Dienstag, 21. April 2020

Bekommen wir eine Coronakratie?

CORONA - unser Sorgenstern

Von Raimund Vollmer

Die folgende Story entdeckte ich in meinem Archiv, gefunden hatte ich sie rein zufällig in einer 15 Jahre alten Ausgabe des Wall Street Journals. Sie steht nicht im Verdacht, im Umfeld der Corona-Pandemie oder der Kritik von US-Präsident Trump an der WHO recherchiert worden zu sein. Eigentlich war ich nur darauf aufmerksam geworden durch den Einstieg, der Infektions- Krankheiten aufzählte, an denen jährlich Abertausende Menschen sterben, ohne dass jemand je auf den Gedanken gekommen ist, deshalb die ganze Weltwirtschaft herunterzufahren. (Ich habe diese Story adaptiert. Die Originalquelle steht unten.)


Kennen Sie Schistosomiasis ? Nein? 200 Millionen Menschen sind davon betroffen, 600 Millionen gar gefährdet. Kennen Sie den Rotavirus? Ist hochansteckend, erzeugt heftigen Durchfall, vor allem Kinder sind betroffen. Fast 500.000 Kinder sterben daran. Jährlich.
Kennen Sie Leishmaniasis? Nahezu eine halbe Million Menschen gehen daran jährlich zugrunde. Der Erreger wird über die Sandmücke übertragen, deren Bestand sich durch die globale Erderwärmung bis in unsere Sphären erweitert.
Kennen Sie japanische Encephalitis? Wer davon befallen wird, muss damit rechnen. dass diese Erkrankung sein Gehirn schädigt. Jeder Dritte stirbt sogar.
Nur wer ein besonderes Mittel, gewonnen aus dem Gehirn einer Maus, anfangs bezahlen konnte, war davor geschützt. In China war dann ein weitaus günstigerer Impfstoff entwickelt worden, der schließlich 200 Millionen Menschen verabreicht wurde. Aber nur in China. Außerhalb des Landes unterlief die Weltgesundheitsbehörde WHO die Verbreitung dieses Impfstoffs, verweigerte ihm ihren Segen. Dann kam ein Doktor 1999 auf die Idee, 200.000 Dosen dieses Impfstoffs nach Nepal auszufliegen und bewies, dass Kinder mit einer einzigen Dosis geschützt werden konnten. Doch die WHO "zuckte nur mit den Achseln und steckte ihre Finger in die Ohren", schrieb 2005 das Wall Street Journal, also lange vor Trump und Corona. Der Name des amerikanischen Arztes war Scott Halstead.
Ein Jahr später war die amerikanische Ärztin Julie Jacobson in Indien und sah, wie diese Krankheit die Krankenhäuser füllte. Als sie hörte, dass es ein preiswertes, aber von der W
HO geschmähtes Mittel dagegen gab, nahm sie wutentbrannt Kontakt zur Stiftung von Melinda und Bill Gates auf. Die Stiftung half, alle Barrieren zu überwinden.
Und die Moral von der Geschicht: Institutionen übernehmen keine Verantwortung, Menschen tun dies. Nur auf die können wir zählen.
Damit kein falscher Eindruck entsteht, diese Geschichte ist keine Antwort auf unsere Probleme, aber sie hat mich nachdenklich gemacht in meinem Vertrauen an Institutionen und deren Vernunftverstärker.


The Wall Street Journal, December 21, 2005, Sebastian Mallaby: "The Heartbreak of a Cure Within Reach"

Bildertanz-Quelle:Dimitri Drofitsch

Mittwoch, 1. April 2020

Neue Modemarke in Reutlingen kreiert - und schon gescheitert

Dies ist kein Beitrag zur Förderung der Integration unserer ausländischen Mitbürger, sondern ein absolut ernstzunehmender Vorschlag, mit dem Bürger sich vor dem Corona-Virus vollumfassend schützen können. Reutlingens Stadtmarketing, ohnehin nie zum Aprilscherzen aufgelegt, hat sich die Marke Coronani schützen lassen und beim BILDERTANZ eine Werbekampagne in Auftrag gegeben. Hier eines unserer ersten Entwürfe, das allerdings wegen Humorlosigkeit abgelehnt wurde. Oberbürgermeister Thomas Keck würde eine solche Verballhornung seines Ehrentitels auf keinen Fall hinnehmen. Dass wir dieses Bild dennoch hier veröffentlichen, hat nur einen Grund: Wir möchten uns hiermit offiziell beim Oberbürgermeister entschuldigen. Dieses Bild hätte niemals am 1. April veröffentlicht werden dürfen.

Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer

Montag, 9. März 2020

ZEITZEUGEN 1945 - EIN TRAILER


Veranstaltung erst einmal abgesagt.

Stadtpfarrer Hermann Keicher (1883-1954): Er nahm das Geheimnis mit ins Grab



Bildertanz-Quelle: Helmut Akermann

Seit 1926 war Hermann Keicher Stadtpfarrer in der Sankt-Wolfgangs-Kirche in Reutlingen.Als er 1954 starb, hatte er justament eine sehr schwierige Phase hinter sich. Denn in dem 1951 geführten Verfahren gegen Oskar-Kalbfell über die Erschießung von vier Männern, die als Geisel für den Tod eines französischen Soldaten auf Weisung der Besatzung büßen mussten, war er als Zeuge aufgerufen worden. Es ging um die Frage, wer die vier Männer benannt hatte, die - obwohl völlig unschuldig an dem Tod des Soldaten - am 24. April 1945 mit ihrem Tod dafür büßen sollten. Es war der Verdacht geäußert worden, dass Kalbfell eine Namensliste empfohlen hätte.
Der katholische Pfarrer Keicher war vom Armeegeistlichen der Franzosen aufgefordert worden, die vier Geiseln in ihren letzten Stunden zu begleiten - obwohl keiner der vier katholisch war. Das Gericht wollte 1951 von Keicher wissen, was in diesen letzten Stunden geschehen war. Der Pfarrer berief sich auf sein durch das Seelsorgeamt legitimiertes Zeugnisverweigerungsrecht. Doch das wollte das Gericht nicht akzeptieren und verdonnerte Keicher zu einer Geldstrafe. Nachdem er auch weiterhin schwieg, hätte das Gericht nun Keicher mit einer Haftstrafe belegen müssen. Doch mit Rücksicht auf sein Alter verzichtete das Gericht. Keicher schwieg über die Hintergründe auch weiterhin. Er nahm das Geheimnis mit ins Grab. Der Oberbürgermeister Kalbfell war übrigens bei der Beerdigung im Leichenzug dabei. (Raimund Vollmer)
Erwähnt sei auch noch, dass - wie sich später herausstellte - der Soldat Opfer eines Motorradunfalls gewesen war, also kein Anschlag auf ihn verübt worden war. Eine Frage, die man klären müsste, wäre, inwiefern Bürgermeister grundsätzlich von der Besatzung gezwungen wurden, vorsorglich eine solche Geiselliste herzustellen. In Pfullingen war dies zum Beispiel so.

Erstveröffentlichung am 15. August 2013 im Bildertanz-Blog

Samstag, 7. März 2020

20. April 1945: Einmarsch der Franzosen und der Beginn einer Legende...



Oberbürgermeister Kabfell

Als halb offiziell wird von den Historikern der folgende Text über den Einmarsch der Franzosen am 20. April dargestellt, mit dem Oskar Kabfell, zwischen 1945 und 1973 Oberbürgermeister der Stadt Reutlingen, sich unsterblich machte. In diesem Text - so meint der Biograph Hans-Georg Wehling in den Geschichtsblättern 1995 - kommen nur drei Namen vor: Kalbfell und Allmendinger auf deutscher Seite und auf französischer Seite der Kommandant St. Germain. Der Name des Polizeihauptmanns wird nicht aufgeführt. Auch erfahren wir nichts über die Fahrt von Betzingen bis Marktplatz, ob Schüsse fielen oder nicht. Wir wissen auch nicht, wie sich Kalbfell, der kein Französisch konnte, sich mit dem Kommandanten verständigt hat. Auf jeden Fall war zumindest in Reutlingen das Ende des Krieges gekommen. Fast gekommen. Denn da war ja noch die Geschichte mit den Geiseln

DIE OFFIZIÖSE DARSTELLUNG DER EREIGNISSE AM 19. UND 20. APRIL
»Am Nachmittag des 19. April bezog an den Ortsausgängen in Richtung Ohmenhausen und Tübingen eine deutsche Infanteriekompagnie in Stärke von etwa 120 Mann, darunter viele 15jährige Hitlerjungen, die primitiv vorbereiteten Straßensperren. Ein französischer Erkundungsvorstoß aus Richtung Tübingen wurde abgewehrt. Am Nachmittag des 20. April, einem sonnigen Frühlingstag, begann dann eine französische Panzerabteilung nach vorausgegangener Artillerievorbereitung und unter starkem Einsatz von Jagdbombern den Angriff. der deutsche Widerstand war nach zwei Stunden gebrochen, er forderte unter anderem 20 Tote, 13 abgebrannte und viele beschädigte Gebäude. Die französischen Truppen setzten anschließend zum weiteren Vorstoß in die Stadt an.

Inzwischen war es einem Bürger der Stadt, dem Kaufmann Oskar Kalbfell aus Betzingen, unter Lebensgefahr gelungen, mit dem Kommandeur der ein einrückenden Panzertruppe, dem Capitaine de St. Germain, im vordersten Panzer zu sprechen. Oskar Kalbfell versicherte hierbei dem Kommandanten, er bürge mit seinem Leben dafür, dass die Stadt kampflos übergeben werde, wenn keine weitere Beschießung und vor allem keine Bombardierung mehr erfolge. Er habe in Verbindung mit Gleichgesinnten entsprechende Vorbereitungen getroffen, um die Stadt vor einer weiteren Zerstörung zu bewahren. Der französische Kommandant nahm das Anerbieten positiv auf und befahl Oskar Kalbfell, den französischen Führungspanzer zu besteigen. Als die französische Panzerspitze mit Kalbfell auf dem Marktplatz ankam , meldete sich dort der Hauptmann der deutschen Polizei und stellte sich und seine Männer zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in Reutlingen zur Verfügung. Die offizielle Übergabe der Stadt erfolgte anschließend unter Mitwirkung des inzwischen herbeigeholten Bürgermeisters Dr. Allmendinger. Der französische Kommandant beauftragte noch am selben Abend Oskar Kalbfell mit der kommissarischen Führung der Geschäfte des Oberbürgermeisters.«
 Erstveröffentlichung, 20. April 2015

Bildertanz-Quelle:Sammlung Hermann Rieker (Foto)

Sonntag, 16. Februar 2020

Blut oder Wein - das ist nicht die Frage


Eine kleine Anmerkung zu meinem Zeitzeugen-Film



 Rolf Miccolo: Hat er Wein in Blut verwandelt? Noch heute kämpft er gegen das Trauma von 1945, als er zwölf Jahre alt war und in Reutlingen der Feuerwehr helfen musste

Es geht um meinen Film "ZEITZEUGEN 1945". Hier äußert sich Rolf Milocco. wie er als damals noch zwölfjähriger Bube nach einem Bombenangriff auf den Reutlinger Hauptbahnhof und den Listplatz der Feuerwehr bei den Löscharbeiten helfen musste. Ein Bunker war zerstört und ein riesiges Wasserloch war entstanden, da durch den Bunker Wasserleitungen gingen. Rolf hatte die Aufgabe, die Pumpen, mit denen die Feuerwehr Löschwasser aus dem Teich absaugte, von Leichteilen zu befreien und auf einem gesonderten Platz zu stapeln. Er erzählt, dass das Wasser blutrot gewesen sei. In zwei Leserbriefen an den GEA wurde dies nun bezweifelt. Die Farbe sei vielmehr durch Rotwein entstanden, der in einem ebenfalls von dem Kriegsgeschehen zerstörten Keller hierher geflossen sei. Die Menschen in dem Bunker seien allenfalls ertrunken, aber nicht zerfetzt worden. In ihren Ausführungen beziehen sich beide auf den Artikel über meinen Film im Reutlinger Generalanzeiger. Sie haben diese in dem Artikel nur angerissene Zeitzeugenaussage offensichtlich nicht selbst gesehen.

Ich möchte dies einmal als Anlass nehmen, um grundsätzlich Stellung zu beziehen. Mir geht es mit dieser Dokumentation allein um die Menschen, um die durchaus traumatischen Erlebnisse, mit denen sie damals zu kämpfen hatten und mit denen sie allein fertigwerden mussten. Rolf war zwölf Jahre alt, niemand hat ihm damals die Situation erklärt, kein Historiker, die ohnehin selten dabei sind, wenn etwas passiert, kein Psychologe oder Psychiater, kein Feuerwehrmann, niemand. Und wie sehr ihm dies 75 Jahre später noch nachging, kann man  ihm, der heute in den USA lebt, deutlich ansehen. Für ihn musste der Teich blutrot sein. Ich hätte in der Situation auch keine andere Erklärung gehabt - und das Wegnehmen der Leichenteile ist ganz bestimmt nicht etwas, was man erfindet. Man kann in dem Film seiner Mimik deutlich ansehen, wie in ihm diese ganze Schreckensszene wieder auflebt. Ähnlich ging es dem 16jährigen Rudolf Walz aus Betzingen, dem mit Erschießen gedroht worden war.

Was Kinder und Jugendliche damals erlebt haben, das ist eigentlich der Schwerpunkt dieses Zeitzeugenfilms. Ich habe zu keinem Zeitpunkt versucht, die Aussagen der Interviewpartner in irgendeine Richtung zu lenken. Mir ging es wirklich allein darum, die Erlebnisse so darzustellen, wie die Betroffenen sie selbst empfunden haben - auch noch ein Lebensalter später. Wie sehr sich die Menschen zurückversetzt wurden in eine Zeit, von der sie glaubten, dass sie diese vergessen hätten, merkt man auch an ihrer Sprache. Sie sprechen nicht von Befreiern und Befreiung, sie sprechen vom Feind, sie sprechen vom Umsturz. Sie sind wieder im Jahr 1945. Ich glaube, das ist es dann auch, was den Zuschauer in diese Geschichten hineinzieht: dieser absolut subjektive Bezug zu den dokumentierten Ereignissen, die erst aus den persönlichen Erzählungen vorstellbar werden.

Viele der inzwischen 44 Gesprächspartner, die ich in den letzten elf Jahren habe interviewen dürfen, sind leider bereits verstorben. Ich bin sehr froh darüber, dass ich deren Erlebnisse habe festhalten können - für uns Menschen heute und für zukünftige Generationen. Vielleicht ist es Mahnung, mit unserer Demokratie sehr sorgfältig umzugehen - und zwar auf allen Ebenen.

Bestürzend für mich ist (und ich habe bis heute auch keine Antwort darauf gefunden), dass aus all diesen Erzählungen, und ich könnte daraus ohne Probleme einen Vierstundenfilm machen, eins ganz deutlich wird, wie sehr der Mensch in absoluten existentiellen Situationen vor allem Mensch ist. Ich wünschte mir manchmal, auch von mir selbst, dass wir dieses Grundgefühl stärker in unseren Alltag mitnehmen. Vieles, was uns wichtig erscheint, würde sich dann relativieren.

Ich glaube, dies ist die Botschaft der Zeitzeugen, die sich mit all ihrer Authentizität der Kamera gestellt haben - sie erzählen es so, wie sie es erlebt haben. Näher kommt man als Journalist nicht ran. Und das macht mich natürlich auch stolz.

Am Freitag, 27. März 2020 ist die nächste Gelegenheit, den Film in Gemeindesaal der evangelischen Auferstehungskirche zu sehen. Ein weiterer Termin ist Sonntagnachmittag, 19. April 2020 im Gemeindesaal der Katholischen Kirche Sankt Andreas in Orschel-Hagen. Eine dritte Möglichkeit besteht am Montag, 20. April im Gemeindesaal der Evangelischen Kirche in Altenburg. Eine weitere Gelegenheit wird es im Kolpinghaus in der Stadtmitte geben und in Zusammenarbeit mit dem Bezirksgemeinderat in Betzingen und Oberbürgermeister Thomas Keck. Da warte ich noch auf Terminvorschläge.

Natürlich bin ich jederzeit bereit, den Film auch bei anderen Gelegenheiten zu zeigen. Meine Adresse: raivollmer@aol.com

Raimund Vollmer
 
Bildertanz-Quelle: RV

Mittwoch, 5. Februar 2020

Das traurige Beispiel Pfullingen


1959: »Die Macht hat die Tendenz, sich zu verabsolutieren, sich von ihrem Inhalt zu lösen und sich selbst zum Wert zu machen.«

Günter Eich (1907-1972), deutscher Lyriker, in seiner Büchnerpreisrede 1959




Ein unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

Nichts hat sich seit der Rede des berühmten deutschen Lyrikers geändert - wie wir beim Blick auf das Rathaus in Pfullingen sehen können. Da ist ein Bürgermeister, der alle Macht auf sich vereint sieht, und da ist ein Gemeinderat, der sich nicht zu dessen Erfüllungsgehilfen herabsetzen lassen will. Mit gutem Grund: Der Rat ist von den Bürgern gewählt worden mit dem Ziel, vor allem die Stadtverwaltung zu kontrollieren und zu helfen, die Politik der Stadt mitzugestalten. Aber da gibt es auch noch den Bürgermeister, der ebenfalls direkt gewählt wurde und zugleich Chef der Verwaltung ist, die zu kontrollieren der Gemeinderat aufgerufen ist. Der Pfullinger Bürgermeister  fühlt sich für alles zuständig. Er reißt die totale Kontrolle an sich, aber offenbar nicht die Verantwortung. Kontrolle ist die Basis seiner Macht. 


Schon haben wir den Salat. 

In Pfullingen meint der Bürgermeister, dass er der Chef des Ganzen sei - er leitet die Sitzungen des Gemeinderates und herrscht über die Verwaltung. Und wenn er klug ist, was eine der herausragenden Tugenden eines Bürgermeisters sein sollte, dann überstrapaziert er niemals seine Position. Denn dann kann es sein, dass es nicht mehr um die Inhalte geht, sondern um Macht als Eigenwert.

Genau das ist momentan in Pfullingen eingetreten - mit  dem Ergebnis, dass die Bürger ihm nun das Vertrauen entziehen. Jedenfalls muss man so die Unruhe in dieser doch sonst so beschaulichen Stadt interpretieren. 
 

Ein Bürgermeister besitzt wie der Gemeinderat eine formale Autorität, die beiden durch die Gesetze und Gemeindeordnung zugesichert wird. Was die Protagonisten selbst mitbringen müssen, ist die natürliche Autorität - das, was sie an Ideen, an Persönlichkeit, an Geisteshaltungen, an Ethos in die Entscheidungsfindungen einbringen. Und das führt, wenn gelebt, meistens dazu, dass eine Gemeinde sehr lebendig wirkt und auch ist, ganz bestimmt auch eine motivierte Verwaltung besitzt und selbst ein Bademeister seinem Job gerne nachgeht, nach bestem Wissen und Gewissen.

In meiner Anfangszeit als Journalist durfte ich einmal das 1000jährige Bestehen einer Stadt begleiten. Und auf der Titelseite der Beilage zum Jubiläum waren der Oberbürgermeister, ein Fußballspieler (Jupp Heynkes) und ein hoher Kirchenvertreter verewigt. Tödlich beleidigt war der Stadtdirektor, der Chef der Verwaltung, der nicht dazu gehörte. Er fühlte sich herabgesetzt. In Baden-Württemberg wäre dieser Faux-pas niemals passiert. Denn dort war seit eh und je der Chef der Verwaltung auch der Chef des Parlamentes. In Nordrhein-Westfalen, wo ich meinen Beruf erlernte, war das nach dem Krieg nicht so. Es war britische Besatzungszone, es herrschten britische Gepflogenheiten. Ich persönlich fand diese Teilung sehr, sehr gut, weil es auch formal die Grenzen der Macht sichtbar werden ließ. Der Bürgermeister war Chef des Parlamentes, der Stadtdirektor Chef der Verwaltung. Eine klare Trennung. Den Kommunen ging es gut, niemand kam auf dumme Gedanken. So war das jedenfalls in meiner Wahrnehmung.


Klar: In einem solchen Gefüge ist der Stadtdirektor nicht so wichtig wie der Bürgermeister - jedenfalls im Ansehen der Bevölkerung, aber auch formal: der erste Mann in der Stadt war der Bürgermeister. Hier in Baden-Württemberg belegt er in einer Person die erste und die zweite Person, wobei er wahrscheinlich die Verwaltung an die erste Stelle rücken möchte. Jedenfalls kommt es einem in Pfullingen so vor.

In Reutlingen sah das auch mal viele Jahre so aus. Die Verwaltung bestimmte das, zu dem die Räte zustimmen sollten. Das ist anders geworden, so mein Eindruck. Hier versteht sich inzwischen der Oberbürgermeister eher als Integrator, was zeigt, wie sehr es auf die natürliche Autorität ankommt.

Ein guter Bürgermeister sollte auf seine Integrität achten. Das ist die einzige Macht, die er wirklich besitzt. Sie ist ihm Inhalt und Selbstwert. Die Bürger reden dann mit Achtung von ihm - auch in den "sozialen Medien". 

P.S. Man sollte als Politiker eins nie vergessen: Auch Macht ist eine Energie, die sich verbraucht. 
Bildertanz-Quelle:RV

Freitag, 31. Januar 2020

Heinzelmann, geh' Du voran!

 


50 Millionen Euro für ein neues Leben in der Stadt


Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

Was da geplant und gebaut wird in der Oststadt Reutlingens, auf dem Gelände der ehemaligen Firma Heinzelmann, ist eindeutig ein Bruch mit der kalten Pseudomoderne Reutlingens in den letzten 15 Jahren. Sicherlich ist das kein sozialer Wohnungsbau, der da fast schon in Steinwurfnähe zur Altstadt entsteht, aber es ist ein echter Beitrag zu der konkreten Lebenswelt. So der Eindruck nach der Lektüre eines Berichts im Reutlinger General-Anzeiger.

Nach der geradezu aggressiv durchgeführten baulichen Entfremdung der Stadt von ihrer Geschichte und auch ihren Bürgern passt sich das neue Ensemble ein in sein durchaus mondänes Umfeld, in das Reutlingen der einstigen Unternehmer-Millionäre, die ihre Villen oftmals in fußläufiger Nähe zu ihren Fabriken hatten. Statt der Fabrik entsteht hier nun Wohn-, Lebens- und Arbeitsraum - das ist genau die Konzeption, die in das 21. Jahrhundert passt und es wohl auch prägen wird.

"Abstraktion als Lebensform" hat - so ist nun zu hoffen - ausgedient. Deren letzte "Denkmale" sind das Stuttgarter Tor und das noch zu errichtende Hotel-Hochhaus an der Stadthalle. Auch das "Blue Village" ist im Prinzip schon Geschichte. Eher an die Welt des 21. Jahrhunderts angepasst wird wohl auch der Katharinenhof in der Katharinenstraße sein. Vielleicht gewinnt ganz allmählich das Gefühl für Urbanität und nicht für Banalität und Sterilität die Oberhand.

Die Münchner GIEAG, die hier so viel investieren wird,wie vor zehn Jahren die Stadthalle kostete, kombiniert Alt und Neu in einer Weise, wie man sie sich schon lange gewünscht hat. Ein Drittel Gewerbe, zwei Drittel für Wohnen - heißt die Losung. Aber es gibt keine Sozialwohnungen, was man als Makel empfinden kann, aber kompensiert wird dadurch, dass inmitten des Komplexes erstens ein Platz entstehen soll, die historische Werkstatt, obwohl nicht denkmalgeschützt, erhalten bleibt und zweitens in Erinnerung an die Geschichte auch der Schornstein stehen bleibt. 160 Menschen werden hier wohnen. Und wenn man bedenkt, dass die Zukunft nicht mehr von Produktivitätsdenken geprägt sein wird, sondern von gesellschaftlicher Arbeit, von Interaktivität, dann kann man sich vorstellen, dass hier tatsächlich das Wohnen, das Leben und die Arbeit - wie dereinst in der mittelalterlichen Stadt - zusammenrücken.

Städte sind die Orte, die der Natur am weitesten entrückt sind. Es sind künstliche Welten, allein von Menschen geschaffen - bis in die Pflanzungen hinein. Sie sind aber auch die kreativsten Orte. Dass die Gebäude mit Holz entstehen sollen, zeigt aber, dass der Rückgriff auf die Natur selbst Ausdruck von Kreativität und Erfindungsreichtum sein kann.

Es sind übrigens 50 Millionen, die von auswärts kommen. Der Bauherr, die GIEAG, hat ihren Sitz in München. Architekt sind die "White Arkitekter Stockholm".
 

Bildertanz-Quelle: white/taktics