Donnerstag, 30. Oktober 2014

Entscheidung 1994: Als der Orschel-Park seinen "Fahnenträger" verlor



BÜROPARK ORSCHEL  - Im November 1994 wurde es amtlich. Der Computergigant IBM wird sich aus dem von ihm und anderen initiierten Büropark Orschel zurückziehen. Betriebsbedingt.
Reutlingen war jahrzehntelang die kleinste Geschäftsstelle der US-Firma in Deutschland gewesen. Aber sie hatte sich immer irgendwie gehalten. Doch nun war das einst profitabelste Unternehmen der Welt - nach späteren Angaben ihres US-Bosses Lou Gerstner - in der Existenz gefährdet. Mit aller Macht und noch mehr Geld wollte sich IBM von Mitarbeitern und sonstigen Kostenfaktoren trennen. Der gerade erst eingeweihte Büropark in Orschel, der dann auch noch wegen seines Parkhauses in die Kritik des Bundesrechnungshofes geriet, wurde um ein Herzstück beraubt. IBM galt als der Fahnenträger in eine von Dienstleistungen beherrschten Zukunft. Wenige Wochen vorher - im Oktober 1994 - hatte die IBM noch gemeldet, dass sie in Orschel-Hagen bleiben werde. Zwar mit einer auf 40 Beschäftigten reduzierten Mitarbeitergruppe, aber man wolle präsent bleiben.
1991 hatte IBM mit 80 Mitarbeitern in der Region Reutlingen 70 Millionen Mark umgesetzt. Also jeder Mitarbeiter steuerte fast 900.000 Mark Umsatz bei. Nicht schlecht, auch wenn es natürlich vor allem Handelsgeschäfte waren. Nun sollte die Geschäftsstelle gänzlich geschlossen werden.
(Kommentar) Und wer heute an der "Welle" vorbeifährt, die nun auch schon wieder seit etlichen Monaten leersteht, fragt sich: Was ist los in Reutlingen? Was läuft hier falsch? Der Orschel-Park sollte das Dienstleistungszentrum der Stadt werden. 20 Jahre später lebt er immer noch vom Prinzip Hoffnung.
Persönliche Anmerkung. In jenen Tagen kam Dr. Frank Lerchenmüller, als Manager bei der IBM Deutschland verantwortlich für die Region Südwest, zu uns ins Büro und erklärte: "Ich muss gleich weiter, um die neue Geschäftsstelle zu eröffnen - und gleich wieder zu schließen." Es war ihm deutlich anzumerken, dass ihm das überhaupt nicht gefiel. Denn damit verbunden war die Strategie, die Regionalität und Lokalität des Unternehmens zugunsten einer globalen, zentralen Struktur zu zerstören. Seitdem veröffentlich die IBM auch keine eigenen Geschäftsvberichte mehr in Deutschland, gibt auch inzwischen keine Auskünfte mehr über die Mitarbeiterzahl in den Landesgesellschaften.

Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Naja, die Stadt Reutlingen macht es den ansässigen Firmen auch nicht unbedingt leicht. Ich verweise dazu auf einen Artikel in der Südwestpresse:

http://www.swp.de/reutlingen/lokales/reutlingen/Der-Region-geht-es-noch-gut;art1158528,2844094

Raimund Vollmer hat gesagt…

Damals hatte die Entscheidung der IBM nichts mit Reutlingen zu tun, das war noch nicht einmal IBM Deutschland oder IBM Europa. Das war eine Entscheidung des Headquarters in Armonk. Dahinter stand als Idee die Zerschlagung der Regionalfürstentümer. Wenn aber bis heute Reutlingen bei der Gewerbesteuer das Sorgenkind im Ländle ist, dann geben Ihnen viele hier recht. Es ist schon seltsam: das Industriemagazin, das die Industriegeschichte Reutlingens festhalten möchte, wird eher stiefmütterlich von der Stadt behandelt. Aber die Zukunft hat offenbar auch "keine Zukunft". Wirklich traurig stimmt, dass man das Gefühl hat, dass dies niemanden in der Stadt wirklich interessiert. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Aber vielleicht irre ich mich da auch.

Anonym hat gesagt…

Man sollte solche Firmen zwingen, die durch sie zerstörte Natur nach ihrem Verlassen des Standortes wieder zu renaturieren. Diese häßlichen Gebäude passen nicht zu Orschel-Hagen.