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Samstag, 4. Juli 2015

Bürgerversammlung am 9. Juli, 20.00 Uhr in der Stadthalle




"Auf eine lebendige Diskussion" mit den Reutlingern freut sich unsere Oberbürgermeisterin, die uns zu einer Bürgerversammlung in den großen Saal der Stadthalle einlädt. Am 9. Juli 2015, Beginn: 20.00 Uhr. Und damit wir uns vorbereiten können, veröffentlichen wir hier die "Beschlussvorlage über die Antragsstellung zur Gründung eines Stadtkreises", über die der Stadtrat jetzt zu entscheiden hat.

Die Auskreisung, die Bürgerversammlung und der Bildertanz
Kommentar von Raimund Vollmer
Es ist ein durchaus lesenswertes Papier, diese Beschlussfassung, die natürlich alle "Argumente" (so der Untertitel der Broschüre) für die Gründung enthält. Wenn aus der Bürgerversammlung nicht nur eine Bürgerbefragung, wie sie diskutiert wird, sondern ein Bürgerentscheid werden würde, wäre die ganze Aktion geradezu vorbildlich. Denn dann würde in der ganzen Stadt leidenschaftlich über unsere Zukunft diskutiert - mit nicht nur repräsentativen Ergebnissen, die ja bei einer bloßen Befragung keineswegs in geheimer Wahl erzielt würden. Eine Bürgerentscheid wäre - der Name sagt es - eine Entscheidung, die eine direkte Identifikation bedeutet. Im Unterschied zu Stuttgart 21 (oder dem griechischen Referendum) wäre das Ja ein Ja und das Nein ein Nein, es wäre ohne jeden der Manipulation verdächtigen Einschlag. Es wäre herrlich. 
Es würde aber sogar noch etwas ganz anderes dabei herauskommen. Bei einem Ja für die Gründung eines Stadtkreises wäre auch entschieden, dass sich Reutlingen von Altenburg bis Betzingen, von Ohmenhausen bis Gönningen, von Sondelfingen bis Bronnweiler als eine einzige Stadt definiert. Dieser Bildertanz, der seit zehn Jahren die Entwicklung unserer Stadt immer wieder aus dem Blickwinkel der Dörfer betrachtet hat, der sich seit 2009 im Internet täglich bemüht, die Identität der Dörfer mit sich selbst zu stützen, musste in den letzten drei Jahren immer häufiger feststellen, dass dieser Zusammenhalt von immer weniger Leuten gepflegt wird. Das Dorf scheitert nicht an fehlenden Investitionen oder mangelhaften Infrastrukturen, das Dorf scheitert an zu geringer Identifikation. Es dient nicht mehr dem Zusammenhalt, sondern - wie die Stadt - der Zerstreuung. Und auch da geht das Angebot über Würstchen und Bier kaum hinaus.
Das haben wir immer stärker feststellen müssen. Zugleich haben wir bemerkt, dass das Interesse für die Stadt an sich gestiegen ist. Und das hat nicht etwa damit, dass die Zerstreuung, die eine Stadt wie Reutlingen bietet, besonders attraktiv ist. Da ist vieles eher sehr verbesserungswürdig. Nein, die Menschen wollen die Impulse einer Stadt, sie wollen etwas für Herz und Hirn.
Wir erreichen über Facebook, wo wir jetzt seit zwei Jahren aktiv sind, zwischen 10.000 und 25.000 Bürger pro Woche. Das ist eine Verdoppelung und Vervierfachung gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Dabei haben wir noch nie auch nur einen einzigen Pfennig in die Bewerbung dieser Seite investiert. Wir haben auch keine "Gefällt mir"-Schaltungen "gekauft". Wir haben eine allein auf unsere Inhalte basierende Öffentlichkeit. Wir werden auch von nichts und niemandem finanziell unterstützt. Was wir hier also auf ziemlich neutralem Hintergrund feststellen, ist, dass Reutlingen als Stadt zum wichtigsten Identifikationsgeber avanciert. Wir bilden und dabei durchaus etwas darauf ein, dass wir mit unseren Bildern aus Gegenwart und Geschichte etwas dazu beigetragen haben. Wir sehen, in der Kritik ebenso wie im Lob, identifizieren sich die Bürger mit ihrer Stadt. Die Bürger - so meinen wir zu spüren - wollen ein selbstbewusstes und selbstgewisses Reutlingen.
Gestern saßen Werner Früh, Wolf-Rüdiger Gassman und ich zu einem Glas Bier in der Altenburger Sportgaststätte zusammen. Wir haben unsere Eindrücke und Erfahrungen ausgetauscht. Dabei waren wir uns einig, dass im Unterschied zu anderen Facebook-Clubs und -Groups bei uns in den Kommentaren ein sehr gepflegter Ton herrscht. Darauf waren wir besonders stolz, dass hinter uns Leute stehen, die nicht andere verunglimpfen oder Hasstiraden loswerden. Es geht sicherlich schon einmal rauh und ruppig zu, auch uns gegenüber, aber stets unterlegt mit einer Herzlichkeit und Würde, die uns sehr, sehr freut. Unsere Leser möchten stolz sein auf ihre Stadt. Deshalb gehen sie kritisch mit ihr um. Wir fragten uns allerdings, wo die Stadträte und Bezirksgemeinderäte sind, die sich in unsere Diskussionen einschalten und mitmachen. Da ist die Stadtverwaltung (vor allem Katrin Korth) rühriger. 
Wir haben oft den Eindruck, dass die offizielle Szene nur Seitensteher ist. Wir meinen, dass dies eine Haltung ist, die keine Zukunft hat. Vielleicht haben die Vertreter sogar Angst, zum Beispiel durch einen Bürgerentscheid (keine Bürgerbefragung, das ist zu larifari) an Autorität einzubüßen. Vielleicht nehmen sie uns aber auch gar nicht ernst, wollen uns totschweigen. Das ist uns (offiziell) relativ egal. Inoffiziell ärgert uns das. Nicht etwa aus Eitelkeit, die spielt auch eine Rolle, sondern weil die Räte die Riesenchance verpassen, mit uns in einen fröhlichen und erfrischenden Dialog zu kommen. Wir wollen ja von ihnen lernen, so wie sie von uns vieles erfahren können, was uns bewegt.
Kardinal Richelieu hat einmal gesagt: "Minderheiten haben die Tendenz zu wachsen." Wir vom Bildertanz können diese These nur bestätigen. Schon deshalb machen wir fröhlich weiter.
DER KOMPLETTE TEXT DER BESCHLUSSFASSUNG,
über den unsere Stadträte am 23. Juli entscheiden werden, 

Samstag, 20. Juni 2015

Die Revolution von oben - Reutlingen im Zeitbruch

Die Einkreisung in der Auskreisung 
Oder: Reutlingens neue Stadtmauern


Eine unzeitgemäße Betrachtung zu unserer Stadt - Von Raimund Vollmer
Noch vor wenigen Wochen erzeugte das Thema "Auskreisung" an den Stammtischen Reutlingens und Umgebung nur ein müdes Lächeln. Nach zwei Minuten war zu diesem Punkt alles gesagt. "Kompletter Blödsinn", "Quatsch", "hirnrissig", "absurd" und ähnliche unwidersprochene Begriffe beendeten jede Diskussion. Inzwischen jedoch wühlt das Thema "Auskreisung" die Gemüter mächtig auf. Es ist nicht so, dass sich die gefühlte Zahl derjenigen, die für die Auskreisung sind, irgendwie erhöht hat. Aber jetzt wird leidenschaftlich diskutiert. Das füllt die Stammtischabende. Oberbürgermeisterin Barbara Bosch hat es geschafft, dass wir uns endlich einmal ganzheitlich mit der Zukunft unserer Stadt beschäftigen. Frau Bosch plant die Revolution von oben. Egal, ob sie uns nun gefällt oder nicht, überfällig ist sie allemal.
40 Jahre nach dem Ende der Gebiets- und Verwaltungsreform ist es dringend erforderlich, dass mal wieder alle Themen, die mit den vollzogenen Eingemeindungen und Neuordnungen der Kreise verdrängt wurden, aufs Tableau kommen. Insofern hat unsere Oberbürgermeisterin mit ihrem Wunsch nach Auskreisung die Büchse der Pandora geöffnet. Dabei ist die Auskreisung selbst nur der Anlass, aber nicht der Grund dafür, dass es demnächst in unserer Stadt heftige, deftige, mächtige Diskussionen und Debatten geben wird.
Wahrscheinlich wird der Stadtrat den entsprechenden Antrag mehrheitlich unterstützen. Ob dann die übergeordneten Gremien im Land dem Ansinnen ihren Segen geben werden, ist nicht unbedingt gesichert. Sie werden sich natürlich dreimal überlegen, ob sie der Präsidentin des baden-württembergischen Städtetages den Herzenswunsch versagen wollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zur Auskreisung kommt, ist also ziemlich hoch. So ist das in einem Land, in dem die Revolution immer von oben kommt.
Wenn sie aber dann unten gelandet ist, also bei uns, den Bürgern, dann kann es durchaus sein, dass "die da oben" anfangen, sich sehr zu wundern. Die Revolution frisst ihre Eltern. Die Stadtverwaltung, die im begründeten Verdacht steht, sich stets selbst als Orientierung zu genügen, wird sich plötzlich mit voller Wucht einer Argumentation ausgesetzt sehen, auf die sie nicht vorbereitet ist. In den Bezirksgemeinden wird inzwischen ziemlich offen das Thema Ausgründung diskutiert. Das Studium von vergessenen und vergrabenen Eingemeindungsverträgen erlebt vor allem im Nordraum Hochkonjunktur, die Erschließung von Industrie- und Gewerbegebieten, die diese Stadt dringend braucht, wird auf einmal in den Ortschaftsgremien als politische Waffe gesehen. Das Schulwesen in den Bezirksgemeinden gewinnt eine Priorität, die endlich auch einmal über die Essensversorgung hinausgeht. Wir werden sehen, wie in den nächsten Monaten immer mehr Themen die Stammtische erobern, Und nichts kann dieser im Kern viel zu verschlafenen Stadt Besseres passieren als genau das. Reutlingen erwacht.
Aber Reutlingen erwacht vom Rande her. In gewisser Weise wird Reutlingen nicht ausgekreist, sondern eingekreist. Thematisch und klimatisch. Die engagiertesten Reutlinger, die, die auch zu jeder Wahl gehen und das Gemeinwesen hochhalten, wohnen in den sogenannten Außenbezirken, in den Dörfern, in den Teilgemeinden, die vor 40 Jahren dazugekommen sind.
Hier fragen sich nun die Bürger, deren Wohnorte dereinst eingemeindet wurden, was eine Auskreisung ihnen bringen würde. Sie fragen sich, was brachte die Eingemeindung. Damals wurde gesagt, dass keine Gemeinde unter 5.000 Einwohner überlebensfähig sei. Wegen der Verwaltungskosten. Wegen des Aufwandes für Infrastruktur. Wegen der Konkurrenz um Gewerbeansiedlung. Wegen der Schulen. Und wenn sich die Gemeinden nicht freiwillig neu binden würden, dann würde dies am Ende der Gesetzgeber regeln. So drohte ziemliuch unverhohlen die Regierung (und nicht der Landtag). Kurzum: Es war eine Revolution von oben.
Am Ende kam es zu einer Neuordnung, die aus der Sicht mancher Dorfgemeinde einem Angebot folgte, das man nicht ausschlagen konnte. Auf jeden Fall wurde im Laufe der Jahre niemals nachgewiesen, dass eine Eingemeindung tatsächlich wirtschaftlicher war als ein Verbleib in der Selbständigkeit. Die sogenannten vorausberechneten Synergie-Effekte werden auch bei Fusionen in der Wirtschaft nie wirklich nachberechnet. Ehrlicherweise muss man ja auch zugeben, dass stets so viele Variablen im Spiel sind, dass man sie zwar vorausberechnen (also schätzen) kann, aber niemals nachberechnen.  
So wird es auch bei der Gewinn- und Verlustrechnung einer Auskreisung sein. Da wird gerechnet, dass sich die Balken biegen. In die eine Richtung ebenso wie in die andere. Und jeder hat recht. Am Ende kommt es darauf an, wer die Macht hat. Es ist anzunehmen, dass Frau Bosch es ist, die sie besitzt.
Aber die Abgrenzung nach außen führt unweigerlich zur Frage nach der inneren Befindlichkeit. Und da wird es erst richtig spannend. Über den Auskreisungsantrag  können die Damen und Herren des Ratssaals in den nächsten Tagen ruhig entscheiden. Ohne ihre OB massiv zu schädigen, werden sie nicht nein sagen können. Der Antrag kommt.
Eine Auskreisung ist eine deutliche Grenzziehung. Es ist eine Grenzziehung zwischen Stadt und Land. Frau Bosch will Stadt. Sie will die Urbanisierung. Sie will die Verdichtung. Das war auch die politische Absicht, die in den siebziger Jahren mit den Eingemeindungen verfolgt wurde. Das Argument muss damals so gut gewesen sein, dass sich die Landesregierung, die zuvor noch andere, eher dörflich strukturierte Zusammenschlüsse vor allem im Nordraum favorisiert hatte, entschloss, den Empfehlungen der Reutlinger Stadtregierung zu folgen.
Es war kein Argument, dass offen zutage kam. Es wurde eher hinter vorgehaltener Hand vorgebracht. Eine Stadt ist eine eigene Wirklichkeit. Sie ist sich selbst genug. Das gilt umso mehr, je weniger unser Leben als Bürger abhängig ist von der Urproduktion, also der Landwirtschaft. In den siebziger Jahren war deutlich zu spüren, dass künftig noch nicht einmal mehr der sekundäre Sektor, also die Industrie, die Gestaltungsebene einer Stadt sein würde. Dienstleistung, der tertiäre Sektor, würde die Wirklichkeitsebene einer Stadt prägen - bis in alle Lebensverhältnisse hinein.
Was immer der Grund gewesen sein mag, wer immer hier das Machtwort gesprochen haben muss, ob es eine gesetzliche Vorgabe dafür gab oder nicht, kann der Verfasser seinen Quellen nicht entnehmen. Auf jeden Fall ist es bis heute zwingend, dass Reutlingen sich dafür entschied, die Teilorte durch Grünzonen voneinander getrennt zu halten. Möglicherweise war das ein Tribut, den Kalbfell und Guhl, damals die obersten Herren der Stadt, dafür zu zahlen hatten, dass sie sich die bis dahin selbständigen Dörfer einverleiben konnten. Dabei waren sie ganz besonders an dem Nordraum interessiert. Denn er war und ist bis heute der einzige echte, natürliche Entwicklungsraum der Stadt. Das wird bei der Neuordnung des Flächennutzungsplan nur allzu klar, selbst wenn die Stadt in ihrem erweiterten Kerngebiet noch manche Brache nutzen könnte.Auf Dauer werden im Laufe dieses Jahrhunderts die Unterschiede zwischen Stadt und Dorf innerhalb der Kommune verschwinden. Überall ist Stadt. Aber wie sieht diese Stadt aus? Das muss uns brennend interessieren. Ja, das muss äußerste Priorität bekommen.
Auf Dauer hat Reutlingen nur eine Zukunft, wenn sie die Verdichtung mehr oder minder gleichmäßig verteilt, wenn die Konturen zwischen den Ortschaften verschwinden. Das ist der Megatrend, der nicht nur in Reutlingen sichtbar wird. Mit der Auskreisung will Frau Bosch das Ausfransen an den Rändern eindämmen, die Kumpanei mit den Nachbarn, die Vereinnahmung durch Lebenswelten, die nicht städtisch sind. Sie baut eine neue Stadtmauer. Wie im Mittelalter. Sie ist diesmal allerdings nicht aus Ziegel und Mörtel, sondern aus Bytes & Style, also virtuell. Es entsteht etwas ganz anderes. In den Dörfern des Nordraums spüren nun die Bürger, dass es genau darum geht - um die Verstädterung. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass junge Leute und  junge Firmen und junge Ideen hierherkommen. Junge Leute wollen keine Autos mehr besitzen. Deswegen sind sie noch keine "Grünen". Für sie ist es so sinnlos wie der Erwerb eines Flugzeuges oder eines ICEs. Das Auto ist für sie ein Verkehrsmittel, das sie benutzen, um so ihren Geschäften nachgehen zu können. Sie brauchen hochverdichteten Nahverkehrsangebote. Punkt. Sie wollen schnelle Datenleitungen ohne Funkloch. Punkt. Sie wollen leben, wo sie arbeiten. Punkt. Sie wollen Dienstleistung rund um die Uhr. Punkt. Es ist die Stadt von 24/7. Sie wollen New York, die Stadt, die niemals schläft.
Unsere Welt verändert sich, wie wir gerade im BILDERTANZ immer wieder mit viel Wehmut bei unseren Bildvergleichen feststellen können, in eine neue Wirklichkeitsebene hinein.
Es ist an der Zeit, dass wir uns dringend, sehr dringend sogar, mit dieser neuen Wirklichkeitsebene beschäftigen. Wir können deren Gestaltung auch der Stadtverwaltung überlassen - wie den Bürgerpark. Dann allerdings haben wir nichts besseres verdient...