Freitag, 16. November 2018

OB-Wahl: Der falsche Wahlkampf


Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

Wie dicht und eng und wie hoch und wo wollen wir wohnen?
 
Hätte er jetzt nicht doch durchhalten müssen, dieser Philipp, der uns, vor allem den Alten unter uns, zeigen sollte, was Digitalisierung bedeutet, in welchen Höhen sich die Stadtentwicklung aufmacht, wie er mit der Stadt-Partei Deutschlands, der SPD, im Rücken die Zukunft gestaltet? Irgendwie ist es schade, dass er sich nun seiner Kandidatur nicht stellt. Dann hätten wir nämlich erfahren können, wie sich die junge Generation die Zukunft vorstellt. Dass es ein Jung gegen Alt werden würde, hatte die Findungskommission, dieses Häuflein um (Helmut) Treutlein irgendwie auf der Wahlkampfagenda. Und die Reutlinger hätten schon gerne erfahren, was die jungen Leute unter neuen Ideen verstehen.
Nun wird es wohl vor allem eine Entscheidung zwischen Kandidaten werden, die in der zweiten Hälfte ihres Lebens stehen. So war es eigentlich immer. Reutlingen hatte zudem nach dem Krieg noch nie einen dreisilbigen Oberbürgermeister. Riethmüller geht einfach nicht. Nun steht der Einsilber gegen den Zweisilber: (Thomas) Keck versus (Christian) Schneider. Was sonst noch kommt, wissen wir nicht, aber bei den Grünen wird entweder die Silbe "Berg" vorne stehen oder hinten: (Holger) Bergmann oder (Cindy) Holmberg. Er, ein Fünfziger, sie, eine Vierzigerin. Aber auch beide kommen über zwei Silben nicht hinaus.
Vielleicht erscheint ja noch ein Weißer Ritter, der uns aus dem Patt in der Stadt befreit. Aber damit rechnen sollten wir nicht. Wir werden uns entscheiden müssen zwischen Kandidaten, die sich an der Frage werden messen lassen, wie sie aus der der zweiten Hälfte ihres Lebens heraus die Zukunft dieser Stadt sehen - hoffentlich jenseits aller Plattitüden, die momentan noch herumgeistern, aber nicht unbedingt begeistern.
Da wird zum Beispiel immer wieder erzählt, dass Reutlingen um 1000 Einwohner pro Jahr wachse. Das stimmt definitiv nicht. Es sind im Mittel eher 500 Einwohner. Was ist denn nun realistisch für die kommenden acht Jahre?  In Bezug auf Wohnungsnot, Kaufkraft, Arbeitsplätze, Kitas, Kindis, Schulen etc.? Wo sollen denn die neuen Wohnungen entstehen - im Zentrum oder in der Peripherie? Mit welchen Wohnungsgrößen wird denn gerechnet? In den letzten Jahren hat sich die Wohngröße gemessen an den Neubaugenehmigungen halbiert. Ist das ein nachhaltiger Trend? Was haben wir daraus zu lernen? Ist die Nachverdichtung in der Kernstadt und deren nähere Umgebung das Ziel oder sind es gar die Grüngürtel der Stadtbezirke, die dereinst selbständige Dörfer waren?
Ist der Bau einer Stadtbahn, wie sie momentan angedacht wird, wirklich noch zeitgemäß? Unterschätzen wir da nicht den technologischen Wandel, der durch Elektromobilität und Selbstfahrer uns in eine ganz andere Richtung lenkt? Investieren wir nicht in eine über kurz oder lang veraltete Infrastruktur? Sind solche Ideen unrealistisch oder fehlt uns und unseren Kandidaten ganz einfach die Phantasie?
Was ist, wenn die sogenannte Digitalisierung (die weitaus mehr ist als nur ein schnelles Netz) unsere Lebensräume weiter virtualisiert? Wir sehen überall - in den Netzen - die Selbstinszenierung des Individuums, während die Vereine das persönliche Engagement für die Gemeinschaft vermissen. Ist die Steigerung des Egos unsere Zukunft? Brauchen wir nicht dringend eine gesellschaftspolitische Diskussion, die über das rein Funktionale einer Stadt, der Versorgung, hinausgeht, die das Gemeinschaftliche, das Bürgerliche, wieder in den Mittelpunkt rückt?
Die Stadt und ihre Verwaltung nicht nur als einen reinen Reparaturbetrieb zu betrachten, sondern ihre Kompetenz zu erkunden, auch einmal "out of the box" zu denken, wäre ein Ansatz, der uns Bürger schon interessieren sollte - vor allem die junge Generation erwartet hier Antworten, muss sie sogar selbst liefern. Insofern war der Gedanke, eine jungen Mann als Kandidaten aufzustellen, gar nicht so falsch. Wichtiger, viel, viel wichtiger ist es aber, dass sich diese Generation nun als Wähler in diesen Wahlkampf um den Posten des Oberbürgermeisters einbringt und auch tatsächlich wählen geht.
Die SPD wollte da ein Signal setzen. Vielleicht war die OB-Wahl das falsche Terrain. Die Kommunalwahl, die ja auch im kommenden Jahr stattfindet, ist da ein weitaus lohnenderes Terrain.

Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wie dicht und eng und wie hoch und wo wollen wir wohnen?

Ganz nett In Tübingen!

Anonym hat gesagt…

Ringelbach vollbauen war schlechter Witz. Den neuen Leut fehlts draußen einfach an allem. S muss halt jede Fläche versiegelt werden, und das nicht erst seit Frau Bosch im Amt ist.

Anonym hat gesagt…

"In den letzten Jahren hat sich die Wohngröße gemessen an den Neubaugenehmigungen halbiert."

Bitte kurz erläutern. Wie ist das gemeint?

Raimund Vollmer hat gesagt…

Es gibt in Reutlingen so etwas wie ein statistisches Jahrbuch, das offensichtlich viel zu wenig von unseren Stadträten ausgewertet wird. Da relativiert sich manches. Darin habe ich herumgestöbert und folgende Zahlen gefunden, die ich mit meinen Worten am 15.August 2018 so interpretiert habe.
"2003 wurde der Bau von 279 neuen Wohnungen genehmigt. 2016 waren es 534 - ein dramatischer Anstieg, auch wenn er auf fast 15 Jahre verteilt ist. Schaut man sich aber die Wohnfläche an, die geschaffen wurde, dann gerät man kaum aus dem Staunen heraus: 2003 wurden 33.856 Quadratmeter "produziert", 2016 waren es 33.472. Die Größe der durchschnittlichen neugenehmigten Wohnungen halbierte sich nahezu - von 121 Quadratmern in 2003 auf 63 Quadratmeter in 2016."
Dies ist ein Zitat aus meinem Beitrag: "Zum Beispiel Reutlingen: eine Stadtistik"
http://rv-bildertanz.blogspot.com/2018/08/zum-beispiel-reutlingen-eine-stadtistik.html

Anonym hat gesagt…

Das ist keine Überraschung! Wohnen wird immer teurer. Man schaue sich nur die Grundstückgrößen – darf man da noch von Größe sprechen – einer typischen Neubausiedlung im Vergleich der Zeiten an

Anonym hat gesagt…

Ich frage mich, wo man mehr Leute unterbringt: In einer einzelnen Wohnung mit 120 qm (entspricht 2003), oder in 2 Wohnungen, die zusammen ebenfalls 120 qm haben (entspricht 2016).
Ich würde sagen, das hält sich die Waage.
Insgesamt bedeuten die Zahlen, dass der Wohnungsbau in RT seit langem stagniert.

Anonym hat gesagt…

Wir haben viel mehr Singles und viel weniger Großfamilien – beiden mit zunehmender Tendenz, Deshalb wird kleinteiliger gebaut, einfach weil die Nachfrage so ist!

Raimund Vollmer hat gesagt…

Mag und wird stimmen. Gibt's dazu eine Statistik? (Singles und Großfamilien) Aber ist es nicht auch so, dass kleine Wohnungen sehr viel lukrativer sind? Zudem sollten diese Zahlen nur dazu dienen, aufzuzeigen, dass durch die erhöhze Zahl der Baugenehmigungen als Gradmesser der Produktivität der Ämter nicht unbedingt dazu führte, mehr Wohnraum zu schaffen, sondern eher - dazu gibt es auch keine Statistik - ein Beleg dafür sein können, dass hinter den Genehmigungen stadardisierte Projekte stehen. Die klotzweisige Bauweise in RT ist dafür doch auch ein Indiz. Aber wie wir den Laden inzwischen kennen, ist die Verdoppelung der Genehmigungen ein Ergebnis der Digitalisierung...

Anonym hat gesagt…

Natürlich haben wir Statistiken, wenn auch ich selbst nicht für Reutlingen (mal am Amt fragen??)

Wofür haben wir das Statistische Bundesamt. Hier eine Prognose:
https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/HaushalteMikrozensus/EntwicklungPrivathaushalte5124001179004.pdf?__blob=publicationFile

Kleine Wohnungen sind natürlich teurer, da mehr Küchen und Bäder gebraucht werden.

Raimund Vollmer hat gesagt…

Kleine Wohnungen sind aber auch lukrativer...
Auf das Statistsche Bundesamt bin ich auch gekommen, aber - wie Sie -interessierten mich die Reutlinger Zahlen. Die habe ich da nicht gefunden. Und kein Ergebnis wurde so schnell wieder von der Stadt nach oben korrigiert wie der Mikrozensus von 2009. Denn die Einwohnerzahl auch als Basis bei der Verteilung der Steuern.

Raimund Vollmer hat gesagt…

Danke übrigens.Habe dann auch mal in die Statistik hineingeclickt. Das Probelm mit der Großen Zahl ist: Wie bekomme ich sie so klein, dass sie in die Großstadt RT passt?

Anonym hat gesagt…

Prozentrechnen?
:-)))))

Raimund Vollmer hat gesagt…

Superidee. Sie sind herzlich eingeladen, Ihre mathematischen Kenntnisse voll auszuspielen, abgesehen davon, dass sich Reutlingen mit Recklinghausen kaum vergleichen ließe... (Habe ganz arg gelächelt)

Anonym hat gesagt…

Vergleichen lassen sich auch Äpfel und Birnen.
Reutlingen & und Recklinghausen - beide Städte sind keine Metropolen, unterschätzt und haben den Anfangsbuchstaben RRRRRRR :-)

Raimund Vollmer hat gesagt…

Lieber Anonym, Sie haben recht. Nachdem ich - wegen des R und des Ruhrgebiets (übrigens meine Geburtsheimat ist Dortmund)- Recklinghausen als Alternative zu Reutlingen genannt habe, habe ich im Netz diese Stadt besucht und war verblüfft: beide Städte sind etwa gleich groß, Recklinghausen erschien mir als durchaus gepflegt (und nicht sonderlich hochhausverliebt), hat mit 1700 Einwohner je Quadratkilometer trotzdem eine höhere Verdichtung als Reutlingen (1300) und besitzt mit den Recklinghauser Festspielen einen bundesweiten Ruf (den Reutlingen nicht mit irgendetwas genießt außer der engsten Straße der Welt, an der eigentlich nur der Name wirklich interessant ist). Manchmal tippt man daneben -und trifft dennoch ins Schwarze. Ich habe mir vorgenommen, einmal im kommenden Jahr Recklinghausen zu besuchen.

Anonym hat gesagt…

Die Mittelstädte prägen Deutschland . genauso wie der Mittelstand die deutsche Wirtschaft.

Großstädte & Großkonzerne sind Irrlichter...