Mittwoch, 26. November 2014

Ein halbes Jahrtausend: Das Haus Nummer 1 am Albtorplatz

Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer
Bildertanz-Quelle: Fritz Haux



Bildertanz-Quelle: Fritz Haux
Bis in die Zeit um 1500 geht die Geschichte dieses Hauses zurück, das der Konditorenfamilie Finckh gehört. Als es vor zwanzig Jahren renoviert wurde, entdeckte man hinter dem Wandputz eine uralte Rechnung von 1768. Kommuniziert hatten da ein Noa Buob und ein Christian Kaller über eine Lieferung von "Fein Weizen" im Wert von 15 Kreuzern und "3 König Krull" zu einem Preis von 20 Kreuzern. Das dokumentiert den ältesten Nachweis dieses stolzen Gebäudes. Einige Balken, die mit Stroh umwickelt waren, brachten die Experten dazu, das Entstehungsdatum dieses Hauses bis in das frühe 16. Jahrhundert zurückzuführen. Demnach ist das Haus jetzt ein halbes Jahrtausend alt.
Auf alten Fotos soll man sehen können, dass dereinst prachtvolle Stuckdecken die Zimmer des Gebäudes zierten. Sie seien aber in den 50er Jahren, die auch ihre schnörkellose Phase hatten, zerstört worden. Leider. Aber die Familie Finckh hat versucht zu retten, was zu retten war. Und so soll das Haus heute wieder über Stuckdecken verfügen.
Übrigens: dieses Haus war in den zwanziger Jahren ein Tanzcafé. Ab 1921 traf sich hier die Jugend, aber auch die älteren Semester, um das Tanzbein zu schwingen. Ob es dazu wohl Fotos gibt? Gekauft hatte das Haus damals der Konditormeister Albrecht Finckh, der die bisherigen Räume des von den Geschwister Hummel geführten Spezialgeschäftes für Korsettagen und die des Schuhhauses Karl Butz in das Tanzcafe zum "Großen Finckh" umwandeln ließ. Der Ehrenoberinnungsmeister der Konditoren muss ein Reutlinger Original gewesen sein. So war er auch - vor dem ersten Weltkrieg - Reutlingens erster Karnevalspräsident. 1924, also vor 90 Jahren, übernahm sein Sohn Friedrich das Tanzcafe. während der andere Sohn, Albrecht Finckh jun., die Konditorei im Haus gegenüber führte.
Friedrich wurde zum Wehrdienst eingezogen - und das war dann auch das Ende des Tanz-Cafés. Mit dem Einmarsch beschlagnahmten die Franzosen das Haus als Soldatenheim und Casino.
Weil der Sohn Friedrich im Krieg gefallen war, wurde der Tanzbetrieb nach dem Rückzug der Franzosen nicht mehr wieder aufgenommen. Viele werden sich noch daran erinnen, dass hier zwischen 1951 und 1966 das Lebensmittelgeschäft Pfannkuch war. Und das Optikfachgeschäft Möller, das wir heute ein Haus weiter finden, war seit 1955 in diesem Gebäude. (Raimund Vollmer)

Montag, 24. November 2014

Wie die Weingärtner in Reutlingen beschimpft wurden...

... sie galten dereinst als eine weitaus größere Berufsgruppe als die Färber und Gerber, die Reutlingen bis ins 20. Jahrhundert hinein den Stempel aufzudrücken schienen. Die Weingärtner hingegen besaßen nicht wie die Färber und Gerber eigene Viertel, sondern waren überall. Nur im Herbst, wenn die Lesezeit begann, machten die Weingärtner deutlich auf sich aufmerksam. Aber mit Beginn des 1. Weltkrieges verloren sie mehr und mehr an Bedeutung. Ihre Kelter verrotteten oder verschwanden. So musste auch die Armenpflegekelter dem Bau des Hallenbades in der Albstraße (1928 eingeweiht) weichen.

Neun Jahre später, 1937, wurde auch die Spitalkelter in der Burgstraße abgerissen. Hier gab es im ersten Stock das "Stüblein des Kelterschreibers", berichtet uns der große Karl Keim. Im Erdgeschoss gab das "Bohnenbeiß". Keim schreibt dazu: "Das war der Aufenthaltsraum bei ungünstigem Wetter. Dort saßen die Mannen, kauten und verdauten die Bohnenkerne; dort sprachen sie kundig von Wetter und Weinbau, von alter und neuer Zeit, von den Familien, von ihrem 'Stand', von der Stadt und der Welt. Dprt galten sie, allein sie, denen andere solche Unnamen gegeben hatten wie Hauser, Huttenluser, Buttenhiesche, Aidaträger, Schollenpuffer, Bollenhopser, Ruppelhosen, Bergstudenten, Talrappen und wegen ihrer Sutterkrüge und Bohnenkerne weitere, nicht wiederzugebende Namen." (RV)
Hof der Spitalkelter in der Burgstraße (Quelle: Karl Keim)

Bildertanz-Quelle: Sammlung Hermann Rieker (aus Prospekt zum Bau des Hallenbades), Zitate aus "Unsere Heimat", Karl Keim, GEA, Oktober 1981

Samstag, 22. November 2014

2011 versus 2014: Rund ums Tübinger Tor

2011: Schon Geschichte
 Der Steg war noch in voller Länge da. Ein Jahr später kam die Abrissbirne.

Der Vergleich 2014





Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer

Das Kali 2011: Ansicht von hinten

Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer#

Dazu gibt es diesen Kommentar von einem unserer Leser:
"Dies ist das richtige Foto für die Diskussion von K 8. Auf den rückseitigen Grundstücksflächen Richtung Hofstatt der Gebäude der Katharinenstraße besteht Handlungsbedarf. Das kann aber nicht bedeuten, dass dar gesamte Straßenzug abgerissen werden muss.
Für planerische Architekten müsste das doch reizvoll sein hier tätig zu werden. Eine derartige Planung macht es aber zwingend erforderlich, dass die Stadtverwaltung alle rechtlichen Möglichkeiten vollständig und umfassend ausschöpft, um zu vermeiden, dass die Gebäude in der Katharinenstraße durch Unterlassung von Reparaturen von gewissen Hausbesitzern so heruntergewirtschaftet werden, dass durch die Zumutbarkeit letztlich eine Abrissgenehmigung nicht mehr erlassen werden muss. In der Vergangenheit hat man auf diese Art und Weise in Reutlingen ohne Probleme eine Abbruchgenehmigung problemlos erhalten.
Unsere Stadtverantwortlichen nehmen einfach nicht zur Kenntnis, dass nachdem in den letzten 40 oder 50 Jahren unendlich viel alte, vertraute Bausubstanz durch Abriss leichtfertig und planmässig verloren gegangen ist, die letzten Reste noch erhaltener Bauten und Straßenzüge letztlich kostbar geworden sind - eben: je knapper ein "Gut", um so wertvoller wird es." H. G.

Freitag, 21. November 2014

Der Haushalt der Stadt Reutlingen...

... ist heute im GEA und bei den Reutlinger Nachrichten das zentrale Thema.
Hier der Link zu den Reutlinger Nachrichten und zum GEA, die ausführlich über die Debatte berichten. 

(Kommentar) So richtig schlau wird man aus den beiden Artikeln nicht. So entsteht der Eindruck: Diese Stadt hat kein Konzept. Vielleicht hat man sogar Angst davor. Und im Hinterkopf taucht der Verdacht auf, dass die Verwaltung mit Absicht die Kritik auf sich zieht, um dann in aller Ruhe die Etats kürzen zu können. Denn: "Ihr, die Stadtväter und Stadtmütter, habt es ja so gewollt."(RV)

Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Das Festtagsprogramm der Stadthalle: Die Halle für alle (auswärtigen Künstler)...

... sollte man in Klammern hinzufügen. Wer in diesem Winter Kultur genießen möchte, wird in Reutlingens Stadthalle intensiv mit Klamauk, Zirkus und Comedy bedient. Die Egerländer kommen, "Klufti" erscheint im Doppelpack seiner Autoren, Kayar dreht "around the world". Usw. Die B-Prominenz des deutschen Fernsehens marschiert an: Fernsehen für alle - das ist unsere Stadthalle. In der Tat - einen so großen Bildschirm, wie ihn die Stadthalle mit ihrer Bühne bietet, haben Sie zuhause garantiert nicht. Allerdings gibt es dafür keine Fernbedienung und Werbung zwischendurch auch nicht.
Natürlich wird die Württembergische Philharmonie spielen, natürlich wird es auch Kindertheater geben (im großen oder im kleinen Saal?), Diavorträge gibt's auch. Die Wiener Sängerknaben werden da sein, das Russische Staatsballett und Musicals. Ach, ehe Sie es übersehen: Der "Klimaschutz-Mehrwert" ist im Karten-Preis ebenso inbegriffen wie zumeist der "naldo-Fahrausweis".
Ob all das reicht, um die Überschrift "einmalige Erlebnisse" zu rechtfertigen, müssen Sie am Ende der Veranstaltung selbst entscheiden. Dass das Programm am wenigsten zu tun hat mit der Förderung der lokalen Kultur und ihrer Künstler (ein Anspruch, mit dem uns der Wunsch nach der Halle dereinst verkauft wurde), wird jedem klar beim "Click ins Programm" oder in die heutige Beilage des Reutlinger General-Anzeigers. Gut, dass es wenigstens die "Betzinger Sängerschaft" gibt. Die bekommt hoffentlich für Händels Messias den großen Saal am 25. Januar 2015. Dem Programm selbst können Sie jedenfalls nicht entnehmen, was der jeweilige Veranstaltungsort ist.
Dem Programm spürt man deutlich an, dass es darauf angelegt ist, möglichst überregional bekannte Künstler anzuheuern, um die Halle vor allem zu füllen. Das ist auch sehr vernünftig. Da macht man nichts falsch - und die Kosten sind gedeckt statt gedeckelt. Deshalb wird in der Programm-Beilage der Stadthalle außer den Philharmonikern keine einzige Reutlinger Eigenproduktion beworben.
Schade eigentlich, dass es die Reutlinger Kulturschaffenden selbst nicht schaffen, ein eigenes Programm auf die Beine zu stellen. Wenigstens zu Weihnachten. Das wäre ein wunderschönes Geschenk. Kurzum: Es herrscht Kulturnacht in Reutlingen. Raimund Vollmer (Kommentar)

Bildertanz-Quelle:Stadthalle Reutlingen

Donnerstag, 20. November 2014

Reutlingen/Tübingen: Der Sonnenaufgang im Zeitraffer



Einfach nur genießen: Mit 50facher Geschwindigkeit hat hier der Kameramann den Sonnenaufgang am 19. Oktober 2014 eingefangen. Er schreibt dazu: "50x bescheunigter Zeitraffer vom Sonnenaufgang über der Schwäbischen Alb. Im Vordergrung die Uniklinik Tübingen am Schnarrenberg und dahinter der Tübinger Österberg, der aus dem Nebelmeer heraus schaut. Im Hintergrung ist Reutlingen mit seinem Hausberg der Achalm, knapp links vom Östergerg zu sehen."
Bildertanz-Quelle: Stormchaser

Mittwoch, 19. November 2014

1959: Als der Stadtrat beschloss, den Friedhof "Unter den Linden" zu schließen...

 
 






... war das zuerst einmal eine Nachricht, die Sinn machte. Rein Rational. Reutlingens Einwohnerzahl war durch den Flüchtlingsstrom der unmittelbaren Nachkriegszeit stark gewachsen, und entsprechend stieg denn auch die Zahl der Beerdigungen. Es war abzusehen, dass der Friedhof "Unter den Linden", seit 1500 Jahren Grabstätte, vollbelegt sein würde. An der Römerschanze entstand ein neuer Friedhof. So hatte dann der Gemeinderat beschlossen, den alten, historischen Friedhof stillzulegen. Spätestens im Jahr 1985, wenn wohl alle bestehenden Nutzungsrechte abgelaufen seien, sollte dann der Friedhof endgültig geschlossen werden. Je näher dieser Termin rückte, desto mehr Widerstand regte sich. 1979 heizten dann drei Mitglieder des Stadtrates die Diskussion um die Zukunft des Friedhofs ein. Ihre Initiative hatte zumindest teilweise Erfolg. Eine komplette Rücknahme des Stillegungsbeschlusses von 1959 gab es zwar nicht, aber der Friedhof bekam eine Verlängerung bis 1990. Als dann auch dieser Termin immer näher rückte, etablierte sich eine Bürgerinitiative, die - man staune - 8.000 Unterschriften für den Erhalt des Friedhofs sammelte. Vor allem wollten die Bürger, dass der Friedhof für Bestattungen offengehalten werden solle. Und so kam es, auch wenn der damalige Oberbürgermeister Manfred Oechsle keine andere Alternative sah, als den Friedhof nur noch als Gedenkstätte zu erhalten. RV

Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer