Freitag, 29. Mai 2015

Wohin treibt Reutlingen?


Zwischen Kanzlei und Markt, zwischen Verwaltung und Ratsaal, zwischen Zentralität und Dezentralität: Gibt es Brücken zwischen diesen Antipoden oder fallen die Pläne der Stadt Reutlingen in den Papierkorb? Auf jeden Fall darf Reutlingen nicht so menschenleer bleiben wie auf diesem Karfreitagsbild 2015. Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Wie Frau Bosch die Stadt aufrüttelt!
Eins kann man der Reutlinger Oberbürgermeisterin nicht vorwerfen: sie packe keine Tabuthemen an, sie habe Angst vor der Meinung anderer. Und sie ist auch ganz bestimmt keine "lame duck", keine lahme Ente, zu der in den USA der Präsident in seiner zweiten Amtsperiode verkommen kann. Unsere OB könnte sich einen schönen Tag machen. Denn Barbara Bosch, die jetzt in die zweite Hälfte ihrer zweiten Amtszeit geht, wird sich wohl kaum einem dritten Acht-Jahre-Turnus stellen. Unabhängig davon, was sie tut, wir müssen anerkennen, dass sie etwas tut. Und sie rüttelt uns ganz schön wach. Langweilig ist es nicht in Reutlingen.
Man kann ihr - wie das ja auch mehr oder minder offen getan wird - im Rahmen ihrer prestigeträchtigen Projekte wie Bau der Stadthalle oder Kreisfreiheit Geltungssucht und manches andere aus der Kiste der Tiefenpsychologie vorwerfen. Aber eigentlich gehört sich das nicht - schon gar nicht aus Respekt gegenüber dem Amt, das sie voll auszufüllen versucht.
Wir haben ihr mit unserer Wahl 2003 und 2011 zweimal die Macht übertragen. Und sie nutzt sie. Sie kommt aus einer Großstadt, zumindest ist dies Stuttgart weitaus mehr als Reutlingen. Stuttgart ist zudem Landeshauptstadt, was einem - auch wenn man dort nur aufwächst und lebt - einen ganz anderen Nimbus gibt, als wenn man in einer Provinzstadt wie Reutlingen aufwächst. (Vielleicht sollten wir einmal untersuchen, woher unsere Stadträte kommen und unsere wichtigsten Beamte.)
Wir, die Wähler und Nichtwähler, haben Frau Bosch das Schicksal unserer Stadt anvertraut - für insgesamt mindestens 16 Jahre. Mit dem Thema "Stadthalle" hat sie uns, die Bürger, herausgefordert. Wir haben der Planung der Halle zugestimmt - und sie nahm prompt die ganze Hand. Nun steht sie da, die Halle für alle. Es ist ihr Superprojekt, ob einem die Halle nun gefällt oder nicht.
Jetzt will sie Reutlingen zu einem Stadtkreis erklären lassen. Dann wäre Reutlingen wieder fast so etwas wie eine Reichsstadt, einen Status, den die Stadt vor zweihundert Jahren verlor. Da schwingt also viel Prestigedenken mit, sagt man - und denkt daran, dass Reutlingen als einzige Großstadt in Baden-Württemberg kein eigener Stadtkreis ist. Nun wird gerechnet, ob sich das rentiert oder nicht. Frau Bosch hat rechnen lassen und sieht ein Plus von jährlich vier Millionen Euro. Das soll uns überzeugen, das soll uns imponieren. Der Landrat wird versuchen, dagegen zu rechnen, und wird sicherlich irgendwann seine Sauermilchrechnung aufmachen. Und so geht das hin und her, bis irgendwann das dafür verantwortliche Gremium eine Entscheidung trifft. Wir, die Bürger, haben nichts zu sagen - außer im GEA (der sich dieses Themas angenehm neutral annimmt) oder hier im Bildertanz-Blog, der aber in der Meinungsfindung unserer Stadträte und Stadträtinnen keine Rolle spielt.
Ob Stadthalle oder Kreisfreiheit, dahinter verbirgt sich eigentlich eine andere, viel wichtigere Frage: Was für eine Art Stadt will unsere OB aus Reutlingen machen? Wohin treibt sie dieses Reutlingen?
Zur Großstadt wurde Reutlingen erst durch seine Dörfer. Durch die Eingemeindungen in der ersten Hälfte der siebziger Jahre und durch deren Attraktion als Wohngebiet.  Reutlingen an sich, als Kernstadt, hat nur verloren: zum Beispiel Arbeitsplätze, zum Beispiel Einwohner.
Jetzt muss man bei allem Kopfschütteln der Frau OB zugute halten, dass sie alles versuchen möchte, diesen Trend umzukehren. Dabei versucht sie die Quadratur des Kreises: Arbeitsplätze nach Reutlingens Innenstadt zu holen und gleichzeitig deren Wohn- und Lebenswert zu erhöhen, scheint auf den ersten Blick unmöglich. Aber es ist nicht die Industrie, sondern die der Dienstleister und Home-Offices, die Reutlingen attraktiv machen sollen. Es müssen ja auch nicht unbedingt die freien Berufe sein, die in der Kaiser- und Bismarckstraße ihren gebührenpflichtigen Aufgaben nachgehen. Es werden ganz andere Berufe sein, solche die nicht verkammert sind, sondern schonungslos dem freien Wettbewerb ausgesetzt sind. Kein Proletariat, sondern Programmierer, Medienschaffende, Berater und Coaches - und was immer noch das Internet uns an neuen Betätigungen bescheren wird.
Diese Leute wollen wohnen, wo sie arbeiten. Möglichst sogar im selben Haus. Es sind die Visionen eines Alvin Tofflers, der uns 1970 mit seinem Buch "Der Zukunftsschock" und zehn Jahre später mit der Ergänzung "Die Zukunftschance" darauf vorbereitete. Übrigens angereichert mit unzähligen Beispielen, die aus einem abstrakten Thema ein sehr konkretes machten. Schon damals.
Reutlingen hat - wie viele andere Städte auch - 30 bis 40 Jahre gebraucht, um diesen fundamentalen Wandel in das 21. Jahrhundert hinein zu kapieren. Dabei gab es in den siebziger Jahren im Rahmen der Eingemeindungen auch hierzulande Wissenschaftler, die deutlich darauf hinwiesen, dass die damalige Stadtflucht in die Vororte sich umkehren werde. Die hohe Verdichtung bei den Infrastrukturen sei auf Dauer die große Attraktivität. Heute hören wir dies alles als Argumente, als seien sie völlig neu. Insofern würde Frau Bosch mit einer Reurbanisierung Reutlingens endlich das tun, was ihre Vorgänger haben schleifen lassen. Ob man dafür die Kreisfreiheit braucht, entzieht sich vermutlich unserem Vorstellungsvermögen. Und wahrscheinlich werden wir am Ende der Diskussion so verwirrt sein, dass wir möglicherweise den nächsten Coup übersehen, der in diesem Zusammenhang folgerichtig wäre: die Aufkündigung der Eingemeindungsverträge.
Schon Reutlingens erster Oberbürgermeister nach dem Krieg, Oskar Kalbfell, sah in seinen Stadträten weniger eine Kontrollinstanz als vielmehr Mitarbeiter. Und die Gemeindeordnung scheint da ja auch voll auf dieser Linie zu sein. Gemeinderäte sind nicht Teil der Legislative, sondern der Exekutive. Richtungsweisend ist der direkt gewählte Chef der Verwaltung und des Stadtrates. Im Büro des/der OB wird Politik gemacht. Hier vereint sich Legislative und Exekutive zu geradezu präsidialer Macht. Und diesen Job füllt Frau Bosch voll aus. Das kann ihr niemand abstreiten. So wird sie auch die mehrheitliche Zustimmung durch ihre Mitarbeiter, also die Stadträte, bekommen.Andernfalls würden diese aus Frau Bosch eine "lame duck", eine lahme Ente, machen. Und das wäre das Allerschlimmste für Reutlingen. Wir brauchen Tempo. Wir brauchen den Strukturwandel. Wir brauchen Diskussion.
Aber wir brauchen auch eine Vorstellung von dem Reutlingen, das Frau Bosch im Kopf hat. Dass sie da Vorstellungen hat, da können wir uns absolut sicher sein.
Nun ist es alles andere als leicht, Schwaben eine Welt zu erklären, die nicht von vornherein bis ins Detail durchgerechnet ist. Diesem Wunsch - so möchte man vermuten - kommt Frau Bosch mit dem Projekt "Kreisfreiheit" sehr entgegen. Jetzt wird gerechnet und gerechnet und gerechnet. Zugleich kommt ein Bedarf nach dem anderen zum Vorschein. Plötzlich reden wir alle über Reutlingen. Über seine Vorzüge und seine Nachteile. Frau Bosch kann es genießen. Denn alles, was gesagt wird, kommt ihrer Vorstellung von einem selbstbewussten, vielleicht sogar selbstherrlichen Reutlingen entgegen. Eine Stadt wie New York - nicht ganz so groß und ohne Wolkenkratzer, aber unglaublich cool. Mit Menschen, die eine Innenstadt nicht nur samstagsmorgen vibrieren lassen, eine Stadt, die Tübingen wieder in ihre Studenten-Seligkeit entlässt, eine Stadt, die so vital ist, dass niemand mehr nach Stuttgart will. Deshalb muss es auch keine Stadtbahn dahin geben.
Ihr einziges Problem auf dem Weg dahin sind die Dörfer, die immer noch ein Eigenleben haben und deren Rathäuser nicht Bezirksamt genannt werden wollen. Da gibt es Ortschaftsräte und Ortsvorsteher, die sich großspurig Bezirksgemeinderäte und Bezirksbürgermeister nennen dürfen, kleine Fürstentümer, die zwar alle auf die Stadt Reutlingen vereidigt wurden, aber sich eigentlich zeitlebens als Altenburger, Betzinger oder Rommelsbacher fühlen. Sie gehören -gefühlt, nicht de jure - so wenig zu Reutlingen wie Pfullingen oder Eningen.
Was in Reutlingen geschieht, interessiert sie nur solange, wie sie morgens den GEA lesen. Sie haben ihre Meinung über die Stadthalle und deren Gelder, die nach ihrer Meinung bei ihnen viel besser investiert worden wären. Sie sind nicht immer so gute Mitarbeiter wie die Stadträte, sondern mosern in ihren kleinen Zirkeln viel stärker herum als sich die, die näher am Zentrum der Macht stehen, wohlmöglich trauen.
Die Eingemeindungen der siebziger Jahren haben zwar erst aus Reutlingen eine Großstadt gemacht, aber die damit verbundenen Verträge haben nun ihre Schuldigkeit getan. So lautet die Ahnung derjenigen, die in den Dorfparlamenten tätig sind oder ihnen vorstehen. Sie fürchten um ihre Existenz. Und niemand ist da, der ihnen die Furcht nimmt.
In den siebziger Jahren waren die Wohngebiete dezentral und die Arbeitsplätze zentral. Heute - so möchte man begründet spekulieren -  sind die Wohngebiete zentral und die flächenfressenden Industriegebiete dezentral zu arrangieren. So entsteht eine ganz andere Stadt, aber ist es die Stadt der Zukunft? Ist es das, was wir, die Bürger, wollen? Ist es das, was sich Frau Bosch vorstellt?
Spätestens dann, wenn die Eingemeindungsverträge gekündigt werden würden, wüssten wir dies. Denn dann würde den Vororten das Recht genommen, ihr Schicksal mitzubestimmen. Dann vereinigt sich die Macht im Büro der OB vollends. Eine Kündigung wäre aber auch ein gefährliches Spiel: denn welche Instanz sollten die betroffenen Gemeinden dann für eine Gegenwehr anrufen? Den Vermittlungsausschuss, der im Dienst des Stadtrats steht? Das Regierungspräsidium? Und wer bezahlt die Gegenklage? Wer ist verantwortlich auf Seiten der Dörfer?
Was wäre, wenn die Dörfer nicht mitmachen und sich aus der Stadt ausgründen lassen wollen?
Auf jeden Fall würde ein fürchterliches Durcheinander entstehen, dass - käme jetzt die Kündigung der Verträge - die Entscheidung über die Kreisfreiheit sehr stark beeinflussen würde. Nicht bei den Stadträten, sondern in den übergeordneten Gremien, die das entscheiden.
Wenn aber die Kreisfreiheit gebilligt wird, sind die Tage der Eingemeindungsverträge gezählt.
Es kommen spannende Zeiten auf uns zu. Reutlingen muss hellwach sein. Und wenn dies am Ende dieses Prozesses herauskommt, dass diese Stadt aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt wurde und endlich über die Zukunft nachdenkt, dann hat Frau Bosch mehr erreicht als ihre Vorgänger. Chapeau!
Raimund Vollmer

Kommentare:

dieter riekert hat gesagt…

Hallo Herr Vollmer,
ein Artikel, der mich zum Nachdenken bringt, Sie sagen viel über Frau Bosch aus, VIELLEICHT sehe ich unsere OB nicht mehr ganz so negativ, werde erst mal über Ihr Geschriebenes nachdenken und dann mich hier nochmals äußern. Danke für Ihre stets sehr objektiven und informativen Beiträge. Meist liest man nur in schwarz und weiß, bei Ihnen immer als wäre man selbst Beobachter. Danke vielmals dafür.
Viele Grüße Dieter Riekert

M.W. hat gesagt…

Was die zu niedrigen Einwohnerzahlen in der Kernstadt betrifft, es lässt sich nichts daran aussetzen wenn man, wie Frau Bosch das gerne tut nach Ulm, Pforzheim, Heilbronn oder Ulm schielt, auch solche Städte wären ohne massive Eingemeindungen keine Groß* bzw. besitzen Stadtteile im entfernteren Umland. Erst Heidelberg mit seinen 150.000 Einwohnern darf sich in dieser Hinsicht sicher fühlen. De facto besteht mit Pfullingen, Ehningen und Wannweil sogar noch ein potenzieller Bevölkerungszuwachs um 32.000 Bewohner für Reutlingen und in direktem, sprich städtischen Umfeld.

Solche Zahlenspielereien sind nun insofern sinnlos, als das eine Stadt durch ihre kulturelle, wirtschaftliche oder politische Stellung manifestiert wird, dessen Einwohnerhöhe bestimmt nur über die Ebene der eigenen Möglichkeiten. Dabei versagt man sowohl in Reutlingen als auch der hiesigen Politik. Denn andere, vergleichbaren Städte haben nämlich ihre Stadtbahn verwirklicht, große Einkaufszentren, Firmen neben denen Bosch wie eine Zweigstelle wirkt, Autobahnen und alle zwei Stunden hält der ICE. Reutlingen dagegen wird immer das Städtchen mit zu großen Ambitionen bleiben.

Dennoch ist es ein wunderbarer Artikel, den sie da geschrieben haben, ein großes Lob dafür.

Raimund Vollmer hat gesagt…

Danke für die lieben Worte. Das ist fast so, als hätte ich heute Geburtstag... :-)