Sonntag, 19. Juli 2026

Das Geld der Stadt: Was zählt, ist nicht der, der wählt

Die aktuelle Zahl der Einwohner Reutlingens (Juni 2026) beträgt 116.975. Seit 2017 wuchs damit die Zahl der Einwohner um 1200. Dabei hätten wir - nach den Berechnungen von damals - 2022 bereits die 120.000er Grenze überschreiten müssen. Stattdessen haben wir eine Stagnation, die sogar in eine rückläufige Tendenz umgeschlagen wäre, hätten wir nicht den Zustrom an Flüchtlingen. Auch wenn sich diese Zahl wohl nicht genau beziffern lässt, so ist doch der Anteil der Ausländer in Reutlingen mit 22,3 Prozent sehr hoch. Ohne sie wäre demnach Reutlingen keine Großstadt mehr. 

Am 11. Oktober 2018 habe ich folgende Betrachtung hier in den Blog gestellt. Sie zeigt, wie sehr Reutlingen damals auf Wachstum gesetzt hat, das sich dann nicht erfüllte. Es war wohl reines Wunschdenken.




Ein unzeitgemäße Betrachtung über das Wachstum unserer Stadt - Von Raimund Vollmer

Die Stadt Reutlingen rechnet in den nächsten zwei Jahren mit dem Zuzug von jeweils 1000 Einwohnern. So zitierte kürzlich der GEA unsere Oberbürgermeisterin in indirekter Rede. Mit dieser Zahl wurde auch in den vergangenen Jahren hie und da argumentiert, erinnern sich Stadträte. Eine frei vagabundierende Zahl, derzufolge jeden Tag drei neue Einwohner nach Reutlingen kommen. Frau Bosch war da eigentlich etwas bescheidener. 2016 sprach sie beim Schwörtag noch von netto 800 Einwohnern, die inzwischen unsere Stadt pro Jahr aufnehmen würde.
Kann ja sein, dass sie nun mit ihrer neuesten Prognose für die Zeit bis 2021 richtig liegt, sich das Ganze in Richtung 1000 steigert: "Im Jahr 2022 könnten es bis zu 121.183 Einwohner" sein, die in unserer Stadt gemeldet sind, weiß am 28. September 2018 unser liebenswertes Hochamtsblatt über die Vorlage des "Doppelhaushalt 2019/20" zu berichten. Das heißt sogar fast 6000 mehr Einwohner in den kommenden vier Jahren. Ist das realistisch?
Wagen wir uns mal mit dem Taschenrechner an den Faktencheck: Im September 2017 waren es 115.600 Einwohner.  Im Dezember  2017 waren es sogar 115.762 Einwohner, sagt das Statistische Landesamt. Und dann? Im August 2018 zählten wir nur noch 115.665 Einwohner, also 100 Einwohner weniger als acht Monate zuvor. Ein Ausrutscher? Mal sehen, was die nächsten Monate sagen - vor allem aber wird es informativ sein zu erfahren, wie sich diese Zahlen imeinzelnen zusammensetzen.
Noch spannender ist natürlich der Blick in die weitere Zukunft.
Im Jahr 2021 müsste es eigentlich wieder eine kleine Volkszählung geben - mit dem Risiko, dass unsere Zahlen korrigiert werden müssen. Dann zählen andere unsere Köpfe - und die Stadt zieht nicht allein ihre Zahlen aus dem Melderegister. Zuletzt, 2011, musste Reutlingen nach dem Zensus ihr Ergebnis um mehr als 2600 Einwohner nach unten korrigieren - von 112.484 auf 109.799 Einwohner. Ein Jahr (2012) später war sie dann wieder auf 112.735. Da war sie offenbar wieder bei ihren eigenen Melde-Messungen. Da zählte sie wieder selbst, um sich dann Ende 2013 doch auf 110.681 zu korrigieren. Ganz schöne Schwankungen!
Danach ging es aber tatsächlich im 800er Schritt nach oben - mit dem Ergebnis, dass Reutlingen bei diesem durchschnittlichen Wachstum inzwischen bei fast 117.000 Einwohnern liegen müsse. Da fehlen aber einige. Wahrscheinlich müssen wir dies in einem größeren Zusammenhang sehen, nicht im kleinkarierten Format eines Taschenrechners. Rechnet man zum Beispiel seit der letzten Volkszählung, die Reutlingen ja dazu zwang, die Einwohnerzahl um 2600 Einwohner zu verkleinern, dann wuchs in der Tat unsere Stadt um jährlich 1000 Einwohner.
Was ist nun richtig? Was ist der Trend? Versuchen wir dazu ganz einfach mal eine Langzeituntersuchung! 1987 gab es ebenfalls eine Volkszählung. Damals hatte Reutlingen 98.853 Einwohner. 2017 waren es 115.762 - ein Plus von 16.909 Bürger, macht über 31 Jahre einen Schnitt von 545 Bürgern pro Jahr. Das ist seit einer Generation irgendwie unsere natürliche Wachstumskonstante - irgendetwas zwischen 500 und 600 Einwohner.
Schaut man sich aber das Wachstum in der Generation davor an, also zwichen 1956 und 1987, dann betrug die Zahl der Neubürger netto mehr als 1200 Einwohner, aufgefangen von neuen Stadtbezirken wie zum Beispiel Orschel-Hagen. Über drei Jahrzehnte hinweg ein solches Wachtum! Das war schon eine Herausforderung. Doppelt so viel wie heute. Imposant!
Zieht man allerdings die Zahl der Bürger ab, die durch die Eingemeindungen der frühen siebziger Jahre einfach dazu gerechnet werden konnten, dann liegt das natürliche Wachstum in der Zeit eher bei 750 Einwohner.
Reutlingen sollte sich auf ein Wachstum von 500 Einwohnern pro Jahr einstellen - und im Hinterkopf haben, es könnten auch weniger werden. Natürlich ist dies keine gute Nachricht für all die ehrgeizigen Pläne, die der kommende Doppelhaushalt uns verspricht.
Die Stadt Reutlingen möchte klotzen, nicht kleckern. Und das muss finanziert werden. In diesem Zusammenhang ist die Zahl der Einwohner enorm wichtig. Die amtliche Einwohnerzahl dient nämlich als Bemessungsgrundlage für den kommunalen Finanzausgleich. Wenn man dann auf der Internet-Seite des Statistischen Landesamtes nachschaut, dann erfährt man auch, dass die Gründung eines Stadtkreises eine sehr wohltuende Wirkung auf der Einnahmenseite haben würde: Da bekommt nämlich die Stadt 18,53 Euro je Einwohner, eine Große Kreisstadt aber nur 8,30 Euro.
Kann ja sein, dass der Schreiber der Zeilen alles das, was er sich da mühsam zusammengesucht hat, nicht richtig verstanden hat. Und seiner Rechenstärke traut er ebenso wenig über den Weg wie den Zahlenwerken, die er als Grundlage nahm.
Aber letztlich geht es ums Geld. Das ist die alles überlagernde Strategie. Und dazu braucht man uns, als Einwohner, nicht als Bürger. Denn einzig die Zahl der Einwohner, nicht die der Bürger, entscheidet über die Gelder. Der Unterschied zwischen Bürger und Einwohner besteht übrigens darin, dass sich der Bürger zum Beispiel durch seine aktive Wahlbeteiligung engagiert, beim Einwohner lediglich die Tatsache gezählt wird, dass er hier wohnt, hier gemeldet ist. Es ist sein bloßes Dasein, das zählt.
2019 wird gleich zweimal gewählt. Zuerst das Amt des OB und dann die Kommunalparlamente. Es liegt jetzt an uns zu zeigen, dass wir mehr sind als nur Einwohner, dass wir vor allem als Bürger zählen - auch wenn's nicht mehr bringt. Vielleicht aber hilft es beim Sparen.
 
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Samstag, 18. Juli 2026

Die Entstehung der Gartenstadt Orschel-Hagen


OHNE DIE SPALTUNG EUROPAS hätte es Orschel-Hagen wahrscheinlich nicht gegeben. Innerhalb kürzester Zeit wurde die sogenannte Gartenstadt aus dem Boden gestampft mit dem Ziel, den vielen Vertriebenen und Flüchtlingen eine neue Heimat zu geben. Diese bislang unveröffentlichen Bilder aus der Entstehung Orschel-Hagens, das übrigens im Unterschied zu den später eingemeindeten Dörfern keinen eigenen Bezirksbürgermeister besitzt, haben wir Renate Kühnle zu verdanken, die hier aufgewachsen ist. Weitere Bilder folgen.





Bildertanz-Quelle: Renate Kühnle

Freitag, 17. Juli 2026

Reutlingen und die Frage: Wenn Charles De Gaulle den Krieg gewonnen hätte...




 Deutsche und Franzosen - im Reutlingen der achtziger Jahre eine intensive Freundschaft...
 ... in der man sich gegenseitig bewunderte...
... und ehrte. Deutschland war längst nicht mehr der unverbesserliche Erzfeind, für den uns der General Charles De Gaulle noch 1944 hielt.

(Erstveröffentlichung am 27. Dezember 2015)
Ein kleines Gedankenexperiment von Raimund Vollmer
Dieser Tage fiel mir eine längst vergessene Ausgabe der "Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte" aus dem Jahr 1973 wieder in die Hände. Ich blätterte darin herum und stolperte in einen Beitrag zum Thema "Etappen der Außenpolitik De Gaulles - 1944-1946" hinein.[1] Ohne sonderliche Aufmerksamkeit begann ich zu lesen und merkte gar nicht, wie mich der Autor, der Historiker Walter Lipgens, in seine Geschichte hineinzog. Demzufolge hatte der damalige Chef der provisorischen Regierung in Frankreich, der spätere Präsident Charles De Gaulle, keinen größeren Wunsch, als sein Land zu alter Größe zurückzuführen und den Erzfeind Deutschland ein- für allemal als Ganzes von der poltischen Landkarte verschwinden zu lassen. Das Ruhrgebiet, dessen Kind ich bin, wollte er unter internationale Aufsicht stellen - mit dem Ziel, dass die Erlöse aus dem Verkauf von Kohle und Stahl Frankreich zukommen solle. Der Rhein sollte die Grenze zu einem zerstückelten Land sein, das im Westen so amputiert wäre wie im Osten.
Je mehr mich diese akribisch dokumentierte und recherchierte Geschichte faszinierte, desto mehr fragte ich mich, was wäre gewesen, wenn De Gaulle sich mit all seinen Vorstellungen durchgesetzt hätte. Es gäbe kein Baden-Württemberg, auf jeden Fall kein Baden, das wäre französisch. Es gäbe auch keine Bundesrepublik, vielleicht gäbe es ein eigenes Land namens Württemberg. Möglicherweise wäre Reutlingen als Teil der französischen Besatzungszone sogar auch nicht mehr deutsch, sondern würde zu Frankreich gehören. Erste Sprache hier wäre französisch, nicht schwäbisch. So wäre es vielleicht gekommen, wenn Frankreich den Krieg als gegenüber den Alliierten emanzipierte Siegermacht gewonnen hätte?
Aber es boten sich noch ganz andere Alternativen. Die nichtkommunistische "Resistance" in Frankreich glaubte nicht erst mit dem Einmarsch der Deutschen 1940, dass der Nationalstaat als solcher sich überlebt hatte und zu klein sei, um die wirtschaftlichen Probleme der Zeit lösen zu können. Er konnte ja noch nicht einmal dem einzelnen Bürger Sicherheit bieten. So  träumte der Widerstand von einer internationalen Gemeinschaft - von einem Europa, wie es sich - auch siebzig Jahre nach Kriegsende - zwar schon ziemlich entfaltet hat, aber immer noch im Entstehen ist. Die Außenpolitik De Gaulles, der sich mit seiner provisorischen Regierung innerhalb Frankreichs machtpolitisch durchsetzte, verzögerte diesen "Anpassungsprozess", meint Lipgens. Was aber wäre gewesen, wenn es De Gaulle nicht gegeben hätte? Wäre Frankreich überhaupt Besatzungsmacht geworden?
In Jalta, auf der Krim im Februar 1945, meinte der Kremlführer Josef Stalin gegenüber dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt über die Forderungen der provisorischen französischen Regierung: "De Gaulle scheint die Lage nicht zu erfassen, noch scheint er zu begreifen, dass Frankreichs Beitrag zu den militärischen Operationen sehr gering ist und dass es außerdem im Jahr 1940 überhaupt nicht gekämpft hat." [2]
Nur "aus Freundlichkeit" hatte Stalin in Jalta dem Ansinnen der Briten und Amerikaner zugestimmt, Frankreich eine eigene Besatzungszone zuzuteilen. Andernfalls wäre Reutlingen vermutlich amerikanische Besatzungszone geworden. Manches andere ließe sich dazu spekulieren - als reines Gedankenexperiment. Die USA, die ja immerhin mit fünf Millionen Menschen im 2. Weltkrieg engagiert waren, wollten sich ursprünglich nach zwei Jahren aus Europa wieder zurückziehen. Wären wir dann vollkommen unter den nicht minder starken russischen Einfluss geraten? Hätten die Briten allein dagegenhalten können? Hatte nicht Winston Churchill deshalb in Jalta Frankreich auf den Plan gerufen, weil er ein Gegengewicht zu Russland (und auch zu den USA) haben wollte? Wäre nicht - wie dann nach dem Krieg zu sehen war - Europa am Misstrauen der Länder untereinander endgültig zugrundegegangen, wenn die Amerikaner nicht geblieben wären und 1947 den "Marshall-Plan" ins Leben gerufen hätten?
Natürlich sind solche Fragen müßig und bestimmt auch laienhaft von mir vorgetragen. Und es sind sicherlich Fragen, die einem in der Muße von Feiertagen kommen und keine Antwort finden. Sie sind irgendwie sinnlos - und doch stimmen sie einen nachdenklich, weil man sie irgendwann auf sich selbst bezieht, auf sein eigenes Schicksal: Was wäre aus dir selbst geworden? Würdest du überhaupt hier leben? Vielleicht wären die Menschen, die hier wohnen, ein ganz anderes Volk, keine neue Heimat für die Vertriebenen, eine ganz andere Mischung an Zugereisten, was wäre mit all den Sitten und Gebräuchen, mit dem Mutscheltag, der Kehrwoche, dem Dialekt? Wie sähe unsere Stadt wohl heute aus? So ein wenig herumspinnen, macht ja auch intellektuellen Spaß. Am Ende wird man jedoch sagen können: Reutlingen hieße immer noch Reutlingen...


[1] Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Heft 1 1973, Walter Lipgens: "Etappen der Außenpolitik De Gaulles"
[2] Der Spiegel, 14. April 1965, Arthur Conte: "Die Teilung der Welt - Jalta 1945"
 

Bildertanz-Quelle: Sammlung Bildertanz