Mittwoch, 20. Februar 2019

Der Weg zur OB-Wahl in Reutlingen: Das Gute in uns


Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
Wer immer am Sonntagabend unser neuer Oberbürgermeister sein wird, einen Boris Palmer bekommen wir garantiert nicht. Wenn den Kandidaten zur heutigen GEA-Frage nach den Visionen nichts anderes einfällt als die, den Visionen anderer zu folgen, oder die Luft zu reinigen und den Verkehr zu bereinigen oder mit einer Bundesgartenschau Subventionen abzuschöpfen, dann sind ihre Ideen sicherlich kein Fall für den Psychiater, den man - so zitiert der GEA in seiner unnachahmlichen Normalität den Altkanzler Helmut Schmidt - sonst bemühen müsste.
Die "Visionen" sind so altbacken, dass man sich fragen muss: Was denken diese Kandidaten eigentlich über uns, die Wähler? Der Vierte im Bunde, der "Partei"-Kandidat Andreas Zimmermann, hält uns in seiner "aktuellen Vision" wenigstens direkt den Spiegel vor. Er meint, dass "das Gros der Reutlinger immer noch erzkonservativ" ist.
Er sagt es unverblümt, was wohl jeder von uns irgendwann einmal ähnlich gesagt oder gedacht hat. Als Stoßseufzer. Das Problem ist, dass wir in Reutlingen die "Progressiven" von den "Konservativen" kaum unterscheiden können - weil wir selbst mal so oder so sind. Was progressiv und was konservativ ist, wer kann das heute wirklich noch unterscheiden?  
Der eine spricht von "sozialer Gerechtigkeit", der CDU-Mann und Verwaltungsjurist Schneider, dem Schmusewort der Deutschen, das eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Entweder ist etwas sozial oder gerecht. Beides bekommt man - leider - immer nur zum Preis des anderen.
Aber Schneider appelliert ja an das Gute in uns.  
Der andere spricht davon, dass "jeder in unserer Stadt guten und bezahlbaren Wohnraum findet". Niemand kann da dem SPD-Mann, Stadtrat und Bezirksbürgermeister Keck widersprechen - schon gar nicht die Fachleute, auch nicht die Investoren, die mit neuem Hochwohnbau und Kubismus dafür sorgen, dass andernorts guter und bezahlbarer Wohnraum frei wird. Dies ist die Top-Down-Strategie des bisherigen Stadtrates, die weit entfernt von einem Sozialstaat ist, der sich einmal dadurch definierte, dass er sich direkt um die Bedürftigen kümmerte und nicht jeden zum Bedürftigen (Warnung Ludwig Erhards) erklärte.
Aber Keck hat das ja so nicht gesagt. Auch er glaubt an das Gute in uns.
Der Dritte im Bunde benutzt das Wort "Vision" erst gar nicht, weil es die heile Welt, die es bereits bei uns gibt, nur in ihrer grandiosen weltoffenen, toleranten Art zu optimieren gilt. Ja, der FDP-Mann und Kommunaljurist Carl-Gustav Kabfell wird sogar sehr konkret und plant die Bundesgartenschau in Reutlingen, irgendwie als Zeichen für alles, was Reutlingen ausmacht. Das ist die wunderschöne Welt des Carl-Gustav, der man ja eigentlich auch nicht widersprechen kann. Denn sie gibt dem Guten in uns, der sehnsuchtsvollen Verbindung zu Natur und Kultur, wieder einen Ausdruck. Für ein Jahr ist jeden Tag Sonntag in unserer Stadt.
Aber - nein, da gibt es kein Aber. Carl-Gustav bringt das Gute in uns zur vollen Blüte.
Ach, da war ja noch dieser Andreas Zimmermann. Er hat auch so einen Hauch von Vision. Er möchte einmal sagen können: "Ich komme gerne in diese Stadt zurück". Er muss eigentlich nur darauf warten, dass die Visionen seiner Mitbewerber wahr werden.
Derweil glaube ich auch an das Gute im Menschen: Geht zur Wahl, auch wenn es bei so viel versammelter Güte schwerfällt, sich zu entscheiden. 

PS. Übrigens habe ich das Gute im Online-Auftritt des GEA vergeblich gesucht. Die Antworten der Kandidaten habe ich jedenfalls dprt nicht gefunden. Wenn das Suchen länger dauert als das Lesen, dann geht man am besten gleich zum nächsten Kios oder abonniert die Zeitung. Sie hat's bitter nötig. Obwohl Reutlingen ja angeblich jedes Jahr um 1000 Bürger wächst, verliert das Blatt jedes Jahr 1000 Abonennten. Irgendwie schade. RV

Mittwoch, 13. Februar 2019

Altenburg am Neckar: Mein Freund Vittorio






Vittorio ist tot. Ein Musiker mit Leib und vor allem viel, viel Seele. Leidenschaftlich, feinfühlig, romantisch, dickköpfig  - und ein wenig an Ludwig van Beethoven erinnernd. 1946 in Süditalien geboren kam er in den sechziger Jahren nach Deutschland, nach Reutlingen und fand vor 30 Jahren in Altenburg seine zweite Heimat. Denn Italiener blieb er immer. Sein Deutsch war perfekt, absolut, so perfekt, dass man ihn eher für einen Norddeutschen gehalten hätte als für einen Südeuropäer. Seine kompetente Sturheit, die ich als Westfale durchaus zu schätzen wusste, war schön überwältigend. Für seinen Dickkopf litt er gerne, aber das, was ihn an Schicksalsschlägen in den letzten 20 Jahren ereilte, war einfach nur noch ungerecht. Seine eigene Erkrankung, die ihn jetzt in den Tod führte, war vielleicht das, was er noch am ehesten ertragen konnte. Der Tod seiner ältesten Tochter und all die anderen, kleineren und größeren Schicksalsschläge im Kreis seiner Familie, haben seine Tapferkeit bis aufs Äußerste strapaziert. Und dennoch blieb er ganz bei sich selbst, ein Charakterkopf.
Vor 15 Jahren, im Mai 2004, hatte er bei einer Aufführung des Ausländerbeirats im Spitalhof aufgespielt. Er hatte mich gebeten, ihn zu begleiten. Dastat ich natürlich gerne, war mir sogar eine Ehre. Zu diesem Zeitpunkt waren wir beide dabei, in Altenburg den "Bildertanz" vorzubereiten - als multimedialen Dorfabend, wobei wir -bis auf ein Musikstück - ausschließlich seine Kompositionen, seine Arrangements, von ihm selbst gespielt, einsetzten. Unsere Festhalle war proppevoll. Ein großer Triumph für ihn.
Doch zurück zu diesem Maienabend im Jahr 2004. Vittorio spielte - und ich dachte mir so, dass es aus diesem Anlass ein Foto mit unserer fruschgekürten Oberbürgermeisterin, die ja auch anwesend war, geben müsste. Ich habe sie dann gefragt - und sie war dazu gerne bereit. So entstand dieses Foto.
Uns verband eine sehr widersprüchliche Freundschaft. Aber im Grunde unseres Herzens haben wir uns gemocht wie Brüder. Zusammen haben wir vor 20 Jahren etwas ganz Verrücktes versucht: Wir haben zusammen ein Musical geschrieben. Für Schulen. Er hatte versucht, mit das Klavierspielen beizubringen - und ist erfolgreich an meiner Unfähigkeit gescheitert. Aber in dieser Zeit haben wir beide uns viel über Musik unterhalten. Er wollte die echte, die nicht programmierte Musik. Die wahre Liveaufnahme. Und das war dann auch ein Thema im Hintergrund dieses Musicals. Es wurde das am meisten nicht aufgeführte Musical der Welt. Wir haben eigentlich immer nur ein paar Stücke daraus präsentiert, wunderbar gesungen von seiner Tochter Manuela.
Vielleicht hätten wir beide noch einiges in das Musical an Grips und Kreativität investieren müssen, um es in seiner Gänze anbieten zu können. Wir haben es auch schüchtern, wie wir waren, versucht. Aber es gefiel wohl nicht. Reutlingen eben. Oder wir waren nicht gut genug.
Aber wir haben gemeinsam etwas Verrücktes getan. Nun ist Vittorio im Himmel. Und ich weiß genau: das Halleluja ist nun ein Stückchen italienischer geworden.(Raimund Vollmer)
Vittorio - ein Freund für alle Zeiten. 
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Sonntag, 10. Februar 2019

REUTLINGEN BEI NACHT. Eine Geisterstadt?










Natürlich nicht - zumindest in den Abendstunden pulsiert hier das Leben. Autos rauschen vorbei. Die Wilhelmstraße leuchtet vor sich hin. Die Müller-Galerie ist von sich selbst verzaubert. Über den Dächern herrscht Ruh - und der Hochhausheilige Züblin. Reutlingen kann so schön sein. Wie geleckt. Dimitri schafft es einfach, diese seltsame Stimmung, in die sich unser Reutlingen abends eintaucht, wunderbar widerzugeben. Euer Charley
Bildertanz-Quelle: Dimitri Drofitsch
Bildertanz-Quelle: