Dienstag, 30. Juni 2020
Donnerstag, 18. Juni 2020
Kunst auf Lager
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| Das Postareal: Lager fürs Naturkundemuseum oder Kulturfabrik?Bildertanz-Quelle: Dimitri Drofitsch |
Natur gegen Kultur - Ein Reutlinger Verdrängungswettbewerb?
Ein Lösungsversuch von Raimund Vollmer
1. Die Kritik: Allein der Name "Kulturfabrik" war
alles andere als glücklich. Aber es ist nun einmal seit einem halben
Jahrhundert höchste Reutlinger Kunst, danebenzugreifen. Reutlingen, so lange schon die
verkrampfte Imitation einer Großstadt, findet einfach nicht zu sich selbst. Wer
aus einer Mauerlücke "die engste Straße der Welt" fabriziert, wer
historische Bauten wie den Zwiefalter Hof in ein hässliches Parkhaus
verwandelt, wer eine heißgeliebte, denkmalwürdige Straßenbahn hemmungslos den
profanen Dieselriesen opfert, wer das "Tor zur Schwäbischen Alb", den
weiten Blick auf dieses Panorama, durch Hochbauten zu versperren sucht, wer
Erkennungsmerkmale wie den Springbrunnen am Bahnhof zuschüttet und zugleich die
Stadt zu einer abstrakten Marke hochstilisiert, der erfindet sich die Welt, wie
sie ihm gefällt: ohne intellektuelles Rückgrat, ohne Auseinandersetzung mit den
Künsten, ohne Rück-Sicht auf sich selbst. Kultur ist dann nur noch selbstgefällige, narzisstische Nabelschau.
| 2018: Der Markenfindungsprozess: Kultur als Spektakel BildertanzQuelle: RV |
Aus einer alten, sich selbst langweilenden und vergessenden
Reichsstadt sollte vor zwei Jahren eine Marke gewonnen werden, die Reutlingen endgültig
in die künstliche Zeitlosigkeit des ewigen Jetzt entführen durfte. Eine Stadt, die
sich ein Image fabriziert, hergestellt in den Automaten einer Marketingfabrik: das
war der Topdown-Mechanismus, wie ihn die damalige Oberbürgermeisterin Barbara
Bosch schätzte. Das Experiment ging gründlich daneben, produzierte in der
Stadthalle allenfalls eine komödiantische "Kultur des Spektakels", um
eine Lieblingswendung des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa (*1936)
zu verwenden. Die Marke - ein Produkt der "Kulturindustrie". Schon
dieser Begriff signalisiert (wie der der "Kulturfabrik"), wohin die
Kultur unentwegt vereinnahmt wird.
2013: »Am erschreckendsten an der Entwicklung in der modernen Kunst ist aber die Tatsache, dass es mittlerweile überhaupt kein objektives Kriterium mehr gibt, mit dem man ein Kunstwerk hoch- oder geringschätzen könnte, es lässt sich in keine Hierarchie mehr einordnen.«Mario Vargas Llosa (*1936), peruanischer Schriftsteller und Nobelpreisträger
2. Die Herausforderung. Nun sollen aus dem Postareal, das
keiner mehr braucht, nicht mehr jene freien Künstlerateliers werden, die
Experten der Stadt im Umfeld einer Kulturkonzeption vorschlugen, sondern die
Räumlichkeiten sollen dem Naturkundemuseum als Lager zugeschlagen werden. Der
ursprüngliche Ansatz wäre ohnehin widersinnig gewesen. Kunst-Ateliers haben mit
dem Betrieb einer durchgeregelten "Fabrik" nichts zu tun. Jetzt soll also
stattdessen - "aus Sicht der Verwaltung" - daraus eine Büro-, Lager-
und Werkstatt für das Naturkundemuseum werden. Analog zur
"Kulturfabrik" - bekämen wir demnach eine "Naturfabrik" für
den Museumsbetrieb. Nach dem Wegfall des Heinzelmann-Areals, das dem
Naturkundemuseum bislang als Lager diente, wäre das Postareal die neue
Zwischenstation. So die nachdrückliche Empfehlung der Verwaltung.
Der Gemeinderat wird sich diesem Vorschlag ganz bestimmt
nicht verschließen können. Natur ist in dieser coronalen Epoche immer besser
als Kultur, die ohnehin momentan zu einem Soforthilfeanspruch depraviert. Die
Natur aber, die in dem von der EU ausgerufenen Klimanotstand einen mächtigen
und finanziell prächtig ausgestatteten Partner hat, ist unser Thema schlechthin
- von existenzieller Bedeutung. Da geht es um die Substanz. Dabei hat man es hier
mit toten Objekten der Natur zu tun, nicht mit störrischen Subjekten der
Gesellschaft, mit Künstlern. Sie stehen allgemein in dem Verdacht, dass man sie
nicht steuern kann. Schon gar nicht kann man vorherbestimmen, was an Produkten am
Ende des kreativen Prozesses bei ihnen herauskommt. Weder ein Picasso, noch ein
Grieshaber ließen sich je programmieren. Bildende und schreibende Künstler
denken auch nicht in den Kategorien von sturen Naturgesetzen. Sie setzen sich
eher über alle Regeln hinweg, vor allem die menschengemachten, ordnen sich
nicht unter. Ausführende Künste wie die Württembergische Philharmonie oder die
"Tonne", die mit vorgefertigten Produkten handeln, sind da schon bestimmbarer,
sie bekommen dann auch stets ihre Prachtbauten. Nicht nur in Reutlingen.
3. Das Dilemma. In der Kultur des Spektakels ist der
Komödiant der König, meint Mario Vargos Llosa. Die Reutlinger Stadthalle ist in
dieser Beziehung ein Königspalast. Die Comedians bringen Leben in die Halle für
alle. Dort ist alles "live", was auf der Bühne geschieht. Was gezeigt
wird, entsteht im Augenblick der Aufführung, auch wenn es vorher perfekt
vorbereitet wurde. In einem Museum, in einer Galerie entstehen in der Regel die
Dinge nicht dort, wo sie gezeigt werden, sondern ganz woanders - bei einem
Naturkundemuseum sogar oftmals Jahrhunderte, Jahrtausende, Jahrmillionen
vorher.
| Alle Jahre wieder: Event statt Advent am Naturkundemuseum |
Jeder Kreative weiß, dass das, was er schöpft und zur Kultur addiert, niemals öffentlich, sondern immer privat entsteht - in einem zutiefst introvertierten,
einsamen, geheimen, eigentlich auch nicht steuerbaren Prozess. Dafür braucht
man keine Villa, keine Halle, keinen Saal, keinen Prachtbau - eigentlich noch
nicht einmal ein Areal. Allenfalls die Umsetzung benötigt dann den eigenen
Raum, das Atelier, das Studio, die Probebühne. Das Werk braucht die Werkstatt. Und
die kann überall sein. Das gilt für das Lager eines Museums, das seine Objekte
verwaltet und gestaltet, nicht minder. So sind beide in ihrem Anspruch auf einen
Platz etwa gleichrangig. Der Unterschied: Die Kunst lebt von dem Entstehen des
Neuen, das Museum von dem Erhalt des Alten. Was hat nun Vorrang? Der erste
Reflex sagt vielleicht: die Kunst. Die Vernunft kontert prompt: nein, das
Museum hat Priorität.
4. Die Lösung. Kann man nicht beides miteinander verbinden?
Das wäre schön, aber unmöglich, wenn man dem normalen Entweder-Oder unserer Stadtverwaltungen
folgt. Versuchen wir es trotzdem - nach dem Motto: "Die Kunst der Natur
und die Natur der Kunst".
So könnte es gehen: Die Stadt übergibt das Postareal dem
Naturkundemuseum. Aber ein Raum bleibt frei. Jeden Monat oder jedes Quartal bekommt
ein Künstler aus dem Kreis Reutlingen (oder auch nur der Stadt) die Chance, ein
tatsächliches Objekt aus dem Lagerbestand des Naturkundemuseums als geistige Vorlage
für ein eigenes Kunstwerk auszuwählen. Objekt und Kunstwerk werden dann im
Rahmen der Veranstaltungsreihe des Naturkundemuseums ausgestellt oder sonst wie
zur Darbietung gebracht. Das kann ein Bild, eine Plastik, ein musikalisches, literarisches
oder filmisches Werk sein. Ob die Stadt es dann endgültig erwirbt oder nicht, bleibt ihr
überlassen, muss ja hier auch nicht weiter verhandelt werden. Wenn sie wirklich
die Kunst vorbehaltlos fördern will (und nicht als gewährte Gunst darstellt),
dann honoriert sie das Werk in der Phase seiner Entstehung mit einer Pauschale.
Auf jeden Fall könnte dadurch manches Objekt aus den Beständen des
Naturkundemuseums den Weg zu einem Exponat schaffen, der ihm vielleicht sonst
noch lange verwehrt ist - weil es nicht ins Konzept passt oder längst vergessen ist. Ein wenig
Spektakel hätte man auch.
Herauskäme dann möglichweise etwas Einzigartiges -
vielleicht sogar wäre es eine echte Reutlinger Innovation, nicht etwas, was
andere Städte schon tausendmal vorher vorgemacht haben.
Natur und Kultur wären eins. Nennen wir es die "Reutlinger Naturkultur"...
Natur und Kultur wären eins. Nennen wir es die "Reutlinger Naturkultur"...
Samstag, 23. Mai 2020
Freitag, 22. Mai 2020
Freitag, 8. Mai 2020
Corona und der Tag der Befreiung
1990: »Ich glaube aber, wenn Sie von politischer
Macht sprechen: Der muss man sich rigoros entziehen.«
Rolf Liebermann (1910-1999), Schweizer Komponist und Intendant[1]
Vielleicht nicht ganz so unzeitgemäße Betrachtungen von Raimund Vollmer
Heute ist der 8. Mai 2020. 75 Jahre nach Kriegsende, das ich
um sieben Jahre verpasst habe. In den fünfziger Jahre deuteten allenfalls noch
ein paar aufgeräumte Trümmergrundstücke und versandete Bombentrichter auf die
Bombardierungen hin. Wir Kinder genossen in dieser Zeit eine beispiellose
Freiheit. Man ließ uns allein. Und da es genug von uns gab, haben wir uns
gegenseitig erzogen - was fehlte, wurde uns mit elterlicher Strenge und Güte
beigebracht. Zu sehr war den Erwachsenen bewusst, durch welches Unheil sie
hatten in den zwölf Jahren Nationalsozialismus haben gehen müssen. Angerichtet
hatte es vor allem die Generation unserer Großeltern, die durch zwei Weltkriege marschieren mussten.
Ich habe eine wunderbare Kindheit und Jugend erlebt, auch
wenn wir lernen mussten, mit der Bombe zu leben. Und wenn ich mich mit meinen
Altersgenossen unterhalte, egal, aus welcher Gegend Westdeutschlands, dann ist
es ihnen sehr ähnlich gegangen. Ein Atomkrieg war zwar jederzeit vorstellbar,
aber doch abstrakt. Auf jeden Fall war die Welt der Kinder deutlich getrennt
von der Welt der Erwachsenen, die genau damit beschäftigt waren, das Leben zu
meistern. "Atomkrieg" haben wir nie gespielt. Mein Vater gönnte mir
noch nicht einmal Spielpistolen, die man doch als Cowboy dringend benötigte. Er
ließ mich mit leeren Cowboygürtel herumlaufen (bis es ihm selbst zu dumm
wurde).
Um mehr als 60 Prozent war 1945 die Wirtschaft geschrumpft.
"Wir hatten nichts, gar nichts", sagte mir gestern ein befreundeter
alter Herr, der das Ende des Krieges in Stuttgart als damals sechsjähriger Bube
erlebte. (Bevor sich irgendjemand aufregt: wir haben telefoniert.) Ich wollte
von ihm wissen, was er davon hält, wenn unsere Bundeskanzlerin von dem
stärksten Eingriff seit 1945 spricht. Die Situation war überhaupt nicht
vergleichbar, was ja unsere Kanzlerin auch nicht behauptet hatte. 1945 war für
sie und ist es auch für uns eine Zäsur, in das, was folgte, wurde meine
Generation der Babyboomer und des Wirtschaftswunders hineingeboren. Die Epoche,
in der wir aufwuchsen, Eltern und jetzt Großeltern wurden, neigt sich nun ihrem
Ende entgegen. Es war eine Zeit, in der es - was meine Generation anbelangt -
doch so etwas wie Urvertrauen zu Staat und Gesellschaft gab. Kritik, auch schon
einmal heftig und leidenschaftlich formuliert, gehörte dazu.
Ich hatte eigentlich immer das Gefühl, in Freiheit zu leben.
Ganz, ganz selten - und umso erschrockener war ich dann auch - habe ich kalte
Macht gespürt. Sie kam dann stets aus dem Verborgenen, nannte nicht ihre wahren
Beweggründe. Sie versteckte sich, tarnte sich. Als Mensch, der es gewohnt war
mit offenem Visier zu kämpfen, war ich dann fassungslos - und ich glaube, es
hat mich auch schwer verletzt.
Was sehr und wie wenig ich darauf vorbereitet war, habe ich
dann vor genau zehn Jahren erfahren. Am 9. Mai 2010 wurde ich für fast drei
Wochen in ein künstliches Koma gelegt. Die Erinnerungen an die Zeit des
Wiederaufwachens und der Genesung gehören heute zu den kostbarsten Erfahrungen
meines Lebens. Ich habe mehrere Lektionen lernen müssen. Mir wurde sehr
nachdrücklich bewusst, wie wichtig mir Freiheit ist. Meine Pfleger haben mir zu
verstehen gegeben, dass ich diesem Freiheitsgefühl auch im Koma sehr stark
Ausdruck gegeben hätte. Die Menschen im Universitätsklinikum Tübingen habe ich
in allerbester Erinnerung. Sie waren für mich niemals das Gesundheitssystem,
das nun im Rahmen der Corona-Pandemie als besonders schützenswert gilt, sie
waren einfach Menschen. Sie waren Menschen, die nichts anderes taten, als
anderen Menschen zu helfen.
Nun erwacht die Welt gerade ebenfalls aus einer Art
künstlichem Koma. Was folgt, ist dann das sogenannte Durchgangssyndrom, das
mich auch voll erwischt hat und mir erschreckende, aber auch erheiternde Träume
bescherte. Sie sind mit heute noch so gegenwärtig wie vor zehn Jahren.
Das Problem ist nur: Ich konnte damals nicht unterscheiden,
was Traum und was Wirklichkeit war. Das voneinander zu trennen, war richtig
harte Arbeit. Zum Glück hat mich die Wirklichkeit zurückgeholt - mitsamt
meinen Erinnerungen an eine wunderbare
Kindheit, an ein Leben in Freiheit und Frieden.
Bevor es nun schnulzig wird, kehre ich zurück zu diesem 8.
Mai 1945, dem offiziellen Kriegsende, jedenfalls aus westlicher Sicht.
Mehr als 40 Interviews habe ich seit zehn Jahren zum Thema
Kriegsende und Nachkriegszeit geführt. Mit Menschen, die damals Kinder oder
Jugendliche waren, darunter waren auch damalige Soldaten. Unendlich viele
Erzählungen und Gedanken habe ich mit meiner Kamera aufnehmen dürfen - von
Menschen, die hier aufgewachsen sind oder die das Schicksal hierher verschlagen
hat. "Tag der Befreiung" hat keiner den 8. Mai genannt, sondern -
ganz ohne Arg - als "Tag des Umsturzes". Sie sprachen auch vom
"Feind", nicht vom Befreier. In ihnen lebt in ihren Erzählungen eine
ganz andere Zeit, eine ganz andere Prägung. Natürlich würde keiner von ihnen
der Rede unseres damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäckers anlässlich
des 40. Jahrestages des Kriegsendes widersprechen, als er den 8. Mai zum
"Tag der Befreiung" deklarierte. Denn im Nachhinein war es dies ja
auch. Aber vor 75 Jahren war es vor allem "Umsturz", zwar nicht von
uns selbst herbeigeführt, sondern von außen, durch die Alliierten. Man kann
also sagen: Dass wir seitdem in Frieden und Freiheit leben dürfen, ist nicht
unbedingt unser Verdienst.
Mir gehen diese Gedanken deshalb durch den Kopf (und ich
hoffe, dass sie nicht als unbotmäßig angesehen werden), weil ich glaube, dass
die Begrenzung auf das Jahr 1945 zu kurz greift, um die Pandemie zu erfassen, dass
der Horizont doch deutlich weiter gefasst werden muss, eigentlich auf die
letzten 250 Jahre, in der Abermillionen von Menschen ihr Leben gelassen haben,
um uns dieses Leben in Freiheit zu ermöglichen. Diese Freiheit und die ihr
zugrundeliegenden Menschenrechte sind
das größte Geschenk, das diese Menschen uns gegeben haben. Und dass sie dies
getan haben, war bestimmt nicht für sie persönlich vernünftig, aber unglaublich
wichtig für uns als Menschheit. Den Fortbestand eines Gesundheitssystems, überhaupt
irgendeines Systems, hatten sie eher nicht im Sinn. Es ging ihnen um uns - als
Menschen.
Wir haben in der Zeit der Corona-Pandemie geduldet, dass Freiheitsrechte
eingeschränkt wurden, ob dies nun geschah, um uns vor uns selbst zu schützen
oder das Gesundheitssystem vor uns, ist dabei gleichgültig. Tatsache ist, dass
wir es getan haben und mit uns tun ließen. Nun hoffen wir darauf, dass diese
Rechte im selben Maße wiederhergestellt werden, wie wir sie vor der
Corona-Krise hatten. Das sind wir nicht nur uns schuldig, unseren Kindern und
Enkelkindern, das sind wir all den Menschen schuldig, die ihr Leben gelassen
haben dafür, dass wir in dieser Freiheit leben dürfen.
In diesen letzten sechs Wochen war jeder Tag eine Epoche.
Alles geschah auf Sicht. Wir haben die Möglichkeiten und die Grenzen von
Wissenschaft, Technik und Politik gesehen. Wir müssen das, was wir erlebt
haben, nun in Perspektive setzen - persönlich und gemeinschaftlich. Vor allem
aber souverän. Wir sind vor uns selbst voll in der Verantwortung.
Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung. Dahinter steht kein politischer Auftrag, sondern ein ganz persönlicher.
Bildertanz-Quelle:
Dienstag, 21. April 2020
Bekommen wir eine Coronakratie?
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| CORONA - unser Sorgenstern |
Von Raimund Vollmer
Die folgende Story entdeckte ich in meinem Archiv, gefunden hatte ich sie rein zufällig in einer 15 Jahre alten Ausgabe des Wall Street Journals. Sie steht nicht im Verdacht, im Umfeld der Corona-Pandemie oder der Kritik von US-Präsident Trump an der WHO recherchiert worden zu sein. Eigentlich war ich nur darauf aufmerksam geworden durch den Einstieg, der Infektions- Krankheiten aufzählte, an denen jährlich Abertausende Menschen sterben, ohne dass jemand je auf den Gedanken gekommen ist, deshalb die ganze Weltwirtschaft herunterzufahren. (Ich habe diese Story adaptiert. Die Originalquelle steht unten.)
Kennen Sie Schistosomiasis ? Nein? 200 Millionen Menschen sind davon betroffen, 600 Millionen gar gefährdet. Kennen Sie den Rotavirus? Ist hochansteckend, erzeugt heftigen Durchfall, vor allem Kinder sind betroffen. Fast 500.000 Kinder sterben daran. Jährlich.
Kennen Sie Leishmaniasis? Nahezu eine halbe Million Menschen gehen daran jährlich zugrunde. Der Erreger wird über die Sandmücke übertragen, deren Bestand sich durch die globale Erderwärmung bis in unsere Sphären erweitert.
Kennen Sie japanische Encephalitis? Wer davon befallen wird, muss damit rechnen. dass diese Erkrankung sein Gehirn schädigt. Jeder Dritte stirbt sogar.
Nur wer ein besonderes Mittel, gewonnen aus dem Gehirn einer Maus, anfangs bezahlen konnte, war davor geschützt. In China war dann ein weitaus günstigerer Impfstoff entwickelt worden, der schließlich 200 Millionen Menschen verabreicht wurde. Aber nur in China. Außerhalb des Landes unterlief die Weltgesundheitsbehörde WHO die Verbreitung dieses Impfstoffs, verweigerte ihm ihren Segen. Dann kam ein Doktor 1999 auf die Idee, 200.000 Dosen dieses Impfstoffs nach Nepal auszufliegen und bewies, dass Kinder mit einer einzigen Dosis geschützt werden konnten. Doch die WHO "zuckte nur mit den Achseln und steckte ihre Finger in die Ohren", schrieb 2005 das Wall Street Journal, also lange vor Trump und Corona. Der Name des amerikanischen Arztes war Scott Halstead.
Ein Jahr später war die amerikanische Ärztin Julie Jacobson in Indien und sah, wie diese Krankheit die Krankenhäuser füllte. Als sie hörte, dass es ein preiswertes, aber von der WHO geschmähtes Mittel dagegen gab, nahm sie wutentbrannt Kontakt zur Stiftung von Melinda und Bill Gates auf. Die Stiftung half, alle Barrieren zu überwinden.
Und die Moral von der Geschicht: Institutionen übernehmen keine Verantwortung, Menschen tun dies. Nur auf die können wir zählen.
Damit kein falscher Eindruck entsteht, diese Geschichte ist keine Antwort auf unsere Probleme, aber sie hat mich nachdenklich gemacht in meinem Vertrauen an Institutionen und deren Vernunftverstärker.
The Wall Street Journal, December 21, 2005, Sebastian Mallaby: "The Heartbreak of a Cure Within Reach"
Bildertanz-Quelle:Dimitri Drofitsch
Mittwoch, 1. April 2020
Neue Modemarke in Reutlingen kreiert - und schon gescheitert
Dies ist kein Beitrag zur Förderung der Integration unserer ausländischen Mitbürger, sondern ein absolut ernstzunehmender Vorschlag, mit dem Bürger sich vor dem Corona-Virus vollumfassend schützen können. Reutlingens Stadtmarketing, ohnehin nie zum Aprilscherzen aufgelegt, hat sich die Marke Coronani schützen lassen und beim BILDERTANZ eine Werbekampagne in Auftrag gegeben. Hier eines unserer ersten Entwürfe, das allerdings wegen Humorlosigkeit abgelehnt wurde. Oberbürgermeister Thomas Keck würde eine solche Verballhornung seines Ehrentitels auf keinen Fall hinnehmen. Dass wir dieses Bild dennoch hier veröffentlichen, hat nur einen Grund: Wir möchten uns hiermit offiziell beim Oberbürgermeister entschuldigen. Dieses Bild hätte niemals am 1. April veröffentlicht werden dürfen.
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer
Sonntag, 29. März 2020
Montag, 9. März 2020
Stadtpfarrer Hermann Keicher (1883-1954): Er nahm das Geheimnis mit ins Grab
Bildertanz-Quelle: Helmut Akermann
Seit 1926 war Hermann Keicher Stadtpfarrer in der Sankt-Wolfgangs-Kirche in Reutlingen.Als er 1954 starb, hatte er justament eine sehr schwierige Phase hinter sich. Denn in dem 1951 geführten Verfahren gegen Oskar-Kalbfell über die Erschießung von vier Männern, die als Geisel für den Tod eines französischen Soldaten auf Weisung der Besatzung büßen mussten, war er als Zeuge aufgerufen worden. Es ging um die Frage, wer die vier Männer benannt hatte, die - obwohl völlig unschuldig an dem Tod des Soldaten - am 24. April 1945 mit ihrem Tod dafür büßen sollten. Es war der Verdacht geäußert worden, dass Kalbfell eine Namensliste empfohlen hätte.
Der katholische Pfarrer Keicher war vom Armeegeistlichen der Franzosen aufgefordert worden, die vier Geiseln in ihren letzten Stunden zu begleiten - obwohl keiner der vier katholisch war. Das Gericht wollte 1951 von Keicher wissen, was in diesen letzten Stunden geschehen war. Der Pfarrer berief sich auf sein durch das Seelsorgeamt legitimiertes Zeugnisverweigerungsrecht. Doch das wollte das Gericht nicht akzeptieren und verdonnerte Keicher zu einer Geldstrafe. Nachdem er auch weiterhin schwieg, hätte das Gericht nun Keicher mit einer Haftstrafe belegen müssen. Doch mit Rücksicht auf sein Alter verzichtete das Gericht. Keicher schwieg über die Hintergründe auch weiterhin. Er nahm das Geheimnis mit ins Grab. Der Oberbürgermeister Kalbfell war übrigens bei der Beerdigung im Leichenzug dabei. (Raimund Vollmer)
Erwähnt sei auch noch, dass - wie sich später herausstellte - der Soldat Opfer eines Motorradunfalls gewesen war, also kein Anschlag auf ihn verübt worden war. Eine Frage, die man klären müsste, wäre, inwiefern Bürgermeister grundsätzlich von der Besatzung gezwungen wurden, vorsorglich eine solche Geiselliste herzustellen. In Pfullingen war dies zum Beispiel so.
Erstveröffentlichung am 15. August 2013 im Bildertanz-Blog
Samstag, 7. März 2020
20. April 1945: Einmarsch der Franzosen und der Beginn einer Legende...
Oberbürgermeister Kabfell
Als halb offiziell wird von den Historikern der folgende Text über den Einmarsch der Franzosen am 20. April dargestellt, mit dem Oskar Kabfell, zwischen 1945 und 1973 Oberbürgermeister der Stadt Reutlingen, sich unsterblich machte. In diesem Text - so meint der Biograph Hans-Georg Wehling in den Geschichtsblättern 1995 - kommen nur drei Namen vor: Kalbfell und Allmendinger auf deutscher Seite und auf französischer Seite der Kommandant St. Germain. Der Name des Polizeihauptmanns wird nicht aufgeführt. Auch erfahren wir nichts über die Fahrt von Betzingen bis Marktplatz, ob Schüsse fielen oder nicht. Wir wissen auch nicht, wie sich Kalbfell, der kein Französisch konnte, sich mit dem Kommandanten verständigt hat. Auf jeden Fall war zumindest in Reutlingen das Ende des Krieges gekommen. Fast gekommen. Denn da war ja noch die Geschichte mit den Geiseln
DIE OFFIZIÖSE DARSTELLUNG DER EREIGNISSE AM 19. UND 20. APRIL
»Am Nachmittag des 19. April bezog an den Ortsausgängen in
Richtung Ohmenhausen und Tübingen eine deutsche Infanteriekompagnie in Stärke
von etwa 120 Mann, darunter viele 15jährige Hitlerjungen, die primitiv
vorbereiteten Straßensperren. Ein französischer Erkundungsvorstoß aus Richtung
Tübingen wurde abgewehrt. Am Nachmittag des 20. April, einem sonnigen
Frühlingstag, begann dann eine französische Panzerabteilung nach
vorausgegangener Artillerievorbereitung und unter starkem Einsatz von
Jagdbombern den Angriff. der deutsche Widerstand war nach zwei Stunden
gebrochen, er forderte unter anderem 20 Tote, 13 abgebrannte und viele
beschädigte Gebäude. Die französischen Truppen setzten anschließend zum
weiteren Vorstoß in die Stadt an.
Inzwischen war es einem Bürger der Stadt, dem Kaufmann Oskar
Kalbfell aus Betzingen, unter Lebensgefahr gelungen, mit dem Kommandeur der ein
einrückenden Panzertruppe, dem Capitaine de St. Germain, im vordersten Panzer
zu sprechen. Oskar Kalbfell versicherte hierbei dem Kommandanten, er bürge mit
seinem Leben dafür, dass die Stadt kampflos übergeben werde, wenn keine weitere
Beschießung und vor allem keine Bombardierung mehr erfolge. Er habe in
Verbindung mit Gleichgesinnten entsprechende Vorbereitungen getroffen, um die
Stadt vor einer weiteren Zerstörung zu bewahren. Der französische Kommandant
nahm das Anerbieten positiv auf und befahl Oskar Kalbfell, den französischen
Führungspanzer zu besteigen. Als die französische Panzerspitze mit Kalbfell auf
dem Marktplatz ankam , meldete sich dort der Hauptmann der deutschen Polizei
und stellte sich und seine Männer zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in
Reutlingen zur Verfügung. Die offizielle Übergabe der Stadt erfolgte
anschließend unter Mitwirkung des inzwischen herbeigeholten Bürgermeisters Dr.
Allmendinger. Der französische Kommandant beauftragte noch am selben Abend
Oskar Kalbfell mit der kommissarischen Führung der Geschäfte des
Oberbürgermeisters.«
Erstveröffentlichung, 20. April 2015
Bildertanz-Quelle:Sammlung Hermann Rieker (Foto)
Erstveröffentlichung, 20. April 2015
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