Donnerstag, 19. Juli 2018

Auf dem Weg zur Marke: DER TUNNEL ZUR ALB




 Von Raimund Vollmer

(Kommentar) So richtig gefreut wird sich unsere OB ganz bestimmt nicht. Nach 15 Jahren Engagement für diese Stadt ist Reutlingen im Ansehen der Bürger nichts anderes als Mittelmaß - und das auf der Basis von nahezu 10.000 ausgefüllten Fragebögen. Barbara Bosch, Oberbürgermeisterin von Reutlingen, war gestern bei der Präsentation der Umfrageergebnisse zum Markenbildungsprozess eher zurückhaltend. Und auch das Begleitprogramm um Helge Thun sprühte nicht mehr mit so viel Esprit wie noch bei der Erstpräsentation am 16. Januar 2018 in der Stadthalle. Es herrschte Ernüchterung. Die Bruddler, die zu Jahresbeginn noch als eine Minderheit angesehen wurden, waren plötzlich mehrheitsfähig.
Da gingen selbst die Bielefelder, deren Umfrageergebnisse mit denen der Reutlinger verglichen wurden, empathischer mit ihrer Stadt um. Dabei gehört Bielefeld zu Westfalen, das mit rheinischer Frohnatur so wenig zu tun hat, wie Schwaben mit Baden. In Bielefeld, einer Großstadt mit 300.000 Einwohnern, hatten 2016 die Bürger rund 5.500 Fragebögen ausgefüllt. Sie hatten ihrer Stadt mehrheitlich mit einer Zustimmung von mindestens sieben von zehn Bewertungspunkten Stärken wie "facettenreiche Kultur", "Stadt der Bildung und Wissenschaft", "starke Wirtschaft" und "lebenswerte Großstadt" attestiert. Vier Big Points, aus denen man etwas machen kann, um die Außenwirkung dieser ostwestfälischen Großstadt zu stärken. Alles Dinge, alles Themen, in denen sich auch das Eigenengagement der Bürger manifestierte. 
Und nun Reutlingen. Hier musste die Schwelle von Mittelmaß in Richtung Stärke auf sechs Bewertungspunkte gesenkt werden, um wenigstens mit drei Themen oberhalb der Linie glänzen zu können. Ganz hoch oben stand dabei die "attraktive Lage", ein Punkt, den man von der Natur geschenkt bekam. "Starker Wirtschaftsstandort" und "entspannte Einkaufsstadt" sind die zwei weiteren Themen, mit denen Reutlingen in der Außendarstellung reüssieren konnte. Es gab da noch einen vierten Punkt, das "Bildungsangebot", das sogar an zweiter Stelle lag, aber außen vor blieb, weil es nach Meinung der Markenforscher zu wenig "Treiberwirkung" entfalte. Das war schon ziemlich ernüchternd. Und das tat ganz bestimmt auch weh. Unsere Oberbürgermeisterin wirkte schon ein wenig kleinlaut, als sie am Schluss der Präsentation von Helge Thun interviewt wurde. Kein Knüllerabend. Da half auch nicht mehr die Spaßebene, kein Dodokay, kein TauschRausch. 

Besonders enttäuschend war, dass das "Kulturangebot" der Stadt das zweitschlechteste Ergebnis (nach "Familie und Wohnen") bekommen hat - das waren ja die Themen, denen sich unsere Oberbürgermeisterin in den anderthalb Jahrzehnten ihrer Amtszeit besonders verpflichtet sah. Und die hohe Beteiligung, die diese Umfrage zumindest nach der Zahl der ausgefüllten Fragebögen auswies, lässt mutmaßen, dass sich eine Menge Frust aufgestaut hat.
Hatten wir vom Bildertanz, die ja bis in die Leserkommentare auf Facebook hinein eine eher kritische Einstellung zu dieser Stadt in der Vergangenheit hatten, mit unserer distanzierten Haltung zu etlichen Projekten doch recht? Ist Reutlingen  tatsächlich nicht so gut, wie das handelnde Establishment bislang meinte? Oder sind es wir, die Bürger, die die Stärken dieser Stadt einfach nicht objektiv sehen und "Reutlingen unter Wert verkaufen"?
Nach dem Krieg nannte sich diese Stadt jahrzehntelang "das Tor zur Alb", werbetechnisch kein schlechter Spruch, über dessen Selbstgefälligkeit man auch ein wenig lächeln konnte. Wer hinauf auf die Alb wollte, musste durch Reutlingen durch. Und jetzt geht der Weg durch den Tunnel des Scheibengipfels. So ist es gewollt, so ist es erwünscht und erkämpft. Von unserer Stadt bekommt man da als Durchreisender gar nichts mehr mit. Reutlingen ist verschwunden. Eine Tatsache, die uns erst noch bewusst werden muss. Weshalb soll man nach Reutlingen rein? Zum "entspannten Einkaufen", das so lange "entspannt" sein wird, solange es noch Geschäfte gibt? Und die niedrige Arbeitslosigkeit in unserer Stadt ist weniger ein Zeichen der wirtschaftlichen Stärke, sondern dem fehlenden Angebot an Arbeitsplätzen. Fragen Sie mal in Ihrer Umgebung, wer tatsächlich in Reutlingen arbeitet? Reutlingen ist als Schlafstadt ein Stück Stuttgart.
Unsere Stadt braucht einen mächtigen Schub. Die Marketiers von "brandmeyer", die den Markenbildungsprozess leiteten und präsentierten, sind damit überfordert, wie sie auch gestern sehr dezent andeuteten. Das muss Reutlingen selbst leisten. Noch haben wir die Kraft dazu. Der Stadt fehlen nur die Ideen. Hoffentlich ist diese Botschaft im Rathaus angekommen.
Da muss übrigens deutlich mehr her als nur die "Fan-Projekte",die unsere OB gestern anregte - eine Idee, die übrigens aus Bielefeld importiert wurde.


 
Bildertanz-Quelle:RV

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wenn dieser Turm beim Mediamarkt fertig ist und der weitere Klotz gegenüber der AOK steht , dazu , vielleicht das Hotel an der Stadthalle wird Reutlingen noch trostloser . Schön ist anders .

Anonym hat gesagt…

Man muss hier unterscheiden. Hier geht es um Stadtmarketing nicht um Stadtentwicklung...diese Hochhäuser haben nichts mit dem aktuellen Prozess zu tun.

Hernabb hat gesagt…

Ich gebe zu bedenken, dass eine gute, interessante und Publikum (einheimisches als auch auswärtiges) doch sehr wohl das Marketing einer Stadt ganz wesentlich beeinflusst - sowohl positiv als auch negativ.

Raimund Vollmer hat gesagt…

Die Unterscheidung von Stadtentwicklung und Stadtmarketing ist eine Frage der Organisation der Stadtverwaltung. Die Marke Reutlingen ergibt sich aus vielen Aspekten. Dass dazu bei der Befragung das Ansehen der Stadtverwaltung und des Stadtrats nicht gehörte, empfand ich als einen eklatanten Mangel. Ansonsten nahmen die Fragen ja keine Rücksicht auf institutionellen Unterscheidungen. Uns als Bürger sollte das Wer & Was interessieren, nicht das Wie. Dafür haben wir doch die Profis.

Anonym hat gesagt…

Weniger Noblesse und wieder mehr Wohnen, so muss laufen!