Donnerstag, 18. Juni 2020

Kunst auf Lager



Das Postareal: Lager fürs Naturkundemuseum oder Kulturfabrik?Bildertanz-Quelle: Dimitri Drofitsch
Natur gegen Kultur - Ein Reutlinger Verdrängungswettbewerb? 


Ein Lösungsversuch von Raimund Vollmer



1. Die Kritik: Allein der Name "Kulturfabrik" war alles andere als glücklich. Aber es ist nun einmal seit einem halben Jahrhundert höchste Reutlinger Kunst, danebenzugreifen. Reutlingen, so lange schon die verkrampfte Imitation einer Großstadt, findet einfach nicht zu sich selbst. Wer aus einer Mauerlücke "die engste Straße der Welt" fabriziert, wer historische Bauten wie den Zwiefalter Hof in ein hässliches Parkhaus verwandelt, wer eine heißgeliebte, denkmalwürdige Straßenbahn hemmungslos den profanen Dieselriesen opfert, wer das "Tor zur Schwäbischen Alb", den weiten Blick auf dieses Panorama, durch Hochbauten zu versperren sucht, wer Erkennungsmerkmale wie den Springbrunnen am Bahnhof zuschüttet und zugleich die Stadt zu einer abstrakten Marke hochstilisiert, der erfindet sich die Welt, wie sie ihm gefällt: ohne intellektuelles Rückgrat, ohne Auseinandersetzung mit den Künsten, ohne Rück-Sicht auf sich selbst. Kultur ist dann nur noch selbstgefällige, narzisstische Nabelschau.
2018: Der Markenfindungsprozess: Kultur als Spektakel BildertanzQuelle: RV

Aus einer alten, sich selbst langweilenden und vergessenden Reichsstadt sollte vor zwei Jahren eine Marke gewonnen werden, die Reutlingen endgültig in die künstliche Zeitlosigkeit des ewigen Jetzt entführen durfte. Eine Stadt, die sich ein Image fabriziert, hergestellt in den Automaten einer Marketingfabrik: das war der Topdown-Mechanismus, wie ihn die damalige Oberbürgermeisterin Barbara Bosch schätzte. Das Experiment ging gründlich daneben, produzierte in der Stadthalle allenfalls eine komödiantische "Kultur des Spektakels", um eine Lieblingswendung des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa (*1936) zu verwenden. Die Marke - ein Produkt der "Kulturindustrie". Schon dieser Begriff signalisiert (wie der der "Kulturfabrik"), wohin die Kultur unentwegt vereinnahmt wird. 


2013: »Am erschreckendsten an der Entwicklung in der modernen Kunst ist aber die Tatsache, dass es mittlerweile überhaupt kein objektives Kriterium mehr gibt, mit dem man ein Kunstwerk hoch- oder geringschätzen könnte, es lässt sich in keine Hierarchie mehr einordnen.«
Mario Vargas Llosa (*1936), peruanischer Schriftsteller und Nobelpreisträger

2. Die Herausforderung. Nun sollen aus dem Postareal, das keiner mehr braucht, nicht mehr jene freien Künstlerateliers werden, die Experten der Stadt im Umfeld einer Kulturkonzeption vorschlugen, sondern die Räumlichkeiten sollen dem Naturkundemuseum als Lager zugeschlagen werden. Der ursprüngliche Ansatz wäre ohnehin widersinnig gewesen. Kunst-Ateliers haben mit dem Betrieb einer durchgeregelten "Fabrik" nichts zu tun. Jetzt soll also stattdessen - "aus Sicht der Verwaltung" - daraus eine Büro-, Lager- und Werkstatt für das Naturkundemuseum werden. Analog zur "Kulturfabrik" - bekämen wir demnach eine "Naturfabrik" für den Museumsbetrieb. Nach dem Wegfall des Heinzelmann-Areals, das dem Naturkundemuseum bislang als Lager diente, wäre das Postareal die neue Zwischenstation. So die nachdrückliche Empfehlung der Verwaltung.

Der Gemeinderat wird sich diesem Vorschlag ganz bestimmt nicht verschließen können. Natur ist in dieser coronalen Epoche immer besser als Kultur, die ohnehin momentan zu einem Soforthilfeanspruch depraviert. Die Natur aber, die in dem von der EU ausgerufenen Klimanotstand einen mächtigen und finanziell prächtig ausgestatteten Partner hat, ist unser Thema schlechthin - von existenzieller Bedeutung. Da geht es um die Substanz. Dabei hat man es hier mit toten Objekten der Natur zu tun, nicht mit störrischen Subjekten der Gesellschaft, mit Künstlern. Sie stehen allgemein in dem Verdacht, dass man sie nicht steuern kann. Schon gar nicht kann man vorherbestimmen, was an Produkten am Ende des kreativen Prozesses bei ihnen herauskommt. Weder ein Picasso, noch ein Grieshaber ließen sich je programmieren. Bildende und schreibende Künstler denken auch nicht in den Kategorien von sturen Naturgesetzen. Sie setzen sich eher über alle Regeln hinweg, vor allem die menschengemachten, ordnen sich nicht unter. Ausführende Künste wie die Württembergische Philharmonie oder die "Tonne", die mit vorgefertigten Produkten handeln, sind da schon bestimmbarer, sie bekommen dann auch stets ihre Prachtbauten. Nicht  nur in Reutlingen.


3. Das Dilemma. In der Kultur des Spektakels ist der Komödiant der König, meint Mario Vargos Llosa. Die Reutlinger Stadthalle ist in dieser Beziehung ein Königspalast. Die Comedians bringen Leben in die Halle für alle. Dort ist alles "live", was auf der Bühne geschieht. Was gezeigt wird, entsteht im Augenblick der Aufführung, auch wenn es vorher perfekt vorbereitet wurde. In einem Museum, in einer Galerie entstehen in der Regel die Dinge nicht dort, wo sie gezeigt werden, sondern ganz woanders - bei einem Naturkundemuseum sogar oftmals Jahrhunderte, Jahrtausende, Jahrmillionen vorher. 
Alle Jahre wieder: Event statt Advent am Naturkundemuseum

Jeder Kreative weiß, dass das, was er schöpft und zur Kultur addiert, niemals öffentlich, sondern immer privat entsteht - in einem zutiefst introvertierten, einsamen, geheimen, eigentlich auch nicht steuerbaren Prozess. Dafür braucht man keine Villa, keine Halle, keinen Saal, keinen Prachtbau - eigentlich noch nicht einmal ein Areal. Allenfalls die Umsetzung benötigt dann den eigenen Raum, das Atelier, das Studio, die Probebühne. Das Werk braucht die Werkstatt. Und die kann überall sein. Das gilt für das Lager eines Museums, das seine Objekte verwaltet und gestaltet, nicht minder. So sind beide in ihrem Anspruch auf einen Platz etwa gleichrangig. Der Unterschied: Die Kunst lebt von dem Entstehen des Neuen, das Museum von dem Erhalt des Alten. Was hat nun Vorrang? Der erste Reflex sagt vielleicht: die Kunst. Die Vernunft kontert prompt: nein, das Museum hat Priorität. 


4. Die Lösung. Kann man nicht beides miteinander verbinden? Das wäre schön, aber unmöglich, wenn man dem normalen Entweder-Oder unserer Stadtverwaltungen folgt. Versuchen wir es trotzdem - nach dem Motto: "Die Kunst der Natur und die Natur der Kunst".

So könnte es gehen: Die Stadt übergibt das Postareal dem Naturkundemuseum. Aber ein Raum bleibt frei. Jeden Monat oder jedes Quartal bekommt ein Künstler aus dem Kreis Reutlingen (oder auch nur der Stadt) die Chance, ein tatsächliches Objekt aus dem Lagerbestand des Naturkundemuseums als geistige Vorlage für ein eigenes Kunstwerk auszuwählen. Objekt und Kunstwerk werden dann im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Naturkundemuseums ausgestellt oder sonst wie zur Darbietung gebracht. Das kann ein Bild, eine Plastik, ein musikalisches, literarisches oder filmisches Werk sein. Ob die Stadt es dann endgültig erwirbt oder nicht, bleibt ihr überlassen, muss ja hier auch nicht weiter verhandelt werden. Wenn sie wirklich die Kunst vorbehaltlos fördern will (und nicht als gewährte Gunst darstellt), dann honoriert sie das Werk in der Phase seiner Entstehung mit einer Pauschale. Auf jeden Fall könnte dadurch manches Objekt aus den Beständen des Naturkundemuseums den Weg zu einem Exponat schaffen, der ihm vielleicht sonst noch lange verwehrt ist - weil es nicht ins Konzept passt oder längst vergessen ist. Ein wenig Spektakel hätte man auch.

Herauskäme dann möglichweise etwas Einzigartiges - vielleicht sogar wäre es eine echte Reutlinger Innovation, nicht etwas, was andere Städte schon tausendmal vorher vorgemacht haben. 

Natur und Kultur wären eins. Nennen wir es die "Reutlinger Naturkultur"... 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Die Stadt hat viel Potenzial, viele Stärken, viel Sympathisches", bekundete seinerzeit die damalige Rathaus-Chefin Barbara Bosch "aber die Reutlinger gehen recht distanziert damit um." Das ist ja auch vollkommen OK. Inwieweit aber die Bürger auf dem Weg zur Marke wirklich eingebunden werden – "Partizipatives Stadtmarketing" war das Stichwort – scheint mehr als fraglich. Man darf gespannt sein darauf, ob konstruktive Beiträge wie dieser irgendwann im Rathaus wahrgenommen werden. Und ob sie irgendwann vielleicht sogar ein Echo provozieren oder im Idealfall sogar als Denkanstöße in die Marketingkonzepte einfließen werden.

Raimund Vollmer hat gesagt…

Die Spannung, lieber Kommentator, lässt mit jedem Tag mehr nach. Da kommt nix. (Obwohl ich es mit natürlich wünsche.) Partizipation heißt hier Ja-Sagen.

Anonym hat gesagt…

Da kommt nix – das ist wie beim HSV!