Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
Damals – um das Jahr 2009 herum – sollte die Grundsanierung
des Reutlinger Rathauses 30 Millionen Euro kosten. Zwischenzeitlich waren es
dann 60 Millionen. Jetzt sind es 100 Millionen, gestreckt bis in das Jahr 2040,
also – wenn es denn jetzt losginge - jedes Jahr fünf Millionen Euro. Der
eigentliche Start wäre aber erst 2025, heißt es. Da sich angesichts der
Kostenvorstellung von 2009 und der von heute eine Verdreifachung ergeben hat,
wagt man gar nicht daran zu denken, auf welche Summe der tatsächliche Preis der
Sanierung bis 2040 wohl noch steigen wird. Sind wir mal knauserig, sagen wir
200 Millionen. (Bekanntlich wird alles immer doppelt so teuer wie angenommen.
Das gilt selbst, wenn mal diese Regel bereits zuvor eingepreist hat.)
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| Großbaustelle Rathaus Reutlingen vor der Rathausstraße |
Offensichtlich wird im Rathaus in solchen Dynamiken nicht
gedacht. Denn diese 100 Millionen, verteilt auf 20 Jahre, sind natürlich
angenehmer zu verkraften als ein Neubau, der – zum selben Preis von 100
Millionen – innerhalb von fünf Jahren aus dem Boden des Rathausplatzes
gestampft werden kann. Diese Summe ist einigermaßen realistisch (wegen des
Zeithorizonts), die andere ist fiktional. Sie wird getragen von der Intention, die
das Rathaus im Kopfe hat. Es will sanieren. Koste es uns, was es, die Stadt,
wolle.
Da wird mit Zahlen jongliert, eine Pari-Situation zwischen
Sanierung und Neubau konstruiert, die so tut, als hätte der Gemeinderat eine
schwierige Entscheidung zu treffen, um dann die bürgermeisterliche Lieblingsidee
durch die zeitliche Streckung der Finanzierung als einen Aufwand darstellen zu
können, der sich gleichsam aus der Portokasse selbst bezahlt.
Wir alle lieben diese Wunder, weil es so leicht ist, die
Tricks dahinter zu durchschauen. (Sie sollen ja auch mit einiger Wollust beim
Bau der Stadthalle angewandt worden sein. Man muss nur mal mit den eingeschalteten
Handwerkern reden.)
Nun soll – wie unser getreuer GEA berichtet – eines der
wichtigsten Argumente für den Erhalt des Rathauses in seiner jetzigen Gestalt dessen
„stadtbildprägende“ Erscheinung sein. Der Denkmalschutz steht dahinter – und er
zeigt sich über das Innere des Rathauses tolerant, nur bei der Fassade ist er
unduldsam. Wer gerade der großzügige Denkmalschutz ist, wurde nicht genannt im
GEA-Bericht. Die Ernennung zum Baudenkmal erfolgte 2014 – durch das
Regierungspräsidium in Tübingen. Ist es nun immer noch zuständig oder wurde es
an die untere „Denkmalschutzbehörde“ delegiert, die – so ist meine Erinnerung –
nach einer Neuverteilung der Kompetenzen an die Stadt Reutlingen berichtet,
oder sind es übergeordnete, nicht an die Stadt weisungsgebundene Instanzen?
Ich weiß nicht, ob das gestern diskutiert worden ist. Auf
jeden Fall könnte man den Begriff „stadtbildprägend“, das Hauptargument für den
Unterschlupf unter den Denkmalschutz, für die nächsten 20 Jahre auch ganz anders
interpretieren. In den nächsten zwei Jahrzehnten wird dieses Stadtbild geprägt
von einer Baustelle. Und der Autor dieser Zeilen wäre dann 88 Jahre alt.
Es ist in diesem Jahr 50 Jahre her, dass ich Reutlingen
erstmals besuchte. Nach einem Gang durch die quicklebendige untere Wilhelmstraße,
nachdem ich zuvor am Bahnhof den begrüßungsbildprägenden Springbrunnen
bewundert hatte, wurde ich plötzlich mit dem Marktplatz konfrontiert, dessen
hinterer Teil von einem Betonklotz geschmückt wurde. Vorne der Spitalhof, der
mich sehr beeindruckt hat, hinten das Rathaus, das mich schockierte. Das hatte
ich nicht erwartet, in NRW ja, aber nicht in Baden-Württemberg.
Es gab noch kein Alexandre. Der Ratssaal, den man – so wie
er ist, nicht wie er ursprünglich war - wirklich erhalten sollte, wirkte
zumindest damals mit seinen Stelzen etwas abgehoben. Und man muss ja auch bis
heute eine steile Treppe meistern, um in den wichtigsten Raum unserer Stadt zu
kommen.
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| Auferstanden aus Ruinen: Vor 75 Jahren wurde das frühere Rathaus zerbombt, zwanzig Jahre später... |
In den nächsten fünf Jahren wird alles so bleiben wie es
ist. Wir haben also eine Schonfrist, in der wir jeden Tag diese
Stadtbildprägung in uns hineinwirken lassen können. Unser Real-Lifestream-Museum.
Denn anschließend wird eine Dauersanierung diese Stadtbildprägung bestimmen.
Wir sehen jeden Tag die Veränderung dieser Stadt. Am besten über eine Webcam.15 Jahre lang. Unglaublich, wenn man daran denkt, dass der Bau des Rathauses in den sechziger Jahren nur fünf Jahre gedauert ha!!!
Und wenn es dann fertig ist, werden wir – oder die
Überlebenden unter uns – sehen, dass die meisten Räume leer stehen. Dank Corona.
Nicht etwa deshalb, weil das Virus sich ganz besonders auf Beamte und
Verwaltungsangestellte pandemisch ausgewirkt hat, sondern weil es den
Mitarbeitern und deren Chefs das Homeoffice schmackhaft gemacht hat. Man
braucht die Räume gar nicht mehr.
Aber daran hat man sicherlich gestern im Rathaus auch schon
gedacht. Und diese Entwicklung wurde bestimmt auch intensiv diskutiert – so fortschrittlich,
wie unsere Stadt ist…
Vielleicht hätte ich diese Sitzung besuchen sollen, dann
hätte ich zu diesen Punkten ganz bestimmt jede Menge Neues erfahren.
Mist, bin wohl nur ein Einwohner.





