Mittwoch, 9. Januar 2019

Pliezhausen 1927: Alle beim selben Schneider?


»Es kann ja nicht immer so bleiben«, heißt es auf dem Schild. Bei dieser Mode kann man sich das auch nur wünschen. Dennoch: Man sieht deutlich, um wieviel ärmer vor 80 Jahren die Menschen waren.
Bildertanz-Foto: Eugen Gaiser

Reutlingen: Blick auf das Parkhotel, den Bahnhof und in den Frühling



Bildertanz-Foto: Herbert Scheurer, Pfullingen

Dienstag, 8. Januar 2019

Altenburg: Wenn der Scherenschleifer kommt...


... dann waren die Kinder auch nicht weit. Denn dann gab es etwas zum Gucken. Noch bis in die 50er Jahre hinein gehörten Hausierer und andere Gewerbereisende zum alltäglichen Bild auf den Dörfern - und natürlich auch in den Städten. Die Krämer aus Eningen und die Samenhändler aus Gönningen waren weltberühmt.
Bildertanz-Foto: Sammlung Gerhard Fingerle

Montag, 7. Januar 2019

1974: Als der SSV Amateurmeister wurde...


... da herrschten noch ganz andere Fußballzeiten im Bildertanzland. In der Sammlung von Hermann Beck fanden wir diesen Bericht vom 1. Juli 1974.
Bildertanz-Quelle: Hermann Beck (Rommelsbach)

Sonntag, 6. Januar 2019

Reutlingen: Wo heute das Finanzamt steht...


... wurde früher hart gearbeitet. Hier war der Sitz der Metalltuch- und Maschinen-Fabrik Finckh. Dieses frühlingsblumenprächtige Dia wurde vor etwa 50 Jahren aufgenommen. 1879, also vor genau 130 Jahren gegründet, dienten die Produkte der Metalltuchfabrik Hermann Finckh vor allem der Papierindustrie. 1914 setzte das Werk neue Maßstäbe, als es Metalltücher mit einer Siebbreite von sechs Metern für die Feldmühle AG in Stettin lieferte. Die besondere Stärke von Finckh war übrigens der Export.
Bildertanz-Foto: Immanuel Lude (unvergessen)

Freitag, 4. Januar 2019

Die Geschichte meines Oberbürgermeisters (Teil 2): In aller Freundschaft


Von Raimund Vollmer
Der Oberbürgermeister und der fehlende Verstand
Etwa eine Stunde später haben sich die Gemüter beruhigt. Das älteste Ratsmitglied geht, um den OB zu holen. Fünf Minuten später kehren beide zurück an ihren Platz. "Ihr Kollege informierte mich - mit Ihrer Zustimmung -, dass Sie sich meinem Wunsch anschließen wollen." Mein OB hasste diese gedrechselte Sprache, aber manchmal half sie einen über widrige Momente hinweg. "Ich bin sehr froh darüber, obwohl sicherlich noch viel Überzeugungsarbeit vor Ihnen liegt. Ich will nicht kneifen. Wenn Sie meine Unterstützung brauchen, ich stehe Ihnen jederzeit, wirklich jederzeit, zur Verfügung. Auch zu einem persönlichen Gespräch mit dem betroffenen Kollegen."

Zustimmendes Grummeln. Die Stimmung hat sich offenbar gedreht. "Oberbürgermeister", meint der älteste Ratsherr in fast väterlich-mahnender Manier, "so etwas machen Sie aber nicht noch einmal mit uns." Und dabei zwinkert er kalt lächelnd. "Natürlich nicht", entgegnet mein Oberbürgermeister trocken, ganz Amtswürde, um dann ein bübisches Grinsen folgen zu lassen. "Da fällt mir dann schon etwas Neues ein", sprudelt es aus ihm heraus. "Das glaube ich sofort", murmelt die immer noch etwas pikierte Ratsfrau, aber ihr Verdruss ist auch schon mehr gespielt als ernst.

"Zuerst einmal Danke für Ihr Verständnis. Ich habe das nicht aus Jux und Dollerei gemacht, sondern aus tiefer Überzeugung. Die Verantwortung für die Entscheidungen, die wir in den nächsten Jahren zu treffen haben, sollen auch die tragen, die die Ergebnisse ertragen müssen. Es gibt keine Glamour-Projekte mehr.

Aber das ist nur das eine. Das andere ist: Ich bin vor allem deshalb froh, weil ich mit Ihnen eine Idee besprechen möchte, die mit meiner Wunschliste in Zusammenhang steht. Ich hätte sie vorhin auch schon äußern können, aber dann hätte das wie Bestechung ausgesehen. Haben Sie noch ein paar Minuten für mich?" 


Zustimmendes Nicken, ein paar Whatapps und SMS fliegen hinaus, und dann geht's los. "Ich habe mich vorhin ziemlich brutal über unsere Ältesten geäußert und - um es zu sagen, wie es ist - darauf bestanden, dass sie gefeuert werden." (Zwischenrufe wie: "Ich weiche der rohen Gewalt, gehe aber freiwillig." - "Ich auch. Sonst feuert mich meine Frau!" - "Wo  ist die Blutrinne, wo muss ich mein Haupt hinlegen?" - "Ich schreibe meine Memoiren. Der GEA will die bestimmt haben.")

Mein OB wartet ab. Solche Ausbrüche gehören zu jeder guten Sitzung. Das weiß er inzwischen, sie sind das Salz in der Suppe - und ganz selten so ernst gemeint, wie sie gesagt werden. Dann öffnet er die vor ihm liegende Mappe und entnimmt ihr eine zweite Liste.

"Ah, eine weitere Todesliste", kommt es spontan aus der Runde. "Den Begriff 'Todesliste' habe ich nie gebraucht. Der stammt von Ihnen. Aber ich will Ihnen sagen: dies ist mit Sicherheit eher das Gegenteil - es ist eine Geburtsliste. Dazu gleich mehr." Die Kollegen spickeln, versuchen zu lesen, was - und vor allem wer - auf der Liste steht, aber mein OB lässt niemanden wirklich etwas erkennen.

"Ich werde Ihnen jetzt erzählen, was ich hier vom ersten Tag bis heute getan habe - unbemerkt von Ihnen, unbemerkt von meiner Verwaltung." - "Sie scheinen uns ja eine ganze Menge zu verheimlichen." - "Aber es kommt alles an den Tag, jedenfalls heute." - "Oberbürgermeister, Oberbürgermeister!!!" Der Ton wurde irgendwie humoriger. Irgendwie waren sich alle näher gekommen.

"Ernsthaft, liebe Kollegen. Ich habe mir 2019  ein Fünf-Jahres-Ziel gesetzt, ein ganz einfaches. Ich wollte ein ganz genaues Bild von dieser Stadt, von ihrer Verwaltung, ihrem Rat, vor allem aber von den Menschen gewinnen. Bin ohne großen PR-Rummel mit meinem Ebike in die Ortsteile gefahren, habe sie mir immer wieder angeschaut. Bei gutem Wetter. Bei schlechtem Wetter, dann allerdings mit dem Kleinwagen meiner Tochter, ein bisschen auch verkleidet. Die Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe, - oftmals haben mich die Leute gar nicht erkannt, was mir sehr recht war - habe ich in ein Tagebuch eingetragen. Und jedes Jahre habe ich das, was ich niedergeschrieben habe, überprüft, Abweichungen notiert usw. Sie können mir glauben, diese Stadt ist mir jedes Jahr mehr ans Herz gewachsen." (Pause) "Ich will ganz bestimmt nicht abtreten."

Die Ratsherrschaft ist nun völlig gespannt. "Ich habe mich dann irgendwann gefragt, wie sieht diese Stadt wohl in zehn Jahren aus, dann wenn Du möglicherweise in deine Endphase als Oberbürgermeister gehst oder daran denkst, die Geschäfte einem anderen, einer anderen zu übertragen. Was möchte ich meinem Nachfolger überlassen, wie möchte ich, dass diese Stadt dann aussieht, wie möchte ich, dass diese Stadt auf keinen Fall ausschaut!  

Und so habe angefangen vier Szenarien zu entwickeln, zu verfeinern, zu verwerfen, heraus kam etwas, das noch nicht vollends ausgefeilt ist, aber schon einmal einen Ansatz darstellt. Aber eines fehlte - und das wurde mir immer bewusster, was es genau war, wurde mir jedoch nicht unbedingt klarer."

"Oberbürgermeister, uns ist längst klar, was Ihnen fehlt", unterbricht ihn der Älteste aller Ratsmitglieder. Mein Oberbürgermeister hebt halb belustigt die linke Augenbraue. (Da ich nicht weiß, wen wir am 3. Februar wählen werden, muss ich hier fairerweise zugeben, dass es auch die rechte Augenbraue gewesen sein kann. Das ist bei Menschen sehr unterschiedlich. Testen Sie es an sich selbst!)

"Aha - und was ist es, was mir Ihrer geschätzten Meinung nach fehlt?"

"Na, Verstand." Tumult. Einer der Kollegen prustet los und sprüht Kaffee aus vollem Mund über den ganzen Tisch, was bislang noch niemandem gelungen ist. Zum Glück bestand sein Gebiss aus festen Implantaten, sonst wäre da noch anderes gefolgt. Ein anderer lässt einen Gedankenblitz, um mit Immanuel Kant zu sprechen, in der falschen Richtung los. Ein dritter ist so konsterniert, dass man glaubt er sei zu einer Statue des Bildhauers Peter Lenk erstarrt.

"Ich meine natürlich, dass das, was Ihnen fehlt, unser Verstand ist", ergänzt der Ratsälteste seinen Satz.

Mein Oberbürgermeister hat Humor. Nichts mag er so sehr, wenn auf eine seiner Offensiven eine Retourkutsche kommt - eine Unerwartete zudem, eine, die genau den Punkt trifft.

"Mein lieber väterlicher Freund - ich darf Sie doch so nennen -, Sie nehmen mir in der Tat das Wort aus dem Mund. Ich brauche klaren, unabhängigen, erfahrenen Verstand. Ich brauche Leute, die Reutlingen kennen, die Strukturen der Macht, die vor allem aber große, große Erfahrungen besitzen."

"Und die Namen dieser Leute stehen auf Ihrer neuen Liste?", lässt der Ratsälteste nicht locker. Ihm sind solche pathetischen Begriffe wie "große Erfahrung" oder "unabhängiger Geist" schon immer suspekt gewesen, was der Grund war, warum er sie selbst gerne benutzte - vor allem im Umgang mit der Konkurrenz. Auf dem Gebiet war er der Könner, nicht dieser Oberbürgermeister.

Mein Oberbürgermeister merkt, dass ihm die Sitzung ein wenig aus den Händen gleitet. Man soll sich halt nicht mit so alten Schlachtrössern anlegen, denkt er. Die kennen kein Respekt. Aber dann fällt ihm der trockene Konter auf den Konter ein...

Er steht auf. "Ihre Respektlosigkeit", hebt er an, und sein Ton ist jetzt wirklich schneidend, "Ihre Respektlosigkeit", es herrscht absolute Stille,  "ist der Grund, weshalb ich Sie brauche."

Dann setzt er sich wieder - und alle nicken irgendwie zwischen selbstgefällig, gönnerisch, wohlwollend, gütig. Kurzum: Sie zeigen Respekt.

"Auf dieser Liste stehen die Namen von sieben Personen, vier davon sind heute hier anwesend. Die anderen drei werde ich heute noch ansprechen." Dann liest er die Namen der Persönlichkeiten vor. "Es sind alles Ratsmitglieder, von denen ich erwarte, dass sie in der nächsten Legislaturperiode nicht mehr dabei sind. Ich möchte diese sieben Damen und Herren bitten, einen Ältestenrat zu errichten. Diese Persönlichkeiten sollen mich beraten - in allen Sachthemen, also Personalfragen selbstverständlich nicht. Es geht mir dabei vor allem um die Zukunft."

Nun meldet sich ein Fraktionsvorsitzender, der weder auf der einen noch auf der anderen Liste steht. "Herr Oberbürgermeister, müssen wir dies als ein Misstrauensvotum gegenüber den immerhin von der Bevölkerung direkt gewählten Stadträten ansehen?" - "So direkt ist das nun auch wieder nicht", fährt der Ratsälteste, der schon jetzt ganz begeistert ist von der Idee meines Oberbürgermeisters und sie nicht mehr zerstört wissen will.

"Ganz im Gegenteil", übernimmt mein Oberbürgermeister wieder das Regiment. "Ich möchte die freie Auseinandersetzung, das Ringen um die richtige Lösung vor allem Ihnen überlassen, den gewählten Ratsmitgliedern, dem Wettbewerb der Argumente, sicherlich auch der politischen Grundüberzeugungen und persönlichen Einstellungen. Ganz, ganz, ganz ehrlich: Ich will die leidenschaftliche politische Diskussion - und die besten Argumente. Sie wissen, ich weiß es: die besten Argumente kommen oft aus der Verwaltung, mindestens genauso häufig aus dem Rat (Zwischenruf: "Alter Schleimer"), am seltensten aber kommen sie von sogenannten Gutachtern. Sie verwirren uns nur. Deshalb werden wir dafür weniger Geld haben, sondern mehr Courage. Und die erwarte ich von uns, den vor Ort verantwortlichen Gremien und Institutionen. Zivilcourage - ein Begriff, den John F. Kennedy in die Welt gesetzt hat. Es wird an der Zeit, dass wir ihn reaktivieren."

Der Fraktionsvorsitzende nickt zustimmend den Kopf. "Was aber soll dann dieser Ältestenrat? Sind deren Mitglieder unsere neuen Gutachter?"

"Gute Frage. Natürlich nicht. Dieses Gremium wird von nichts und niemandem bezahlt. Es ist ein reines Ehrenamt. Ich möchte, dass dessen Mitglieder in jeder Beziehung frei sind - weder von mir abhängig sind, noch von irgendwelchen Haushalten, geschweige denn Lobbyisten."

"Jungs und Mädels, erst schmeißt er uns raus, und dann gibt er uns auch noch zur Ausbeutung frei. Wie ich uns kenne, stimmen wir dem auch noch zu!" Mein Ratsältester (denn das ist er im Laufe des Schreibens geworden) bringt es auf den Punkt.

"Ich weiß, es ist ein Experiment", versucht mein Oberbürgermeister (der, wenn er förmlich wird, immer weniger meiner ist)."aber ich kann den Mitgliedern des Ältestenrats nur raten (Zwischenruf: "Hört Euch den Jungspund an"), mitzumachen. Sie nehmen sich sonst den größten Spaß ihres Lebens."

Die Fragezeichen in den Augen wurden nicht nur immer größer, sondern auch immer mehr, wie sonst -  vor allem bei Schwaben - die Euro-Zeichen.

Mein Oberbürgermeister nimmt nun Fahrt auf. "Stellen Sie sich vor: Diese Ältesten sind mittendrin in den heißesten Themen dieser Stadt. Sie genießen das Vertrauen ihrer früheren Fraktionen, der Verwaltung, ihres Oberbürgermeisters und bestimmt auch das der Bürger. Alles, was sie erarbeiten, wird in öffentlicher Sitzung präsentiert. Nichts ist geheim. Es geht darum, Perspektiven zu entwickeln, nicht Politiken. Die Mitglieder müssen auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen. Sie sind wirklich frei. Ein bis zweimal im Jahr präsentieren sie vor Ihnen, vor dem Rat dieser Stadt. Und blamieren wollen die sich dabei ganz bestimmt nicht."

Man ist - wider Willen - beeindruckt.

"Natürlich habe ich auch ein egoistisches Motiv. Ich möchte einfach von den Erfahrungen profitieren und davon, dass unsere Entscheidungen die Vergangenheit nicht einfach als Versatzstück betrachten, sondern vor dem Hintergrund geschichtlicher Entwicklungen stehen. Das ist das, was die Menschen hier wünschen. Sie kennen meinen Spruch: Ich will keine Kompromisse, ich will gute Entscheidungen. Um das zu bekommen, muss ich dem Rat den besten Rat zukommen lassen. Dazu gehören unbedingt auch die Erfahrung und die Weisheit unserer Ältesten. Gerade beim Nachdenken über die Zukunft dieser Stadt ist mir dies sehr, sehr bewusst geworden. Ich müsste mir Fahrlässigkeit vorwerfen lassen, wenn ich diesen Rat Ihnen vorenthalten würde."

Eine Stimme, die in der ganzen Zeit still gewesen ist, kommt aus der Tiefe des Raumes: "Und das trauen Sie uns alten Säckeln zu?" Dann lehnt sie sich zurück: "Also: Ich bin dabei."

Die Sitzung löst sich auf, nachdem man einen Nachfolgetermin vereinbart hat. Meint beim Hinausgehen der eine Älteste zu dem anderen Ältesten, denn ab einem bestimmten Alter ist jeder der Älteste: "Heute haben wir ein paar neue Tricks gelernt." Antwort: "Ich glaube, das waren keine Tricks. Der meint das so!"  - "Dann ist er kein Politiker." Laut lachend verschwinden sie Richtung Ausgang.

Mein Oberbürgermeister hatte diese letzten Worte doch noch aufgeschnappt. "Das wird ein Spaß", denkt er.

Die Routine ruft. 

Teil 1: Die Todesliste


Fortsetzung folgt
Bildertanz-Quelle:RV

Donnerstag, 3. Januar 2019

Die Geschichte meines Oberbürgermeisters (Teil 1): Die Todesliste


Vorbemerkung. Du liegst im Bett. "Grippaler Infekt", wie es heute etwas umständlich heißt. Also Grippe. Nicht schwer, aber doch lähmend. Du schläfst viel. Dazwischen bist du richtig wach. Dann wirbeln Gedanken und Träume durcheinander. Nicht sehr erholsam oder gar heilsam. Irgendwie brauchst Du ein Thema, mit dem Du diese Bettlagerei meistern kannst.
Du kramst in all den Projekten herum, die Dich - wenn Du gesund und munter wärst - jetzt voll in Anspruch nehmen würden. Nur nicht an Arbeit denken, das macht Dich nur unruhig, schüttelst Du Dein Kopfkissen auf. Da ist allerdings etwas, was Dich schon lange beschäftigt: Wer wird mein OB?
Ich denke daran, dass der geschätzte Reutlinger General-Anzeiger einen Wahlomat entwickelt, über den ich mich meinem Kandidaten nähern kann. Diese Dinger haben mir schon bei anderer Gelegenheit nicht geholfen, waren ein Jux für nix. Und im Moment hilft Dir der GEAmat schon gar nicht. Du brauchst etwas für jetzt. Da fiel mir diese Geschichte ein, deren ersten Teil Sie nun hier lesen. Ich hoffe, dass ich morgen weiterschreiben kann. Im Kopf ist alles fertig.

 Von Raimund Vollmer

Ein OB räumt auf

Reutlingen. Es ist Montag, 8. Januar 2024. Seit fünf Jahren ist mein Oberbürgermeister  im Amt. (Ob der OB ein Mann ist oder Frau, spielt in dieser Erzählung keine Rolle, ich benutze hier einfach nur das grammatische Geschlecht.) Er hat seinen Job bislang sehr ordentlich gemacht, den Gemeinderat sicher durch alle Beratungen geführt, seine Dezernenten hat er im Griff, die Verwaltung ebenso. Keine Skandale. Es ist nach außen hin ein souverän gemanagter Job. Aber mein OB ist unzufrieden. Vor allem mit sich selbst. Der Fließsand des täglichen Geschäftes hat ihn so gelähmt wie mich die Grippe.

Beim Neujahrsempfang gab es nur nette Worte - von ihm und an ihn. Und doch ist er sehr beunruhigt. Er sieht am Horizont düstere Wolken aufziehen: den demographischen Wandel wird keine Charme-Offensive, keine Neubestimmung des Markenkerns aufhalten. So viele junge Leute konnte man gar nicht anlocken, wie Reutlingen in den kommenden Jahren jeden Tag an die Rentenkasse verlieren werde - und leider auch an die Friedhöfe. Und das würde sich in den nächsten Jahren beschleunigen. Das weiß man eigentlich schon seit zehn Jahren. Seine Vorgängerin hatte sich leidenschaftlich darum bemüht, diesem Trend zu stoppen -  und dabei sogar auf das Mittel der sich selbst erfüllenden Prophezeiung gesetzt.

Unermüdlich hatte sie über ihre Verwaltung, Gemeinderäte und die seriöse Presse behaupten lassen, dass Reutlingen jährlich um 1000 Bürger wachse. Das hatte - vor allem nach den eigenen Berechnungen der Stadt - nie gestimmt, es waren maximal 750 und das auch nur in den Ausnahmejahren 2015 bis 2017, den Flüchtlingsjahren. 2018 - in ihrem letzten Amtsjahr - waren es noch nicht einmal die Hälfte gewesen. Keine 400 waren netto dazu gekommen.

Der Megatrend war negativ, da konnten auch Hochhäuser, kulturelle Angebote und neue Gewerbegebiete nicht drüber hinwegtäuschen. Er hatte in seinen ersten fünf Jahren in dieser und in mancher anderen Hinsicht versucht, den Realitätssinn auf allen Ebenen der Verwaltung, der Gemeinderäte und der Medien zu schärfen. Aber viele von ihnen träumten immer noch von der Großstadt an der Echaz, von dem Metro-Tor zur Alb.

Reutlingen musste endlich zu sich selbst finden. Das war ihm mit jedem Tag im Amt klarer geworden. Und eigentlich hatten ihn deshalb die Bürger dieser Stadt 2019 gewählt.

Es wurde Zeit, ein deutliches Signal zu setzen. Deshalb hatte er die Vorsitzenden aller Fraktionen und Gruppierungen heute zu sich ins Rathaus einberufen. Es galt, Tacheles zu reden.

"Die Herrschaften sind jetzt da", hatte ihm justament sein Assistent signalisiert. Mein OB stand auf und ging hinüber in den kleinen Saal. Er begrüßte die "Herrschaften" freundlich und übernahm sofort den Vorsitz. "Ich sehe, alle sind mit Kaffee und Wasser versorgt. Dann können wir ja loslegen."

Er brauchte nicht lange, um zum Kern der Sache vorzustoßen. Der Wahlkampf um ein neues Stadtparlament stünde bevor, er wünsche sich einen fairen Wettstreit der Argumente usw. Er wolle sich da nicht einmischen. So habe er sich das vorgenommen, vor fünf Jahren, als er gerade das Amt angetreten hatte, hätte er sich auch komplett herausgehalten. Aber in einem Punkt sei es diesmal anders. Nun merkte er, dass er die Aufmerksamkeit der "Herrschaften" voll geweckt hatte. Welcher Punkt? Er sah das riesengroße Fragezeichen in ihren Politikeraugen.

Jetzt würde es brutal werden. Er räusperte sich kurz. "Ich habe hier ein paar Namen aufgeschrieben, die ich bei der kommenden Wahl auf keiner der Listen sehen möchte", erklärte er.

Aus den Fragezeichen blitzte blankes Entsetzen. Das war unglaublich! Das war skandalös. Das war... Selbst den hartgesottensten Politikern stockte der Atem, fehlten die Worte. Dann setzte der Tumult ein.  

Mit schneidender Stimme ging mein OB dazwischen. Es wurde mucksmäuschenstill an diesem übergroßen Tisch, der jeden klein aussehen ließ. "Natürlich müssen Sie sich nicht daran halten. Und ich weiß, ich hätte Ihnen diesen, meinen Wunsch auch im Säuselton und mit diplomatischem Fingerspitzengefühl nahebringen können - möglichst noch in Einzelgesprächen." Doch genau darauf hatte er bewusst verzichtet, um "Ihnen, meine lieben Ratskollegen, den Ernst der Lage beizubringen. Sollten Sie meinen Wunsch ignorieren, was Ihr gutes Recht ist, werde ich mich definitiv in drei Jahre nicht mehr zur Wiederwahl stellen. Einfacher können Sie mich nicht loswerden."

Es war dann einer der ältesten Ratsmitglieder, der mit seiner tiefen, sonoren Stimme das Wort ergriff. "Oberbürgermeister", sagte er. ohne weitere Anrede, "was Sie da von uns verlangen, ist pure Erpressung. Ich nehme an, dass ich Ihnen bewusst." Mein OB ist kein Zyniker, sonst hätte jetzt ein leichtes Lächeln seine Lippen umspielt. "Bitte weiter", sagte er nur. Der Ratsherr kommt nun langsam in Fahrt. "Sie wissen, dass ich schon etliche Jahre Mitglied unseres Stadtparlamentes bin. Aber ein solcher Affront ist mir noch nicht begegnet. Ich nehme an, dass ich auch auf Ihrer Todesliste bin." Mein OB schweigt immer noch. Ein anderer hakt ein: Ja, es wird Zeit, dass Sie uns die Namen derer, die verschwinden sollen, endlich nennen." Darauf hatte mein OB nur gewartet, der übrigens weitaus heftigere Reaktionen vermutet hatte. Aber er hatte die Kollegen wohl komplett überrumpelt. "Natürlich, hier ist die Liste." Er blättert einige Exemplare auf den Tisch, die ruckzuck zu den Mitgliedern wandern. Für eine Minute herrscht Ruhe. Es ist dann eine Ratsfrau, die die Stille durchbricht. "Unabhängig davon, welche Namen hier stehen, Sie wissen genau, dass Sie sich mit dieser Liste in unsere Hand begeben. Sie ist ein Skandal, wenn das an die Öffentlichkeit kommt, bricht das  Ihnen ihr Genick." - "Meinen Sie?" antwortet mein OB, "ich sehe das eher umgekehrt. Dann wird das vor allem den Namen auf dieser Liste schaden. Vor allem dann, wenn ich gezwungen werde eine Begründung zu liefern, warum diese Persönlichkeiten auf der Liste stehen. Im übrigen weiß ich, dass hinter der Hälfte der Namen Menschen stehen, die selbst schon erklärt haben, nicht mehr anzutreten. Sie wissen - wie ich -, dass sie altersmäßig an ihre Grenzen stoßen. Ich will nur sichergehen, dass es dabei bleibt."

Die Ratsfrau, die wie die anderen irgendwie noch immer etwas hilflos wirkt, will nun wissen, warum die anderen Namen darauf stehen. "Das grenzt an Diskriminierung, ja, das ist diskriminierend", wird sie heftig. Jetzt lächelt mein OB zum ersten Mal. "Ich nehme keinen Bezug auf einen konkreten Namen", erklärt er in einer Ruhe, die er selbst von sich nicht erwartet hatte, "aber ich kann Ihnen versichern, die politische Meinung hat dabei überhaupt keine Rolle gespielt. Nach fünf Jahren im Amt kann ich mir ja wohl erlauben, das Engagement einzelner Ratsmitglieder zu beurteilen. Und da zählt nicht nur die Präsenz in den Sitzungen oder in der von allen so geliebtgehassten Presse. Da zählt das intellektuelle Engagement. Damit wir uns nicht missverstehen, diese Liste meine rein persönliche Einschätzung. Und bevor ich jemanden darauf gesetzt habe, bin ich sehr lange in mich gegangen."

Das Problem war, dass die Ratsmitglieder, wären sie selbst auf den Gedanken gekommen, eine solche Liste zu ersten, dieselben Namen ausgesucht hätten. Und solang war die Todesliste auch nicht. Dennoch: So etwas ging einfach nicht!

"Bevor Sie sich in irgendetwas hineinsteigern und vielleicht Unüberlegtes tun, seien Sie versichert, dass sich Ihr Oberbürgermeister das sehr lange überlegt hat. Ich bin bereit, diese Risiken einzugehen.  Ob sie eintreffen, entscheiden letzten Endes Sie. Ich möchte nur noch hinzufügen, dass ich im Prinzip Ihren Job mache. Dass unser Stadtrat heute so aussieht, wie er ist, in dieser Zusammenstellung an Fraktionen und Gruppierungen ist nicht mein Verschulden. Die etablierten Parteien haben alle Sitze verloren, weil sie zu spät - und eigentlich bis heute nicht so richtg - den Generationswechsel vollzogen haben. Quote stand bei Ihnen zu oft vor Qualifikation."

Ein bisschen gepudelt kamen sich die "Herrschaften" nun doch vor. Aber das war doch alles kein Stil!

"Meine lieben Freunde", wurde jetzt der Ton meines Oberbürgermeisters besänftigend. "Betrachten Sie die Liste als meinen Wunsch, der - falls er nicht in Erfüllug geht - zuerst einmal Konsequenzen für mich hat. Ich werde nicht zurücktreten, sondern nur nicht wieder antreten. Es hat aber auch Konsequenzen für Sie, die sich - je nach Einstellung - nach einem neuen Kandidaten umsehen müssen. Ich bin so fair und weise Sie drei Jahre vorher auf diese Folgerung hin."

Dann steht mein OB auf. "Ich werde Sie jetzt alleine lassen - zur Beratung. Sie müssen noch keine Entscheidung treffen, aber ich möchte mich Ihrem Schlussurteil für den heutigen Tag stellen. Bevor ich gehe, darf ich darauf hinweisen, dass ein Aspekt bislang von keinem von uns ins Feld geführt wurde: Es geht um das Wohl dieser Stadt. Das ist keine Phrase. Ich sehe immense Herausforderungen auf unsere Stadt kommen - allein durch den demographischen Wandel, der ja alle Strukturen in dieser Stadt auf den Kopf stellen kann. Es ist nicht die Digitalisierung, es geht um uns, die Bürger. Und wenn Sie jetzt Ihre Listen aufstellen für die Kommunalwahl, dann denken Sie bitte daran, wir brauchen Leute, die sich engagieren - und damit sie das können, unsere volle und vorbehaltlose Unterstützung benötigen. Unsere Beamten wissen sehr wohl, wer sie nur für PR-Zwecke ausnutzt oder wem es wirklich um die Zukunft, um unsere Sache geht. Aber das ist auch nicht einmal entscheidend. Die Probleme, die wir zu lösen haben, müssen von Ratsmitgliedern gemeistert werden, die für sich eine Präsenz von zehn Jahren auf ihrer Erwartungsliste haben. Es geht nicht nur um diese Wahl und meine Wiederwahl, es geht heute auch schon um die Wahl im Jahr 2029. Diese Stadt braucht gute, frische, leidenschaftliche Leute."

Dann verlässt er den Saal, meint aber noch im Hinausgehen. "Wenn Sie mit Ihren Beratungen fertig sind, geben Sie mir bitte Bescheid. Ich würde gerne auch noch etwas anderes mit Ihnen besprechen".

Fortsetzung folgt

Bildertanz-Quelle:

Freitag, 28. Dezember 2018

Die Zelle - Hagen Kluck erzählt



Ein echter 68er? Er war damals 25 Jahre alt, als in Deutschland und der restlichen westliche Welt die Jugend gegen das etablierte Denken revoltierte. In der damaligen Tschecheslowakei kam es zum Prager Frühling, die allmächtige Sowjetunion marschierte in das kleine Land ein, in den USA regte sich der Protest gegen den Vietnamkrieg - es waren in der Tat unruhige, aber auch sehr kreative Jahre. Hagen erlebte sie in Reutlingen. Hier hatte er als Redakteur beim GEA angeheuert. Schon war er mitten in der jungen Kulturszene der Stadt - er wurde Mitgründer der "Zelle". Und so erlebte er diese Zeit...

Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Hagen Kluck - Ein Lokaljournalist (und Politiker) packt aus

Er wollte unbedingt Journalist werden - und er, der im Hohen Norden aufwuchs, schaffte es dann auch. Aber er wurde auch Politiker - im tiefen Süden. Mit seinen 75 Jahren ist er immer noch voller Energie und voller Humor. (Im morgigen Beitrag geht's aber dann zur Sache: Hagen Kluck ist Mitgründer der Zelle.)

Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Samstag, 22. Dezember 2018

50 Jahre Stadtrat in Reutlingen - Eine Ehrung



EIN HALBES JAHRHUNDERT und Abertausende von Stunden, die niemand zählte, verbrachte Ulrich Lukaszewitz im Stadtparlament von Reutlingen. Dafür wurde er gestern geehrt. Euer Charley war dabei. Eine humorvolle Rede unserer Oberbürgermeisterin Barbara Bosch - und ein Hauch von brutalst möglicher Aufklärung über die früheren Zustände im Stadtrat. Viel Spaß und großes Kompliment an den "Lu".

Freitag, 21. Dezember 2018

Erfülle Deine Pflicht, Landtag!!!


1801: »Aber in uns flammt eine Vorschrift und die muss göttlich sein, weil sie ewig und allgemein ist; sie heißt: erfülle Deine Pflicht!«

Heinrich von Kleist, deutscher Dichter

Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
Der gerade Weg ist gesperrt. Nun führt der Rechtsweg zum Verfassungsgericht


Es gibt Siege, vor denen sogar der Sieger Angst bekommen sollte. Und es gibt Niederlagen, die vor allem dem Verlierer Hoffnung machen. Die Entscheidung des Landtages gegen eine Stadtkreisgründung Reutlingens gleicht einem Pyrrhus-Sieg. Denn die Verfassungsklage der Stadt muss - egal, wie das Ergebnis ist und wie man zu dem Ansinnen der Stadt Reutlingen steht - dem Landtag äußerst peinlich sein. Und wenn nicht, umso schlimmer. Dann könnte man den Eindruck bekommen, dass der Politik inzwischen der Respekt sogar vor dem eigenen Tun fehlt.

Starker Tobak? Vielleicht. Die Art und Weise, in der das Ansinnen der Stadt Reutlingen auf Ausgründung behandelt worden ist, stellt bereits ein absolutes Armutszeugnis dar. Da galt nicht die Macht der Argumente, sondern die Tyrannei der gefügigen Mehrheit. Das Verfassungsgericht wird nun die Aufgabe übernehmen müssen, vor der sich das Land gedrückt hat - nämlich eine intellektuelle Auseinandersetzung über das Selbstbestimmungsrecht einer Stadt. Darauf wird es eine Antwort geben müssen. Dabei ist es sogar gleichgültig, wie das Ergebnis lauten wird. Entscheidend werden die Argumente sein, mit der das Verfassungsgericht sein Urteil begründet.

Die Stadt Reutlingen hat sich allerdings auch selbst ein Bein gestellt. Sie ist seit den Zeiten von Oberbürgermeister Oechsle davon ausgegangen, dass sich eine Auskreisung wirtschaftlich rechnen muss. Vor diesem Hintergrund wurde immer wieder die Entscheidung gegen einen entsprechenden Antrag getroffen. Unter Frau Bosch wollte man es aber nun wissen. Leider wieder mit dem Focus auf die Wirtschaftlichkeit. Da hat aber in der Politik noch nie die Vernunft gesiegt, sondern stets der reine Machtinstinkt. Und um die Macht geht es, besser gesagt: um Machterhalt.

Die Wirtschaftlichkeit ist immer nur ein pseudorationaler Ansatz. Sie war schon bei den Eingemeindungen in den siebziger Jahren das falsche Argument. Denn damals wurde die Übereignungspolitik derart rigoros, flächendeckend und bundesweit betrieben, dass niemand mehr hinterher überprüfen konnte (und wollte), ob die Rechnung tatsächlich aufgegangen sei. Keiner weiß, ob die Festhallen in den Dörfern nicht auch ohne die Eingemeindungen gebaut worden wären. Keiner weiß, ob die Subventionen, mit denen die Dorfparlamente und die Dorfbewohner zu einer - wirtschaftlich begründeten, aber emotional distanzierten - Zustimmung gebracht, ja fast schon genötigt wurden (Zwangseingemeindung als letztes Drohmittel), nicht dennoch geflossen wären. Denn auch Landtage wollen Wahlen gewinnen.

Es geht - wie gesagt - um die Macht und Machterhalt. Der Landtag hat es sich äußerst bequem gemacht - und eigentlich auch deutlich gezeigt, dass er intellektuell noch lange nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist. Er meint, eine Milliarde Euro für die Digitalisierung - und schon sind wir in der Zukunft angekommen. Blödsinn. Schwachsinn. Die Digitalisierung läuft von allein, die Unternehmen werden hier investieren, nicht wegen der Digitalisierung an sich, sondern aus eigenen, existenziellen Gründen. Auch weil wir, die Konsumenten sie mit unserem Smartphone geradezu erzwingen.

1980 machten die Unternehmensgewinne zehn Prozent des Volkseinkommens aus, las ich kürzlich in einem alten Industrie-Papier. Heute sind es 30 Prozent. Die Firmen verdienen genug Geld, um die Digitalisierung zu stemmen. Möglicherweise haben sie es sogar durch den Einsatz von IT verdient. Da hängt sich die Politik mit unseren Steuergeldern an den Erfolg der anderen - und nährt damit obendrein die Umverteilung.

Das 21. Jahrhundert sollte endlich in ein bürgerliches Jahrhundert einschwenken. Mit Menschen, die sich ihrer Verantwortung gegenüber sich selbst und der Gemeinschaft bewusst sind. Und dieselbe Souveränität sollte man auch auf allen Ebenen den politischen Einheiten zugestehen. Reutlingen will sich ja nicht vor seiner Verantwortung gegenüber anderen drücken. Es möchte nur selbst bestimmen, woraus diese Verantwortung besteht. Denselben Anspruch dürfen Kreistage für sich reklamieren, ebenso Landtage. Diese sogar ganz besonders. Der Landtag sollte als wichtigstes Gremium im Land Baden-Württemberg Vorbild sein.

Es ist nicht die Entscheidung an sich, sondern der lasche Umgang mit den Argumenten, der wirklich zornig macht. Offenbar hatte man eine Heidenangst davor, mit eigenen Argumenten selbst den Maßstab zu setzen, nachdem man die Wirtschaftlichkeit künftig berechnen würde. Also ignoriert man die Begründung der Stadt und antwortet nur sehr halbherzig. Politischer Mut steckt nicht dahinter. Und im Unterschied zu "Stuttgart 21", zu dem ja das ganze Land aufgerufen wurde, seine Stimme abzugeben, spekuliert man darauf, dass "Reutlingen 21" nur ein Lokalproblem ist. Da vergrault man keine Wähler anderswo oder fühlt sich von ihnen unangenehm herausgefordert - zumal das Thema Auskreisung innerhalb Reutlingens auch nicht gerade auf große Popularität stößt.

So zieht man sich ganz bequem aus der Affäre. Eine große Debatte, eine große Diskussion über die Zukunft der Stadt und deren Souveränität hat es nicht gegeben, so sehr Frau Bosch auch versucht hatte, das Parlament zu provozieren.

Nun landet das Thema dort, wo es eigentlich nicht hingehört: vor Gericht. Und das ist für den Landtag das größte Armutszeugnis. Er wollte das Thema aussitzen und in nebulöse Arbeitskreise auf Sankt Nimmerlein vertagen.

Eine Riesenchance wurde vertan. Diese Landtag hat seine ureigene, seine göttliche Pflicht nicht getan, sondern sie ersetzt durch billiges Opportunitätsdenken.

"Erfülle Deine Pflicht!" Das war der Kernsatz des Dichters Heinrich von Kleist. Dieser Satz, der sehr persönlich gemeint war und nicht eine von anderen definierte Pflicht ansprach, steht über allen Gesetzen, Geboten, Sitten und Normen, selbst ein König könne sich nicht darüber stellen, also auch kein Kretschmann, kein Strobl. Drei Jahre lang hatte der Landtag Zeit, aus Anlass des Reutlinger Antrags leidenschaftlich über die Zukunft der Stadt an sich zu debattieren und uns Bürger zu inspirieren. Aus meiner Sicht hat er jämmerlich versagt. Dabei brennt diese Frage all jenen Bürgern unter den Nägeln, die sich ihrer Pflicht bewusst sind.Und das ist die Mehrheit, hoffe ich zumindest.