Dienstag, 5. Mai 2026

Die Trickdiebe: Nachtrag zur Landtagswahl


Am 28. Februar 2026 in Reutlingen Rommelsbach anlässlich des Besuchs von Björn Höcke (AfD) 

 

Blau war mein Leben lang meine Lieblingsfarbe. Sie wurde mir gestohlen. Von der AfD. Sie ist der größte Trickdieb unter den Parteien. 
Ihre Parolen sind verführerisch - wie Hitlers Buch „Mein Kampf“, das zu lesen Du Dich überwunden hast. Du bist jederzeit bereit, 30 Prozent dessen, was er schrieb, zu unterschreiben. Es sind Allgemeinplätze. Du gehst sogar so weit, dass Du weitere 40 Prozent für erwägenswert erachtest. Bleiben 30 Prozent, die Du zutiefst verachtest. Das machte das Buch so gefährlich. Die AfD bleibt einfach bei 70 Prozent stehen. Sie verschweigt den Rest. Und schon hat sie Deine Stimme zu 100 Prozent. 
Meine Stimme bekam sie nicht. Trotzdem tat sie mir Gewalt an. Denn ich habe nicht gewählt, was ich wollte, sondern das, was ich musste. Mehr noch: Seit die AfD alle Felder der Kritik an unserem Staat zu besetzen sucht, kann ich gar keine Kritik mehr äußern, ohne vorher zu sagen, dass ich nicht ihr Wähler bin. 
Alle Kritik dient den Falschen. Die AfD ist ein Kritikdieb. 
Das ist fast schon zwanghaft, wie wir, für die Kritik zur Demokratie gehört wie das Amen in der Kirche, den Hintergrund unserer Kritik mittlerweile rechtfertigen müssen, bevor wir sie äußern. Unsere Kritik gehört nicht mehr uns. 
Als vor 145 Jahren Immanuel Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ das „Zeitalter der Kritik“ ausrief, tat er dies verschüchtert in einer Fußnote seiner Vorrede. Der Dichter Heinrich Heine fragte sich nach der Lektüre dieses Werkes, warum der Philosoph, der doch sonst so klar formulierte, dieses Mal so unverständlich geschrieben habe. Hatte Kant Angst, verstanden zu werden? Hatte er Angst vor den Behörden? 
Aber das Zeitalter der Kritik kam. Triumphal. Und es sollte bleiben. Auf unserer Seite. Euer Raimund Vollmer 

Bildertanz-Quelle:RV

 

Montag, 4. Mai 2026

Geschichten von der Alb: 21. Mai 2026 in Altenburg

„Jetz hogg amal no“

 

Eine bunte, herzhafte Mischung aus Hochdeutsch und Schwäbisch erwartet Euch am Donnerstag,  21. Mai,  ab 19.00 Uhr im Ev. Gemeindesaal (Luckenäcker Weg 7, Altenburg), wenn uns Nicole Krieg im Rahmen der „Altenburger Abende“ aus ihrem Roman „Eggerhof“ vorliest. 1972 geboren bringt sie uns das Leben auf einem schwäbischen Bauernhof aus der Nachkriegszeit so nahe, als habe sie die 50er Jahre, in denen ihre Geschichte beginnt, selbst erlebt. Aber natürlich ist alles, was hier geschieht, frei erfunden. Nur: Warum kommt einem dann so manches so bekannt vor? Man riecht förmlich die Landluft, die aus Altenburg schon so lange verschwunden wäre. wenn es nicht doch am Ortsrande Reiterhöfe und bewirtschaftete Felder gäbe.

Der „Eggerhof“, von dem uns Nicole Krieg erzählt, liegt auf der Alb. Und das breite Schwäbisch, das dort gesprochen wird, ähnelt doch sehr dem, das noch in den achtziger Jahren auch in Altenburg gesprochen wurde. und das man sogar heute noch bei den „Ureinwohnern“ hören kann.

Es sind lauter Geschichten aus dem Leben, in dem es schon recht deftig zugeht. Und katholisch sind sie auch noch, die Leute rund um den Eggerhof, die noch über das Geschehen im Fernsehen staunten –  wenn, 1968, Kiesinger und Strauß im Fernsehen sprachen, wenn die Studentenunruhen die Menschen auf dem Land verunsicherten oder der Vietnamkrieg mit seinen Napalmbomben. 

Und dann gab es doch auch dort, im Fernseher, die heile Welt, „Im weißen Rössle“ mit „Peder“ Alexander.

Irgendwie weiß man am Ende, dass man sich zwar gerne als Zeitgenosse an diese Zeiten erinnern möchte – als Sehnsuchtsheimat – aber dann doch froh ist, in einem Altenburg von heute zu leben, das nur einen Erlenhof hat und keinen Eggerhof.

Hört doch Nicole Krieg ganz einfach mal zu! Am 21. Mai. Jeder ist willkommen. auch aus den Nachbarorten oder aus der Kernstadt. Der Altenburger Geschichts- und Heimatverein freut sich. Eintritt frei. R.V.

Foto: Nicole Krieg


Bildertanz-Quelle:

Donnerstag, 26. März 2026

Reutlingen und seine Vororte: Ja zum Zukunftskonzept heißt...

 ... Nein zum Bürger, 
aber eigentlich ist es auch schon egal

Ein unzeitgemäßer Kommentar von Raimund Vollmer


Vor dem zukünftigen Hauptquartier Reutlingens. Noch heißt es Rathaus                          Bildertanz-Quelle: RV

DIES IST EIN LÄNGERER BEITRAG:
Du muss ihn nicht mögen,
Du wirst ihn lesen
(oder auch nicht, es ist längst egal)

REUTLINGEN - EINE STADT MACHT SICH ZUM QUARTIER
Der Gemeinderat hat einstimmig ein Zukunftskonzept beschlossen. Der GEA berichtet heute darüber. Ich habe mir nach der Lektüre so meine unzeitgemäßen Gedanken gemacht. Ich weiß, dass vielen inzwiaschen egal ist, was in dieser Stadt passiert. Und ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht sogar recht haben mit dieser Einstellung. Denn aus meiner Sicht hat auch schon der Gemeinderat resigniert.
Irgendwie ist das Zukunftskonzept eine Bankrotterklärung. 

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Von Raimund Vollmer

„Geht es Dir gut in Deinem Quartier?“, fragte die Zukunft, und Du antwortetest: „Ja, lieber Quartiersmeister“. Der Beamte der Zukunft lächelte freundlich und dachte: „Wir machen schon gute Quartiersarbeit.“ Zugleich freute er sich darauf, dass er aus dem totalsaniertem Hauptquartier in der Innenstadt, volkstümlich noch Rathaus genannt, mit den Menschen aus Quartier 25, das nur noch wenigen sehr alten Quartiersbewohnern als „Altenburg“ bekannt war, demnächst über das sprechen würde, „was wir zusammen gestalten können“. Es war seine Lieblingsformel, die er von seinem Idol, dem einstigen „Ersten Bürgermeister Robert H.“ übernommen hatte, der noch vor seiner Pensionierung seinen Job als Wahlbeamter hatte umtaufen lassen in „Erster Hauptquartiersmeister“. Endlich war er, der ja nie von Bürgern direkt gewählt worden war, den Begriff des Bürgers los. Er hatte ihn und seine Beamte schon immer gestört. Die Menschen in der Stadt und in ihren Vororten waren für das Hauptquartier schon lange nichts anderes als Einwohner. Das war sehr neutral.. Jeder, der hier gemeldet war (und wehe, wenn nicht), war Einwohner. Da schimmerte auch nicht der Hauch einer Diskriminierung durch.

Ich, Raimund Vollmer, bin Einwohner. Ich lebe im Quartier 25, das seine Bezeichnung aus der früheren Kennung aus den Zeiten der alten Postleitzahlen übernommen hat. Wahrscheinlich bin ich im Hauptquartier längst nur noch unter meiner Personenkennziffer bekannt, die zu merken mir fast ebenso schwerfällt wie meine Telefonnummer. Denn ich bin nun ein sehr, sehr alter Mann, der sieht, dass viele Menschen Probleme mit meiner Vergesslichkeit haben, aber noch mehr mit meinen Erinnerungen, die ich immer noch nicht zur Bearbeitung, zur gemeinsamen Gestaltung, an die KI weitergegeben habe, sondern verschwörerisch in meinen immer größer werdenden Kreisen verbreite. Unter der Hand natürlich, schon gar nicht über Social Media, gedruckt auf einem uralten PC, der noch nie Kontakt zu einem Netzwerk hatte. Konspirativ. Manchmal kann ich meine Theorien sogar durch echte Zeitungsartikeln (aus echtem Papier) belegen. Dann kommen meine Freunde zu mir auf einen Kaffee, um die Echtheit zu überprüfen. „Wie konnte das nur passieren?“, fragen sie sich und mich. Und ich antworte dann schuldbewusst mit nur einem Wort: „Gleichgültigkeit.“

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Ich möchte hinzufügen, dass ich zur Tarnung dessen, was ich hier mitzuteilen habe, Bandwurmsätze gebildet habe. Ob das klug war, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass mein Quartiersmeister solche Sätze gewohnt ist – und deshalb nie hinterfragt. Ganz schön raffiniert von mir, oder?

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Doch nun zur Sache!

Es ist schon erschütternd, im heutigen Reutlinger General-Anzeiger, unter der Überschrift „Ja zum Zukunftskonzept“, zu lesen, wie unsere Stadtverwaltung das einstimmige Votum durch den Gemeinderat zu einer Reform bekam, die eindeutig das Ziel hat, unsere Dörfer nach und nach gleichzuschalten. Unter dem Begriff „Quartier“. Alles wird ihm untergeornet – und das ist ein Prozess, der bereits in der Amtszeit von OB Barbara Bosch angeleiert wurde. Früher nannte man solche Quartiere, die das Ziel hatten, Wohnraum aus dem Nichts zu schaffen, noch Gmindersdorf oder Gartenstadt, Hohbuch oder Mäder. Man gab ihnen Namen, die in irgendeiner Form einen lokalen Bezug hatten. Heute heißen sie „Blue Village“ oder „Innoport“ (Gewerbe), sind ins Angelsächsische entlokalisiert und einem komplett entfremdeten Zeitgeist zugeordnet. Diese Quartiere sind – egal, ob als Wohnraum oder als Gründerzentren, auf modernes Nomadentum ausgerichtet. Austauschbar. Ohne individuellen Charakter. Rein funktional, möglichst steril. Jeder Landwirt ist hier ein absoluter Fremdkörper.

Und wir schauen gleichgültig zu. In dem von dem Zukunftskonzept infizierten Artikel des GEA werden absolut nichtssagende Formulierungen unserer Stadtverwaltung zitiert, mit denen genau jener Gleichgültigkeit der Boden bereitet wird, die uns alles schlucken lassen wird. Nur einmal kommt das Wort „Dorf“ vor (Jürgen Straub), und da schon nur als Einschub, um den Verwaltungsbegriff Bezirksgemeinde zu erläutern. (Übrigens ist es eigentlich unter Journalisten nicht üblich, dass akademische Titel in einem Artikel explizit genannt werden, bei aller echter Wertschätzung für Herrn Professor Doktor Straub)

Der Begriff des Quartiers markiert keine Gemarkung mehr, keine Grenze mehr zum Beispiel zwischen Altenburg und Oferdingen. Ignoriert wird mit der Wandlung und Wanderung der Begriffe von ehedem Dorf über Bezirk zu Quartier, dass die Menschen sich selbst nach mehr als hundert Jahren Eingemeindung in erster Line als Betzinger verstehen. Dasselbe gilt für Sondelfingen, das 1939 eingemeindet wurde – und erst recht für die Bürger nach der Eingemeindungswelle in den frühen siebziger Jahren, mit der damals dasselbe versprochen wurde wie jetzt mit dem „Zukunftskonzept“. Wenn dann ein Gemeinderat, Helmut Treutlein (SPD), in indirekter Rede zitiert wird mit der Aussage, dass es eine große Leistung sei, wenn die Stadt die Bezirksämter erhalte, dann kann man schon erahnen, worauf das „Zukunftskonzept“ hinausläuft. („Niemand hat die Absicht…“)

In fünfzig Jahren, seit 1975, als mit Rommelsbach und Mittelstadt die letzten Dörfer zu Reutlingen kamen, ist es der Stadt Reutlingen nicht gelungen, aus den Menschen in den Vororten „Reutlinger“ zu machen. (Ich habe immer wieder Menschen aus den Vororten gefragt, „fühlen Sie sich als Reutlinger?“, immer dann, wenn ich eine positive Antwort bekam, dann war das jemand, der/die aus der Innenstadt stammte. Selbst Reingeschmeckte identifizierten sich mehr mit ihrem Dorf als mit der Stadt. Deshalb werden auch die Slogans des Stadtmarketings, nach denen wir dieses Reutlingen nicht mögen, sondern lieben sollen, eher belächelt statt bewundert. Eigentlich ist diese Aktion peinlich, weil sie das offenlegt, was die selbstständig gebliebenen Gemeinden um uns sich erhalten haben: Pfullimgen gehört den Pfullingern, Eningen den Eningern, Wannweil den Wannweilern. Nur Pliezhausen hat bereits seine Probleme, Walddorf und Häslch sind noch lange nicht eins. Aber da kann man das sportlich sehen, weil dort niemand versucht, im Rahmen eines Zukunftskonzeptes die hier versammelten Einzeldörfer unter einem Begriff wie Quartier gleichzuschalten.

Im Grunde genommen ist dieses Zukunftskonzept das Eingeständnis, dass man gar kein Konzept hat - irgendetwas, das Identifikation liefert. Schon der Versuch, den Markenkern Reutlingens herauszuarbeiten und in einen Slogan zu überführen, ist gescheitert. Was wir bekamen, ist eine neue, hochgesteigerte Form des Placebo, was - wie wir Lateiner wissen - übersetzt heißt: "Ich werde gefallen". Unsere Stadt müssen wir nicht mögen, sondern lieben. Sie möchte eines Tages sagen: "Ich werde geliebt". Wir sollen wenigstens so tun - wie unsere Stadtverwaltung. Wir leben im Zeitalter des Als-Ob.

Wenn es heißt, dass das „Modellprojekt Quartiersarbeit unter Federführung der Stabsstelle Bürgerengagement“ läuft, dann wird klar, was Bürgerengagement hier bedeutet: „Quartiersarbeit“. Das klingt schon fast wie Sozialarbeit. Ja, man wird das Gefühl nicht los, dass aus der Stabsstelle „Bürgerengagement“ mit der Zeit das Hauptamt „Quartiersarbeit“ wird. Der erste Schritt in diese Richtung wurde bereits getan. Auf der Homepage unserer geliebt werden wollenden Stadt steht: „2025 wurde der Stabsstelle Bürgerengagement das Quartiers­manage­ment übertragen. Die Koordination beinhaltet die Beratung und Beglei­tung von Akteuren der Quartiersarbeit in Reutlingen. Gefördert werden außerdem der gegenseitige Austausch und das vernetzte Handeln in Hinblick auf die soziale Entwicklung der Quartiere und Stadtteile.“ (Was der Begriff Stadtteile hier noch bedeutet soll, wird nicht gesagt). Das ist eine Generalvollmacht für alles und jedes, das sich hier die Stadtverwaltung nach und nach erkämpft. Sie macht dies mit einer Beharrlichkeit, die uns Bürger immer stärker in die Gleichgültigkeit treibt. Noch dürfen wir „mitmachen“, Bürger zu sein bedeutet aber mehr als nur „mitmachen“, Bürger sein heißt „machen“. Stadtverwaltung aber heißt „dienen“.

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Ich glaube nicht, dass nach diesem „Zukunftskonzept“ wirklich noch gedient wird. Aber das ist mir jetzt auch egal…

(Nachtrag: Habe einige Schreib- und Kommafehler bis 14.40 Uhr korrigiert. Beim Schreiben fallen sie einem meistens nicht auf, erst später. Aber auch das ist letztlich egal)