Freitag, 17. Juli 2026

Reutlingen und die Frage: Wenn Charles De Gaulle den Krieg gewonnen hätte...




 Deutsche und Franzosen - im Reutlingen der achtziger Jahre eine intensive Freundschaft...
 ... in der man sich gegenseitig bewunderte...
... und ehrte. Deutschland war längst nicht mehr der unverbesserliche Erzfeind, für den uns der General Charles De Gaulle noch 1944 hielt.

(Erstveröffentlichung am 27. Dezember 2015)
Ein kleines Gedankenexperiment von Raimund Vollmer
Dieser Tage fiel mir eine längst vergessene Ausgabe der "Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte" aus dem Jahr 1973 wieder in die Hände. Ich blätterte darin herum und stolperte in einen Beitrag zum Thema "Etappen der Außenpolitik De Gaulles - 1944-1946" hinein.[1] Ohne sonderliche Aufmerksamkeit begann ich zu lesen und merkte gar nicht, wie mich der Autor, der Historiker Walter Lipgens, in seine Geschichte hineinzog. Demzufolge hatte der damalige Chef der provisorischen Regierung in Frankreich, der spätere Präsident Charles De Gaulle, keinen größeren Wunsch, als sein Land zu alter Größe zurückzuführen und den Erzfeind Deutschland ein- für allemal als Ganzes von der poltischen Landkarte verschwinden zu lassen. Das Ruhrgebiet, dessen Kind ich bin, wollte er unter internationale Aufsicht stellen - mit dem Ziel, dass die Erlöse aus dem Verkauf von Kohle und Stahl Frankreich zukommen solle. Der Rhein sollte die Grenze zu einem zerstückelten Land sein, das im Westen so amputiert wäre wie im Osten.
Je mehr mich diese akribisch dokumentierte und recherchierte Geschichte faszinierte, desto mehr fragte ich mich, was wäre gewesen, wenn De Gaulle sich mit all seinen Vorstellungen durchgesetzt hätte. Es gäbe kein Baden-Württemberg, auf jeden Fall kein Baden, das wäre französisch. Es gäbe auch keine Bundesrepublik, vielleicht gäbe es ein eigenes Land namens Württemberg. Möglicherweise wäre Reutlingen als Teil der französischen Besatzungszone sogar auch nicht mehr deutsch, sondern würde zu Frankreich gehören. Erste Sprache hier wäre französisch, nicht schwäbisch. So wäre es vielleicht gekommen, wenn Frankreich den Krieg als gegenüber den Alliierten emanzipierte Siegermacht gewonnen hätte?
Aber es boten sich noch ganz andere Alternativen. Die nichtkommunistische "Resistance" in Frankreich glaubte nicht erst mit dem Einmarsch der Deutschen 1940, dass der Nationalstaat als solcher sich überlebt hatte und zu klein sei, um die wirtschaftlichen Probleme der Zeit lösen zu können. Er konnte ja noch nicht einmal dem einzelnen Bürger Sicherheit bieten. So  träumte der Widerstand von einer internationalen Gemeinschaft - von einem Europa, wie es sich - auch siebzig Jahre nach Kriegsende - zwar schon ziemlich entfaltet hat, aber immer noch im Entstehen ist. Die Außenpolitik De Gaulles, der sich mit seiner provisorischen Regierung innerhalb Frankreichs machtpolitisch durchsetzte, verzögerte diesen "Anpassungsprozess", meint Lipgens. Was aber wäre gewesen, wenn es De Gaulle nicht gegeben hätte? Wäre Frankreich überhaupt Besatzungsmacht geworden?
In Jalta, auf der Krim im Februar 1945, meinte der Kremlführer Josef Stalin gegenüber dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt über die Forderungen der provisorischen französischen Regierung: "De Gaulle scheint die Lage nicht zu erfassen, noch scheint er zu begreifen, dass Frankreichs Beitrag zu den militärischen Operationen sehr gering ist und dass es außerdem im Jahr 1940 überhaupt nicht gekämpft hat." [2]
Nur "aus Freundlichkeit" hatte Stalin in Jalta dem Ansinnen der Briten und Amerikaner zugestimmt, Frankreich eine eigene Besatzungszone zuzuteilen. Andernfalls wäre Reutlingen vermutlich amerikanische Besatzungszone geworden. Manches andere ließe sich dazu spekulieren - als reines Gedankenexperiment. Die USA, die ja immerhin mit fünf Millionen Menschen im 2. Weltkrieg engagiert waren, wollten sich ursprünglich nach zwei Jahren aus Europa wieder zurückziehen. Wären wir dann vollkommen unter den nicht minder starken russischen Einfluss geraten? Hätten die Briten allein dagegenhalten können? Hatte nicht Winston Churchill deshalb in Jalta Frankreich auf den Plan gerufen, weil er ein Gegengewicht zu Russland (und auch zu den USA) haben wollte? Wäre nicht - wie dann nach dem Krieg zu sehen war - Europa am Misstrauen der Länder untereinander endgültig zugrundegegangen, wenn die Amerikaner nicht geblieben wären und 1947 den "Marshall-Plan" ins Leben gerufen hätten?
Natürlich sind solche Fragen müßig und bestimmt auch laienhaft von mir vorgetragen. Und es sind sicherlich Fragen, die einem in der Muße von Feiertagen kommen und keine Antwort finden. Sie sind irgendwie sinnlos - und doch stimmen sie einen nachdenklich, weil man sie irgendwann auf sich selbst bezieht, auf sein eigenes Schicksal: Was wäre aus dir selbst geworden? Würdest du überhaupt hier leben? Vielleicht wären die Menschen, die hier wohnen, ein ganz anderes Volk, keine neue Heimat für die Vertriebenen, eine ganz andere Mischung an Zugereisten, was wäre mit all den Sitten und Gebräuchen, mit dem Mutscheltag, der Kehrwoche, dem Dialekt? Wie sähe unsere Stadt wohl heute aus? So ein wenig herumspinnen, macht ja auch intellektuellen Spaß. Am Ende wird man jedoch sagen können: Reutlingen hieße immer noch Reutlingen...


[1] Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Heft 1 1973, Walter Lipgens: "Etappen der Außenpolitik De Gaulles"
[2] Der Spiegel, 14. April 1965, Arthur Conte: "Die Teilung der Welt - Jalta 1945"
 

Bildertanz-Quelle: Sammlung Bildertanz

Donnerstag, 16. Juli 2026

1817 - Als Reutlingen mit dem Abbau seiner Stadtmauer begann












Vor 209 Jahren waren die Bürger der alten, aber seit 1802 nun nicht mehr Freien Reichsstadt Reutlingen ihrer alten Gemäuer überdrüssig. Die Wehranlage mit Stadtgraben und Stadtmauern hatte schon lange ihre Bedeutung verloren. Der Große Brand von 1726 hatte diese einstmals so stolzen Gewerke auch nicht schöner gemacht, aber sie waren noch weithin sichtbar und charaktervoll. Aber die Menschen hatten die Nase voll vom Mittelalter. Und so rückten die Bürger bei Nacht und Nebel der Stadtmauer zu Leibe. Die Steine der Bauten, die man nicht zu brauchen vermeint, werden weggetragen und an anderer Stelle für Neubauten genutzt.  Reutlingen verändert sich radikal. Der Ledergraben wird zugeschüttet, wichtige Wahrzeichen der Stadt, das Alb- und das Untere Tor verschwinden bis 1834.
Nur einige Reste der Zwingermauer sind heute erhalten. Sie war zwischen halbrunden Türmen eingespannt, die durch einen unterirdischen Gang miteinander verbunden waren. Dieser Gang soll unter die Häuser der Mauerstraße geführt und seinen Anfang am Albtorplatz gehabt haben. Dieser Gang, der eine Höhe von 1,60 Meter hatte, wurde unterbrochen durch sogenannte Brunnenstuben. Das Mauerwerk diente also nicht nur militärischen Zwecken, sondern auch der Wasserversorgung. Solche ein Brunnenstube soll es am Gartentor gegeben haben. Was immer noch von diesem Gang erhalten sein mag, für uns Normalsterbliche sind diese Stücke nicht zugänglich. Auf jeden Fall wurde vor 200 Jahren ganz schön Raubbau an den Mauern betrieben.
Jahre später kamen die Reutlinger zur Besinnung - und so wurde zum Beispiel das Tübinger Tor vor dem Abriss gerettet. Dennoch kam es - obwohl bei Strafe verboten - immer wieder zu Diebstählen von Steinen. Die Reutlinger hatten das Recycling entdeckt - und sich um eine Touristenattraktion gebracht, die heute jedem Vergleich mit Tübingen oder vielleicht sogar Rothenburg ob der Tauber standgehalten hätte.
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer

Dienstag, 30. Juni 2026

Anlässlich einer epochalen Niederlage

"Was machst du gerade?", fragt mich Facebook. Ich sitze etwas hilflos vor meinem PC und denke, wenn ich das schreibe, was alle denken, dann kann ich mir das sparen: "Deutschland ist nicht mehr Deutschland". Zum WM-Aus.
Vor vielen Jahren habe ich mal hier im Netz geschrieben "Reutlingen ist nicht mehr Reutlingen", das war zu Zeiten unserer Oberbürgermeisterin Barbara Bosch. Ich wurde dafür heftig gerügt (bei einer Weihnachtsfeier in der Listhalle, ohne allerdings meinen Namen zu nennen oder den Begriff "Bildertanz", den die OB nach meiner Einschätzung hasste wie die Pest). Ich bekam damals einen hochroten Kopf, weil ich mit dieser öffentlichen Rüge nicht gerechnet habe.
Aber ich hatte doch recht! 2004, dem Jahr, als Frau Bosch kam, galt Reutlingen noch als eine "reiche Stadt" (FAZ), heute scheint sie bettelarm zu sein - fast möchte man sagen, abgebrannt wie 1726, und damals gab es Bettelbriefe aus echter Not. Natürlich wird niemand bei den Gedenkfeiern anlässlich des 300. Jahrestages des Stadtbrandes eine solche geistige Verbindung zwischen damals und heute herstellen. Aber in meinem verschrobenen Kopf tauchte sie auf.
Was mache ich da eigentlich gerade?, frage ich mich, während ich diese Zeilen tippe. Ich glaube, ich habe keine Lust mehr auf Heuchelei und Schönfärberei. Und ich weiß nicht, was ich dagegen machen kann...
Euer Raimund



Bildertanz-Quelle: