Sonntag, 22. Februar 2015

Kleine Geschichte des Tübinger Tores (1)



Freigestellt bereits in den siebziger Jahren...
Bildertanz-Quelle: Karl Vöhringer

Das Tor in die Geschichte

Herausgeputzt wie vielleicht nie zuvor steht heute das Tübinger Tor. Und es ist nach wie vor mindestens ebenso markant wie sein neuestes Gegenüber: die Stadthalle. Wahrscheinlich wird es in seiner geschichtlichen Bedeutung für die Stadt nur noch übertroffen von der Marienkirche. Seine Ursprünge gehen zurück bis in die Ära der Staufer, vor allem zu Kaiser Friedrich II. (1194-1250), der - man weiß es offensichtlich nicht ganz genau - Reutlingen zwischen 1220 und 1240 zur Stadt erhoben hatte. In dieser Zeit wurde auch das Mettmanstor errichtet, das wir heute als Tübinger Tor kennen.

Vor 800 Jahren, am 25. Juli 1215 war Friedrich in Aachen zum Kaiser gekrönt worden. Er war alles andere als ein sympathischer Zeitgenosse, dreimal verheiratet, ein offenbar abscheulicher Ehemann, der ständig einen Harem mit sich führte. Aufgewachsen war er nicht in Schwaben, sondern in Palermo, wo er - vor seiner Krönung - unter eher ärmlichsten Verhältnisse seine Kindheit und Jugend verbrachte. Dass er übrigens täglich ein Bad nahm, wurde ihm übelgenommen: das sei Teufelswerk. Er beherrschte sechs Sprachen, schien von guter Bildung zu sein, war aber mehr seiner Heimat Sizilien zugetan als Deutschland, das nur einen Nebenschauplatz darstellte. Es war eine wirre Zeit, in der sich geistliche und weltliche Macht immer wieder unversöhnlich gegenüberstanden. Es war aber auch die Zeit der "weitreichenden Städtegründungen", wie  Karl Bosl in seinem Buch "Staat, Gesellschaft, Wirtschaft im deutschen Mittelalter" schreibt. Die Staufer zeigten bereits Ansätze einer Wirtschafts- und Handelspolitik. Und sie wussten, dass ihnen die Städte auf Dauer sichere Steuereinnahmen einbringen würden.

Reutlingen lag zwar nicht an den Hauptlinien des Welthandels, aber hatte dennoch eine hohe Bedeutung. Es lag am Ende eines Tales, an einem Fluss, an einer Stelle, an der sich Handelswege kreuzten.

Die Staufer förderten seit Barbarossa das Bürgertum. Der Begriff "Stadtluft macht frei" kam gleichsam in Mode, wer als Leibeigener in einer Stadt Zuflucht fand, hatte die Chance, mit der Zeit ein freier Bürger zu werden.  Es war vor allem Friedrich II., der die Bedeutung der Städte zur Sicherung seiner Macht erkannt hatte. Leider gibt es wohl kaum Informationen über die Stadtgründungen im Schwabenland, aber es deutet einiges darauf hin, dass die Ernennung zur Stadt zwischen 1236 und 1241 erfolgt sein soll. In dieser Zeit sind wahrscheinlich auch die Befestigungsanlagen entstanden. Der Bau der Mauern und Türme muss eine Menge Geld verschlungen haben, was - wie aus anderen Berichten ersichtlich ist - zu Steuerbefreiungen führte. Von Köln wird erzählt, dass die Errichtung der Wehranlagen und die Ausgaben für Verteidigung 82 Prozent der städtischen Einnahmen verschlungen haben.

Auf jeden Fall haben die kaisertreuen Reutlinger 1247 eine erste Belagerung gegen örtliche Mächte überstanden - auch wenn die Mauern wohl eher einem Provisorium geähnelt haben als einem festgefügten Wehr. Heinrich Raspe aus dem Ermstal, der ein Jahr zuvor als Gegenkönig von den geistlichen Führern gewählt worden war, hatte vergeblich versucht, die junge Stadt Reutlingen einzunehmen. Ihm trotzen die Mauer - und das Mettmanstor, das wir heute Tübinger Tor nennen.

Es war als ein Doppeltor angelegt. Wer in die Stadt wollte, "musste zuerst ein Vortor passieren, dann führte ihn sein Weg über eine mit hohen Seitenmauern geschützte Brücke über den Graben, bis er endlich vor das Haupttor gelangte, um in die Stadt eingelassen zu werden", schreibt Gerda Domes 1966 in ihrer Arbeit "Die Befestigungsanlagen der Freien Reichsstadt Reutlingen". Sie berichtet, dass sich vor dem Haupttor die Straße zu einem kleinen Platz erweiterte. Wahrscheinlich war dieser Vorhof überdacht, um Reisenden Zuflucht zu geben, die es nicht mehr geschafft hatten, rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit in die Stadt zu kommen.(Raimund Vollmer)
(Ich versuche alles, nach bestem Wissen und Gewissen aufzuschreiben, bin vor allem aber dankbar für Kritik und Anregungen)
Tübinger Tor: Mit "Vorhof", Schnurbaum und Plastik, 2014
Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer

Donnerstag, 19. Februar 2015

Hagen Kluck will Förderverein Altstadt gründen - Ein genialer Coup?



2014: „Wir brauchen weniger Egoismus und Nörgelei, aber mehr gute Ideen für die Zukunftsgestaltung in unserer Stadt.“
Hagen Kluck, Stadtrat der FDP in Reutlingen

Hätte ein "Förderverein Altstadt" vor 50 Jahren Klein-Venedig gerettet?
Bildertanz-Quelle: Gärtnerei Hespeler

(Kommentar) Nun ist er damit an die Öffentlichkeit gegangen - mit einer Idee, auf die er uns schon auf Facebook aufmerksam gemacht hatte: ein "Altstadt Freundeskreis Reutlingen e.V." soll auf Initiative von Stadtrat Hagen Kluck als Förderverein gegründet werden. Konkreter Hintergrund ist der Wunsch, die historische Häuserzeile in der Oberamteistraße 28-32 zu retten - vor wem auch immer. Auf seiner Seite sieht Kluck den Geschichtsverein Reutlingen und die GWG. Nicht nur Geist und Geld würden sich damit im Förderverein die Hand geben, sondern auch "Nörgler" und "Zukunftsgestalter".
Denn der Geschichtsverein war es, der vor vielen Jahren bereits eine Liste der Häuser vorlegte, die nach seiner Meinung erhaltenswert sind. Aber bei seinem Versuch, diese Gebäude zu retten, war der Geschichtsverein nicht immer sehr erfolgreich, um es mal ganz, ganz vorsichtig auszudrücken.
Aus Angst, vor allem auswärtige Investoren zu vergraulen, zeigten sich die Gemeinderäte eher nachgiebig gegenüber Abrissplänen. Und die Abriss-Gegner - wie sie sich zum Beispiel bei der Katharinenstraße manifestierten - wurden sehr schnell als Nörgler abgetan, leider auch und ganz besonders von Hagen Kluck. Das hat nicht nur den Mitgliedern des Geschichtsvereins missfallen, die angesichts ihrer vergeblichen Bemühungen bereits eine Resignation signalisiert haben. Frustriert sind auch viele, viele andere.
Wird in ihnen nun mit der Gründung des Fördervereins neue Hoffnung wachsen? Sie werden sich dem Angebot zum Mitmachen kaum widersetzen können. Denn sonst würden sie ja -  post festum - das Verdikt, Nörgler zu sein, bestätigen. In dieser Beziehung ist der Vorschlag von Hagen Kluck nicht nur raffiniert, sondern geradezu genial. Er ist halt durch und durch Politiker.
Die GWG gilt mit ihrer lange gehegten, weißgrauen Einheitsbauweise nicht gerade als innovativer Zukunftsgestalten, hat aber mit dem Architekten Klaus Kessler einen Geschäftsführer gewonnen, der für pfiffige Ideen steht. Er hätte die Chance, mit innovativen Vorschlägen für die Altstadt das Image der GWG gerade bei den Nörglern mächtig aufzupolieren.
Also wird alles gut - Hagen Kluck holt die Antagonisten an einen Tisch. Aber so würde er auch, wenn ihm der Coup gelingt, die Kontrahenten ein wenig über den Tisch ziehen. Zumindest der Geschichtsverein, der sich mit all seiner Kompetenz und natürlichen Autorität in der Vergangenheit bemüht hat, die Öffentlichkeit über den Zustand der Altstadt aufzuklären, müsste nun akzeptieren, dass dieser Job im Rahmen eines ganz natürlichen Egoismus künftig von dem Förderverein übernommen wird. Denn der will laut Satzungsentwurf "das Bewusstsein der Bürger für den Wert der historischen Stadt durch Informationen, Ausstellungen und öffentliche Begehungen von historischen Gebäuden und Baudenkmälern (...) fördern". Da ist der Geschichtsverein nur noch Unterprogramm. Das publizistische Obereigentum hat der Förderverein. Denn er hat ja außerdem das wichtigste aller Argumente auf seiner Seite: das Geldsammeln. Diesem Anspruch wird sich jeder, der mitmacht, unterordnen müssen. Auch die GWG.
Es ist wirklich ein genialer Coup, den Hagen Kluck da wagt. Er macht sich die Opposition zum Freund. Auswärtige Investoren werden darauf vertrauen, dass er im Rahmen dieses Vereins die Kritiker im Griff hat. Und wenn es ganz besonders gut läuft, dann kommen die Investoren sogar aus der Stadt selbst, nicht nur von der GWG, die mehr darauf achten wird, dass der Weißgrauschleier zurückgedrängt wird, sondern auch von Privatleuten. Denen wird es nämlich nicht egal sein, wie die Renditeobjekte aussehen, solange sie jedenfalls unbehelligt und ungeschmäht durch die Straßen unserer Stadt gehen wollen.

Nun sind wir mal gespannt...
Text: Raimund Vollmer

Mittwoch, 18. Februar 2015

Das Rathaus: Hier sieht man den immensen Flächenbedarf...

... den der Bau des neuen Rathauses vor 50 Jahren für sich beanspruchte. Kein Wunder: Oskar Kalbfell, Oberbürgermeister der Stadt Reutlingen, wollte einen Verwaltungskomplex für eine Großstadt. Für mehr als 100.000 Einwohner. Zehn Jahre nach seinem Tod (1979) war es dann so weit. Reutlingen war Großstadt. Jetzt fehlt nur noch die Kreisfreiheit - und die einstige Stadt der Millionäre, die sie nie wieder werden wird, hat fast wieder den Status einer Reichsstadt erreicht, den sie vor 200 Jahren verlor. Städte waren über Jahrhunderte hinweg der Gegenentwurf zum Feudalismus, auch wenn die Stadtluft, die frei machte, nicht für alle gleich war. Denn Unterformen der Leibeigenschaft gab es es durchaus. Nichtsdestotrotz gingen von den Städten und ihren Bürgern der eigentliche technische und soziale Fortschritt aus. Spürt man davon heute noch etwas in unserer Stadt? Raimund Vollmer
Bildertanz-Quelle:Sammlung Roland Rilling (oben), Martin Klaus (unten)

Dienstag, 17. Februar 2015

Auferstanden aus Ruinen...

... dennoch nicht der Zukunft zugewandt war schließlich das Parkhotel, das zwanzig Jahre später dem heutigen Kronprinzenbau weichen musste.
Bildertanz-Quelle: Sammlung Roland Rilling

Kommentar: Manchmal hat man den Eindruck, dass wir Deutschen immer dann die Zukunft planen, wenn diese bereits vorbei ist. Denn wo gibt es in unserer Stadt, aber auch in den Nachbargemeinden, nur andeutungsweise eine Auseinandersetzung mit den technologischen und infrastrukturellen Herausforderungen, die in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren auf die Kommunen zukommen.
Weder die kommunalen Beamten reden darüber, noch unsere Ratsmitglieder. Wir laufen den Entwicklung immer hinterher. Im Guten wie im Schlechten.
Möglicherweise ist die Stadtbahn bereits technologisch überholt, wenn wir deren Bau endlich anpacken. Wer gestern mitbekam, dass Apple an einem Elekroauto bastelt, sollte wissen, dass es seit mehr als 100 Jahren der Traum jedes amerikanischen Giganten ist,  Vollversorger zu werden. Apple wird uns nicht nur mit Computern, Smartphones, Tablets, Uhren, Musik, Autos und Robotern versorgen, sondern auch mit Geld. Was immer wir uns vorstellen, wirden uns dieser Konzern geben wollen. Volksbank und Kreissparkasse sind nur noch Apps auf unserem Smartphone. Supermärkte sind nur noch Auslieferungsstätten der Waren, die wir über Amazon, Google oder Apple geordert haben. Die Flachdächer der Hallen sind Start- und Landeplatz der Drohnen, die auch den Job übernehmen, den wir heute als "Essen auf Rädern" unseren Senioren angedeihen lassen. Friseure, Nagelstudios, Gaststätten, Physiotherapeuten, Fitness-Centren werden davon abhängig sein, dass ihnen täglich ein Quantum Kunden zugewiesen werden. Ebenso geht es den Jobs. Die Agentur für Arbeit ist eine Apple-Filiale.
Was früher die Trusts waren, die den Amerikaner von morgens früh bis abends spät mit ihren Produkten und Dienstleistungen versorgen wollten, sind heute Firmen wie Apple, Amazon, Google oder Uber. Und wir haben auf die "amerikanische Herausforderung" bis heute noch nie eine Antwort gefunden, nicht etwa, weil es uns an Phantasie fehlt (was wäre Hollywood ohne Grimms Märchen?), wir haben einfach zuviel Angst vor der eigenen Courage. So werden wir am Ende wieder die Amis verteufeln, die Nase rümpfen über ihre Geschmacklosigkeit - und schließlich die besten und treuesten Kunden werden.
Damit wir uns nicht missverstehen, es geht mir hier nicht darum, die Amis zu verteufeln, sie tun einfach das, was sie gut können, nämlich umfassend zu denken und zu planen. Mir geht es eher darum, dass wir keine eigenen Ideen entwickeln und durchsetzen, sondern lieber auf die bösen Amis schimpfen. Es ist also Zeit, dass wir uns mal an unsere eigenen Ideen heranwagen. Dabei werden wir bei der Umsetzung ganz klein anfangen müssen, wahrscheinlich sogar einige Flops hinlegen.
Kürzlich rügte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, dass unsere Start-ups nichts anderes tun als Ideen zu kopieren, die aus dem Silicon Valley kommen. Wir sind halt Feiglinge.
Raimund Vollmer

Montag, 16. Februar 2015

Reutlingen im Jahr 2040: Ein Faschingsumzug (3)



DIE WILHELMSTRASSE - WIE AUF MALLORCA

Fasching 2040: Rolltreppenaufgang von der Tiefgarage unterhalb des Marktplatzes zur mittleren Eingangshalle der Wilhelmstraße. In der Kuppel ganz oben sieht man das Gehäuse einer Reutlinger Straßenbahn, die 1974 ihren Betrieb einstellen musste. Heute fahren wieder jede Menge "Elektrische" durch die Stadt. Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Zuerst einmal die gute Nachricht: die Wilhelmstraße wird im Jahr 2040 eine einzige Mall sein. Ein mächtiges, vollklimatisiertes Glasgewölbe hüllt die komplette Einkaufsmeile ein und schützt dabei nicht nur die Bürger vor widrigen Wetterverhältnissen, sondern auch die Gebäude vor Erosionen, vor Hagel und Sturm. Sommers wie winters herrschen in der Kathedrale des Konsums, im Kaufhaus des Bestens dieselbe angenehmen, mediterranen Temperaturen. Im Volksmund wurde die Mall bereits umgetauft in "Malle", in Erinnerung an eine Insel, die wir Deutschen brauchten, um den Winter zu vergessen.
Mit der evangelischen Kirche hatte es ein paar Jahre zuvor noch mächtig Zoff gegeben, weil diese sich dagegen verwahrte, dass der Weibermarkt ebenfalls in den Glastempel einbezogen werden sollte. Doch man fand eine Lösung, bei der die Marienkirche derart geschickt in das transparente Ensemble einbezogen wurde, dass sogar die konfessionelle Konkurrenz ihren Besuch angemeldet hatte, um nachzuschauen, ob dies nicht auch eine Lösung für den Kölner Dom sei. Kirche und Kommerz haben eine wunderbare Kombination gefunden.
Auf jeden Fall hatte die Metzgerstraße wieder einmal das Nachsehen - und auch die Einzelhändler in der Katharinenstraße, Kanzlei- und Oberamteistraße waren ziemlich erbost. Nur aus der Museumsstraße kam kein Protest, aber da gab es auch gar keinen Einzelhändler mehr. Doch diese Straßen sollen in den kommenden Jahren in das Glas-Ensemble übernommen werden. Dies begrüßt auch der Denkmalschutz, der begeistert ist davon, die Altbauten der Kernstadt gleichsam in einer Glasvitrine schützen zu können.
Der Marktplatz - als Auswuchtung der Wilhelmstraße - hatte noch den freien Himmel über sich - als ein richtiger Markt. Was in der Natur wächst, soll auch in der Natur verkauft werden, hatten die Händler aus der Landwirtschaft argumentiert.  Allerdings hatten sie für ein paar Jahre das Feld räumen müssen, weil unterhalb des Marktplatzes ein gewaltiges Parkhaus gebaut werden musste. Keine Sorge, da wurde kein Cent Steuergelder vergeudet. Vielmehr hatte die Stadt den Fahrdienst Drunter & Druber dafür gewonnen (oder war es umgekehrt?).
Auf jeden Fall hatte man in den Jahren zuvor den gesamten Personennahverkehr unter die Erde gelegt. Gewaltige Tunnelsysteme untergruben die Stadt. Hier floss nun der gesamte Autofernverkehr durch. Die Reutlinger selbst und auch die Bürger aus den umliegenden Gemeinden fuhren indes nicht mehr mit dem eigenen PKW in die Stadt. Das Privatfahrzeug war mehr und mehr verpönt - selbst bei Fernreisen und Durchreisen.
Wer in die Stadt wollte, zum Beispiel in Engstingen wohnte oder in Walddorf-Häslach, der bestellte sich ein Auto über sein Smartphone (Fingerabdruck genügt) und keine zwei Minuten stand ein selbstfahrender Smartie vor der Haustür. Fast jeder in Reutlingen und im Rest Deutschlands war Abonnent bei Drunter & Druber, die praktisch den gesamten Personen-Transport übernommen hat.
Das Unternehmen selbst, das einmal Uber hieß und amerikanischen Ursprungs war, hatte um 2020 herum aufgeben müssen. Per Gerichtsbeschluss. Begründung: Der Transport von Menschen in selbstfahrenden Fahrzeugen darf aus Haftungsgründen nicht Privatunternehmen überlassen werden. Das sei ein Privileg des Staates. So der Bundesgerichtshof in einem umstrittenen Urteil.
Die Kommunen hatten sich darauf bundesweit zusammengeschlossen und ein eigenes Unternehmen gegründet - auf der Basis der von Uber übernommenen Konkursmasse. Nun war der gesamte, nicht schienengebundene Personenverkehr in städtischer Hand. Nicht ganz: die Kommunen hatte dazu eigene Privatunternehmen gegründet. Aus Haftungsgründen.
Wer heute in die Innenstadt will, steigt also daheim in sein Smartie ein, lässt sich zum Marktplatz chauffieren, dessen Tiefgarage als Sammelplatz für diese vielen kleinen bunten Smarties dient. Er lässt sich bis vor das Eingangstor der Wilhelmstraße fahren, steigt aus und befindet sich
Natürlich fahren diese Autos nicht mehr mit Benzin, sondern mit Strom - geliefert von einer Tochtergesellschaft der Fairenergie. Ihr Name ist ganz einfach: Fahrenergie.
Eine schlechte Nachricht haben wir auch noch: Metzingen hat jetzt seine Outletcity aufgegeben. Die Konkurrenz aus Reutlingen sei einfach zu stark...
Raimund Vollmer

Sonntag, 15. Februar 2015

Reutlingen im Jahr 2040: Ein Faschingsumzug (2)

DIE STADTHALLE IST EIN RAUM-SCHIFF
 Die Grüne Hölle und die braune Halle - ein Bild aus der Zukunft...


Zuerst einmal die gute Nachricht: die Stadthalle steht auch in 25 Jahren noch. Immer noch stehen wir staunend davor und können es nicht fassen, dass man seinerzeit so etwas bauen konnte. Gut, dass es den Natur- und Denkmalschutz gibt, der dieses Musen-Mausoleum fünf Jahren zuvor vor dem Abriss gerettet hatte. Denn im Jahr 2035 hatte es einen Bürgerentscheid gegeben mit dem Ziel, die "Schokoschachtel" abzureißen. Es war ein harter Kampf gewesen, den der Bundesgerichtshof zugunsten der Bürgerinitiative "Stadthalle ist alle" entschieden hatte.
Vor dem Bau der Halle hatte es bereits einen Bürgerentscheid gegeben, der mit guter Mehrheit die Planung eines Kulturtempels befürwortet hatte. Diese Chance wollten die Bürger der Stadt geben. Prompt machten sich Verwaltung und Architekten, begleitet von Gutachtern und anderen Experten, an das, was sie am besten können: an die Planung. Und - hastesnichtgesehen - war die Halle fertig.
Dass man den Bürgern einen weiteren Bürgerentscheid versprochen hatte, war einfach übergangen worden. Denn - so war vereinbart - nach der Planung sollten die Bürger per Bürgerentscheid (also geheim und in bewusster Wahl) befinden, ob das, was geplant war, nun auch gebaut werden durfte. Doch diese Abstimmung hatte es nie gegeben, nur eine Bürgerbefragung, die - so hatte der Bundesgerichtshof 2035 entschieden - zu wenig war, um Volkes Willen auszudrücken.
Zum Glück hatte man das schmucke Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Da inzwischen hoch- und dichtgewachsene japanische Schnurbäume die Sicht auf die Halle viel besser versperrten als jener Stummelsteg, an den sich ältere Bürger ungern erinnerten, hatte man irgendwie seinen Frieden mit der Halle gemacht. Man musste ja nicht hingucken - und wenn doch, dann sah man nichts als grüne Hölle statt brauner Halle. Zudem standen die Bäume nun unter Naturschutz, was den Technischen Betrieben ziemlich viel Arbeit machte, aber ohne die Bäume zu fällen, konnte man die Halle auch nicht abreißen. Denkmalschutz und Naturschutz bildeten eine perfekte Allianz gegen irgendwelche Bürgeransinnen - und sogar gegen den Bundesgerichtshof, der auch zugeben musste, dass er gegen die Verwaltung einfach nicht mehr ankam.
Aber es war noch etwas ganz anderes, was die Stadthölle rettete, die künstlerisch völlig verkommen war. Nur die Württembergische Philharmonie hatte über die Jahre hinweg ihr Niveau gehalten. Nun zeigte es sich, wie gestählt sie aus dem jahrzehntelangen Kampf gegen die Akustik der alten Listenhalle hervorgegangen war. Die Philharmonie konnte durch nichts mehr zerstört werden. Das war leider nicht genug.
Nach Jahren des Defizits, die die Verschuldung der Stadt von einem Rekord zum anderen trieben, hatte man endlich einen privaten Investor gefunden, der das gesamte Areal übernommen hatte - zum Einstandspreis von 50 Millionen Gold-Euros, der härtesten Währung der Welt.
Jetzt geschah ein Wunder, das Reutlingen zwischen 2035 und 2040 zu einer der reichsten Städte Europas machte. Eine Tochter der Stadt, Schülerin des Listgymnasiums, hatte als hochdekorierte und multidoktorierte Physikerin in ihrem Privatlabor eine sensationelle Entdeckung gemacht und in eine patentierte Erfindung umgesetzt.
Es war ihr - sie hieß übrigens tatsächlich Teresa Bunsemann - gelungen, ein supraleitendes Gas zu entwickeln, das die Schwerkraft aufhob und einen Raum in ein Aquarium verwandelte. Man konnte darin atmen wie ein Fisch im Wasser, also ganz natürlich, aber ohne Kiemen, und gleichzeitig durch dieses völlig unsichtbare und auch geruchsfreie Gas schweben. In den Schwingungen der Musik. Graziös, aber auch urgewaltig.
Teresa hatte dieses Patent an Investoren freigegeben unter der Bedingung, dass diese damit die Stadthalle ausstatten würden und dieser für zehn Jahre die Exklusivrechte gehören würden. So war die Stadthalle, die mit ihrer pueblo-artigen Bauweise den Projektbedingungen entgegenkam, umgebaut worden. Die Künstler schwebten durch den Raum, gesteuert von perfekt durchorchestrierten Choreographien, während die Zuschauer im Parkett der Halle in schalenförmig ausgepolsterten Liegesitzen lagen. So hatte noch nie jemand "Freude schöner Götterfunken" gehört. Es war Musik von einem anderen Stern - und die Stadthalle avancierte zu einem Raum-Schiff durch den Hyperspace der großartigsten Kompositionen.
Die besten Künstler der Welt bewarben sich nun um einen Platz im Orchester der Württembergischen Philharmonie. Sie waren bereit, die fünfte oder sechste Geige zu spielen - nur um dabei zu sein.
Gespielt wurde inzwischen in sechs Schichten. Aus aller Welt kamen die Konzertgäste. Reutlingen war plötzlich internationaler als Metzingen. Gigantische Summen flossen in die Kassen der Stadt, die allerdings das Geld auf die hohe Kante legte. Denn sie wusste, dass die Stadthalle im Jahr 2045 die Exklusivität verlieren würde. Dann konnte jeder Veranstalter das Patent erwerben. Aber noch waren fünf Jahre Zeit - und Reutlingen fühlte sich erstmals wirklich an wie eine Großstadt.
Ach ja, eine schlechte Nachricht gibt es auch: Die Bürgerinitiative "Halle ist alle" hat sich heute aufgelöst. Raimund Vollmer
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Nachtrag: Offensichtlich war uns nie ein zweiter Bürgerentscheid von der Stadtverwaltung versprochen worden, den hatten u.a. die Grünen gefordert. Stattdessen hatt die Stadt eine Bürgerbefragung angekündigt. Diese wurde dann allerdings nicht erbracht, sondern vom GEA - in eigener Initiative. Ein Bürgerentscheid wäre rechtlich verbindlich gewesen, eine Bürgerbefragung nicht. Roland Hauser vom GEA hat mich darauf hingewiesen, dass Barbara Bosch nie einen Bürgerentscheid versprochen habe. Danke. RV

Samstag, 14. Februar 2015

Reutlingen im Jahr 2040: Ein Faschingsumzug (1)



DAS RATHAUS IST GESCHLOSSEN
Roboter haben unsere Verwaltungsgebäude besetzt / Und wer vertritt uns?

Zuerst einmal die gute Nachricht: das Rathaus steht auch in 25 Jahren noch. Nach wie vor dürfen wir die filigrane Betonfertigbauweise der Verwaltungsgebäude bewundern. Und immer noch können wir vor dem sich über unsere Köpfe hinweg auf seinen weißen Stelzen stolz erhebenden Ratssaal stehen und die Kühnheit der Bauherrn bestaunen. Gut, dass es den Denkmalschutz gibt, der dafür gesorgt hat, dass wir Bürger niemals mit der Abrissbirne drohen konnten.
Das Rathaus bleibt. Basta. Für immer & ewig.

Dann kommt aber die schlechte Nachricht: Im Rathaus ist kein Mensch mehr. Und uns Bürgern ist der Zutritt zu diesem vom Zerfall bedrohten Gebäude längst für alle Zeiten untersagt. Aus Sicherheitsgründen.
Trotzdem ist das Rathaus voll funktionsfähig. Denn die Rolle der Beamten und öffentlich Bediensteten haben Roboter übernommen - ohne Pensionsanspruch und andere sozialen Errungenschaften. Denn es sind Maschinen - 24 Stunden lang im Einsatz, an sieben Tagen in der Woche.
Wenn wir durch die Fensterscheiben des Foyers oder auf den gläsernen Tunnel zwischen Rathaus und Ratssaal schauen, dann sehen wir, wie die sehr menschenähnlich gestalteten Roboter hin und her wandern, diensteifrig bis in die letzte Schraube hinein. Sie tragen sogar Akten, aber mehr zu unserer Beruhigung als aus Notwendigkeit. Denn alles ist längst elektronisch. 

Die Roboter wären auch schon längst verschwunden, wenn es nicht den Denkmalschutz gäbe. Der hat nämlich unsere blechernen Freunde (in Wirklichkeit sind sie alle aus Plastik, wegen der Gewichtsprobleme) unter Artenschutz gestellt.
So dient unser Rathaus nicht nur als ein hocheffizientes Zentrum der Bürgerbetreuung, sondern auch zugleich als ein Museum - und manche sagen sogar - als Theater.
Wir haben das vollautomatische Rathaus. 

Nun wird sich mancher fragen: Wo bleibt da der Bürger?

Es war etwa um das Jahr 2025 herum, dass die Roboter ins Rathaus einzogen. Sie besetzten die Schreibtische und Flure. Sie entstaubten die Akten (Staub wirkt für sie wie Sand im Getriebe) und entmufften die Talare. Was aber sollte mit den Bürgern geschehen, die täglich zu Hunderten über die Seufzerbrücke hereinkamen?
Eine berühmte Künstlerin aus unserer Stadt hatte eine geniale Idee. Sie schlug vor, ehemalige Stadträte und Stadträtinnen, Bürgermeister und Oberbürgermeisterinnen als Vorbild für die Gestaltung der Roboter zu nehmen. So kamen rund 100 Figuren in die Auswahl.
Wenn ich jetzt als Bürger ein Begehr habe - zum Beispiel einen neuen Pass brauche oder eine Baugenehmigung benötige, dann suche ich mir einen der Roboter aus, der im Rathaus dann meine Sache vertritt. Diese menschgewordenen Maschinen sind endlich echte Volksvertreter (mit Betonung auf Vertreter). Das klappt vorzüglich. Bei Wind & Wetter stehen die Galionsfiguren unserer Geschichte unter dem Dach des Ratssaals und warten auf den nächsten Auftrag. Den können wir übrigens über unsere Smartphones senden - und uns sogar einen Lieblingsabgeordneten aussuchen. Und während wir warten, können wir uns im Alexandre von Robbies Coffies servieren lassen.
Die Roboter KlickKluck & BlogBuck sind besonders begehrt, weil sie mit ihrer gedrungenen Figur und ihren alten Bärten den schlanken, glattpolierten Beamten-Androiden besonders viel Angst einjagen. Aber auch Roboterin Hotz-Spot, die immer einen Aktenordner unter dem Arm wurfbereit hält, ist eine mächtige Waffe im Kampf gegen die Bürokratie. (Roboter sind ja auch nur Menschen.)
Da bleibt nur noch die Frage nach den tatsächlichen Stadträten. Wer vertritt tatsächlich unsere Interessen? Haben wir - ehrlich gesagt - auf diese Frage wirklich je eine Antwort bekommen? 
Text und Bilder: Raimund Vollmer