Donnerstag, 13. Dezember 2018

Kein schöner Stadt - Kreisstadt wird nicht Stadtkreis, ein biblisches Drama

Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

Steht zwar mitten in der Stadt Stuttgart, nennt sich aber "Landtag". Es ist in diesen Tagen die Bühne für ein biblisches Drama. Mittendrin in dieser Tragödie steht die Stadt Reutlingen.


Es mag sich vielleicht seltsam anhören, dass mir im Zusammenhang mit den Themen Flächenfraß und Stadtkreisgründung seit längerer Zeit immer wieder die biblische Geschichte von Kain und Abel in den Sinn kam. Der eine, der Bösewicht, der seinen Bruder ermordet, steht für "Stadt". Der andere, Abel, der Getötete, für "Land". So entnahm ich es jedenfalls den Auslegungen der Theologen. Und mit jedem Nachdenken über diese Erzählung wurde mir dieser Mörder namens Kain sympathischer. Merkwürdig, nicht wahr? Zugleich wurde ich den Verdacht nicht los, dass es in dieser Parabel Parallelen zu heute gibt - zu dem Verhältnis vom Landkreis Reutlingen zur Stadt Reutlingen. Hier nun meine Erklärung, die vielleicht den ein oder anderen ebenfalls nachdenklich oder auch nur neugierig macht.
Kain und Abel waren die Kinder von Adam und Eva, vertrieben aus dem Paradies. 
- Kain, der Erstgeborne, wurde Ackerbauer, er forderte festumrissenes Land für sich, also Eigentumsrechte.
- Abel aber wurde Hirte, der alles Land für sich und seine Tiere beanspruchte - als Nutzungsrechte.
Kain stand für den ersten "großen Bruch" (so der Zukunftsforscher Alvin Toffler) in der Menschheitsgeschichte, dem Übergang vom "Natur- zum Kulturzustand" vor etwa 10.000 Jahren. Ackerbau bedeutete Sesshaftigkeit, Pflege (cultura) des Bodens, vor allem aber das Ernten von dem, was man selbst gesät hatte. Das war die neue Welt von Kain. Er stand für Fortschritt, der sich ausgerechnet als Sesshaftigkeit manifestierte.
Der andere aber, Abel, gehörte als Schäfer noch der Vorzeit an, der Ruhe- und Rastlosigkeit der Nomadenvölker. Im Kampf um die Zukunft war er der Schwächere, kulturell und technologisch - und genoss vielleicht deshalb das ganz besondere Wohlwollen Gottes, der dessen Opfer höher schätzte als das des Ackerbauern Kain. Natürlich war Kain neidisch, was ihn nicht unbedingt sympathischer machte. Und mit dem Mord an dem Bruder, als dessen "Hüter" er sich ja nicht verstand, war er gleichsam für alle Zeiten als Bösewicht gekennzeichnet. So habe ich ihn auch immer gesehen.
Doch beim Recherchieren kamen mir mehr und mehr Zweifel. Ja, der Fortschritt, der Ackerbau, das Recht auf Eigentum (was möglicherweise Gott nicht gefallen hat) hatten zuerst einmal gesiegt - auf mörderische Weise. Heute könnte man dies gleichsetzen mit dem Flächenfraß, immer mehr Ackerland, immer mehr Grünfläche opfern wir, um die "zweite große Trennungslinie" zu vollziehen, die vor 250 Jahren begann und "weit umfassender, tiefgreifender und bedeutsamer sei als eine industrielle Revolution", wie es Alvin Toffler 1970 in seinem bahnbrechenden Bestseller "Der Zukunftsschock" beschrieb - übrigens in Details und mit einer Weitsicht, von der unsere Politiker und Wirtschaftsführer noch heute lernen könnten (werden sie aber nicht tun, weil sie ja schon immer alles wissen, den Journalisten nicht unähnlich, muss ich ehrlicherweise zugestehen). Diese zweite, erweiterte  Trennungslinie ist das, was wir ein wenig oberflächlich mit Digitalisierung und Virtualisierung umschreiben - ein Trend, der übrigens bereits 1970 einsetzte.
Jedenfalls verdammt Gott Kain zu ewiger Unstetigkeit. Er sollte umherziehen, aber nicht auf bekanntem Terrain wie sein Bruder, sondern er sollte nirgends mehr Heimat finden, allenfalls an dem Orte Nod, der indes das genaue Gegenteil einer Bleibe meinte, sondern im Hebräischen für "unterwegs" steht. Rechtlos. Frei. Er war ein "Habenichts". Dies ist ein Begriff, der übrigens ganz am Anfang des Antrags auf Stadtkreisgründung von der Gegenseite gegen die Stadt Reutlingen verwandt wurde. Städte sind in ihrer Gründungsphase immer "Habenichtse" gewesen, weil sie sich ja mit ihrem Gebietsanspruch prinzipiell gegen bestehendes Recht wenden. Das galt in der Zeit des Feidalismus auf jeden Fall. Das Land ist Adel, die Stadt ist Bürger. Das Land ist Leibeigenschaft gewesen, die Stadtluft aber machte frei.
Und frei war auch Kain. Sein Leben war allein von das  Gott durch das "Kainsmal" geschützt. Wer nämlich den wehrlosen Kain tötete, sollte einem siebenfachen Fluch unterworfen sein. Kain zog umher, zeugte Kinder und wurde - man staune - der erste Stadtgründer. Denn Städte sind die Orte, in denen Ruhelosigkeit, Unstetigkeit herrscht, in denen die Heimatlosen leben, also wir, die Kinder Kains.
Starker Tobak? Bestimmt. Vielleicht gefällt mir diese Parabel von Kain und Abel deshalb, weil auch ich in mir diesen Konflikt zwischen Stadt und Land spüre, dem Reutlingen mit seiner jüngsten Geschichte sogar erheblich Nahrung gibt.
Unsere Stadt, in der ich 1981 nach einem gewissen Nomadendasein mein Zuhause fand, hat sich in der Zeit, in der ich sie kenne (seit 1970), immer wieder geändert, ziemlich markant in der Amtszeit von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch. Und ruhelos auf Veränderung aus ist diese Stadt auch weiterhin. Ob das, was sich änderte und ändern wird, immer gut ist, ist die Frage, aber Unstetigkeit ist das Merkmal aller Städte. Ebenso der Versuch der permanenten Landnahme, Bauern siedelten traditionell außerhalb der Stadt, in den Dörfern, die sich ja gerade im Kreis Reutlingen durch einen signifikanten Größenunterschied zur Stadt auszeichnen. Das gilt auch für die anderen Städte im Kreis.
Wenn man auf die letzten zwei Jahrzehnte zurückblickt, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Verstädterung Reutlingens besonders stark vorangetrieben wurde. Der Flächenfraß sei enorm, wie uns der Film von Sabine Winkler aufzeigt. Reutlingen will mehr und mehr für sich das ernten, was es gesät hat. Deshalb war der Versuch, ein eigener Stadtkreis zu werden, logisch. Aber dieses Ansinnen fand nicht das Wohlgefallen der übergeordneten, gesetzgeberischen Instanzen, also des Landtages. (Fast ist man hier in dem Verhältnis von CDU zu den Grünen ein ähnliches Paradigma wie zwischen Kain und Abel vermuten, aber das wäre eine völlig andere Story...)
Reutlingen ist Kain. Irgendwie jedenfalls. Mit dem Wunsch nach Auskreisung war es ja fast auch dem Vorwurf eines Brudermordes ausgesetzt, wollte ja offensichtlich nicht mehr der "Hüter" seines Bruders, des Landkreises, sein. Und der Gesetzgeber - so er denn seinen Kompromiss durchsetzt - will nun diese Stadt auf eine lange Reise schicken, eine Reise, in der Stadt und Land einen neuen Weg  zueinander finden sollen. Das gefällt natürlich nicht.
So ist Reutlingen wieder "nod", wieder unterwegs. Vielleicht wird es dabei merken, dass es in seinen eigenen Grenzen ein eigenes Kain-und-Abel-Problem hat: das Verhältnis der Stadt zu den in den siebziger Jahren eingemeindeten Dörfer. Hier empfinden sich die Bürger bis heute immer noch in erster Linie als zu ihrem Dorf zugehörig und nicht als Reutlinger. Sie sind eher Abel als Kain. Dieses Verhältnis steht momentan nicht zum besten, weshalb sich die Kandidaten um das Amt des Oberbürgermeisters ganz besonders um diese Orte kümmern. Denn sie wissen: hier ist die Wahlbeteiligung hoch, hier wird wahrscheinlich die Wahl entschieden. Hier leben auch die Menschen, die immer wieder von einer Ausstädterung ihres Dorfes träumen - fast bis hin zu aufflackernden Gelbwesten-Attitüden.
"Die Zukunft der Stadt ist das Dorf", hieß es einmal auf einem Stadt-Land-Fluss-Kongress im vergangenen Jahr. Stadt und Land sollten Frieden miteinander schließen, ist der fromme Wunsch dahinter. Kain und Abel sind Brüder, aber der eine wollte das Land für alle, das war Abel. Der andere wollte es für sich, das war Kain. Das war der Konflikt, den wir bis heute spüren. Das zeigt sich im Thema Flächenfraß allemal sehr deutlich. Die Grünen zum Beispiel spielen die Rolle Abels, Umwelt steht über allem. Die "bürgerlichen" (!) Parteien hingegen sind in der Tendenz eher für die Gebietsansprüche der Wirtschaft, des Wohnens, des Verkehrs.  
Nach der Ermordung seines Bruders hat Kain das Leben seines Bruders als Nomade weitergeführt. Aber er durchstreifte nicht ihm bekannte Lande, er irrte durch die Welt. Diese Menschen, die von irgendwoher kommen, hochqualifiziert sind, bestens und auch doppelverdienend, sind auch heute die insgeheim umworbenen Menschen, die eine Stadt wie Reutlingen gerne in ihren Stadtgrenzen hätte. Sie sind urban und digital global zugleich, beides Ausdruck einer Moderne, die allerdings auch ziemlich ziellos daherkommt.
Kain schuf mit den Städten die erste und bislang auch mit Abstand größte und komplexeste künstliche Welt des Menschen, eine Welt, die so künstlich ist, wie sie uns erst jetzt durch die Digitalisierung richtig bewusst wird.
In der Romantik, die der Zeit der Aufklärung folgte und die den Beginn der Industrialisierung, der Industriellen Revolution, begleitete, gab es die Vorstellung, dass Systeme ihr eigenes Bewusstsein hätten - eines, das größer sei als je ein Individuum sein könne. Städte sind solche Über-Ich-Systeme. Frau Bosch hat versucht, mit ihrem Markenbildungsprozess das Über-Ich Reutlingens zu bestimmen - ein Über-Ich, dem sie mit dem Bau der Stadthalle und anderer architektonischer Projekte Ausdruck geben wollte. Die Reutlinger sind ihr bis in die Dörfer hinein nicht unbedingt und schon gar nicht bedingungslos gefolgt. Die Stadthalle ist nicht identitätsstiftend - weder für Stadt noch fürs Land. Sie ist trotz der majestätisch distanzierten Architektur ein reiner Funktionsbau. Man ist versucht zu sagen: Sie wirkt wie das Kainsmal unserer Stadt. Sie ist ein Symbol dafür, dass Reutlingen eine Stadt ist und nicht Land. Aber die fehlende Identifikation damit zeigt, dass diese angebliche Großstadt zugleich auch immer noch sehr stark Land ist. Eine sehr schwierige Situation, die jeder der Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters zu spüren bekommt.
Wen immer wir im Februar zum Oberbürgermeister der Stadt wählen werden, er wird entscheiden müssen, wohin Reutlingen unterwegs ist, "nod" ist. Die Antwort darauf, das wissen wir jetzt ganz genau, wird er nicht aus Stuttgart bekommen. Reutlingen wird kein eigener Stadtkreis. Die Landespolitik erschöpft sich an sich selbst, ist ohne Courage, lebt und liebt keine neuen Konzepte. Sie ist nicht Kain.
Wir, die Bürger dieser Stadt, müssen nun die Antwort geben. Auf uns kommen Zeiten des Übergangs zu. Die nächsten fünf bis acht Jahren müssen unsere Zeiten sein. Wir sind der Souverän. Bei der OB-Wahl können wir dies ebenso zeigen wie bei der Kommunalwahl. Durch hohe Wahlbeteiligung und durch hohe Aufmerksamkeit. Mit dem Kompromissvorschlag will das Land Reutlingen auf den Weg einer allmählichen, stufenweisen, gemanagten Transformation bringen. So muss man jedenfalls diesen im ursprünglichen Sinne "faulen" Kompromiss verstehen. Das war nicht funktionieren. Zeiten der Transformation sind immer sprunghaft. Die Stadtkreisgründung wäre ein solcher Sprung gewesen, ein Sprung durchaus ins Ungewisse. Vor dem hat aber dieses Land und seine Regierung eine Heidenangst. Die "Obrigkeit" ahnt, dass all das, was sie bislang adelte, die Industrie, vor allem die des Automobils, vor gewaltigen Umwälzungen steht. Umso mehr möchte man den Augenblick, wie er jetzt ist, anhalten. Fatal. Denn es ist wie im griechischen Drama: Je mehr man versucht, sein Schicksal aufzuhalten, desto unweigerlicher kommt es auf einen zu.
Springen wir also ins Neue Jahr. Mit frischem Mut.



Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Dienstag, 11. Dezember 2018

Wie eine Reise in die Vergangenheit...

...mag manchem dieses Bild eines echten, reinen Spielwarengeschäftes in Innsbruck erscheinen.Aufgenommen im Dezember 2018.
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer