Donnerstag, 23. Januar 2020

WIR BRAUCHEN IHRE MEINUNG!


In eigener Sache - Das Kriegsende 2020
Eine unbotmäßige Betrachtung von Raimund Vollmer

Dies ist der Kommentar eines hochgradig erbosten Bürgers, der das aber nicht zeigen möchte. 

 

Okay, es hat sicherlich sorgfältiger Planung bedurft, anlässlich des Kriegsendes vor 75 Jahren für uns, die Bürger der Stadt Reutlingen und ihres Einzugsgebietes, ein Gedenkprogramm zusammenzustellen. Heute durften wir z.B. dem GEA entnehmen, was es damit auf sich hat. Unser Filmprojekt zum Kriegsende, das der Bildertanz 2009 begonnen hat, ist nicht Teil dieses Programms. Dabei haben wir es immer wieder auf allen Kanälen - hier in den sozialen Medien, in der Presse und bei Veranstaltungen - kommuniziert. Selbst dem Rathaus kann es trotz seiner auf sich selbst konzentrierten Art nicht entgangen sein, dass wir mehr als 40 Personen interviewt haben.
Niemand aus der Kulturamtsszene der Stadt Reutlingen ist auf uns zugegangen und hat uns über eigene Programmabsichten informiert oder gar gefragt, ob wir nicht Teil dieses Projektes werden wollen.


Niemand von offizieller Seite hat sich dafür interessiert, dass wir über all die Jahre hinweg immer wieder hier im Netz und bei Veranstaltungen Zeitzeugen zum Kriegsende interviewt haben. Es war und ist ein Projekt, das wir ganz allein gestemmt haben - aus dem Bewusstsein heraus, dass wir diese "Narrative" unbedingt festhalten müssen. 
 
Einige dieser Erzählungen vor der Kamera haben wir hier im Internet veröffentlicht, wir haben mit dem Fortschritt des Projektes dazu sehr gut besuchte Veranstaltungen bestückt. Unterstützt wurden wir dabei u.a. vom Geschichts- und Heimatverein Lichtenstein, vom Kulturgüterverein Walddorfhäslach und vom Geschichts- und Heimatverein Altenburg, dessen Vorsitzender ich, Raimund Vollmer, bin. Für den Geschichtsverein Reutlingen war es kein Thema, auch nicht für die weiterführenden Schulen der Stadt, die ich vor zwei Jahren angeschrieben habe. Ich bekam noch nicht einmal eine Antwort. Auch als ich schulnahe Persönlichkeiten, die jetzt sogar Teil des städtischen Angebots sind, um Hilfe bat, erntete ich nur leere Blicke. 



Klar, hinter mir steht kein Historikerapparat, vor dem man glänzen möchte, sondern nur ganz einfache Menschen, die erzählen, wie es um 1945 herum war, in ihrem Leben, in ihrer Erinnerung, in ihrer Umgebung. Es sind bewegende Geschichten.
Schweigen ist Gold in unserer Stadt, wenn sie nicht weiß, wie sie mit etwas umgehen soll, das sie eigentlich aus eigener Selbstreflexion angehen müsste, aber  von einer fremden Seite begleitet wird, die sich ansonsten kritisch (aber eigentlich immer in konstruktiver Absicht) mit dieser Stadt auseinandersetzt. Da wird die Stadt dann stieselig und bockig. Da wird dann sortiert - nach Anpassungsgrad. 



Nahezu 10.000 Abonnenten auf Facebook sagen uns derweil deutlich, dass unsere Auseinandersetzung mit der Stadt, ihrer Geschichte und Gegenwart auf große Resonanz stößt. Wir finanzieren unsere Präsenz übrigens nur durch unser Engagement - durch nichts anderes. Wir stehen bei niemandem auf der Gehaltsliste, wir geben kein Geld für Werbung aus und nehmen auch keins für Werbung ein. Wir haben keine Abo-Einnahmen oder Mitgliederbeiträge. Niemand ist uns gegenüber weisungsbefugt. Wir sind selbstbestimmt. Wir definieren uns durch die Zivilcourage derer, die hier bei uns kommentieren, uns in unserer Kritik ebenso zustimmen wie widersprechen.  Wir sind offen für jede Meinung, Hasskommentare kennen wir eigentlich nicht, allenfalls scharfe, auch mal polemische Formulierungen. Aber das ist das Salz in der Suppe.
Eigentlich müsste die Stadt Reutlingen stolz auf uns sein, sind wir hier doch Ausdruck für Bürgerlichkeit, Zivilcourage und die doch sonst so hochgeschätzte Großstädtigkeit. Wir begleiten manches Programm sozialer oder konfessioneller Institutionen durch Vorträge und Filme. Zur Freude vieler Menschen, die uns auch gerne wiedersehen wollen. 

Wenn selbst Stadträte uns attestieren, dass sie den Meinungsaustausch bei uns sehr schätzen, gar ihre Freude an der intellektuellen Auseinandersetzung haben, dann fragt man sich, was machen wir falsch, dass man uns bei einem wirklich wichtigen Thema wie dem Kriegsende so komplett ignoriert?
Sorry, stimmt nicht ganz. In den Außenbezirken der Stadt und ihren umliegenden Gemeinden stoßen wir durchaus auf Resonanz. Am Sonntag, 26. Januar, zeigen wir unseren "1945er" im evangelischen Gemeindesaal der Johannes-Kirche in Lichtenstein. Am 18. April werden wir in Orschel-Hagen (Sankt Andreas) den Film ebenfalls zeigen Am historischen 20. April, dem Tag des Einmarsches, wird er in Altenburg zu sehen sein. Stets bei freiem Eintritt.
Mit dem Bezirksgemeinderat von Betzingen stehen wir in Verhandlung. Schon vor zwei Jahren hatten wir unter der Leitung des damaligen Bezirksbürgermeisters Thomas Keck die Zustimmung zu diesem Projekt. Hier planen wir eine Veranstaltung, bei der Thomas Keck, nunmehr Oberbürgermeister der Stadt, gerne die einleitenden Wort sagen möchte. (Was noch aussteht, ist der Termin, bei dem wir uns nach seinem Kalender richten wollen). In Pfullingen (allerdings nicht vom Geschichtsverein) sind wir ebenfalls in einem Planungsprozess. Das könnte sehr spannend werden.
Eigentlich brauchen wir die Stadt gar nicht. Die Interviews sind gemacht, der Film ist ein Projekt, das aus sich selbst lebt. Sogar der OB unterstützt dies, nur scheint dies der Kulturchef der Stadt nicht zu wissen. Er ist übrigens auch Leser unserer Facebook-Seite, aber er kennt uns offensichtlich trotzdem nicht.
Was kümmert's Dich dann, Vollmer oder Charley (hin und wieder mein Alias-Name auf Facebook)?
Eine gute Frage, die ja meistens mit dem Hintergedanken gestellt wird, dass Beleidigtsein auch keine Tugend ist. Ich könnte mir antworten, dass dieses Schreiben eine Vorgeschichte hat, die den Schluss zulässt, dass hinter diesem völligen Ignorieren Absicht steht. Das muss ich nicht hinnehmen, sollte ich aber. Nein, was mich wirklich hochgradig verärgert, ist die Respektlosigkeit und Ignoranz gegenüber den Menschen, die wir interviewt haben - viele davon sind inzwischen verstorben. Ihre ansonsten unwiederbringlichen Erzählungen haben wir erhalten, sind Teil der Geschichte dieser Heimat.
Wer wirklich an den Menschen hier interessiert ist (und nicht nur an sich selbst), dessen gutbezahlte Aufgabe es ist, das kulturelle Spektrum abzudecken, hätte längst gefragt, ob und wie man ein solches Projekt unterstützen kann.
Nun, wir haben unser eigenes, ehrenamtliches Projekt bislang aus eigener Kraft gemeistert - mit Hilfe von Menschen aus dieser Stadt und ihrer Umgebung. So machen wir auch weiter. Aber dass die offizielle Stadt, also als Institution, und ihre Bürger sich weiter voneinander entfernen, dieser Prozess wird immer offensichtlicher.
Das kann nicht im Sinne des Oberbürgermeisters sein, der gerade seinen gut Ruf seinem Gefühl für Mitmenschlichkeit zu verdanken hat.

Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer (aus Film)

Montag, 20. Januar 2020

Was geschah am 20. April 1945? Zeitzeugen aus dem Kreis Reutlingen berichten




Zeitzeugen aus unserer Region berichten vor der Kamera vom Kriegsende vor 75 Jahren: Filmnachmittag am Sonntag, 26. Januar im Ev. Gemeindesaal der Johanneskirche. Beginn: 15.00 Uhr
1945: Zwischen Gnade und Grauen
Es ist der 20. April 1945. Umsturz sagte man damals, Befreiung heute. In Reutlingen und Umgebung ist der Krieg zu Ende. Die Franzosen marschieren ein. Wie es den Menschen damals ging, was sie erlebten, hat der Journalist Raimund Vollmer in den letzten zehn Jahren in rund 30 Interviews mit der Kamera festgehalten. Menschen aus unserer Region berichten mit unglaublicher Intensität und Authentizität, was ihnen damals widerfuhr. Das geht unter die Haut, hat aber auch durchaus heitere Aspekte, wenn Lichtensteiner Bürger wie Karl Häbe, Max Henker, Gerhard Weißschuh, Erich Rehm oder Emilie Rohe erzählen. Sie werden begleitet von Menschen, die im Pfullinger Frauenaufstand um ihre Mütter zitterten, die das Bombardement Reutlingens und die Tiefflieger überlebten oder die den Einmarsch der Franzosen miterlebten. Die Ängste der Mädchen vor den Soldaten, die Hamsterfahrten und das Ährenlesen - die unendlich vielen Kapriolen, die der Krieg zeitigte, sind Bestandteil dieses anderthalbstündigen, hoch emotionalen Werkes. (Es gibt zwischendurch eine Pause)
Wenn dieser Film nun am Sonntag, 26. Januar 2020 (Beginn: 15.00 Uhr), im Ev. Gemeindesaal der Johanneskirche zu sehen sein wird, dann würdigt der Autor auch den Ort, an dem er 2009 die ersten Interviews geführt hat, und den Verein, der ihn von Anfang an unterstützt hat. "Der Geschichts- und Heimatverein Lichtenstein (GHV) hat damals die ersten Zeitzeugen eingeladen. Das war der Startschuss zu diesem Filmprojekt", berichtet Vollmer, selbst Mitglied im GHV. "Ich habe nicht geahnt, was damit alles an Geschichten auf mich zukommen sollte." Da gibt es durchaus brisante Anekdoten rund um Oskar Kalbfell, der den Franzosen mit der Friedensfahne entgegenging und als Oberbürgermeister von Reutlingen alle umliegenden Orschaften (wie z.B. Unterhausen) eingemeindete. (Übrigens wurde Kalbfell - das wird man auch erfahren - mal von einem Lichtensteiner angespuckt.) Da wird auf herzergreifende Weise erzählt, wie Väter aus dem Krieg zurückkehrten und von den eigenen Kindern und Ehefrauen nicht wiedererkannt wurde. Es ist so viel Stoff, dass manches selbst den Autor, der diese Szenen oft stundenlang bearbeitet hat, immer noch zu Tränen rührt. "Der ganze Unsinn eines Krieges wird einem zutiefst offenbar. Wir müssen diesen Menschen, die hier ihre Geschichte erzählen, unendlich dankbar sein - für ihren Mut und ihre Bereitschaft, sich der Kamera zu stellen."
Überall in unserer Region hat Vollmer Menschen interviewt, oftmals an den seltsamsten Orten: Begegnungen unterwegs bei einem Spaziergang, in Tiefgaragen und Kellern und bei Veranstaltungen - vor allem aber ganz gezielt bei Besuchen in den Wohnungen von Zeitzeugen. Vollmer: "Es ist Geschichte von unten, aus den ganz persönlichen Erinnerungen von Menschen, die das alles miterlebt haben. Es wird nicht danach gefragt, was Historiker dazu sagen, im Mittelpunkt steht die pure Erinnerung." Der Eintritt ist frei.
 

Bildertanz-Quelle:

Montag, 6. Januar 2020

Heinzelmanns Schneideraum

Da ahnte noch niemand, dass das Haus an der Planie mal der Tone als Theater dienen sollte oder - dass es wie jetzt auf eine neue Bestimmung wartet. Zentrumsnah war damals noch die Industrie, heute sind es die Diemstleistungen. Und in den nächsten 50 Jahren? 
Bildertanz-Quelle: Firma Heinzelmann

Dienstag, 31. Dezember 2019

Lange Nasen für Prognosen



Das Bild zeigt ein Buch aus dem Jahr 1995, mit dem sich ein Guru einen Blick auf das Neue Jahr gönnte. Bevor es beginnt, kramen wir mal  inn den Prognosen früherer Propheten und staunen, wie gerne sich die Experten irrten - und das sogar auf dem Gebiet, das menschengemacht, doch ganz unter unserer Kontrolle steht: die Technik. Wer sich in den letzten Tagen umschaute, wird feststellen, dass die meisten Prognosen sich auch jetzt mit der Entwicklung der Technik beschäftigen. Deshalb unsere Prognose: Das bleibt so, bis wir endlich schlauer werden...

Der Physiker Nils Bohr sagte einmal: »Nichts ist so schwer vorherzusagen wie die Zukunft.« Mit Blick auf unser neues Jahrhundert, das so vielversprechend begann und momentan uns alle irritiert, stöbert Raimund Vollmer in den Fehlprognosen der Vergangenheit.

1876: »Dieses Telefon hat so viele Nachteile, dass es für die Kommunikation nicht in Betracht kommen kann. Dieses Gerät ist offensichtlich ohne Wert für uns.«
Western Union in einem internen Memo

1880: »Der Plattenspieler ... hat keinen kommerziellen Wert.«
Thomas Edison, Erfinder

1895: »Es ist unmöglich, dass Maschinen, die schwerer sind als Luft, fliegen können.«
Lord Kelvin, schottischer Mathematiker und Physiker

1897: »Radio hat keine Zukunft.«
Lord Kelvin, schottischer Mathematiker und Physiker

1899: »Alles, was erfunden werden kann, ist bereits erfunden.«
Charles H. Duell, Chef des amerikanischen Patentamtes

1900: »Röntgenstrahlen sind eine Schwindelei.«
Lord Kelvin

1902: »Vielen Gerüchten zum Trotz werden in naher Zukunft keine für das Automobil bestimmte Straßen gebaut werden.«
Harper`s Weekly

1908: »Ich gebe zu, dass ich noch 1901 zu meinem Bruder Orville sagte, dass auch in den nächsten 50 Jahren der Mensch nicht fliegen wird. Seitdem meide ich alle Vorhersagen.«
Wilbur Wright, amerikanischer Luftfahrtpionier

1911: »Flugzeuge sind ein interessantes Spielzeug, aber ohne militärischen Nutzen.«
Ferdinand Foch, französischer Militärstratege

1922: »Niemand fürchtet eine japanische Seeflotte, die eine unerwartete Attacke auf unsere pazifische Stellungen ausführen könnte. Das Radio macht jede Überraschung unmöglich.«
Josephus Daniels, amerikanischer Marineminister

1927: »Wer zum Teufel möchte schon gerne Schauspieler reden hören?«
Harry M. Warner, Warner Brothers

1932: »Es gibt nicht den leisesten Hinweis darauf, dass Nuklear-Energie jemals verfügbar sein wird.«
Albert Einstein, Physiker

1939: »Das Fernsehen wird niemals ein ernsthafter Wettbewerber für das Radio sein. Denn die Leute müssen dabei sitzen und ihre Augen auf einen Bildschirm heften. Die durchschnittliche amerikanische Familie hat dafür keine Zeit..«
New York Times

1943: »Ich denke, es gibt einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer.«
Thomas Watson Sen., Chairman of IBM

1949: »In der Zukunft werden Computer vielleicht nur noch 1,5 Tonnen wiegen.«
Popular Mechanics

1950: »Eines Tages werden Ladies ihre Computer mit in den Park nehmen und sich gegenseitig erzählen: ‚Mein kleiner Computer hat heute Morgen so lustige Sachen gesagt.’«
Alan Turing, britischer Computerwissenschaftler

1956: »Raumfahrt ist völliger Quatsch.«
Richard Wooley, britischer Astronom

1962: »Wir mögen ihren Sound nicht. Gitarrengruppen haben keine Zukunft.«
DECCA Records in einer Absage an die Beatles
 
1966: „Wesley Pruden jr., Redakteur der amerikanischen Wochenzeitung National Observer, buchte telephonisch beim Computer-Zentrum der American Airlines einen Flug von Chicago nach Washington. Die Konservenstimme des Automaten bestätigte den Auftrag.
„Wir wissen von nichts“, erklärte jedoch der American-Airlines-Angestellte am Abflugschalter, als Pruden am Chicagoer Flughafen erschien, „aber das kommt jetzt öfter vor. Wir hatten einmal eine gut organisierte Luftfahrtgesellschaft – dann kriegten wir die Computer.“
Der Spiegel, 3. Oktober 1966: „Technik – Computer – Stille Spengler“
 
1977: »Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, warum Individuen einen Computer zuhause haben sollten.«
Kenneth Olsen, President, Chairman and Founder of Digital Equipment

1979: »Steuersenkungen sind möglich, ohne große Defizite zu erzeugen.«
U.S. News & World Report

1981: »640 Kilobytes – das ist genug.«
William H. Gates III, Gründer von Microsoft

1983: »Kann sich jemand wirklich das Jahr 2000 ohne Heimroboter vorstellen?«
Nolan Bushnell, Erfinder des ersten kommerziellen Videospiel Pong


Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer (Archiv

Samstag, 23. November 2019

Hotelhochhaus: Touristen in der eigenen Stadt


Auf diesem Bild, das Architekt Max Dudler gehört, sehen wir, wie das Hotelhochhaus bereits das Krankenhäusle verschluckt hat. Dafür haben wir links schon das nächste Hochhaus, ein Eisklotz.

Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
 
Ein Sittengemälde, wie man es feiner nicht zeichnen kann, gelang jüngst dem Reutlinger General-Anzeiger, als er über die Eröffnung der Ausstellung zum künftigen "Stadthallen-Hotel" berichtete. Besser kann man das Eliteverständnis in unserer kleinen Großstadt gar nicht beschreiben. Alle waren begeistert von sich und von ihrem Projekt, so gehört es sich auch in diesen Kreisen, die einem ihrem eigenen Dünkel angemessenes Vier-Sterne-Hotel auf städtischem Erbpachtgrund erbauen lassen wollen. Spatenstich zu dem "50 Meter hohen Turm", dessen von Tagungen gestresste Gäste "ein 17,5 Meter hoher Winkelbau entlang der Eberhard- und Konrad-Adenauer-Straße" vor dem tosenden Lärm schützen wird, ist im Frühjahr 2021.
Reutlingen wird endlich zu einer Vier-Sterne-Stadt, möchte man in den allgemeinen Jubel einstimmen. Eine Brauerei wird hier Einzug halten und eine "ganz andere 'Bespielung' des Bürgerparks möglich machen", schreibt Ulrike Glage, Redakteurin beim Reutlinger Zentralblatt der kommunalen Berichterstattung. Das arrogante Wort "Bespielung", auch wenn es von ihr in Anführungsstrichelchen gesetzt wurde ist raus, ohne dass wir genau wissen, ob es ein Zitat aus dem Munde unseres Oberbürgermeisters Thomas Keck ist. Auf jeden Fall ist er sicher, dass sich "der Hotel-Bau weder optisch noch sonst wie negativ auswirkt." In der Tat - hier entsteht nach und nach eine neue Stadt, keine neue Altstadt wie in Frankfurt, sondern eher eine alte Neustadt, wie sie überall aus dem Boden gestampft wurde.  Sie dient dem Tagungs-Amüsement, für das die Stadthalle schon jetzt mit ihrem mehr und mehr auf Events ausgerichteten Programm den Bedarf erzeugt. Es ist eine fremde Stadt, die da das alte Reutlingen umgeben wird. Alles geradlinig konstruiert, geometrisch rein, klinisch sauber, einfach cool. Nomaden werden sich hier zuhause fühlen. Und vor dem Krankenhäusle werden sie ein wenig hilflos stehen. Was soll das - hier auf dem "Ort für die Zukunft" (Dudler).
Der Bürgerpark wird bespielt, so wie man eine Schallplatte mit einer Aufnahme bespielt. Wir Bürger werden bespielt, wie man Kinder bespielt. Für Essen und Getränke ist gesorgt. Musik kommt dann bestimmt noch hinzu, nicht nur in der Stadthalle, sondern draußen, wo sich die Bürger, die irgendwie bei dieser Eröffnung abwesend waren, tummeln können. Ein paar Meter entf

ernt von der Altstadt, die tagsüber offen ist und abends schlafen soll, während im Schatten von Hochhäusern und Kulturtempeln, dem Merkmal pseudoechter Urbanität, der Bär los ist.
Wir werden zu Touristen in unserer eigenen Stadt.
Das ist das unausgesprochene Konzept dahinter. Denn dies werde "der größte Hammer in Europa, auf der Welt - das können Sie mir glauben", wird Max Dudler, der Architekt, der uns die Stadthalle bauen ließ, im GEA zitiert. Da will einer ganz hoch hinaus, höher noch als die 50 Meter des Turmes, in dessen Schatten wir dann lustwandeln dürfen. Zu einem "wunderbaren Ensemble" vereint sieht er die Konstellation von Krankenhäusle, Stadthalle und Vier-Sterne-Hotelkomplex. Fast könnte man neidisch werden ob dieser Einbildungskraft. Was diese Element verbindet, keine Ahnung. Geschichte, der Ort höchster Verantwortung, ist es nicht.
Wir Bürger dürfen nun die Ausstellung im Eingangsbereich des Rathauses bewundern. Dass Kritik an dem ganzen Vorhaben und an dem gesamten Konzept dahinter, das allmählich sichtbar wird, nicht erwünscht ist, könnte man aus dem Artikel auch herauslesen. Kritik findet nicht statt. Sie war jedenfalls nicht Thema dieser Story und wahrscheinlich auch nicht dieser Veranstaltung gewesen.
So ist das nun einmal in den feinen Kreisen. Alles andere findet hinter verschlossenen Tür statt. Reutlingen wird feudal.
Übrigens: Mit 115.853 Einwohnern zählte Reutlingen im Oktober 2019 so viele Bürger wie 2017. Die Stadt stagniert.
Post scriptum: Leider bekomme ich als ausgeschiedenes Mitglied des Bezirksgemeinderates von Altenburg nicht mehr das Amtsblatt, der Webauftritt der Stadt zeichnet keine Vergleichskurven. Und da ich auch seit Wochen nicht mehr das Nordraum-Blatt erhalte, wie es uns ja mal versprochen wurde, kann ich leider an diesem Samstagabend keine Vergleichszahlen heranziehen.
Ich wäre gerne schon in die Ausstellung gegangen, bin aber zur Zeit sehr, sehr stark erkältet, ich hoffe trotzdem bei klarem Verstand... ;-)
 
Bildertanz-Foto: Max Dudler

Montag, 11. November 2019

ORSCHEL-HAGEN: Ein Traum in einem Traum

 Rund 170 Menschen kamen gestern abend in die Sankt-Andreas-Kirche, um sich einen 80minütigen Zeitzeugenfilm über die Entstehung der Gartenstadt anzuschauen. Es war schon fast beängstigend, wie mucksmäuschenstill es über diese lange Zeit auf den zum Glück leicht gepolsterten Bänken der Kirche gewesen ist. Noch nicht einmal den kleinsten November-Husten hörte man, alle waren gebannt von den Erzählungen der Zeitzeugen. Auch wenn das Durchschnittsalter an diesem Abend deutlich über 60 war, so wurde doch vielerseits der Wunsch laut, dass auch jüngere Menschen, die Kinder und Enkel der gestrigen Gäste, diesen Film sehen sollten, den übrigens Euer Charley "gedreht" hat - mit Hilfe der katholischen Kirchengemeinde. Euer Charley hatte vorher geträumt, dass lediglich 20 Zuschauer kommen würden. "Die kann ich dir garantieren", hatte Pfarrer Dietmar Hermann versprochen. Er hat Wort gehalten. Mit soviel Publikum hatte keiner an diesem Sonntagabend gerechnet. Es war wie der Filmtitel "ein Traum in einem Traum". Euer Charley
Bildertanz-Quelle:

Freitag, 25. Oktober 2019

Vor 100 Jahren: Die Grüne am Karlsplatz...


... der auch mitten am Tage nahezu menschenleer zu sein scheint. Die breite Straße, deshalb wohl auch ein Platz, ist gepflastert. Die Bahnlinie weist in Richtung Wilhelmstraße (oben links) und zum Listplatz (im Vordergrund).  Das Bild macht irgendwie einen trostlosen Eindruck. Erstveröffentlichung am 5. August 2011.
Bildertanz-Quelle: Geschichtsverein Eningen unter Achalm