Bildertanz-Quelle: Renate Kühnle
Samstag, 18. Juli 2026
Die Entstehung der Gartenstadt Orschel-Hagen
Bildertanz-Quelle: Renate Kühnle
Freitag, 17. Juli 2026
Reutlingen und die Frage: Wenn Charles De Gaulle den Krieg gewonnen hätte...
... in der man sich gegenseitig bewunderte...
... und ehrte. Deutschland war längst nicht mehr der unverbesserliche Erzfeind, für den uns der General Charles De Gaulle noch 1944 hielt.
(Erstveröffentlichung am 27. Dezember 2015)
Ein kleines Gedankenexperiment von Raimund Vollmer
Dieser Tage fiel mir eine längst vergessene Ausgabe
der "Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte" aus dem Jahr 1973 wieder
in die Hände. Ich blätterte darin herum und stolperte in einen Beitrag zum
Thema "Etappen der Außenpolitik De Gaulles - 1944-1946" hinein.[1] Ohne
sonderliche Aufmerksamkeit begann ich zu lesen und merkte gar nicht, wie mich
der Autor, der Historiker Walter Lipgens, in seine Geschichte hineinzog. Demzufolge
hatte der damalige Chef der provisorischen Regierung in Frankreich, der spätere
Präsident Charles De Gaulle, keinen größeren Wunsch, als sein Land zu alter
Größe zurückzuführen und den Erzfeind Deutschland ein- für allemal als Ganzes
von der poltischen Landkarte verschwinden zu lassen. Das Ruhrgebiet, dessen
Kind ich bin, wollte er unter internationale Aufsicht stellen - mit dem Ziel,
dass die Erlöse aus dem Verkauf von Kohle und Stahl Frankreich zukommen solle.
Der Rhein sollte die Grenze zu einem zerstückelten Land sein, das im Westen so
amputiert wäre wie im Osten.
Je mehr mich diese akribisch dokumentierte und recherchierte
Geschichte faszinierte, desto mehr fragte ich mich, was wäre gewesen, wenn De
Gaulle sich mit all seinen Vorstellungen durchgesetzt hätte. Es gäbe kein
Baden-Württemberg, auf jeden Fall kein Baden, das wäre französisch. Es gäbe
auch keine Bundesrepublik, vielleicht gäbe es ein eigenes Land namens
Württemberg. Möglicherweise wäre Reutlingen als Teil der französischen
Besatzungszone sogar auch nicht mehr deutsch, sondern würde zu Frankreich
gehören. Erste Sprache hier wäre französisch, nicht schwäbisch. So wäre es
vielleicht gekommen, wenn Frankreich den Krieg als gegenüber den Alliierten emanzipierte
Siegermacht gewonnen hätte?
Aber es boten sich noch ganz andere Alternativen. Die nichtkommunistische
"Resistance" in Frankreich glaubte nicht erst mit dem Einmarsch der
Deutschen 1940, dass der Nationalstaat als solcher sich überlebt hatte und zu
klein sei, um die wirtschaftlichen Probleme der Zeit lösen zu können. Er konnte
ja noch nicht einmal dem einzelnen Bürger Sicherheit bieten. So träumte der Widerstand von einer
internationalen Gemeinschaft - von einem Europa, wie es sich - auch siebzig
Jahre nach Kriegsende - zwar schon ziemlich entfaltet hat, aber immer noch im
Entstehen ist. Die Außenpolitik De Gaulles, der sich mit seiner provisorischen
Regierung innerhalb Frankreichs machtpolitisch durchsetzte, verzögerte diesen
"Anpassungsprozess", meint Lipgens. Was aber wäre gewesen, wenn es De
Gaulle nicht gegeben hätte? Wäre Frankreich überhaupt Besatzungsmacht geworden?
In Jalta, auf der Krim im Februar 1945, meinte der
Kremlführer Josef Stalin gegenüber dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt
über die Forderungen der provisorischen französischen Regierung: "De Gaulle
scheint die Lage nicht zu erfassen, noch scheint er zu begreifen, dass
Frankreichs Beitrag zu den militärischen Operationen sehr gering ist und dass
es außerdem im Jahr 1940 überhaupt nicht gekämpft hat." [2]
Nur "aus Freundlichkeit" hatte Stalin in Jalta dem
Ansinnen der Briten und Amerikaner zugestimmt, Frankreich eine eigene
Besatzungszone zuzuteilen. Andernfalls wäre Reutlingen vermutlich amerikanische
Besatzungszone geworden. Manches andere ließe sich dazu spekulieren - als
reines Gedankenexperiment. Die USA, die ja immerhin mit fünf Millionen Menschen
im 2. Weltkrieg engagiert waren, wollten sich ursprünglich nach zwei Jahren aus
Europa wieder zurückziehen. Wären wir dann vollkommen unter den nicht minder
starken russischen Einfluss geraten? Hätten die Briten allein dagegenhalten können?
Hatte nicht Winston Churchill deshalb in Jalta Frankreich auf den Plan gerufen,
weil er ein Gegengewicht zu Russland (und auch zu den USA) haben wollte? Wäre
nicht - wie dann nach dem Krieg zu sehen war - Europa am Misstrauen der Länder
untereinander endgültig zugrundegegangen, wenn die Amerikaner nicht geblieben
wären und 1947 den "Marshall-Plan" ins Leben gerufen hätten?
Natürlich sind solche Fragen müßig und bestimmt auch laienhaft
von mir vorgetragen. Und es sind sicherlich Fragen, die einem in der Muße von
Feiertagen kommen und keine Antwort finden. Sie sind irgendwie sinnlos - und
doch stimmen sie einen nachdenklich, weil man sie irgendwann auf sich selbst
bezieht, auf sein eigenes Schicksal: Was wäre aus dir selbst geworden? Würdest
du überhaupt hier leben? Vielleicht wären die Menschen, die hier wohnen, ein
ganz anderes Volk, keine neue Heimat für die Vertriebenen, eine ganz andere
Mischung an Zugereisten, was wäre mit all den Sitten und Gebräuchen, mit dem
Mutscheltag, der Kehrwoche, dem Dialekt? Wie sähe unsere Stadt wohl heute aus? So
ein wenig herumspinnen, macht ja auch intellektuellen Spaß. Am Ende wird man
jedoch sagen können: Reutlingen hieße immer noch Reutlingen...
[1] Vierteljahreshefte für
Zeitgeschichte, Heft 1 1973, Walter Lipgens: "Etappen der Außenpolitik De
Gaulles"
[2] Der Spiegel, 14. April
1965, Arthur Conte: "Die Teilung der Welt - Jalta 1945"
Bildertanz-Quelle: Sammlung Bildertanz
Donnerstag, 16. Juli 2026
1817 - Als Reutlingen mit dem Abbau seiner Stadtmauer begann
Vor 209 Jahren waren die Bürger der alten, aber seit 1802
nun nicht mehr Freien Reichsstadt Reutlingen ihrer alten Gemäuer überdrüssig. Die
Wehranlage mit Stadtgraben und Stadtmauern hatte schon lange ihre Bedeutung verloren.
Der Große Brand von 1726 hatte diese einstmals so stolzen Gewerke auch nicht
schöner gemacht, aber sie waren noch weithin sichtbar und charaktervoll. Aber
die Menschen hatten die Nase voll vom Mittelalter. Und so rückten die Bürger
bei Nacht und Nebel der Stadtmauer zu Leibe. Die Steine der Bauten, die man
nicht zu brauchen vermeint, werden weggetragen und an anderer Stelle für
Neubauten genutzt. Reutlingen verändert
sich radikal. Der Ledergraben wird zugeschüttet, wichtige Wahrzeichen der Stadt,
das Alb- und das Untere Tor verschwinden bis 1834.
Nur einige Reste der Zwingermauer sind heute erhalten. Sie
war zwischen halbrunden Türmen eingespannt, die durch einen unterirdischen Gang
miteinander verbunden waren. Dieser Gang soll unter die Häuser der Mauerstraße
geführt und seinen Anfang am Albtorplatz gehabt haben. Dieser Gang, der eine
Höhe von 1,60 Meter hatte, wurde unterbrochen durch sogenannte Brunnenstuben.
Das Mauerwerk diente also nicht nur militärischen Zwecken, sondern auch der
Wasserversorgung. Solche ein Brunnenstube soll es am Gartentor gegeben haben. Was
immer noch von diesem Gang erhalten sein mag, für uns Normalsterbliche sind
diese Stücke nicht zugänglich. Auf jeden Fall wurde vor 200 Jahren ganz schön
Raubbau an den Mauern betrieben.
Jahre später kamen die Reutlinger zur Besinnung - und so
wurde zum Beispiel das Tübinger Tor vor dem Abriss gerettet. Dennoch kam es -
obwohl bei Strafe verboten - immer wieder zu Diebstählen von Steinen. Die
Reutlinger hatten das Recycling entdeckt - und sich um eine Touristenattraktion
gebracht, die heute jedem Vergleich mit Tübingen oder vielleicht sogar
Rothenburg ob der Tauber standgehalten hätte.
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer
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