Mittwoch, 20. November 2013

Abriss an der Alteburgstraße Reutlingen: Adieu an Gebäude, die uns über 100 Jahre erfreut haben..

An der Alteburgstraße in Reutlingen werden bald drei Gebäude abgerissen, die das Stadtbild von Reutlingen nachhaltig geprägt haben: Das GWG-Hauptgebäude aus den 1940er Jahren, das bis in die 1960er Jahre das Reutlinger Rathaus beherbergte, sowie ein weiteres aus den frühen 20. Jhd., sowie ein gründerzeitliches Gebäude. Die Gebäude fallen dem GWG-Neubau zum Opfer. Zur Erinnerung an die Gebäude, die wir bald nicht mehr sehen werden, zeige ich folgende Nachtbilder vom November 2013.

Die Bestandsgebäude sind und waren stadtbildprägend. Selbst das Landesdenkmalamt hat im Jahr 2009 gegen die Abbruchplanung der Gebäude Stellungsnahme bezogen. Sie seien stadtbildprägend; sie seien kleinzeilig, wie die Umgebung. Und: Die geplanten Neubauten der GWG sollten sich doch an der Umgebungsbebauung orientieren - was sie leider nicht tun. 

Leider hat dies die Stadtplanung Reutlingen wenig beeindruckt. Die Stadt wird einen Neubau mit teils 7 Geschossen mit einer Turmsituation gegen das Tübinger Tor errichten. Die Neubauten ignorieren, dass an der Alteburgstraße stadtbildprägende Gebäude stehen, die es wert sind, erhalten zu bleiben. Besonders das Gründerzeithaus gegenüber der Pomologie verdient einen Erhalt, weil es mit seinen Türmchen ein Ensemble mit dem Gebäude des G. Lucas eingeht... 

Der Abriss zeigt, dass heutige Stadtplanung Reutlingens doch wieder sehr an die 1960er Jahre erinnert, als der ehemalige Bürgermeister Oskar Kalbfell locker vom Hocker etwa 40 Altstadtgebäude abreißen ließ, um das neue Rathaus mit Anbauten zu bauen.

Bild 1: Links im Bild das GWG Gebäude, das bald abgerissen wird. Im Bild rechts ein Gebäude der 1930er/40er Jahre, ebenfalls ein Abriss-Kandidat.
Bild 2 oben: Links im Bild das denkmalgeschützte (und weiterhin existierende) Lucas-Gebäude an der Pomologie. Rechts das bald verlorene Gründerzeitgebäude, das mit seinem Türmchen ein schönes Ensemble gemeinsam mit dem Lucas-Gebäude an der Pomologie ergeben hat.
Bild 3 oben: Links das Gebäude, das wir bald nicht mehr sehen werden...

Bild 4 oben: Ablauf der Gebäude an der Alteburgstraße. Diese Gebäude haben Stil, und sind einwandfrei erhalten. Sie weichen dem GWG Neubau, der die historischen Bestandsgebäude an der Alteburgstraße völlig ignoriert.

Der  Neubau der GWG,  versiegelt eine sehr große Fläche. Mit 7 Geschossen macht der Kopfbau dem Tübinger-Tor Konkurrenz. Das Problem an solchen langen Baukörpern ist der "Korridor-Charakter", der entsteht: Man wird als Autofahrer dazu montiviert, schneller zu fahren, was für die Alteburgstraße nicht erträglich ist.

Schön wäre es, wenn die Wettbewerbs-"Juristen" mehr auf die Bürger eingehen würden und sich einmal vorstellen, wie es als Fußgänger ist, die Alteburgstraße zu erleben: Schöner mit, oder ohne Gründerzeitbebauung?


(c) der Fotos: M. Kurz

Kommentare:

H.R. hat gesagt…

Es ist schlimm, wie dieses Ensemble mutwillig von der GWG und den Stadtoberen abrasiert werden soll, um einem Baukomplex zu weichen, der den Charakter des Gebietes völlig verändert. Es ist schade, dass der letzte "Nazibau", der nach dem Kriege die Keimzelle des städtischen demokratischen Aufbaus wurde, nun einem 08/15 Baukomplex weichen muss. Man schaue nur einmal nach, wo die GWG in den 50/60er Jahren untergebracht war, und was die GWG damals geleistet hat: Engeloch, Storlach, Burgholz, Voller Brunnen, Katzensteg, Orschel-Hagen usw. - und heute: ein großer Bau und wenig Bautätigkeit. Ich würde mich sehr freuen, wenn eine Schlagzeile im GEA lauten würde "Die GWG baut entsprechend ihrer Zielsetzung Wohnungen, um mehr bezahlbaren Wohnraum anbieten zu können. Was macht man aber, man baut ein riesiges Verwaltungsgebäude. Dafür ist Geld da, baut doch Wohnungen, je mehr desto besser und betreibt nicht Nabelschau durch ein riesiges Verwaltungsgebäude. Derartige Denkmäler braucht die GWG nicht, sondern ihr Erfolg und Denkmal sind und bleiben gute, zeitgerechte und bezahlbare Wohnungen.

Anonym hat gesagt…

Man kann trefflich darüber streiten, ob sich eine Stadt baulich entwickeln darf und wo der Erhalt älterer Bauten schöner sein könnte. Aber sollte die Rechthaberei gleich so weit gehen, dass man als außenstehender die betrieblichen Notwendigkeiten verbunden mit Platzbedarf und Investitionen einer Gesellschaft mit billigem Populismus unsubstantiiert beurteilt?

Jan Drexelius

Anonym hat gesagt…

Aus welchen nachvollziehbaren Gründen MUSS eigentlich ein reines GWG-Verwaltungsgebäude unbedingt in der Stadtmitte und neben dem Tübinger Tor errichtet werden? Entlang der B28 nach Tübingen gibts doch noch genug Platz, da wäre es auch leichter und schneller zu erreichen

H.R. hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Drexelius, dass sich eine Stsdt entwickeln muss, dürfte unstreitbar sein. Aber, wenn man bedenkt, welche Bausünden sích im Verlauf der Jahre angesammelt haben, sollte es auch unstreitbar sein, dass doch mehr Sensibilität bei Bauveränderungen angebracht ist. Denken Sie nur an "Klein-Venedig" denkmalgeschützt und auf Drängen des OB Kalbfell aus der Liste der Baudenkmäler gestrichen worden. Beim Wiederaufbau des Bekleidungshauses Haux ist ein toller mittelalterlicher Gewolbekeller (Aufnahmen hiervon gibt es) beseitigt worden. Betrachten Sie doch bitte den Flachbau des ehemaligen Möbelhauses Nanz, es war damals ein flaches und ist es heute umso mehr ein "flaches" Gebäude in direkter Nachbarschaft zum Tübinger Tor. Nehmen Sie das Gelände des Parkhauses Zwiefalter Hof. Soll so die Entwicklung aussehen. Ganz nebenbei durfte mit Augenzwinkern auch noch ein mittelalterlicher Keller beseitigt werden. Oder in der Metzgerstraße durfte ein Haus, das den Brand von 1726 überstanden hatte (im "Bettelplan" war das Gebäude aufgeführt) von den Eigentümern abgerissen werden ohne entsprechende Untersuchung des verbauten Holzes. Der Geschichtsverein und nicht das Baudezernat veranlasse die Untersuchung - mit dem für die Stadtverwaltung beschämenden Ergebnis, dass eines der ältesten Häuser in Deutschland vernichtet worden war - usw. Dies sind nur einige Beispiele, die mir auf die Schnelle einfallen, die Liste wäre aber ohne Schwierigkeit noch fortzusetzen. Darum Nachdenken, dem Ratschlag des Denkmalamtes in einer öffentlichen Diskussion sich stellen und ganz wichtig: Behutsamkeit und nicht jedem Pups eines Architektenbüros folgen.

Anonym hat gesagt…

Sehr geehrte(r) H.R.,

diesen Ausführungen kann ich mich durchaus anschließen, auch wenn ich das Modell nicht so unattraktiv finde.

Jan Drexelius

I3 0 hat gesagt…

Über die Erhaltungswürdigkeit von Architektur lässt sich natürlich immer prima anderer Meinung sein. ich persönlich finde das bestehende Ensemble zumindest verbesserungswürdig und diese etwas heimattümelnde Nazi-Architektur finde ich befremdlich.
Wenn ich aber bedenke, dass der Gewinner-Entwurf aus dem Architektenwettbewerb als die "verspielte" Variante gerühmt wurde, frage ich mich schon was für eine Ordnungsästethik da in den Köpfen der Planer vorherrscht. Ich finde diese funktionale Nüchternheit eiskalt, ja sogar totalitär. Moderne Architektur in Reutlingen dürfte auch mal etwas neues wagen, nachdem die teure Stadthalle gegenüber schon wirkt wie ein piefiger 50er Jahre Alptraum ohne jegliche Vision. Naja, angesichts der Stramm in Reih und Glied stehenden Bäume kommt einem aber der Verdacht, dass gerade diese Wirkung beabsichtigt ist. Großer Zapfenstreich für Reutlingen...

Anonym hat gesagt…

Ich schließe mich den an erster Stelle geschrieben Ausführungen an, die neuen Gebäude sind viel zu massig und zu dominant, mit dem Eckhaus gegenüber der Pomologie verliert die Einfahrt zur Ebert-Straße ihr Gesicht und ihren Charm im Ensemble - eine städtebauliche Sünde des Gemeinderats!

B.M.

Joschka Lang hat gesagt…

"Entwicklung zur Kulturstadt" hört man immer wieder aus dem Rathaus schallen. Und dann sowas tolles wie die neue Stadthalle! Ich dachte eigentlich, der Baustil errinnere mich an eine Zeit, über die viele Deutschen nicht sprechen wollen. Naja, seis drum. Immerhin innen ist das Teil ja der Hammer.
Aber weiter zur "Kulturstadt in spe": Um die neue Kultur in Reutlingen durchzusetzen soll erst mal das trinkwillige Jugendvolk aus der Stadt weichen. Komisch, dabei freuen sich Gastronomen im Normalfall, wenn man den Geldbeutel aufmacht.
Anschließend sollen Häuser weichen, die die Pomologie zu dem machen, was sie ist. Weichen für einen Betonklotz, der kein Stück schöner ist als die Stadthalle. Historische Gebäude wohlgemerkt. Tolle Kultur, muss man schon sagen!

Thomas Zepf hat gesagt…

... vor einem Jahr in Rom.
Unser italienischer Stadtführer bemerkte so fast nebenbei: Die eckigen Klötze hat Mussolini bauen lassen, die erkennen Sie sofort. Die schönen Gebäude sind schon älter ...

Das darf jetzt interpretiert werden!

Ja, Rom ist schon etwas älter als Reutlingen ...
... Pfullingen auch ... ;-)

Anonym hat gesagt…

Albert Speer läßt grüßen.
Wann wird eigentlich das Rathaus abgerissen?

Anonym hat gesagt…

könnte die GWG nicht in das Postgebäude einziehen?