... dann ist das zwar schon ziemlich lange her, aber noch nicht so lange, dass ehemalige Schüler sich nicht mehr daran erinnern. Jedenfalls wurde Ihrem Mister Bildertanz einmal folgende Geschichte erzählt:
Es begann mit einer Hausschlachtung. Ein Lausbub bittet den Metzger ein wenig Blut in eine Wurstpelle zu füllen. Der Metzger willigt ein. Am nächsten Tag verabredet er mit seinem besten Freund, einem "einschlägig" bekannten Lausbub, den Klassenlehrer zu ärgern - und zwar so, dass dieser zum Rohrstock greift und ihm einen Hosenspanner verpasst. Aber vorher soll der Schulkamerad die Wurstpelle an seinem Allerwertesten anbringen.
Der Unterricht beginnt. Wenige Minuten später ist es soweit. Der Lehrer zückt den Stock und setzt seinen Hieb so kräftig, dass dem Jungen das Blut an beiden Beinen heruntertrieft. Der Lehrer ist erschüttert: "Warum sagt mir denn keiner, dass der Bursche ein Geschwür am Hintern hat?" Kreidebleich entlässt der Lehrer den Schüler und bittet dessen Sitznachbarn, also unserer Blut-Spender, ihn nach hause zu begleiten.
Geändert hat es nichts an der Rohrstock-Praxis. Nur später hat der Lehrer dann mal herausbekommen, wie es wirklich gewesen war...
Raimund Vollmer
Bildertanz-Foto: Friedrich Fingerle
Montag, 16. September 2019
Freitag, 13. September 2019
Wilhelmstraße ist überall
| Selbst "New Yorker" sieht man in Reutlingen. Und "Final Sale" meint wohl noch unseren guten alten Sommerschlussverkauf |
Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
Da titelt der Reutlinger General-Anzeiger heute in seinem
Lokalteil: "Leerstand in der 1a-Lage". Da schreibt die Frankfurter
Allgemeine Zeitung heute auf Seite 1 ihres Wirtschaftsteils: "Es läuft
etwas schief im Südwesten." Denn der Maschinenbau verbuchte im Ländle im Auftragseingang
ein Minus von 15 Prozent, nach einem Minus von 14 Prozent im Juni.
Ist unter anderem der Online-Handel eine der Ursachen dafür,
dass der Einzelhandel bis in die Wilhelmstraße hinein darbt, so ist es bei den
Maschinenbauern (und zunehmend auch bei deren Kunden, den Zulieferern) der Wandel
in der Automobilindustrie. Perfektes Marketing, mal dem Einzelhandel
unterstellt, perfekte Motoren (mit Laufleistungen über 200.000 Kilometern)
haben nicht davor geschützt, dass sich vor unseren Augen ein fundamentaler
Wandel vollzieht.
In diesem Zusammenhang fällt dann immer wieder der Begriff
"disruptiv", mit dem eine plötzliche Veränderung in der
Technostruktur eines Unternehmens oder einer Branche gemeint ist. Der Begriff
selbst wird in Kreisen der Leute, die meinen, dass sie ganz besonders auf der
Höhe der Zeit befinden, so benutzt, als sei er völlig neu, sei er an sich
"disruptiv". Zuerst einmal wurde er von 25 Jahren kreiert. (Der Autor
dieser Zeilen hat sogar den Originalartikel).Zum zweiten hatte ihn in der
ersten Hälfte des 20 Jahrhundert der Unternehmerforscher Joseph A. Schumpeter
mit dem Terminus "kreative Zerstörung" längst vorweggenommen. Zum
dritten wurde in den neunziger Jahren bereits in den Medien intensiv der
"Online-Handel" besprochen und
das Elektroauto, das nun den Wandel in der Automobilindustrie bewirkt
(inklusive aller Firmen, die in irgendeiner Form zuliefern), wurde zur selben
Zeit sehr konkretisiert.
Im Prinzip haben wir ein Vierteljahrhundert Zeit gehabt,
unsere Wirtschaft im Großen (Automobilindustrie) und im Kleinen (Einzelhandel)
auf diesen Wandel, der jetzt als radikal empfunden wird, vorzubereiten. Dies
ist nicht geschehen, jedenfalls nicht aus einer offensiven Pose heraus. Jedes
griechische Drama sagt uns. Je mehr man versucht, sein Schicksal aufzuhalten,
desto unaufhaltsamer kommt es auf einen zu. Dagegen hilft eine Verdoppelung des
Budgets für Stadtmarketing ebenso wenig wie die Entwicklung eines neuen
Buskonzeptes oder die Forderung nach mehr Parkplätzen. Das ist nur ein
Laborieren an den Symptomen. Auch der Versuch, durch Umweltberechnungen die
Belastung des Elektroautos negativ einzuordnen, ändert nichts. Im Prinzip fehlt
den Unternehmen der Mut, neue Phantasien zu entwickeln und umzusetzen.
Der radikale Wandel im Finanzwesen, also den Banken, ist
übrigens auch schon seit den achtziger Jahren ein Thema, das erst mit der
Finanzkrise vor zehn Jahren deutlich wurde. Und auch dort hat man bis heute
alles daran gesetzt, diesen Umbruch mehr zu verhindern als ihn zu meistern.
Wenn wir ganz genau in die Szene hineinschauen, sei es in
die Ämter, sei es in die Betriebe, dann wird der Grund offenkundig, der dazu
führte, dass zum Beispiel Firmen zu Schummelsoftware griffen, um ihr möglicherweise
überkommenes Geschäftsmodell zu retten. Die Krise, die auf uns zurollt, hat einen
Namen und der lautet "Management". Es ist das mit Abstand größte
Problem. Fragen Sie in Ihrem Bekanntenkreis herum, Sie werden letztlich immer
wieder auf diese Personengruppe als Ursache der meisten Probleme stoßen.
Nun haben wir hier in Reutlingen ja eine Hochschule, die
sich darauf spezialisiert hat, Managementerfahrung zu vermitteln. Und diese
Hochschule genießt einen sehr, sehr guten Ruf. National und international. Die
Frage ist nur: Bei wem? Die Antwort: Natürlich in Managementkreisen.
Sprechen Sie mit Unternehmern, vor allem mit Gründern, dann
werden Sie hören, dass deren Management bestens ausgebildet sei, so gut wie
sie es als Selfmademen niemals waren. Deswegen haben sie diese Führungskräfte
auch eingestellt, um dann - ziemlich regelmäßig - enttäuscht zu werden.
Vielleicht stehen unsere Management-Hochschulen demnächst ebenfalls vor einem
Umbruch - einem Umbruch, der besagt, dass es immer weniger darauf ankommt zu
steuern und zu kontrollieren, WIE man etwas tut, sondern WAS man tut.
Das Thema "Digitalisierung", über das wir bis zum
Erbrechen nur Allgemeinplätze und andere Formen der Bewältigung durch Benennung
hören, gehört in die Kategorie der Selbstbetörung und Selbstbeschwörung.
Wer in den siebziger Jahren durch die Betriebe ging, die
durch die Elektronisierung (so nannte man damals die Digitalisierung) in einen
Transformationsstrudel gerieten, der tatsächlich überraschend und damit
disruptiv kam, wird sich erinnern, dass er gemeistert wurde von Mitarbeitern,
die nichts anderes als eine Lehre in einem ganz anderen Fach hinter sich
hatten, kein Abitur, kein Bachelor, kein Master. Und er wurde grandios
gemeistert. Das beste Beispiel dafür haben wir hier vor Ort - der Wandel von
Gminder zu Bosch. Überhaupt waren es Firmen im Südwesten wie etwa Kienzle
(Fahrtenschreiber in Villingen-Schwenningen), die diesen elementaren Strukturwandel souverän in den Griff
bekamen - mit ganz normalen Menschen. Managementprobleme hatten sie keine -
vielleicht, weil sie gar kein Management hatten.
Wir stehen momentan vor dem Problem, dass es an allen
Fronten brennt. Das meiste davon ist momentan nur ein Schwelbrand, es lodert
noch nicht. Aber dazu kann es jederzeit kommen. Wir haben auf allen Ebenen
unserer Wirtschaft und des Staates Kontrollinstanzen errichtet, überall, in Staat und
Wirtschaft. Instanzen, die in der Lage sind, Probleme klein zu halten, oftmals
allein dadurch, dass sie diese zerstückeln und zerhacken (wie Parkplatzprobleme),
so dass sie bei uns, den Menschen, keine Alarmstufen auslösen. Und wenn es dann
doch lodert, werden sie uns auffordern, die Augen zu schließen und uns
erzählen, dass die Rente sicher ist.
Doch das wird diesmal nicht funktionieren. Wen immer man in
den letzten drei Jahren befragte, jeden, der seine Umgebung beobachtete, berichtete
davon, dass er dem "Frieden" nicht traut. Und dazu brauchte er noch nicht einmal irgendwelche Statistiken, die heute im GEA als Grund dafür aufgeführt wurden, dass Reutlingen in seiner ganzen Attraktivität bundesweit nicht wahrgenommen wird.
Die Wetterstatistik sagt: Es kommen kältere Tage.
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer
Montag, 2. September 2019
Montag, 26. August 2019
Donnerstag, 22. August 2019
Vorbild Heilbronn?
1985: »Manchmal erscheint mir, als ob eine Pestepidemie über die Menschheit gekommen wäre und sie gerade in ihrer charakteristischsten Fähigkeit getroffen hätte, das heißt eben im Gebrauch der Worte, eine Pest der Sprache, die sich als Verlust von Unterscheidungsvermögen und Unmittelbarkeit ausdrückt, als ein Automatismus, der dazu neigt, den Ausdruck auf die allgemeinsten, anonymsten und abstraktesten Formeln zu verflachen, die Bedeutungen zu verwässern, die Ausdrucksecken und -kanten abzuschleifen und jeden Funken zu ersticken, der beim Zusammenprall der Worte mit neuen Situationen entstehen.«
Italo Galvino (1923-1985), italienischer Schriftsteller in
seinem Buch "Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend", Seite 84
Wie in Reutlingen
Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
Der folgende Satz könnte auch für Reutlingen stehen:
"Als weltoffene Stadt ziehen wir mit attraktiven Studien-, Ausbildungs- und
Arbeitsplätzen, vielfältigen Freizeit-, Naherholungs-, Kultur- und
Bildungsangeboten junge Menschen und Familien, immer mehr Erwerbstätige und
aktive Senioren an." Mit diesen Worten leitet der Oberbürgermeister von
Heilbronn Harry Mergel die 2015 gemeinsam von Verwaltung, Rat und Bürgerschaft
erstellte "Stadtkonzeption" mit Blick auf das Jahr 2030 ein. Ein
lieber, junger Freund - voller Zukunftshoffnung - hat mir dieser Tage
empfohlen, mir diese Konzeption mal näher anzuschauen - schon wegen der starken
Bürgerbeteiligung. Er war ganz begeistert.
Ich habe es versucht - und bin eher entgeistert.
"Die Zukunft beginnt jetzt." So eröffnet diese
Studie ihre Vorschläge für den Zeitraum bis Ende des kommende Jahrzehnts. Aber
die Zukunft hört danach auch gleich auf. Denn die Inhalte dieser Studie sind
tot, gestorben an der Pestepidemie der Worte. An dieser Studie hat kein
Stadtrat mitgeschrieben, kein Bürger, kein Mensch ohne Amt. PR- und
Marketing-Profis haben hier sich mit ihren Floskeln hineingeschnurrt. Da ist
von "Strategiefeldern" die Rede, die von
"Schlüsselprojekten" gedüngt werden. Sie ähneln eher einer Aufzählung
von Selbstverständlichkeiten, als dass sie in irgendeiner Form der Stadt
irgendein Alleinstellungsmerkmal geben. Da ist viel "Bullshit-Bingo"
im Spiel.
Alles gewinnt "immer mehr" an Bedeutung, ohne viel
zu sagen, woraus dieses "Immer-mehr" besteht. Jeder, der in der
Sprache lebt, weiß, dass "immer mehr" das Wieselwort aller PR ist.
"Immer mehr" ist PR, ist Marketing. Und man wird nach quälender,
elender Lektüre dieses Papiers, das es elektronisch HIER
gibt, den Eindruck nicht los, dass sich
diese Stadt zu allem verpflichtet fühlt, was gerade vor die Flinte der
Zukunftsforscher gekommen ist, ohne wirklich konkret zu werden. Alles ist hier
nichts. Wie gesagt: Lesen Sie selbst!
Ersetzen Sie dabei das Wort Heilbronn hie und da durch das
Wort Reutlingen, und Sie wissen, dass es egal ist, ob Sie hier oder dort leben.
Man kann hier wie dort "Heimat findeN", also: hier wie doRT.
Heilbronn ist sich selbst Heilbronn. Das plakatiert sich
durch alle Botschaften der 182seitigen Konzeption. Die Bürgerbeteiligung -
jenseits aller Profis und "hired guns" - schimmert nirgendwo wirklich
durch. Es ist ein Top-Down-Ansatz - wie alle anderen auch. Die Zukunft gewinnt
hier nichts, sie brät sich im eigenen Saft.
Wenn ich als Bürger einen Vorschlag machen dürfte, dann
würde ich das Thema "Stadtkonzeption" den Profis wegnehmen. Der
Stadtrat mit all seinen 40 ehrenamtlichen Mitgliedern stattet sich selbst mit
einem Etat von 250.000 Euro aus und zieht durch die ganze Stadt, um
Bürgermeinungen einzuholen, fasst selbst zusammen, was er an Rat und Tat zu
hören und zu sehen bekommt, entwickelt eine eigene Vorgehensweise, schreibt
sein eigenes Papier, setzt seine eigene Marke, die dann auch unsere werden
kann. Zum Beispiel mit unserer Antwort zum Thema "Hochhäuser", "Wohnungssituation" oder
"Stadtbahn" oder "Fahrverbot".
Heraus kommen wird dann jene Art von Erkenntnis, die nach
Meinung von Italo Galvino dessen Schriftstellerkollege Robert Musil hatte: "Für
Musil ist Erkenntnis das Bewusstsein zweier entgegengesetzter Pole: den einen
davon nennt er bald Exaktheit, bald Mathematik, bald reinen Geist, bald auch
militärische Denkungsart. den anderen bald Seel, bald Irrationalität, bald
Menschlichkeit, bald Chaos." Man könnte auch sagen: das eine sit
Stadtplanung, das andere Bürgermeinung. Es ist genau das Spannungsfeld zwischen
Funktion und Emotion.
Es kommt auf das Dazwischen an: Dann funkt's. Zwischen
beiden. Und zwischen beiden steht der Stadtrat, von uns gewählt, als unser
Vertreter. Niemand anders. Der Oberbürgermeister steht darüber. Von uns genau
mit dieser Aufgabe gewählt.
Der Stadtrat könnte seine natürliche Autorität mächtig
stärken, könnte sich als Person und nicht als Partei einbringen, könnte die Wendemarke
unserer Stadt sein. Sonst bekommen wir auch weiterhin Papiere, in denen zwar alle
Themen angesprochen werden, aber in denen nichts gesagt wird.
Anmerkung:
Auf "You Tube"
habe ich mir den Film zur Marke Heilbronn angeschaut. Mir hat's gefallen. 2155
Aufrufe gab's seit Juli 2017. Sieben Usern gefiel der Film, vier fanden ihn
nicht so gut. Ich bin der Achte, der auf "gefällt" gedrückt hat. Kommentare
gibt es übrigens keine. Die Bürgerbeteiligung ist also Schweigen. Zumindest auf
YouTube.Bildertanz-Quelle: K. Jähne (Heilbronn) / Sammlung Bildertanz (RT)
Donnerstag, 15. August 2019
REUTLINGEN SCHRUMPFTE AUCH IM JULI.
Zählte die Stadt noch 115.352 Einwohner im Juni 2019, so sind es einen Monat später nur noch 115.266, also knapp 90 Einwohner weniger. Da die Stadt auf ihrer Homepage nur die jeweils aktuellen Zahlen veröffentlicht, ohne Vergleichsmöglichkeit, können wir nur sagen, dass die Zahl der Einwohner im Vergleich zum Juni 2018 um 550 Einwohner gesunken ist. Da tut sich eine Schere auf, oder? Wir werden die Entwicklung weiter beobachten.
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer
Montag, 12. August 2019
Die Stadt, die Maut und wir
Wenn aus Reutlingen Mautlingen wird
Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
London ist ja wie Stockholm, Singapur oder Reutlingen eine
Großstadt. Seit 16 Jahren kennt man dort eine mautpflichtige Verkehrszone.
11,50 Pfund kostet es pro Tag, wenn man in der Innenstadt sein eigenes Auto
unbedingt bewegen will. Im Vergleich zum Jahr 2000 sank die Zahl der Fahrzeuge,
die ins Innere wollten, um rund 25 Prozent. Ein tolles Ergebnis - bei gleichzeitig
steigenden städtischen Einnahmen. Doch seit einiger Zeit nimmt die Belastung
wieder deutlich zu. Die durchschnittliche Geschwindigkeit sank von 32 (2013) auf
28,5 (2016) Kilometer pro Stunde. Nicht gut. Die Autofahrer verlieren je
Kilometer über zwei Minuten. Tendenz steigend. Also überlegt man dort, die
Preise individuell zu gestalten - je nachdem, wann man in die Stadt fährt, wie viele
Kilometer und welche Straßen benutzt werden. Singapur, die Stadt, die schon seit
1975 Zutrittsgebühr erhebt, will ein solches Verfahren 2020 einführen. An der
Westküste der USA, in Kalifornien und Oregon verfolgt man technologisch noch
ehrgeizigere Projekte. Gepreist wird nicht mehr pauschal, sondern in Echtzeit
ganz nach dem Verhalten der einzelnen Fahrer.
Nun - in London (wie gesagt, eine Großstadt wie Reutlingen)
hat man den Taxiverkehr inklusive Uber-Fahrten von der Maut befreit. Ebenso
Car-Sharing. Ergebnis: die Zahl der Autos, die als Taxi und Teilauto die
Innenstadt betreten, stieg von 50.000 auf 85.000. Und die Zahl der Fahrer, die
eine Lizenz zum mautkostenfreien Chauffieren haben, verdoppelte sich nahezu von
62.000 auf 115.000. Uber & Co. eroberten 38 Prozent des Autoverkehrs in
Zentral-London und erobert einen doppelt so hohen Anteil am Verkehrsvolumen wie
traditionelle Taxis.
Das Konzept scheint also - auch bei aller Kritik an Uber
& Co. - aufzugehen. Die Methode Maut ist nur in Deutschland wahnsinnig und
beschert denjenigen wahrscheinlich eine Milliarde Euro an Einnahmen, die dafür
angeheuert wurden, das nicht zu installieren, weshalb man sie angeheuert hat.
Schon bei der LKW-Maut nannte sich das damit verbundene System völlig korrekt "Toll-Collect",
wies also mit all seinen Pannen darauf hin, dass wir Großprojekte nur noch als
tollkühne Verfahren draufhaben.
Übrigens sind in Großbritannien die Werte, die man aus der
Benzinsteuer einnahm, aufgrund sparsamerer Motoren innerhalb von fünf Jahren um
812 Millionen Pfund gesunken. Ein Grund mehr, das System in die Richtung zu verlagern, in
der das Verhalten der Fahrzeuge insgesamt über Gebühren geregelt wird. Eine
riesige Verführung für alle, die sich um die Einnahmen der Öffentlichen Hand
Sorgen machen - allen voran die Politiker.
Zurück in die Großstadt. Londons System wurde 2003 ebenso von
der Bevölkerung angefeindet wie 2006 das System in Stockholm. Heute sind in der
schwedischen Hauptstadt 70 Prozent für die Beibehaltung. Also: die neuen
Verfahren stoßen auf positive Resonanz. So etwas hören Planer gerne, die - wie
in der Großstadt Reutlingen - versuchen, gegen Widerstände in der Bevölkerung
neue Systeme einzuführen. Irgendwann lieben wir das, worunter wir anfangs
meinten zu leiden.
Wir - also die Bürger der Stadt - verlieren als Autofahrer
an Einfluss, meinte 2017 das Wirtschaftsmagazin "The Economist", das
die Zahlen hier zusammenstellte, auf die sich dieser Kommentar bezieht. In den
USA fällt der Anteil der jungen Menschen, die einen Führerschein beantragen,
etwas ähnliches entwickelt sich auch momentan in Deutschland. Die Zahl der
Haushalte, die ohne Auto auskommen, scheint zu steigen. McKinsey, diese
Unternehmensberatung, die immer Recht hat, meint, dass im Jahr 2030 zehn
Prozent aller Autos unter die Rubrik "Car-Sharing" fallen.
Und die Technologie spielt mit. Mit neuen Preissystemen
verändert sich das Fahrverhalten, heißt es allenthalben. Da ab 2020 die
allermeisten neuen Autos durch Mobilfunk
angesprochen werden können, wird man alles dransetzen, um immer mehr über uns,
die Autofahrer, zu erfahren. Egal, wie sorgsam wir mit Sprit umgehen, man wird
das, was wir dort einsparen auf andere Weise wieder hereinholen. Das ist schon
einmal sicher. Und als Dieselfahrer wirst Du vielleicht gar kein Fahrverbot
bekommen, sondern nur der sein, den man am stärksten zur Kasse bitten wird. Die
Strafe folgt der Straße. Denn Dein Auto wird sich in all seinen technischen
Details gegenüber dem Mautmoloch offenbaren. Es dieselt Geld in die Kassen.
Selbstverständlich werden Datenschützer sofort auf den Plan
treten und ihre Bedenken solange äußern, bis sie in neue Autodatengrundverordnungen,
die Du als Autoeigentümer überall unterschrieben hast, überführt sind. Am
besten mietest Du Dir dann Dein Auto - "all inclusive" oder so. Datenschutz
ist nur noch reine Privatsache.
Seltsamerweise wird in dem Artikel, auf den ich mich hier
beziehe, der Öffentliche Personennahverkehr nicht genannt. So - als sei er gar
keine Alternative. Kann sein, dass der Autor bereits im Hinterkopf die
Selbstfahrer hatte. Von ihnen geht wahrscheinlich die größte Veränderung aus.
Denn die Automobilhersteller und Mobilitätsanbieter sind ganz scharf darauf,
die Daten zu bekommen, die aus der Maut ins System fließen. Sie sind wichtig,
um ihre zukünftigen selbstfahrenden Vehikel zu optimieren. Auch hier werden
Datenschutzgrundverordnungen alles zwischen Dir und Deinen Verkehrspartnern
regeln.
Busse und Bahn - über die wir hier in Reutlingen so gerne hirnen
- haben vielleicht nur noch im Untergrund einer Stadt etwas zu suchen,
oberflächlich sind es autonome VANs & CARs, die uns - an allen Fußgängern,
Radfahrern, E-Roller vorbei - ganz gemütlich durch die Stadt chauffieren. Mit
maximal zehn KaEmHa - innerhalb der Wilhelmstraße und anderen
"Fußgängerzonen". Wir werden dies - weil staufrei (und auch
staubfrei) - als rasend schnell empfinden. Denn Verkehrsregelungen werden uns
mit Hilfe von Ampeln und Zehnerzonen längst an das neue Geschwindigkeitsgefühl gewöhnt
haben. Wir schaukeln durch die Stadt - wie dereinst die Straßenbahn. Die
Gartenstraße wird allerdings für alle gesperrt sein - weil man darunter gerade
eine "U-Bahn" baut.
Natürlich werden gegen solche Ideen all jene ihre wissenschaftlich
fundierten Bedenken erheben, die sich den Neunten-Neunten nicht verderben
lassen. Unser neues System muss wie der ZOB, der 1994 schon für die "Großstadt"
Reutlingen zu klein war, mindestens 25 Jahre halten.
Das ändert nichts daran, dass ich mir sehr wünsche, dass die
neuen Quartiersbusse auf große Akzeptanz stoßen. Sie sind die ersten
Kandidaten, die man eines Tages durch Selbstfahrer ersetzen könnte - mit
höheren Reichweite, engerem Zeittakt und stärkerer Verdichtung. Allerdings
könnten dann auch Private diese Dienstleistung übernehmen. Natürlich ebenso
mautfrei.
Bildertanz-Quelle:RV
Donnerstag, 8. August 2019
Na - wo war wohl diese Haltestelle?
Egal, was am Neunten-Neunten passiert - die Bahn kommt nicht nach ....
Bildertanz-Quelle:Jakob Futter
Bildertanz-Quelle:Jakob Futter
Mittwoch, 7. August 2019
Dienstag, 6. August 2019
Samstag, 3. August 2019
Mittwoch, 31. Juli 2019
Norbert Sautter: Ein Malermeister, der Maler wird.
Stolz, sehr stolz ist er auf seine Technik, auf seine
Farben, die im Vorübergehen die Farben wechseln. Es ist seine Rezeptur, sein
Geheimnis, das er wie seinen Augapfel hütet. "So etwas besitzt kein anderer
Künstler auf dieser Welt", sagt Norbert Sautter, der seit seiner Kindheit
malt, es zu seinem Handwerk machte und nun sich selbst und sein Talent als
Künstler vollenden will. In seine neuen Farben taucht er das Weltall,
transzendiert es in Sphären großer, explosiver Einsamkeiten, in denen nur die
Dynamik und Mechanik der Gestirne und ihrer Planeten herrschen. Oftmals dicht
gedrängt, als wollten sie sich gegenseitig berühren - ohne es je zu können. Sie
sind sich nah und fern zugleich. Hier ist alles sorgfältigste Technik, die der
Farben und des Pinsels. So kannten wir ihn auch in seinem Handwerk, so
dokumentiert es sich nun auch in seinem Kunstwerk
Daneben aber, wichtiger vielleicht als seine Technik,
hängen - in seiner privaten Kunsthalle am Rande von Rommelsbach - feingliedrige
Stillleben, die auf ganz andere Weise sein Thema (wie ich glaube zu erahnen)
ausdrücken: die Einsamkeit, nicht als Bedrohung, nicht als Anklage, nicht als
Leid, sondern als Existenz, unserer ganz persönlichen Existenz. Seine Werke,
die vor allem in den letzten Jahren entstanden sind, strahlen eine Einsamkeit
aus, der er sich möglicherweise selbst gar nicht bewusst ist.
So ist alles, was er malt, trotz aller Dynamik des Weltalls,
doch starr, irgendwie tot, erst der Betrachter als Teil der Performance, bringt
das, was er sieht, zum Leben - vielleicht allein dadurch, dass er sich Leben
hineinwünscht, sich fragt: Norbert, warum packst Du das Leben nicht an? Ein
ganz seltsamer Dialog entsteht. Man fragt sich gegenseitig, Bild und
Betrachter, ohne sich Antworten zu geben - auch, weil man sie gar nicht kennt.
Wer mit Norbert durch die Ausstellung geht, die er in den
wunderbar hergerichteten Räumen des früheren Aussiedlerhofes seiner Frau Ute,
geborene Schäfer, eingerichtet, fragt sich: Warum spricht er so viel über seine
Technik? Natürlich, weil er stolz darauf ist. Zu Recht. Aber da sind eben auch die
anderen Bilder, die ihn viel stärker als das zeigen, was er doch in seinem
letzten Lebensdrittel endlich gerne sein möchte: ein Künstler. Da gibt es
Bilder, die jeder für sich selbst entdecken muss, in der sich sein heimliches,
sein verborgenes Thema, die Einsamkeit, plötzlich auflöst und er selbst das
ist, was ihn zur Kunst getrieben hat: die Freiheit, die sich in seinen Bilder explosiv
äußert. Es ist eine einsame Freiheit, fast ein blenden weißes, reines Monadendasein,
zu dem ihn auch die menschlichen Enttäuschungen des Lebens entlassen haben. Der
Kreis, der kein Anfang und kein Ende kennt, ist eine seiner Lieblingsformen -
sogar das Leben, mit all seinen uhrkreisrunden Tagen, ist eingefangen in diesem
Ablauf zwischen Geburt und Tod.
"Norbert", möchte man ihm zurufen, "Mensch
Norbert, Leben ist Freiheit, Leben ist Kunst. Leben überwindet Kreisläufe,
rüttelt permanent an Grenzen." Und dann ist man auch wieder ratlos:
Besteht seine Kunst vielleicht genau in diesem Nochnicht, ist es eine
Nochnicht-Kunst, die den Betrachter selbst zum Künstler macht, ihn dazu zwingt,
aus diesen Kreisläufen auszubrechen?
Ehrlich gesagt: Ich weiß es noch nicht. Ich bin ein wenig
hilflos. Wenn das aber der Effekt ist, den er sich wünscht, dann hat Norbert
eine Wirkung erzielt, die weitaus wichtiger ist als seine einsame Technik - gleichgültig,
wie brillant sie ist. Und dann, Du bist schon auf dem Heimweg, wird Dir klar: Diese
ganze Ausstellung ist der gelungene Versuch, aus diesen Kreisläufen
auszubrechen und die Einsamkeit zu überwinden. In Freiheit.
Raimund Vollmer
Bildertanz-Quelle:RV
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