Freitag, 13. Dezember 2013

Achtung Abriss! Wohnkultur um 1900 an der Alteburgstraße 9, Reutlingen.



Zur Erinnerung des Gebäudes Alteburgstraße 9, das ab dem 16. Dezember 2013!! abgerissen wird, eine kleine Reutlinger Baugeschichte:

Um das Jahr 1900, wurde an der Alteburgstraße ein hübsches spätgründerzeitliches Gebäude gebaut. Bürgerlich, mit Erker, Turm und einer äußerst eleganten Innenausstattung, steht es erhaben am Hang, der damals weitgehend unbebaut war.
Bild links: Abriss-Kandidat, November 2013. Rechts das denkmalgeschützte Pomologiegebäude.

Das Gebäude verbindet zudem zwei Straßenfluchten auf gekonnte Art und Weise, indem es leicht vom 90 Grad Winkel im Grundriss abgewinkelt wurde. Vermutlich plante man damals noch viel weitere solcher "herrschaftlichen Gebäude", und die Bebauung hätte an der linken Seite, in Richtung Tübinger Tor, erweitert werden sollen. Aber es dauerte lange, bis in die 1930er 1940er Jahre hinein, bis das Gebäude einen Nachbar bekam, wie das GWG-Hauptgebäude. (Nicht im Bild).

Mit seinem Erker und Türmchen bildet es optisch und bauzeitlich eine Einheit mit dem benachbarten denkmalgeschützten Pomologie-Gebäude. Diese Einheit wird von vielen Fußgängern als schön wahrgenommen. Ein Kontrast zu der Betonarchitektur der 1970er Jahre am Nordsternhaus.
Leider muss das Gebäude jedoch 2014 dem Neubau von Büroflächen weichen: Der Entwurf für die untere Alteburgstraße sieht so aus.


Das hat die Stadt Reutlingen im Jahr 2008 so beschlossen. Das Gründerzeit-Gebäude war eines der letzten historistischen in der Süd- und Weststadt, das überhaupt noch Türme und Erker besitzt. Die "Türmchen-Bestände" scheinen stark abzunehmen.

Bild oben: Wohnkultur um 1900 im 1. Obergeschoss. An der "Erkerseite" zur Alteburgstraße hin. Holvertäfelungen unter den Fenstern, profilierte Holzzargen an den Fenstern, Stuck. Verunstaltende Heizkörper und Tapeten aus den 1990ern.

Bilder oben: Obergeschoss 1, das "Luxus-Wohngeschoss. 3 Meter lichte Deckenhöhe. Gründerzeit- Türen. Im Bild rechts unter den Fenstern Holzverkleidungen, die eigentlich dem Wärmeschutz gedient haben. Sie waren auch dekorative Zierde an hochwertigen Räumen und heißen auch "Lambrien".

Bilder oben: Rechts: Kastenschloss um 1900 aus Messing und echtem Horn.

Bild oben links: Obergeschoss 1, Treppenhaus
Bild oben rechts: Wandverkleidung mit Handlauf ins Souterrain, Art Deco.

Und hier der Blick ins Dach, nach oben geschaut: Die Konstruktion des "Türmchens".
Im "Top-Zustand" -übrigens.

Es gab außer dem GWG-Neubau am Pfenning-Areal keinen Grund, das Gebäude wegen mangelhafter Standfestigkeit abzureißen, die älteren Gebäuden gerne unterstellt wird, damit der Abbruch schneller gerechtfertigt werden kann.

Das Gebäude befand sich selbst im November 2013 - kurz vor dem Abriss - in einem guten optischen und baukonstruktiven Zustand und hat sogar den Hagelsturm vom Juli 2013 mängelfrei überstanden.
Einzig eine Glasscheibe im Türmchen brach. Wir möchten unseren Bürgervertretern stark ans Herz legen, solche Stadtbildprägenden Gebäude beim nächsten Mal zu erhalten.

Bildertanz-Quelle: (c) Foto M. Kurz

Kommentare:

Werner Früh hat gesagt…

Für alle Schüler des benachbarten Kepler-Gymnasiums war das Gebäude Alteburgstraße 9 ziemlich wichtig. Im Erdgeschoss befand sich mit "Onkel Otto" (so bezeichnet vom Lehrkörper der Schule) das Schreibwarengeschäft von Otto Denzel. Dort konnte man sich alles für den Unterricht Unerlässliche noch auf die Schnelle besorgen: Wasserpistolen, Stinkbomben, einen interessanten Jerry Cotton oder Kommissar X Roman für langweilige Stunden, aber natürlich auch Tintenpatronen und Hefte. Interessanterweise wurde man auch nicht selten von manchen Lehrern zu "Onkel Otto" geschickt, um irgendwelche privaten Einkäufe zu machen. Von Zeichenlehrer Ibsch z.B. der im geöffneten Nebenraum des Zeichensaals stets einen Aschenbecher mit glimmender Zigarette parat hatte und immer wieder nach dort verschwand, um ein paar tiefe Züge zu nehmen. Heute natürlich völlig unvorstellbar.Ihm musste man immer eine Schachtel "Wy-Chester" von Onkel Otto holen. Diese Packung Wy-Chester kostete damals 50 Pfennig, enthielt aber nur 5 Zigaretten, was dem Ibsch maximal eine Unterrichtsstunde reichte.
Oben im Haus befand sich die Arztpraxis von Dr. Waag, gleichzeitig der erstversorgende Unfallarzt vom Kepi. Die Sportunfälle von Rennwiese oder Jahn-Turnhalle landeten dort. Ich selber lag 2x auf dem Schragen von Dr. Waag

Schade, dass es dieses Gebäude bald nicht mehr gibt.

Jürgen Reich hat gesagt…

Lieber Werner,

Du (und andere "alte Reutlinger") sollten solche Geschichten aufschreiben. Zusammen mit den jeweiligen Fotos von Martina Kurz und anderen Bildertanz Fotografen käme am Ende ein sehr lesenswertes Werk heraus.
Sorry Raimund - aber das sieht natürlich auch nach Arbeit für Dich aus ...

Gruß

Jürgen

Hans-Martin Hebsaker hat gesagt…

Hallo Werner,

Du hast die berühmten Cola-Lutscher "vergessen", die, beim "Denzel" als Inhalt von Herzmuscheln angeboten, damals (zumindest zu meiner Kepi-Zeit) "der Renner" waren. Zuvor gab es noch die in Staniol-Papier eingewickelten Pfefferminz-Bonbons, die man in ein Plastik-Behältnis mit Donald-Duck-Kopf stecken und von dort dann durch "Zurückklappen" des Kopfes stückweise ausgeben lassen konnte.

Im Prinzip war der "Denzel" für meine Kepi-Generation genauso eine "Institution" wir der "Soravia" gegenüber, wo man sich seine Portion Eis holen konnte.

Viele Grüße aus München
Hans-Martin

Anonym hat gesagt…

Ein Jammer um das Haus...

Anonym hat gesagt…

Ja, lieber Werner,

ich erinnere mich in diesem Zusammenhang auch an den Französischkollegen Sexauer, der sich während des Unterrichts beim Denzel Getränke holen ließ.
Dieser Lehrer wohnte übrigens in Eningen, fuhr täglich mit der Straßenbahn zur Schule und wehe, einer seiner Schüler war auch Eninger, der musste dann den Stapel Klassenarbeitshefte für ihn transportieren ...
B.M.

Anonym hat gesagt…

An Werner Früh: Vielen Dank für die sehr interessante Info bezüglich der Nutzung des Gründerzeitgebäudes (Onkel Otto)! Toll, wenn man so etwas erfährt. Grüße M. Kurz

Anonym hat gesagt…

Onkel Otto war für uns in der großen Pause Rückzugsgebiet um besagte WY Chester zu rauchen - dafür hat gerade das Vespergeld gereicht! Dort zu rauchen war doppelt sträflich, zum einen wurde der Pausenbereich verlassen, zum anderen wegen des Rauchverbots. Einer musste daher immer Wache schieben um rechtzeitig zu warnen, falls "Karle" Kramer seine Pausenaufsicht zu genau nehmen sollte! Schade - jetzt bleiben nur noch all diese Erinnerungen.

Anonym hat gesagt…

Schade das es dieses Haus nicht mehr gibt, habe dort viel erlebt, wir wohnten im 1 Stock von 1975 bis 1983 eine unvergessene Zeit!!