Samstag, 20. Juni 2015

Die Revolution von oben - Reutlingen im Zeitbruch

Die Einkreisung in der Auskreisung 
Oder: Reutlingens neue Stadtmauern


Gedanken über unsere Stadt - Von Raimund Vollmer
Noch vor wenigen Wochen erzeugte das Thema "Auskreisung" an den Stammtischen Reutlingens und Umgebung nur ein müdes Lächeln. Nach zwei Minuten war zu diesem Punkt alles gesagt. "Kompletter Blödsinn", "Quatsch", "hirnrissig", "absurd" und ähnliche unwidersprochene Begriffe beendeten jede Diskussion. Inzwischen jedoch wühlt das Thema "Auskreisung" die Gemüter mächtig auf. Es ist nicht so, dass sich die gefühlte Zahl derjenigen, die für die Auskreisung sind, irgendwie erhöht hat. Aber jetzt wird leidenschaftlich diskutiert. Das füllt die Stammtischabende. Oberbürgermeisterin Barbara Bosch hat es geschafft, dass wir uns endlich einmal ganzheitlich mit der Zukunft unserer Stadt beschäftigen. Frau Bosch plant die Revolution von oben. Egal, ob sie uns nun gefällt oder nicht, überfällig ist sie allemal.
40 Jahre nach dem Ende der Gebiets- und Verwaltungsreform ist es dringend erforderlich, dass mal wieder alle Themen, die mit den vollzogenen Eingemeindungen und Neuordnungen der Kreise verdrängt wurden, aufs Tableau kommen. Insofern hat unsere Oberbürgermeisterin mit ihrem Wunsch nach Auskreisung die Büchse der Pandora geöffnet. Dabei ist die Auskreisung selbst nur der Anlass, aber nicht der Grund dafür, dass es demnächst in unserer Stadt heftige, deftige, mächtige Diskussionen und Debatten geben wird.
Wahrscheinlich wird der Stadtrat den entsprechenden Antrag mehrheitlich unterstützen. Ob dann die übergeordneten Gremien im Land dem Ansinnen ihren Segen geben werden, ist nicht unbedingt gesichert. Sie werden sich natürlich dreimal überlegen, ob sie der Präsidentin des baden-württembergischen Städtetages den Herzenswunsch versagen wollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zur Auskreisung kommt, ist also ziemlich hoch. So ist das in einem Land, in dem die Revolution immer von oben kommt.
Wenn sie aber dann unten gelandet ist, also bei uns, den Bürgern, dann kann es durchaus sein, dass "die da oben" anfangen, sich sehr zu wundern. Die Revolution frisst ihre Eltern. Die Stadtverwaltung, die im begründeten Verdacht steht, sich stets selbst als Orientierung zu genügen, wird sich plötzlich mit voller Wucht einer Argumentation ausgesetzt sehen, auf die sie nicht vorbereitet ist. In den Bezirksgemeinden wird inzwischen ziemlich offen das Thema Ausgründung diskutiert. Das Studium von vergessenen und vergrabenen Eingemeindungsverträgen erlebt vor allem im Nordraum Hochkonjunktur, die Erschließung von Industrie- und Gewerbegebieten, die diese Stadt dringend braucht, wird auf einmal in den Ortschaftsgremien als politische Waffe gesehen. Das Schulwesen in den Bezirksgemeinden gewinnt eine Priorität, die endlich auch einmal über die Essensversorgung hinausgeht. Wir werden sehen, wie in den nächsten Monaten immer mehr Themen die Stammtische erobern, Und nichts kann dieser im Kern viel zu verschlafenen Stadt Besseres passieren als genau das. Reutlingen erwacht.
Aber Reutlingen erwacht vom Rande her. In gewisser Weise wird Reutlingen nicht ausgekreist, sondern eingekreist. Thematisch und klimatisch. Die engagiertesten Reutlinger, die, die auch zu jeder Wahl gehen und das Gemeinwesen hochhalten, wohnen in den sogenannten Außenbezirken, in den Dörfern, in den Teilgemeinden, die vor 40 Jahren dazugekommen sind.
Hier fragen sich nun die Bürger, deren Wohnorte dereinst eingemeindet wurden, was eine Auskreisung ihnen bringen würde. Sie fragen sich, was brachte die Eingemeindung. Damals wurde gesagt, dass keine Gemeinde unter 5.000 Einwohner überlebensfähig sei. Wegen der Verwaltungskosten. Wegen des Aufwandes für Infrastruktur. Wegen der Konkurrenz um Gewerbeansiedlung. Wegen der Schulen. Und wenn sich die Gemeinden nicht freiwillig neu binden würden, dann würde dies am Ende der Gesetzgeber regeln. So drohte ziemliuch unverhohlen die Regierung (und nicht der Landtag). Kurzum: Es war eine Revolution von oben.
Am Ende kam es zu einer Neuordnung, die aus der Sicht mancher Dorfgemeinde einem Angebot folgte, das man nicht ausschlagen konnte. Auf jeden Fall wurde im Laufe der Jahre niemals nachgewiesen, dass eine Eingemeindung tatsächlich wirtschaftlicher war als ein Verbleib in der Selbständigkeit. Die sogenannten vorausberechneten Synergie-Effekte werden auch bei Fusionen in der Wirtschaft nie wirklich nachberechnet. Ehrlicherweise muss man ja auch zugeben, dass stets so viele Variablen im Spiel sind, dass man sie zwar vorausberechnen (also schätzen) kann, aber niemals nachberechnen.  
So wird es auch bei der Gewinn- und Verlustrechnung einer Auskreisung sein. Da wird gerechnet, dass sich die Balken biegen. In die eine Richtung ebenso wie in die andere. Und jeder hat recht. Am Ende kommt es darauf an, wer die Macht hat. Es ist anzunehmen, dass Frau Bosch es ist, die sie besitzt.
Aber die Abgrenzung nach außen führt unweigerlich zur Frage nach der inneren Befindlichkeit. Und da wird es erst richtig spannend. Über den Auskreisungsantrag  können die Damen und Herren des Ratssaals in den nächsten Tagen ruhig entscheiden. Ohne ihre OB massiv zu schädigen, werden sie nicht nein sagen können. Der Antrag kommt.
Eine Auskreisung ist eine deutliche Grenzziehung. Es ist eine Grenzziehung zwischen Stadt und Land. Frau Bosch will Stadt. Sie will die Urbanisierung. Sie will die Verdichtung. Das war auch die politische Absicht, die in den siebziger Jahren mit den Eingemeindungen verfolgt wurde. Das Argument muss damals so gut gewesen sein, dass sich die Landesregierung, die zuvor noch andere, eher dörflich strukturierte Zusammenschlüsse vor allem im Nordraum favorisiert hatte, entschloss, den Empfehlungen der Reutlinger Stadtregierung zu folgen.
Es war kein Argument, dass offen zutage kam. Es wurde eher hinter vorgehaltener Hand vorgebracht. Eine Stadt ist eine eigene Wirklichkeit. Sie ist sich selbst genug. Das gilt umso mehr, je weniger unser Leben als Bürger abhängig ist von der Urproduktion, also der Landwirtschaft. In den siebziger Jahren war deutlich zu spüren, dass künftig noch nicht einmal mehr der sekundäre Sektor, also die Industrie, die Gestaltungsebene einer Stadt sein würde. Dienstleistung, der tertiäre Sektor, würde die Wirklichkeitsebene einer Stadt prägen - bis in alle Lebensverhältnisse hinein.
Was immer der Grund gewesen sein mag, wer immer hier das Machtwort gesprochen haben muss, ob es eine gesetzliche Vorgabe dafür gab oder nicht, kann der Verfasser seinen Quellen nicht entnehmen. Auf jeden Fall ist es bis heute zwingend, dass Reutlingen sich dafür entschied, die Teilorte durch Grünzonen voneinander getrennt zu halten. Möglicherweise war das ein Tribut, den Kalbfell und Guhl, damals die obersten Herren der Stadt, dafür zu zahlen hatten, dass sie sich die bis dahin selbständigen Dörfer einverleiben konnten. Dabei waren sie ganz besonders an dem Nordraum interessiert. Denn er war und ist bis heute der einzige echte, natürliche Entwicklungsraum der Stadt. Das wird bei der Neuordnung des Flächennutzungsplan nur allzu klar, selbst wenn die Stadt in ihrem erweiterten Kerngebiet noch manche Brache nutzen könnte.Auf Dauer werden im Laufe dieses Jahrhunderts die Unterschiede zwischen Stadt und Dorf innerhalb der Kommune verschwinden. Überall ist Stadt. Aber wie sieht diese Stadt aus? Das muss uns brennend interessieren. Ja, das muss äußerste Priorität bekommen.
Auf Dauer hat Reutlingen nur eine Zukunft, wenn sie die Verdichtung mehr oder minder gleichmäßig verteilt, wenn die Konturen zwischen den Ortschaften verschwinden. Das ist der Megatrend, der nicht nur in Reutlingen sichtbar wird. Mit der Auskreisung will Frau Bosch das Ausfransen an den Rändern eindämmen, die Kumpanei mit den Nachbarn, die Vereinnahmung durch Lebenswelten, die nicht städtisch sind. Sie baut eine neue Stadtmauer. Wie im Mittelalter. Sie ist diesmal allerdings nicht aus Ziegel und Mörtel, sondern aus Bytes & Style, also virtuell. Es entsteht etwas ganz anderes. In den Dörfern des Nordraums spüren nun die Bürger, dass es genau darum geht - um die Verstädterung. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass junge Leute und  junge Firmen und junge Ideen hierherkommen. Junge Leute wollen keine Autos mehr besitzen. Deswegen sind sie noch keine "Grünen". Für sie ist es so sinnlos wie der Erwerb eines Flugzeuges oder eines ICEs. Das Auto ist für sie ein Verkehrsmittel, das sie benutzen, um so ihren Geschäften nachgehen zu können. Sie brauchen hochverdichteten Nahverkehrsangebote. Punkt. Sie wollen schnelle Datenleitungen ohne Funkloch. Punkt. Sie wollen leben, wo sie arbeiten. Punkt. Sie wollen Dienstleistung rund um die Uhr. Punkt. Es ist die Stadt von 24/7. Sie wollen New York, die Stadt, die niemals schläft.
Unsere Welt verändert sich, wie wir gerade im BILDERTANZ immer wieder mit viel Wehmut bei unseren Bildvergleichen feststellen können, in eine neue Wirklichkeitsebene hinein.
Es ist an der Zeit, dass wir uns dringend, sehr dringend sogar, mit dieser neuen Wirklichkeitsebene beschäftigen. Wir können deren Gestaltung auch der Stadtverwaltung überlassen - wie den Bürgerpark. Dann allerdings haben wir nichts besseres verdient...

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Bin so froh, daß ich aus RT ausgewandert bin aufs Land.