Samstag, 15. Januar 2011

Kurze Geschichte unseres Marktplatzes (III)


1892: Der König ist da - auf dem Marktplatz

»Religiöser Sinn, Geschäftstüchtigkeit und Unternehmungsgeist durchziehen die Geschichte der Stadt. Davon berichtet der Marktplatz. Von hier ist zu allen Zeiten der Rhythmus des Lebens ausgegangen, der das gesamte Gemeinwesen beeinflusst hat. In dem einstens in bester Renaissance 1562 von dem Gmünder Baumeister Hans Motz aufgeführten Rathaus, das mit einer Seite an die Hauptstraße stieß, offenbarte sich repräsentativ der Stolz des Bürgertums. In den Fensterscheiben der schmucken Ratsstube waren die bunten Wappen der 1377 vor den Toren der Stadt gefallenen Ritter verewigt, und die Außenseite zeigte den Mauerbrecher, der 1247 bei der Belagerung durch Heinrich Raspe eine Rolle gespielt haben soll. Alles ist in der Feuersglut 1726 zugrunde gegangen, und nur durch ein Wunder das gediegene Fachwerk des Spendhauses, des früheren Fruchtkastens, gerettet worden. Mit dem Rathaus und seinen Nachbarn, dem Bürger-, Kauf-, Waag-, Salz und Kornhaus, der Metzig und dem Brothaus hat der Brand das schönste Stück Alt-Reutlingens verschlungen. Jahrhunderte hatten diesen Platz geformt. Was die neuere und neueste Zeit aus dem altehrwürdigen Platz gemacht hat, ist das Werk eines künstlerischen Epigonentums, das verlernt hat, aus einem naiven Instinkt heraus Bauwerke zu erstellen, die dem inneren Lebensgefühl der Menschen wie ihren äußeren Bedürfnissen kennzeichnenden Ausdruck verleihen. Das von Rupp und Berner stammende Rathaus war ein Spiel mit geschichtlichen Motiven, das am lebendigen Geist der Zeit vorbeiging.«

Aus dem in den 50er Jahren herausgegebenen Buch "Reutlingen"