschoben wird. Denn die Stadt Reutlingen tut sich bis heute schwer mit der Entscheidung von damals, die nach wie vor die Gemüter erhitzt. Wann immer wir den Bildertanz-Film über die Straßenbahn gezeigt haben, war hinterher der Kommentar: "Das war die größe Sünde, die die Stadt Reutlingen je begangen hat." Und das war auch gestern wieder zu hören, als die Straßenbahn über den Weibermarkt an ihren vierwöchigen Standort an der Marienkirche einschwebte.
Gut beraten wäre die so um Transparenz bemühte Stadtverwaltung, wenn sie heute ganz einfach nur zugeben würde: "Eine solche Entscheidung würden wir heute nicht mehr fällen." Es wäre ein wunderbares Geburtstagsgeschenk an die Grüne, die jetzt im Juli 100 Jahre alt geworden wäre.
Es sind nur ein paar Worte, die helfen würden, damit die Menschen in der Region endlich in Sachen Straßenbahn ihren Frieden mit der damaligen Entscheidung schließen können.
Raimund Vollmer

Kommentare:

Hermann hat gesagt…

Hermann sagt:
Karl Guhl hat angesichts der aus seiner Sicht horrenden Verluste (auch dank seiner kreativen Buchhaltung) das AUS für die Straßenbahn in Reutlingen betrieben. So wurde die Verbindung Karlsplatz - Betzingen bereits 1967gekappt, nachdem durch Bauarbeiten für einen längeren Zeitraum nach Betzingen die Bedienung dieses Abschnitts durch Schienenersatzverkehr erprobt war. Außerdem stand die Umgestaltung des Karlsplatzes an (1969/70 nach meiner Erinnerung vorgenommen) und da hatte die gute Grüne einfach keinen Platz und keine Lobby mehr - unterlegt durch ein Gutachten eines (Stuttgarter?) Verkehrswissenschaftlers. Die Verluste stiegen noch stärker an, nachdem die "cash-cow" und einzig gewinnbringende Strecke nach Orschel-Hagen ebenfalls eingestellt war. Aber: Insbesondere in den Nordraum war die Strecke erneuerungsbedürftig, Absenkungen des Gleiskörpers, die eisernen Schwellen, auch das Schienenmaterial mussten immer wieder "geflickt" werden. Nach meiner Erinnerung betrug die max. zugelassene Geschwindigkeit 35 km/h. Auch hat die Bürgerschaft die Einstellung hingenommen, lediglich ein Leserbrief einer Frau Bürk (Frau von Walter Bürk, Theodor-Heuss-Schule später an der Sparkassenschule) zugunsten der Straßenbahn wurde im Generalanzeiger veröffentlicht. Ich bedauere aber immer noch die Abschaffung der Straßenbahn, ihre Existenz wäre heute für die Stadt eine tolle Attraktion und ein klasse Entree für Auswärtige. Was hat denn Reutlingen ins Auge springendes zu bieten ?

P.S. Herr Vollmer ich hatte Ihnen einmal einige Dias zur Ansicht angeboten (Tankstelle Karlsstraße), wenn Sie noch Lust und natürlich Zeit haben, können Sie sich ja nochmal melden

Anonym hat gesagt…

Für diese These sind mir keine Belege bekannt. Bekannt ist dagegen, dass im November 1973 Stadtrat Noller angesichts der Ölkrise den Stilllegungsbeschluss von 1971 überprüft wissen wollte, was Ausschuss und Gemeinderat aber mehrheitlich ablehnten.

B.M.

Raimund Vollmer hat gesagt…

Natürlich habe ich INTERESSE an den Bildern, lieber Hermann.
Ihr
Raimund

Hermann hat gesagt…

Hermann R. ehemals Orschel-Hagen schreibt B.M. Lieber Bernhard. ich muss mal suchen, aber irgendwo habe ich gelesen, dass Karl Guhl noch andere Aufwendung, die eingentlich sachlich dem Busverkehr zuzuordnen waren, dem Straßenbahnbetrieb zugeordnet hat.
Die Einstellung der Stichlinie war ein Witz, kostete doch der laufende Meter Ober- und Unterbau nach der Abrechnung 1000 DM.
Viele Grüße lieber Bernhard
Hermann R.

Anonym hat gesagt…

Lieber Hermann,

wenn du die o.g. Unterlagen findest, würde mich das auch interessieren - genauso wie die Dias.

B.

Anonym hat gesagt…

Lieber Herr Vollmer,

die Ölkrise habe der Straßenbahn den Gar aus gemacht ist kein Origialton von RTF.1 sondern von Herrn Metzger, dem Vorsitzenden des Brauchtumsvereins. :) Da ich mich bei meiner Berichterstattung auf die für mich zuverlässig scheinenden Quellen (NICHT Wikipedia!) verlasse, habe ich diese Aussage so übernommen. Aber es freut uns natürlich, dass wir so aufmerksame Zuschauer haben.

Herzliche Grüße
Birgit Kleimaier (die zuständige Redakteurin)