Samstag, 16. Juli 2016

"Lebensraum" Reutlingen: Stadt ohne Phantasie



 Graffiti im Wendler-Areal: "Zeig mir die Zukunft!"

Von Raimund Vollmer

Verbaut sich unsere Stadt ihre Zukunft?
Wenn man den Argumenten eines Kommentars in dem britischen Wirtschaftsmagazin The Economist folgt, möchte man fast meinen: Reutlingen ist auf dem besten Weg, seine größten Chancen zu verspielen. Ja, es scheint auch überhaupt keine Möglichkeit zu geben, dies zu verhindern.
Seitdem es den Bildertanz gibt, haben wir uns bemüht, Vergangenheit und Zukunft eine Gegenwart zu geben. In der Anfangszeit nur auf der Leinwand mit Multimediashows, seit 2008 - also seit nunmehr acht Jahren - täglich im Internet, vor vier Jahren haben wir mit unserer Ausstellung "Schaufenster Reutlingen" versucht zu zeigen, dass man innovativ sein kann, auch wenn man das Alte schätzt.  Aber das waren und sind ja nur virtuelle Welten, die uns zwar erinnern und ermahnen, die aber noch keine Wirklichkeit herstellen, obwohl sie - wenn man ganz genau hinschauen würde - pure Zukunft darstellen. Doch wir tun uns ungemein schwer, wenn wir eine Zukunft erkennen müssen, die nicht aus den USA kommt. So laufen wir den Trends immer hinterher.
Mit Blick auf das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten", wie die USA gerne bezeichnet wurden, hat nun das britische Wirtschaftsmagazin herausgearbeitet, dass nicht allein Kaliforniens Silicon Valley ein Land der Zukunft ist, sondern gerade die alten Städte, die Opfer der Deindustrialisierung wurden, einen unglaublichen Aufschwung erleben. Und wenn man dann liest, woran das liegt, dann fragt man sich, warum ziehen wir da nicht gleich?
Wer in Deutschland unternehmerisch oder wirtschaftspolitisch etwas auf sich hält, muss das "Tal der Talente" einmal besucht haben, besser noch, dort - in der Gegend von Palo Alto - irgendwie stationiert sein. Unsere Großen haben es längst vorgemacht - vor allem die Automobilhersteller. Der Trend der Autobauer, vor allem denen aus Detroit, sich mit dem Silicon Valley zu verbünden, war dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin Fortune jüngst eine fette Titelstory wert.
Doch der eigentliche Trend, von dem eine Stadt wie Reutlingen ungemein profitieren könnte, ist ein anderer: Nach einer Analyse des Brooking Institute, einer Denkfabrik, haben seit 2010 die 50 forschungsintensivsten Branchen allein in den USA mehr als eine Million neue Jobs geschaffen. Diese neuen Arbeitsplätze seien überdurchschnittlich stark in Städten entstanden - eine Entwicklung, die uns zuerst einmal nicht überrascht. Was indes verwundert, ist, dass diese innovativen Firmen ihre Bedeutung aus der Ausnutzung alten Wissens beziehen, das sie dann zum Beispiel mit neuen Erkenntnissen auf den Gebieten der Materialforschung intelligent kombinieren. Ein zweiter Faktor macht vor allem die Städte interessant,  in denen dereinst das Spezialwissen hochkonzentriert präsent gewesen war (wie zum Beispiel in Reutlingen die Textilwirtschaft): hier gibt es viele verlassene Gewerbeimmobilien, die preiswert zu haben sind und modern umgestaltet werden können.  Sie können dann als Wohnung ebenso wie als Arbeitsplatz für junge Leute hochattraktivsein.
"Lebensraum" nennt der Economist dies - und benutzt dabei tatsächlich dieses deutsche Wort. Ob neue Hochhäuser und andere Flachdachgewächse der Postmoderne diesem Anspruch gerecht werden, sei dahingestellt. Den Lebensraum einer Stadt erweitern sie nicht unbedingt. Sie wirken eher öde, zeitlos und ohne jegliches Charisma. 
Zeitzeuge der Industriegeschichte: Auf dem Wendler-Areal
Die amerikanischen Städte scheinen sich jedenfalls mehr auf ihre Vergangenheit zu besinnen. Sie sollen sie zukünftig machen. Das gelingt ihnen aber nur, wenn  zugleich Unternehmer auftreten, die alle diese  Trends kombinieren und eben das tun, was Unternehmer am besten können, nämlich Unternehmer zu sein, Firmen zu gründen und aufzubauen, Wohlstand für alle zu schaffen - durch das Wagen "neuer Kombinationen", so wie es der berühmte Ökonom Joseph Schumpeter definierte.. 2015 war in den USA das Jahr, in dem der Anstieg der Neugründungen so groß war wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr.
Was aber ist das Wirtschaftskonzept der Stadt Reutlingen? Oder der IHK? Oder der Handwerkskammer? Oder des Gemeinderats?
Gestern lag dem Reutlinger General Anzeiger eine Ausgabe des von ihm produzierten "Wirtschaftsmagazin" bei. Es ist eine Broschüre, die sich diesmal vorwiegend mit Industrie 4.0 beschäftigt. Eigentlich hätte dieses Thema das Potential, beim Betrachten der Zukunft einmal das rein Funktionale hinter sich zu lassen und sich den Lebensräumen der Menschen zuzuwenden: über Arbeit & Familie, Wohnen & Leben in unserer Region, über unsere Wünsche und Hoffnungen, Träume und Erwartungen, aber auch unsere Sorgen und Ängste. Man hätte sich mal mit uns beschäftigen können, mit uns, die wir hier beschäftigt sind oder hier beschäftigt sein wollen oder werden.
Aber dazu braucht man Phantasie. Und da sei zum Abschluss Gabriel Laub zitiert: "Phantasie ist etwas, das sich manche Menschen nicht vorstellen können."
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer (Fotos 2015)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…


Einverstanden. Aber: Neue Unternehmen (oder Unternehmer) in alten Mauern,ja natürlich. Hinzukommen muss ein lebenswertes Umfeld, eine lebenswerte Stadt, in der man sich wiederfinden und wohlfühlen kann. Da kann ich nur sagen: Tübingen du hast es besser.

Man betrachte nur einmal die Entwicklung des Gewerbesteueraufkommens der letzten Jahre in beiden Städten. Für Reutlingen gilt einfach weiter Vorrang für die Abrissbirne, damit das Leben der Innenstadt ausgetrieben werden kann.

H. Rl

Raimund Vollmer hat gesagt…

Ja, und eigentlich sollte man sich gar nicht mehr dazu äußern - und selbst auswandern.

Anonym hat gesagt…

Mit einer kommunalen Regierung, die es schafft, die Stadt höchst unattraktiv für Jugendliche/junge Erwachsene zu machen muss man sich nicht wundern, dass es weder einen großen Innovationsgeist, noch viele Invesoren gibt, die die Stadt Reutlingen als interessanten Standort in Betracht ziehen.
Für mich als Student (Mitte 20) der gerade auswärts zum Studieren lebt ist es eine schwere Entscheidung, wieder zurück nach Reutlingen zu kommen, wo es zwar Familie und einen Freundeskreis gibt, hingegen keine Möglichkeiten, abends in der Stadt noch ein Bier zu trinken oder feiern zu gehen.
Bis ich mein Studium abgeschlossen habe ist aus Reutlingen ja vielleicht Bad Reutlingen geworden.