Donnerstag, 18. Juni 2020

Kunst auf Lager



Das Postareal: Lager fürs Naturkundemuseum oder Kulturfabrik?Bildertanz-Quelle: Dimitri Drofitsch
Natur gegen Kultur - Ein Reutlinger Verdrängungswettbewerb? 


Ein Lösungsversuch von Raimund Vollmer



1. Die Kritik: Allein der Name "Kulturfabrik" war alles andere als glücklich. Aber es ist nun einmal seit einem halben Jahrhundert höchste Reutlinger Kunst, danebenzugreifen. Reutlingen, so lange schon die verkrampfte Imitation einer Großstadt, findet einfach nicht zu sich selbst. Wer aus einer Mauerlücke "die engste Straße der Welt" fabriziert, wer historische Bauten wie den Zwiefalter Hof in ein hässliches Parkhaus verwandelt, wer eine heißgeliebte, denkmalwürdige Straßenbahn hemmungslos den profanen Dieselriesen opfert, wer das "Tor zur Schwäbischen Alb", den weiten Blick auf dieses Panorama, durch Hochbauten zu versperren sucht, wer Erkennungsmerkmale wie den Springbrunnen am Bahnhof zuschüttet und zugleich die Stadt zu einer abstrakten Marke hochstilisiert, der erfindet sich die Welt, wie sie ihm gefällt: ohne intellektuelles Rückgrat, ohne Auseinandersetzung mit den Künsten, ohne Rück-Sicht auf sich selbst. Kultur ist dann nur noch selbstgefällige, narzisstische Nabelschau.
2018: Der Markenfindungsprozess: Kultur als Spektakel BildertanzQuelle: RV

Aus einer alten, sich selbst langweilenden und vergessenden Reichsstadt sollte vor zwei Jahren eine Marke gewonnen werden, die Reutlingen endgültig in die künstliche Zeitlosigkeit des ewigen Jetzt entführen durfte. Eine Stadt, die sich ein Image fabriziert, hergestellt in den Automaten einer Marketingfabrik: das war der Topdown-Mechanismus, wie ihn die damalige Oberbürgermeisterin Barbara Bosch schätzte. Das Experiment ging gründlich daneben, produzierte in der Stadthalle allenfalls eine komödiantische "Kultur des Spektakels", um eine Lieblingswendung des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa (*1936) zu verwenden. Die Marke - ein Produkt der "Kulturindustrie". Schon dieser Begriff signalisiert (wie der der "Kulturfabrik"), wohin die Kultur unentwegt vereinnahmt wird. 


2013: »Am erschreckendsten an der Entwicklung in der modernen Kunst ist aber die Tatsache, dass es mittlerweile überhaupt kein objektives Kriterium mehr gibt, mit dem man ein Kunstwerk hoch- oder geringschätzen könnte, es lässt sich in keine Hierarchie mehr einordnen.«
Mario Vargas Llosa (*1936), peruanischer Schriftsteller und Nobelpreisträger

2. Die Herausforderung. Nun sollen aus dem Postareal, das keiner mehr braucht, nicht mehr jene freien Künstlerateliers werden, die Experten der Stadt im Umfeld einer Kulturkonzeption vorschlugen, sondern die Räumlichkeiten sollen dem Naturkundemuseum als Lager zugeschlagen werden. Der ursprüngliche Ansatz wäre ohnehin widersinnig gewesen. Kunst-Ateliers haben mit dem Betrieb einer durchgeregelten "Fabrik" nichts zu tun. Jetzt soll also stattdessen - "aus Sicht der Verwaltung" - daraus eine Büro-, Lager- und Werkstatt für das Naturkundemuseum werden. Analog zur "Kulturfabrik" - bekämen wir demnach eine "Naturfabrik" für den Museumsbetrieb. Nach dem Wegfall des Heinzelmann-Areals, das dem Naturkundemuseum bislang als Lager diente, wäre das Postareal die neue Zwischenstation. So die nachdrückliche Empfehlung der Verwaltung.

Der Gemeinderat wird sich diesem Vorschlag ganz bestimmt nicht verschließen können. Natur ist in dieser coronalen Epoche immer besser als Kultur, die ohnehin momentan zu einem Soforthilfeanspruch depraviert. Die Natur aber, die in dem von der EU ausgerufenen Klimanotstand einen mächtigen und finanziell prächtig ausgestatteten Partner hat, ist unser Thema schlechthin - von existenzieller Bedeutung. Da geht es um die Substanz. Dabei hat man es hier mit toten Objekten der Natur zu tun, nicht mit störrischen Subjekten der Gesellschaft, mit Künstlern. Sie stehen allgemein in dem Verdacht, dass man sie nicht steuern kann. Schon gar nicht kann man vorherbestimmen, was an Produkten am Ende des kreativen Prozesses bei ihnen herauskommt. Weder ein Picasso, noch ein Grieshaber ließen sich je programmieren. Bildende und schreibende Künstler denken auch nicht in den Kategorien von sturen Naturgesetzen. Sie setzen sich eher über alle Regeln hinweg, vor allem die menschengemachten, ordnen sich nicht unter. Ausführende Künste wie die Württembergische Philharmonie oder die "Tonne", die mit vorgefertigten Produkten handeln, sind da schon bestimmbarer, sie bekommen dann auch stets ihre Prachtbauten. Nicht  nur in Reutlingen.


3. Das Dilemma. In der Kultur des Spektakels ist der Komödiant der König, meint Mario Vargos Llosa. Die Reutlinger Stadthalle ist in dieser Beziehung ein Königspalast. Die Comedians bringen Leben in die Halle für alle. Dort ist alles "live", was auf der Bühne geschieht. Was gezeigt wird, entsteht im Augenblick der Aufführung, auch wenn es vorher perfekt vorbereitet wurde. In einem Museum, in einer Galerie entstehen in der Regel die Dinge nicht dort, wo sie gezeigt werden, sondern ganz woanders - bei einem Naturkundemuseum sogar oftmals Jahrhunderte, Jahrtausende, Jahrmillionen vorher. 
Alle Jahre wieder: Event statt Advent am Naturkundemuseum

Jeder Kreative weiß, dass das, was er schöpft und zur Kultur addiert, niemals öffentlich, sondern immer privat entsteht - in einem zutiefst introvertierten, einsamen, geheimen, eigentlich auch nicht steuerbaren Prozess. Dafür braucht man keine Villa, keine Halle, keinen Saal, keinen Prachtbau - eigentlich noch nicht einmal ein Areal. Allenfalls die Umsetzung benötigt dann den eigenen Raum, das Atelier, das Studio, die Probebühne. Das Werk braucht die Werkstatt. Und die kann überall sein. Das gilt für das Lager eines Museums, das seine Objekte verwaltet und gestaltet, nicht minder. So sind beide in ihrem Anspruch auf einen Platz etwa gleichrangig. Der Unterschied: Die Kunst lebt von dem Entstehen des Neuen, das Museum von dem Erhalt des Alten. Was hat nun Vorrang? Der erste Reflex sagt vielleicht: die Kunst. Die Vernunft kontert prompt: nein, das Museum hat Priorität. 


4. Die Lösung. Kann man nicht beides miteinander verbinden? Das wäre schön, aber unmöglich, wenn man dem normalen Entweder-Oder unserer Stadtverwaltungen folgt. Versuchen wir es trotzdem - nach dem Motto: "Die Kunst der Natur und die Natur der Kunst".

So könnte es gehen: Die Stadt übergibt das Postareal dem Naturkundemuseum. Aber ein Raum bleibt frei. Jeden Monat oder jedes Quartal bekommt ein Künstler aus dem Kreis Reutlingen (oder auch nur der Stadt) die Chance, ein tatsächliches Objekt aus dem Lagerbestand des Naturkundemuseums als geistige Vorlage für ein eigenes Kunstwerk auszuwählen. Objekt und Kunstwerk werden dann im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Naturkundemuseums ausgestellt oder sonst wie zur Darbietung gebracht. Das kann ein Bild, eine Plastik, ein musikalisches, literarisches oder filmisches Werk sein. Ob die Stadt es dann endgültig erwirbt oder nicht, bleibt ihr überlassen, muss ja hier auch nicht weiter verhandelt werden. Wenn sie wirklich die Kunst vorbehaltlos fördern will (und nicht als gewährte Gunst darstellt), dann honoriert sie das Werk in der Phase seiner Entstehung mit einer Pauschale. Auf jeden Fall könnte dadurch manches Objekt aus den Beständen des Naturkundemuseums den Weg zu einem Exponat schaffen, der ihm vielleicht sonst noch lange verwehrt ist - weil es nicht ins Konzept passt oder längst vergessen ist. Ein wenig Spektakel hätte man auch.

Herauskäme dann möglichweise etwas Einzigartiges - vielleicht sogar wäre es eine echte Reutlinger Innovation, nicht etwas, was andere Städte schon tausendmal vorher vorgemacht haben. 

Natur und Kultur wären eins. Nennen wir es die "Reutlinger Naturkultur"... 

Freitag, 8. Mai 2020

Corona und der Tag der Befreiung



1990: »Ich glaube aber, wenn Sie von politischer Macht sprechen: Der muss man sich rigoros entziehen.«

Rolf Liebermann (1910-1999), Schweizer Komponist und Intendant[1]


Vielleicht nicht ganz so unzeitgemäße Betrachtungen von Raimund Vollmer


Heute ist der 8. Mai 2020. 75 Jahre nach Kriegsende, das ich um sieben Jahre verpasst habe. In den fünfziger Jahre deuteten allenfalls noch ein paar aufgeräumte Trümmergrundstücke und versandete Bombentrichter auf die Bombardierungen hin. Wir Kinder genossen in dieser Zeit eine beispiellose Freiheit. Man ließ uns allein. Und da es genug von uns gab, haben wir uns gegenseitig erzogen - was fehlte, wurde uns mit elterlicher Strenge und Güte beigebracht. Zu sehr war den Erwachsenen bewusst, durch welches Unheil sie hatten in den zwölf Jahren Nationalsozialismus haben gehen müssen. Angerichtet hatte es vor allem die Generation unserer Großeltern, die durch zwei Weltkriege marschieren mussten.

Ich habe eine wunderbare Kindheit und Jugend erlebt, auch wenn wir lernen mussten, mit der Bombe zu leben. Und wenn ich mich mit meinen Altersgenossen unterhalte, egal, aus welcher Gegend Westdeutschlands, dann ist es ihnen sehr ähnlich gegangen. Ein Atomkrieg war zwar jederzeit vorstellbar, aber doch abstrakt. Auf jeden Fall war die Welt der Kinder deutlich getrennt von der Welt der Erwachsenen, die genau damit beschäftigt waren, das Leben zu meistern. "Atomkrieg" haben wir nie gespielt. Mein Vater gönnte mir noch nicht einmal Spielpistolen, die man doch als Cowboy dringend benötigte. Er ließ mich mit leeren Cowboygürtel herumlaufen (bis es ihm selbst zu dumm wurde).

Um mehr als 60 Prozent war 1945 die Wirtschaft geschrumpft. "Wir hatten nichts, gar nichts", sagte mir gestern ein befreundeter alter Herr, der das Ende des Krieges in Stuttgart als damals sechsjähriger Bube erlebte. (Bevor sich irgendjemand aufregt: wir haben telefoniert.) Ich wollte von ihm wissen, was er davon hält, wenn unsere Bundeskanzlerin von dem stärksten Eingriff seit 1945 spricht. Die Situation war überhaupt nicht vergleichbar, was ja unsere Kanzlerin auch nicht behauptet hatte. 1945 war für sie und ist es auch für uns eine Zäsur, in das, was folgte, wurde meine Generation der Babyboomer und des Wirtschaftswunders hineingeboren. Die Epoche, in der wir aufwuchsen, Eltern und jetzt Großeltern wurden, neigt sich nun ihrem Ende entgegen. Es war eine Zeit, in der es - was meine Generation anbelangt - doch so etwas wie Urvertrauen zu Staat und Gesellschaft gab. Kritik, auch schon einmal heftig und leidenschaftlich formuliert, gehörte dazu.

Ich hatte eigentlich immer das Gefühl, in Freiheit zu leben. Ganz, ganz selten - und umso erschrockener war ich dann auch - habe ich kalte Macht gespürt. Sie kam dann stets aus dem Verborgenen, nannte nicht ihre wahren Beweggründe. Sie versteckte sich, tarnte sich. Als Mensch, der es gewohnt war mit offenem Visier zu kämpfen, war ich dann fassungslos - und ich glaube, es hat mich auch schwer verletzt.

Was sehr und wie wenig ich darauf vorbereitet war, habe ich dann vor genau zehn Jahren erfahren. Am 9. Mai 2010 wurde ich für fast drei Wochen in ein künstliches Koma gelegt. Die Erinnerungen an die Zeit des Wiederaufwachens und der Genesung gehören heute zu den kostbarsten Erfahrungen meines Lebens. Ich habe mehrere Lektionen lernen müssen. Mir wurde sehr nachdrücklich bewusst, wie wichtig mir Freiheit ist. Meine Pfleger haben mir zu verstehen gegeben, dass ich diesem Freiheitsgefühl auch im Koma sehr stark Ausdruck gegeben hätte. Die Menschen im Universitätsklinikum Tübingen habe ich in allerbester Erinnerung. Sie waren für mich niemals das Gesundheitssystem, das nun im Rahmen der Corona-Pandemie als besonders schützenswert gilt, sie waren einfach Menschen. Sie waren Menschen, die nichts anderes taten, als anderen Menschen zu helfen.

Nun erwacht die Welt gerade ebenfalls aus einer Art künstlichem Koma. Was folgt, ist dann das sogenannte Durchgangssyndrom, das mich auch voll erwischt hat und mir erschreckende, aber auch erheiternde Träume bescherte. Sie sind mit heute noch so gegenwärtig wie vor zehn Jahren.

Das Problem ist nur: Ich konnte damals nicht unterscheiden, was Traum und was Wirklichkeit war. Das voneinander zu trennen, war richtig harte Arbeit. Zum Glück hat mich die Wirklichkeit zurückgeholt - mitsamt meinen  Erinnerungen an eine wunderbare Kindheit, an ein Leben in Freiheit und Frieden.

Bevor es nun schnulzig wird, kehre ich zurück zu diesem 8. Mai 1945, dem offiziellen Kriegsende, jedenfalls aus westlicher Sicht.

Mehr als 40 Interviews habe ich seit zehn Jahren zum Thema Kriegsende und Nachkriegszeit geführt. Mit Menschen, die damals Kinder oder Jugendliche waren, darunter waren auch damalige Soldaten. Unendlich viele Erzählungen und Gedanken habe ich mit meiner Kamera aufnehmen dürfen - von Menschen, die hier aufgewachsen sind oder die das Schicksal hierher verschlagen hat. "Tag der Befreiung" hat keiner den 8. Mai genannt, sondern - ganz ohne Arg - als "Tag des Umsturzes". Sie sprachen auch vom "Feind", nicht vom Befreier. In ihnen lebt in ihren Erzählungen eine ganz andere Zeit, eine ganz andere Prägung. Natürlich würde keiner von ihnen der Rede unseres damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäckers anlässlich des 40. Jahrestages des Kriegsendes widersprechen, als er den 8. Mai zum "Tag der Befreiung" deklarierte. Denn im Nachhinein war es dies ja auch. Aber vor 75 Jahren war es vor allem "Umsturz", zwar nicht von uns selbst herbeigeführt, sondern von außen, durch die Alliierten. Man kann also sagen: Dass wir seitdem in Frieden und Freiheit leben dürfen, ist nicht unbedingt unser Verdienst.

Mir gehen diese Gedanken deshalb durch den Kopf (und ich hoffe, dass sie nicht als unbotmäßig angesehen werden), weil ich glaube, dass die Begrenzung auf das Jahr 1945 zu kurz greift, um die Pandemie zu erfassen, dass der Horizont doch deutlich weiter gefasst werden muss, eigentlich auf die letzten 250 Jahre, in der Abermillionen von Menschen ihr Leben gelassen haben, um uns dieses Leben in Freiheit zu ermöglichen. Diese Freiheit und die ihr zugrundeliegenden  Menschenrechte sind das größte Geschenk, das diese Menschen uns gegeben haben. Und dass sie dies getan haben, war bestimmt nicht für sie persönlich vernünftig, aber unglaublich wichtig für uns als Menschheit. Den Fortbestand eines Gesundheitssystems, überhaupt irgendeines Systems, hatten sie eher nicht im Sinn. Es ging ihnen um uns - als Menschen.

Wir haben in der Zeit der Corona-Pandemie geduldet, dass Freiheitsrechte eingeschränkt wurden, ob dies nun geschah, um uns vor uns selbst zu schützen oder das Gesundheitssystem vor uns, ist dabei gleichgültig. Tatsache ist, dass wir es getan haben und mit uns tun ließen. Nun hoffen wir darauf, dass diese Rechte im selben Maße wiederhergestellt werden, wie wir sie vor der Corona-Krise hatten. Das sind wir nicht nur uns schuldig, unseren Kindern und Enkelkindern, das sind wir all den Menschen schuldig, die ihr Leben gelassen haben dafür, dass wir in dieser Freiheit leben dürfen.

In diesen letzten sechs Wochen war jeder Tag eine Epoche. Alles geschah auf Sicht. Wir haben die Möglichkeiten und die Grenzen von Wissenschaft, Technik und Politik gesehen. Wir müssen das, was wir erlebt haben, nun in Perspektive setzen - persönlich und gemeinschaftlich. Vor allem aber souverän. Wir sind vor uns selbst voll in der Verantwortung.

Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung. Dahinter steht kein politischer Auftrag, sondern ein ganz persönlicher.



[1] Die Welt, 23. Juli 1990,

Bildertanz-Quelle:

Dienstag, 21. April 2020

Bekommen wir eine Coronakratie?

CORONA - unser Sorgenstern

Von Raimund Vollmer

Die folgende Story entdeckte ich in meinem Archiv, gefunden hatte ich sie rein zufällig in einer 15 Jahre alten Ausgabe des Wall Street Journals. Sie steht nicht im Verdacht, im Umfeld der Corona-Pandemie oder der Kritik von US-Präsident Trump an der WHO recherchiert worden zu sein. Eigentlich war ich nur darauf aufmerksam geworden durch den Einstieg, der Infektions- Krankheiten aufzählte, an denen jährlich Abertausende Menschen sterben, ohne dass jemand je auf den Gedanken gekommen ist, deshalb die ganze Weltwirtschaft herunterzufahren. (Ich habe diese Story adaptiert. Die Originalquelle steht unten.)


Kennen Sie Schistosomiasis ? Nein? 200 Millionen Menschen sind davon betroffen, 600 Millionen gar gefährdet. Kennen Sie den Rotavirus? Ist hochansteckend, erzeugt heftigen Durchfall, vor allem Kinder sind betroffen. Fast 500.000 Kinder sterben daran. Jährlich.
Kennen Sie Leishmaniasis? Nahezu eine halbe Million Menschen gehen daran jährlich zugrunde. Der Erreger wird über die Sandmücke übertragen, deren Bestand sich durch die globale Erderwärmung bis in unsere Sphären erweitert.
Kennen Sie japanische Encephalitis? Wer davon befallen wird, muss damit rechnen. dass diese Erkrankung sein Gehirn schädigt. Jeder Dritte stirbt sogar.
Nur wer ein besonderes Mittel, gewonnen aus dem Gehirn einer Maus, anfangs bezahlen konnte, war davor geschützt. In China war dann ein weitaus günstigerer Impfstoff entwickelt worden, der schließlich 200 Millionen Menschen verabreicht wurde. Aber nur in China. Außerhalb des Landes unterlief die Weltgesundheitsbehörde WHO die Verbreitung dieses Impfstoffs, verweigerte ihm ihren Segen. Dann kam ein Doktor 1999 auf die Idee, 200.000 Dosen dieses Impfstoffs nach Nepal auszufliegen und bewies, dass Kinder mit einer einzigen Dosis geschützt werden konnten. Doch die WHO "zuckte nur mit den Achseln und steckte ihre Finger in die Ohren", schrieb 2005 das Wall Street Journal, also lange vor Trump und Corona. Der Name des amerikanischen Arztes war Scott Halstead.
Ein Jahr später war die amerikanische Ärztin Julie Jacobson in Indien und sah, wie diese Krankheit die Krankenhäuser füllte. Als sie hörte, dass es ein preiswertes, aber von der W
HO geschmähtes Mittel dagegen gab, nahm sie wutentbrannt Kontakt zur Stiftung von Melinda und Bill Gates auf. Die Stiftung half, alle Barrieren zu überwinden.
Und die Moral von der Geschicht: Institutionen übernehmen keine Verantwortung, Menschen tun dies. Nur auf die können wir zählen.
Damit kein falscher Eindruck entsteht, diese Geschichte ist keine Antwort auf unsere Probleme, aber sie hat mich nachdenklich gemacht in meinem Vertrauen an Institutionen und deren Vernunftverstärker.


The Wall Street Journal, December 21, 2005, Sebastian Mallaby: "The Heartbreak of a Cure Within Reach"

Bildertanz-Quelle:Dimitri Drofitsch

Mittwoch, 1. April 2020

Neue Modemarke in Reutlingen kreiert - und schon gescheitert

Dies ist kein Beitrag zur Förderung der Integration unserer ausländischen Mitbürger, sondern ein absolut ernstzunehmender Vorschlag, mit dem Bürger sich vor dem Corona-Virus vollumfassend schützen können. Reutlingens Stadtmarketing, ohnehin nie zum Aprilscherzen aufgelegt, hat sich die Marke Coronani schützen lassen und beim BILDERTANZ eine Werbekampagne in Auftrag gegeben. Hier eines unserer ersten Entwürfe, das allerdings wegen Humorlosigkeit abgelehnt wurde. Oberbürgermeister Thomas Keck würde eine solche Verballhornung seines Ehrentitels auf keinen Fall hinnehmen. Dass wir dieses Bild dennoch hier veröffentlichen, hat nur einen Grund: Wir möchten uns hiermit offiziell beim Oberbürgermeister entschuldigen. Dieses Bild hätte niemals am 1. April veröffentlicht werden dürfen.

Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer

Montag, 9. März 2020

ZEITZEUGEN 1945 - EIN TRAILER


Veranstaltung erst einmal abgesagt.

Stadtpfarrer Hermann Keicher (1883-1954): Er nahm das Geheimnis mit ins Grab



Bildertanz-Quelle: Helmut Akermann

Seit 1926 war Hermann Keicher Stadtpfarrer in der Sankt-Wolfgangs-Kirche in Reutlingen.Als er 1954 starb, hatte er justament eine sehr schwierige Phase hinter sich. Denn in dem 1951 geführten Verfahren gegen Oskar-Kalbfell über die Erschießung von vier Männern, die als Geisel für den Tod eines französischen Soldaten auf Weisung der Besatzung büßen mussten, war er als Zeuge aufgerufen worden. Es ging um die Frage, wer die vier Männer benannt hatte, die - obwohl völlig unschuldig an dem Tod des Soldaten - am 24. April 1945 mit ihrem Tod dafür büßen sollten. Es war der Verdacht geäußert worden, dass Kalbfell eine Namensliste empfohlen hätte.
Der katholische Pfarrer Keicher war vom Armeegeistlichen der Franzosen aufgefordert worden, die vier Geiseln in ihren letzten Stunden zu begleiten - obwohl keiner der vier katholisch war. Das Gericht wollte 1951 von Keicher wissen, was in diesen letzten Stunden geschehen war. Der Pfarrer berief sich auf sein durch das Seelsorgeamt legitimiertes Zeugnisverweigerungsrecht. Doch das wollte das Gericht nicht akzeptieren und verdonnerte Keicher zu einer Geldstrafe. Nachdem er auch weiterhin schwieg, hätte das Gericht nun Keicher mit einer Haftstrafe belegen müssen. Doch mit Rücksicht auf sein Alter verzichtete das Gericht. Keicher schwieg über die Hintergründe auch weiterhin. Er nahm das Geheimnis mit ins Grab. Der Oberbürgermeister Kalbfell war übrigens bei der Beerdigung im Leichenzug dabei. (Raimund Vollmer)
Erwähnt sei auch noch, dass - wie sich später herausstellte - der Soldat Opfer eines Motorradunfalls gewesen war, also kein Anschlag auf ihn verübt worden war. Eine Frage, die man klären müsste, wäre, inwiefern Bürgermeister grundsätzlich von der Besatzung gezwungen wurden, vorsorglich eine solche Geiselliste herzustellen. In Pfullingen war dies zum Beispiel so.

Erstveröffentlichung am 15. August 2013 im Bildertanz-Blog

Samstag, 7. März 2020

20. April 1945: Einmarsch der Franzosen und der Beginn einer Legende...



Oberbürgermeister Kabfell

Als halb offiziell wird von den Historikern der folgende Text über den Einmarsch der Franzosen am 20. April dargestellt, mit dem Oskar Kabfell, zwischen 1945 und 1973 Oberbürgermeister der Stadt Reutlingen, sich unsterblich machte. In diesem Text - so meint der Biograph Hans-Georg Wehling in den Geschichtsblättern 1995 - kommen nur drei Namen vor: Kalbfell und Allmendinger auf deutscher Seite und auf französischer Seite der Kommandant St. Germain. Der Name des Polizeihauptmanns wird nicht aufgeführt. Auch erfahren wir nichts über die Fahrt von Betzingen bis Marktplatz, ob Schüsse fielen oder nicht. Wir wissen auch nicht, wie sich Kalbfell, der kein Französisch konnte, sich mit dem Kommandanten verständigt hat. Auf jeden Fall war zumindest in Reutlingen das Ende des Krieges gekommen. Fast gekommen. Denn da war ja noch die Geschichte mit den Geiseln

DIE OFFIZIÖSE DARSTELLUNG DER EREIGNISSE AM 19. UND 20. APRIL
»Am Nachmittag des 19. April bezog an den Ortsausgängen in Richtung Ohmenhausen und Tübingen eine deutsche Infanteriekompagnie in Stärke von etwa 120 Mann, darunter viele 15jährige Hitlerjungen, die primitiv vorbereiteten Straßensperren. Ein französischer Erkundungsvorstoß aus Richtung Tübingen wurde abgewehrt. Am Nachmittag des 20. April, einem sonnigen Frühlingstag, begann dann eine französische Panzerabteilung nach vorausgegangener Artillerievorbereitung und unter starkem Einsatz von Jagdbombern den Angriff. der deutsche Widerstand war nach zwei Stunden gebrochen, er forderte unter anderem 20 Tote, 13 abgebrannte und viele beschädigte Gebäude. Die französischen Truppen setzten anschließend zum weiteren Vorstoß in die Stadt an.

Inzwischen war es einem Bürger der Stadt, dem Kaufmann Oskar Kalbfell aus Betzingen, unter Lebensgefahr gelungen, mit dem Kommandeur der ein einrückenden Panzertruppe, dem Capitaine de St. Germain, im vordersten Panzer zu sprechen. Oskar Kalbfell versicherte hierbei dem Kommandanten, er bürge mit seinem Leben dafür, dass die Stadt kampflos übergeben werde, wenn keine weitere Beschießung und vor allem keine Bombardierung mehr erfolge. Er habe in Verbindung mit Gleichgesinnten entsprechende Vorbereitungen getroffen, um die Stadt vor einer weiteren Zerstörung zu bewahren. Der französische Kommandant nahm das Anerbieten positiv auf und befahl Oskar Kalbfell, den französischen Führungspanzer zu besteigen. Als die französische Panzerspitze mit Kalbfell auf dem Marktplatz ankam , meldete sich dort der Hauptmann der deutschen Polizei und stellte sich und seine Männer zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in Reutlingen zur Verfügung. Die offizielle Übergabe der Stadt erfolgte anschließend unter Mitwirkung des inzwischen herbeigeholten Bürgermeisters Dr. Allmendinger. Der französische Kommandant beauftragte noch am selben Abend Oskar Kalbfell mit der kommissarischen Führung der Geschäfte des Oberbürgermeisters.«
 Erstveröffentlichung, 20. April 2015

Bildertanz-Quelle:Sammlung Hermann Rieker (Foto)