Freitag, 9. November 2018

Ein unfairer Stadtvergleich


Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

Der Karlsplatz - irgendwie bürgerlich behäbig, idyllisch - vor mehr als 100 Jahren

Die Stadt ist mit 81.000 Einwohnern schon ein Stück kleiner als Reutlingen. Mit 2801  Einwohnern pro Quadratkilometer ist sie mehr als doppelt so hoch "verdichtet". Bei uns leben 1330 Einwohner auf einem Quadratkilometer. Ansonsten liegt diese Stadt auch am Rande eines Gebirges, das in seiner aufscheinenden Silhouette an den Scheibengipfel und die Achalm erinnert. Jedenfalls mit ein wenig Phantasie. Insgesamt liegt diese Stadt 100 mehr höher als unser Reutlingen. 
Luzern 2018: Ein wenig Scheibengipfel, ein wenig Achalm - mit ein wenig Phantasie

Die Stadt, mit der wir hier RT vergleichen, ist Luzern, etwa auch gleich alt wie Reutlingen. Aus geschäftlichem Anlass war ich diese Woche dort, hatte abends Zeit, mir die Altstadt anzusehen und war schwer beeindruckt, weniger von den unglaublich vielen kleinen, eigentümergeführten Luxusläden, sondern von der inneren Urbanität, die diese Stadt ausstrahlte. Lange her, dass ich so viele O-Busse sah. Überall Fahrräder, überall Hochschul-Jugend, überall Tourismus - vor allem aus dem asiatischen Raum. Ich ahnte, dass es unfair wäre, Reutlingen mit dieser Hauptstadt des Kantons Luzern zu vergleichen. 
Eine Gasse in Luzern

Denn Luzern hat das große Glück, vom 2. Weltkrieg verschont geblieben zu sein. Natürlich ist diese Schweizer Gemeinde touristisch verwöhnt durch den Vierwaldstättersee und die Nähe zu den Alpen. Natürlich ist und wirkt Luzern sehr, sehr viel reicher als unsere alte Reichsstadt, die - um weltweit touristisch auf sich aufmerksam zu machen - dazu neigt, auf mehr oder minder versteckte Weise eine Anleihe bei ihrer Nachbargemeinde Lichtenstein zu nehmen.
Reutlingen - Friedhof : Unter den Linden

Der Vergleich ist auch deshalb unfair, weil das Wachstum dieser Stadt nicht auf Eingemeindungen beruht. Im Gegenteil: Luzern musste erleben, wie es zwischen 1975 und 2000 ein Drittel seiner Bevölkerung durch Wegzug in die Vororte verlor. Diesen Verlust konnte die Stadt kaum durch Eingemeindungen ausgleichen. Versuche, andere Orte zu gewinnen, scheiterten am Veto der Bürger. Es gab dort keine zwanghafte Kommunal -und Gebietsreform wie bei uns bundesweit in den siebziger Jahren. Dennoch kam 2010 der Ort Littau dazu auf der Basis einer denkbar knappen Bürgerentscheidung. Flächenmäßig ist Luzern mit seinen 29 Quadratkilometern ein gutes Drittel von Reutlingen (87 Quadratkilometer).
Reutlingen: Alles verschwunden: nur die Straße "Unter den Linden" blieb, die Brücke und die Bahngleise


Seit der Jahrtausendwende wächst Luzern wieder, weil die Menschen zurückdrängen in die Kernstadt. Die Folge ist eine starke Gentrifizierung. Wer bei der Wikipedia nachschaut, erfährt auch die Gründe: "Beweggründe sind das größere Angebote an Kinderhorten, das Nachtleben, die Nähe zur Uni und der sehr gute Öffentliche Verkehr (= Verzicht auf ein Auto). Studenten wohnen oft in WG's (=geringer Mietanteil), junge Paare sind oft Doppelverdiener und bei den jungen Familien, die in die Stadt ziehen, handelt es meist um Haushalte mit hohem Einkommen. Dagegen ziehen Einzelverdiener mit kleinem Verdienst, Rentner mit geringer Rente und Familien mit geringem Einkommen ins Umland, wo Miete und Krankenkasse günstiger sind."

Da gewinnt man den Eindruck, dass in Luzern die Entwicklung vorweggenommen wurde, vor der Reutlingen steht - und die unsere Stadt mit ihrer Politik der letzten zehn Jahre auch eingeleitet hat. Inwieweit diese Entwicklung politisch gewollt ist, inwieweit sie durch die individuellen Entscheidungen der Menschen herbeigeführt wird, ist sicherlich nicht so einfach nachzuvollziehen. 
Reutlingen: Klein-Venedig, heute vielleicht Teil einer Gentrifizierung?

Wenn am Ende eine vergleichbare Urbanität herauskäme wie in Luzern, dann wäre dies mit Sicherheit zum Wohle der Stadt. Ob man dies durch den Bau von Hochhäusern erreicht oder durch andere Formen der Verdichtung, die man in Luzern beim Gang durch die Straßen durchaus erahnen kann, gehört zu den Themen, die wir - als Bürger dieser Stadt - intensiv diskutieren möchten.

Reutlingen war einmal, gemessen an den alten Fotos, durchaus eine Stadt mit einem gewissen mondänen Anstrich. Und ich hätte mir vorstellen können, dass von dieser bürgerlichen Form der Urbanität noch sehr viel mehr erhalten wäre, wenn es nicht den 2. Weltkrieg gegeben hätte. 
Luzern - vom Krieg verschont, immer wieder verschönt

So aber erlebte unsere Stadt einen gewaltigen Bruch mit seiner Geschichte.  Oberbügermeister Oskar Kalbfell, dessen 40. Todestag wir im kommenden Jahr begehen, folgte mit seiner ganzen Stadtentwicklung nach dem Krieg mehr den nüchternen, klaren Konzepten, die durch das Bauhaus inspiriert waren. Davon hat sich unsere Stadt bis heute nicht wirklich getrennt. 
Hochhäuser findet man im Zentrum von Luzern kaum - oder sind eher unauffällig

Eine Diskussion wäre es allemal wert - und auch die Frage an die nachfolgende Generation: Welche Art von Stadt wollt Ihr eigentlich sein? Diese Frage sollte nicht von den Profis allein entschieden werden, sondern so wie es immer war: von den Bürgern. Die schönsten Rathäuser stehen zum Beispiel in den Städten, in denen die Bürger ihren Stolz auf ihre Heimat zeigen konnten - und nicht eine Verwaltung den Stolz auf sich selbst. 
Die Wilhelmstraße 1926 - der sichtbar gewordene Bürgerstolz

In diesem Zusammenhang kommt immer wieder das Argument, dass wir, die Laien, gefühlsmäßig über etwas entscheiden, ohne dass wir die Wirtschaftlichkeit und Machbarkeit beurteilen können. Unter diesen Aspekten wurde uns vor bald 50 Jahren die kommunale Gebiets- und Verwaltungsreform verkauft. Wir haben uns dann auch letzten Endes überzeugen lassen - vor allem, wenn hinter den Argumenten auch noch Belohnungen des Staates standen. 
Der Listplatz in den 20er Jahren - Unser Fritz stand endlich im Zentrum,heute eher am Rande

Bei meinem Besuch in der Schweiz kam ich - durch Zufall - mit einem Herrn zusammen, der in einer kleinen Gemeinde das dortige Parlament leitet, in der Form eines Aufsichtsrates. Seine Ortschaft liegt in der Nähe von Bern. Und dann sagte er, mehr beiläufig als bewusst: "Studien haben bei uns ergeben, dass die kommunalen Zusammenschlüsse wirtschaftlich überhaupt nichts gebracht haben." 
Reutlingen vor mehr als 100 Jahren: Das Nikolaihaus und zwei Stockwerke Schaufenster

Wo Reutlingen heute wohl stünde, wenn es nicht in den siebziger Jahren Ortschaften wie Altenburg, Bronnweiler, Oferdingen, Gönningen, Degerschlacht, Rommelsbach etc. eingemeindet hätte?

Dass dies eine rein rhetorische Frage bleibt, dafür hat die Politik gesorgt, indem sie in den siebziger Jahren die Reform knüppelhart bundesweit durchführte. Vergleichsmöglichkeiten haben wir dadurch nicht bekommen - wie in der Schweiz, in der das immer wieder ein regional aufflackerndes Thema ist. Da kann man dann tatsächlich das Vorher/Nachher miteinander vergleichen. Aber diese Art der Fairness ist uns leider nicht vergönnt. Deswegen wird uns auch die Gründung eines eigenen Stadtkreises verwehrt werden. Man könnte ja dann Reutlingen mit Reutlingen vergleichen.
 

Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer/Fritz Haux (Sammlung)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Raimund,

"damals" wurde die Schweiz von den "Staatsverbrechern" der ganzen Welt finanziert, weil sie deren ergaunerten Millionen/Milljarden sicher verwahrten.
Heute kaufen die Schweizer in Heerscharen im EU-Ausland ihren Tagesbedarf ein, weil sie Schweizer Preise nicht bezahlen wollen/können.
Was für eine Vorstellung hast Du denn was so eine "Eigenständigkeit" kosten würde. Jedes Rathaus braucht eine Anzahl Mitarbeiter die dann zu finanzieren wären, m. E. dann nur und ausschliesslich von den Einwohnern.
Wenn Du also diesen früheren Eigenständigkeiten nachtrauerst, dann recherchier doch auch bitte was das gekostet hat und heute kosten würde. Und erzähle bitte nicht wieder sowas wie "damals hat das Benzin nur 65 Pfenig gekostet" denn damals hat der Durchnitt 1,50 verdient - Mark, wohlgemerkt.

Gruß
Michael

Raimund Vollmer hat gesagt…

Lieber Michael, leider lässt sich das, was Du gerne recherchiert haben möchtest, überhaupt nicht recherchieren. Das ist ja genau meine Kritik, die du eigentlich auch dem Beutrag hättest entnehmen können. In der Schweiz hat es seit den siebziger Jahren immer wieder Zusammenschlüsse gegeben, so dass untereinander synchron vergleichen werden konnte, wie sich die Gemeinden, die sich zusammenschlossen, entwickelten im Vergleich zu denen, die das nicht taten. Und da hat mein Gesprächspartner mir erzählt, dass diese Zusammenschlüsse im Vergleich zu den Ortschaften, die solo blieben, nichts gebracht haben. Aber genau so wurde in den siebziger Jahren hierzulande argumentiert: es wurden die zu erwartenden Rationalisierungserfolge in den Mittelpunkt gestellt. Da die kommunale Gebiets- und Verwaltungsreform (man hat sie ja miteinander kombiniert) flächendeckend in der gesamten alten Bundesrepublik durchgezogen wurde und nicht in einem kontiniuierlichen Prozess wie in der Schweiz, gibt es diese synchronen Vergleichsmöglichkeiten nicht. Es gibt da nix zu recherchieren. Das hättest Du, hättest Du recherchiert, auch herausgefunden.
Überhaupt nicht thematisiert oder gar bewertet, habe ich das Verhalten der Schweiz in den Kriegsjahren, auch nicht das Verhalten des Deutschen Reiches, von dem ja unter Hitler die ganze Aggression ausging. Mir da irgendentwas vorzuwerfen, fand ich da schon sehr eigenartig.
Ich habe ja deutlich (bis in die Überschrift hinein) deutlich gemacht, dass ich hier zwei Städte miteinander vergleiche, die aus sehr unterschiedlichen Voraussetzungen heraus die letzten 70 Jahre zu bewältigen hatten - aber möglicherweise vor denselben Zukunftsproblemen wie Gentrifizierung und demographischer Wandel stehen.
So ziehst Du Deine Kritik auf Ebenen, die von meiner Seite aus gar nicht mit einer Meinung belegt waren. Ich habe auch keine Preisvergleiche in Richtung Benzin gemacht. Und Dein "Nicht-Wieder" ist schon ziemlich daneben.
Kurzum: Über Deinen Kommentar habe ich mich geärgert, weil ich mich für Sachen rechtfertigen muss. die ich weder gesagt, geschweige denn gedacht habe. Trotzdem: Dein Raimund