Mittwoch, 14. März 2018

Reutlingen - zu Ende gedacht (Teil 2): Die Maschinenstadt

Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

Amsterdam - Schaubild im Stuttgarter Hauptbahnhof: Stadt ohne Autos?
 »Ich behaupte dreist: Jede Industrie im Staate,
die der Staat nicht selbst lenkt,
ist der Beginn des Untergangs dieses Staates selbst.«

Friedrich List (1789-1846), Reutlingens berühmtester Sohn



Riesige Parkanlagen umsäumen die Stadt. Es ist das Jahr 2040. Reutlingen ist endlich ein eigener Stadtkreis - und diese Parkanlagen stehen genau dafür. Sie wirken wie ein gewaltiger Stadtgraben, plattgemacht zwar, wie zwei Jahrhunderte zuvor der Ledergraben. Aber diese Parkgürtel hat dieselbe Schutzfunktion wie dereinst der Ledergraben. Statt Feinde wehrt er Feinstaub ab.

Damit kein Missverständnis entsteht: Es sind Parkanlagen zum Parken - und sie umgeben die Stadt in einem Abstand von fünf bis acht Kilometer von der alten Kernstadt. Die landwirtschaftlich genutzten Grüngürtel, die noch vor 20 Jahren die eingemeindeten Dörfer Reutlingens voneinander und zur Stadtmitte trennten, wurden alle bepflastert, aber so, dass immer noch üppiges Gras zwischen den schön ebenerdig verlegten Steinen wachsen kann. Hie und da sprießt sogar Löwenzahn. Aber lange kann er sich nicht halten. Denn morgens kommen aus dem Umland Tausende von Elektroautos angerollt, suchen sich vollautomatisch ihren Parkplatz, nachdem sie ihre Passagiere, Menschen wie Du und ich, an den Kleinbushaltestellen abgesetzt haben.

Alles funktioniert wie am Schnurbaumschnürchen. 

Privater Individualverkehr jeglicher Art ist innerhalb der Umwelt-Zone Reutlingens verboten. Alles, was sich hier elektrisch auf vier Rädern bewegt, ist öffentlich. Der RSV - der Reutlinger Selbstfahr-Verkehrsbetrieb - steuert alles. Per Satellit. Per Mobilfunk. Per Induktionsspur, die zum Beispiel in die Lederstraße hinein gefräst wurde. Wenn die Kleinbusse darüber fahren, werden ihre Batterien automatisch aufgeladen. Am Südbahnhof wurde sogar eine automatengesteuerte Akku-Austausch-Station eingerichtet. Das Ganze nennt sich REX (Robot EXchange). Bislang war die Stadtverwaltung noch nicht davon abgekommen, sich angelsächsischer Wortschöpfungen zu bedienen, nachdem man sogar innerhalb der Behörden begonnen hatte, Englisch als Geschäftssprache einzuführen. Allerdings mit einem deutlich hörbaren schwäbischen Akzent.

Englisch wird endlich schwäbisch. 
Wie alles begann: 2018


Dem RSV gehört alles, was sich durch die Stadt bewegt und durch das Strom fließt. Damit hat man den "Uber-Fall" elegant abgewehrt. Der Amerikaner wollte sich nämlich diese Pfründe ursprünglich sichern, wurde aber kartellrechtlich in die Schranken verwiesen. Der RSV allein hatte den Anspruch, als ein "natürliches Monopol" anerkannt zu werden. Der Grund: Nur so war garantiert, dass die Stadt über sich selbst die Kontrolle behalten konnte. Zu tief saß noch der Schock in manchen Kommunen, die ihre Infrastrukturen im "Sale & Lease-Back"-Verfahren an amerikanische Heuschrecken verkauft hatten und anschließend feststellen mussten, dass sie noch nicht einmal die kleinsten Veränderungen an ihren Bussen und Bahnen vornehmen durften, ohne vorher die Genehmigung des Leasinggebers in den USA oder auf den Cayman Islands einzuholen. Stadtkämmerer traten die Schweißperlen auf die Stirn, wenn sie von der Öffentlichkeit aufgefordert wurden, die Bedingungen zu erklären, unter denen man seine Infrastruktur ans Ausland verhökert hatte. Reutlingen war dies zum Glück erspart geblieben. Man muss ja nicht alle Dummheiten mitmachen.

Sogar der gesamte Zulieferverkehr wird vom RSV geregelt und zwar über eigene Elektro-Sprinter, die täglich die Logistikzentren am Rande der Stadt anfahren, um dort von Riesenlastern angelieferte und zwischengelagerte Waren abzuholen und in die City zu bringen. Natürlich basiert dies alles auf vollautomatisierten Verfahren. Menschen sind hier grundsätzlich Unbefugte. Software bestimmt alles. Autos, Roboter, Drohnen - sie alle gehören zusammen, bilden eine wunderbar funktionierende Stadtmaschine.

Reutlingen ist ein Vollautomat. Eine Stadt unter Strom. Eine ehemalige Reichsstadt, die sich endlich wieder selbst kontrolliert - zumindest gilt dies seit der Auskreisung.

Mehr noch: Endlich wurde ein uralter Traum erfüllt, obwohl er mehr ein Maschinentraum als ein Menschheitstraum war.

Alles, was in den letzten zwanzig Jahren in Reutlingen geschehen war, ließ sich auf die Philosophie von Friedrich List zurückführen. Irgendwie jedenfalls. Er musste für alles herhalten, was die Stadt tat. Aber eigentlich stand ein älterer Zeitgenosse des Schwaben hier Pate: Adam Smith, der Mann, der den Kapitalismus erfand. 

Dieses Wirtschaftssystem, das Adam Smith sich ausgedacht hatte, nannte der britische Philosoph David D. Raphael einmal eine "imaginative Maschine".[1] Genau das war Reutlingen geworden. Die Stadt war längst eine Miniatur-Version des "Maschinenstaates", zu dem Friedrich der Große (1712-1786) sein Preußen umgestalten wollte. Reutlingen, diese seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte Industriestadt, hatte sich bis 2040 sukzessive in eine "imaginative Maschinenstadt" verwandelt. Fortschritt total. Vor allem aber war RT ein Symbol für eine geniale "digitale Transformation" geworden. Eine Stadt, die sich in all ihren Tätigkeiten komplett auf einer Festplatte simulieren ließ - synchron zu den Ereignissen in der Realität, ihnen zumeist sogar vorauseilend, auf jeden Fall immer auf der Höhe der Zeit.

Der amerikanische Zukunftsdenker Raymond Kurzweil, der Mann, dessen Visionen weit in dieses Jahrhundert hineinragen, schrieb 1986: "Während des 18. Jahrhunderts wurden Wirtschaft und Gesellschaft durch die Einführung der Maschinen komplett umgestellt. Maschinen, die unsere natürlichen Begabungen erweitern, multiplizieren und aushebeln konnten. Daraus ward die Industrielle Revolution."[2]

Mit ihr durchdrang die Technologie fürderhin alles. Wirtschaft, Staat, Gesellschaft, Individuum - und Reutlingen.

2040 ist es soweit. Dann haben wir einen Punkt erreicht, der heute schon einen Namen hat: Singularity.

Aber das ist eine andere Geschichte, die aus der Zukunft kommt.



[1] Die Zeit, 17. Mai 1991, Nikolaus Piper: "Adam Smith war anders", danach zitiert
[2] Computerworld, November 3, 1986: "The Scond Industral Revolution"
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer


SERIE: REUTLINGEN ZU ENDE GEDACHT
Teil 1: Stadt ohne dich
Teil 2: Die Maschinenstadt
Teil 3: Stadt als Kunstwerk 
Teil 4: Die Stadt und ihre Neurosen

Keine Kommentare: